Steve Hackett – am Rand des Lichts der Genesis, spektraler Morgen und einer Mondfinsternis (2019)
Ort: Pordenone / Parco San Valentino / Italien
Datum: Dienstag, 16.07.2019
Die diesjährige Ausgabe des Pordenone Blues Festival, bereits die 28. in Folge, hat den renommierten Gitarristen, Innovator und nicht zuletzt musikalischen Pionier, den großen Guru des Gitarrenhandwerks Steve Hackett nach Pordenone gebracht – bei dem es keiner besonderen Erwähnung bedarf, dass er sich in den Siebzigern des vergangenen Jahrtausends als Leadgitarrist der Progressive-Rock-Giganten Genesis einen Namen gemacht hat, mit denen er einen gewaltigen und unauslöschlichen musikalischen Korpus großer Rockklassiker miterschaffen hat. Steve Hackett ist unter den Mitgliedern dieser gewaltigen musikalischen Festung im postmillennialen Zeitalter mit Sicherheit der kreativste und produktivste Künstler geblieben, der sich in ständigem künstlerischen Antrieb befindet. In diesem Jahr hat er wieder sein neues Studioalbum »At the Edge of Light« veröffentlicht (RockLine-Rezension HIER). Hackett ist trotz seiner reifen Jahre, mit denen er sich rasch seinen Siebzigern nähert, nach wie vor ein Künstler, der regelmäßig hervorragende Studioalben veröffentlicht, und zwar in Abständen von zwei bis drei Jahren. An Ideen mangelt es ihm also keineswegs. Auch nicht, was Konzerte betrifft. Im Vergleich zu ihm sind seine ehemaligen Genesis-Kumpel regelrechte kreative und konzertmäßige »Faulpelze«. Den Freifahrtschein dafür liefert ihnen im Gegensatz zum fleißigen Hackett natürlich ihre Position als ungleich erfolgreichere Musikverdiener.
Abgesehen davon, dass Hackett in diesem Jahr ein neues Studioalbum das Licht der Welt erblicken ließ, hat er sich eine Konzertfeier zweier Jubiläen ausgedacht. Nämlich des 1973 erschienenen Genesis-Albums »Selling England By The Pound« und seines 1979 veröffentlichten dritten Studioalbums »Spectral Mornings«. Beide Werke zählen zu Hacketts persönlichen Lieblings-(Genesis- und Solo-)Studioschöpfungen. So entschied er sich, auf der neuen Tour ein Konzert in zwei Teilen zu spielen: im ersten die prägendsten Momente des Albums »Spectral Mornings« und das neue Album vorzustellen, um nach einer 20-minütigen Pause im zweiten Teil das gesamte Genesis-Album „Selling England By The Pound“ zu spielen. Natürlich inklusive des obligatorischen Zugabenteils.
Dieser Tag war wirklich etwas Besonderes. Ihn begleitete nicht nur das monatliche Ereignis des Vollmonds, sondern der Mond erlebte in seiner Fülle auch eine Mondfinsternis. Die Finsternis begann um 22:01 Uhr und erreichte ihren Höhepunkt um 23:30 Uhr, das Konzert begann um 21:15 Uhr und endete um 00:00 Uhr. Das bedeutet, dass der Mond mit seiner magischen Kraft sicher die Intensität des Konzertereignisses beeinflusste und ihm eine besondere Note verlieh. Das Gelände des Parco San Valentino war sehr gut besucht.
Steve Hackett tourt in diesem Sommer wieder auf einer beachtlichen Anzahl von Konzerten auf dem Boden unseres westlichen Nachbarlandes, wo er nach eigenen Worten auch stets am liebsten auftritt. Zum Glück hat er dabei wieder nahe genug an der slowenischen Grenze haltgemacht. Daher konnten wir es uns unmöglich nehmen lassen, einem seiner aktuellen Konzerte erneut beizuwohnen, bei dem er in Pordenone auch bereits 2014 aufgetreten ist.
Steve Hackett hat für die neue Tour, auf der er bereits seit April dieses Jahres unterwegs ist, die Besetzung seiner Begleitmusiker etwas angepasst; wegen zu vieler anderer Verpflichtungen ausgestiegen sind Bassist Nick Beggs (The Mute Gods, Kaja Goo Goo, Steven Wilson), der von Jonas Reingold (The Flower Kings) ersetzt wurde, sowie Schlagzeuger Gary O’Toole, der durch Craig Blundell (Steven Wilson) ersetzt wurde, während die Begleitband des Gitarristen weiterhin von den bewährten Namen der Stammbesetzung vervollständigt wird, nämlich: Rob Townsend (Bläser, Perkussion), Ned Sylvain (Gesang) und Roger King (Keyboards).
Punkt neun Uhr fünfzehn begrüßte der legendäre Gitarrist das Publikum, und die Band stürzte sich in einen der stärksten kreativen Momente nicht nur des Albums »Spectral Mornings«, sondern von Hacketts gesamter Karriere: das unvergessliche Every Day, mit dem Steve schon immer sehr gerne seine Konzertauftritte auch auf früheren Touren eröffnete. Der Sound von der ersten Sekunde an wie aus einem Traum. Ein hervorragendes Rhythmusgespann, bei dem Reingold bis ins Detail den charakteristisch klirrend-durchdringenden Rickenbacker-Sound der alten Schule des Progressive-Rock-Pioniergeistes nachzeichnete, begleitet vom farbenfrohen und einfallsreichen Spiel des bravourösen Blundell sowie der eingespielten Meister Townsend und King – zusammen erschaffen sie mit dem obligatorischen Klang von Hacketts Gitarre eine mystische, prägnante und äußerst eindringliche Stimmung, die einem in ihrem atmosphärischen Ertrag das Kribbeln die Wirbelsäule hinunterschickt. Diese Stimmung erreicht gleich zu Beginn ihren Höhepunkt natürlich in einem der schönsten Soli, die überhaupt in der Ära des Rock ’n‘ Roll geschaffen wurden, und das an einem einzigen Ort die gesamte einzigartige Meisterschaft der unglaublichen Feinmechanik des einzigartigen Gitarrengenies vereint, als das sich Herr Hackett erweist. Wer hat das Tapping definiert, und von wem hat Eddie Van Halen gelernt? Das erfährt man u. a. genau in diesem Stück. Der einzigartige und sofort erkennbare Klang einer esoterischen Gitarre, die voll vibriert, getragen vom Sustain-Effekt. Hacketts Gesang wird, begleitet von den anderen Musikern, vor allem Ned Sylvain, wie immer wieder sorgfältig mit zusätzlichen Effekten unterstützt, auch einem Vocoder, was die auf ihre eigene Weise in Mystik und Esoterik getauchte Atmosphäre noch verstärkt. Der erste Teil war zwar den eindringlichsten Momenten des unvergesslichen »Spectral Mornings« gewidmet, wo, wie erwähnt, einen der Höhepunkte das unvergessliche Solo des einleitenden Every Day davontrug, aber Meister Hackett streifte dabei auch das neue Album »At the Edge Of Light«, als er drei Stücke daraus hintereinander reihte. Eher von härterer Natur, unter denen natürlich das aufrüttelnde und stürmische Under the Eye Of The Sun hervorstach. Hackett erfreute sein Publikum, das im Laufe der Jahre natürlich ergraut ist (Hoffnung weckte der Anblick dreier junger Männer aus Slowenien in der ersten Reihe), besonders durch die Einbeziehung von Momenten, die er lange, lange nicht auf der Setliste hatte. Das gilt besonders für die Stücke The Virgin and The Gypsy, das instrumentale Tigermoth und The Red Flower of Tachai Blooms Everywhere. Außergewöhnliches Zusammenspiel, Sound und Darbietung. Die Erschaffung einer ganz eigenen musikalischen Welt, die einen sofort in sich hineinzieht. Wie immer vergaß Hackett nicht, den hervorragenden Titeltrack seines Kultalbums einzuweben, der neben Every Day ein weiteres aufregendes Erlebnis brachte, bei dem sich die Haare sträubten; der rund 50 Minuten dauernde erste Teil wurde schließlich von Clocks – The Angel Of Mons abgeschlossen. Ein Stück also, das Hackett gerne in die Abschlussteile des Repertoires früherer Touren aufnahm.
Nach der zwanzigminütigen Pause nahm Ned Sylvain eine beinahe dominierende Stellung ein. Er verwandelte sich nämlich in Peter Gabriel, und Hackett begann mit seinen Mitstreitern, den Genesis-Klassiker »Selling England By The Pound« aufzuführen. Sylvain, der es nicht versäumte, sich bei dieser Gelegenheit theatralisch nach dem Vorbild seines berühmten Vorgängers zu kostümieren, traf die einleitenden Vokallinien von Dancing With The Moonlit Knight, die a cappella gesungen werden, unglaublich gut. Geradezu makellos. Seine Klangfarbe ähnelt der Gabriels – also dem Original – unglaublich, und Hackett hat in diesem Sänger wirklich eine glaubwürdige Lösung für die Neuinterpretation all jener Genesis-Klassiker gefunden, die in der Zeit entstanden sind, als Peter Gabriel bei der Band sang.
Während des gesamten Konzerts war nicht zu bemerken, dass jemand einen Ton verfehlt hätte oder weniger souverän in der Darbietung gewesen wäre. Hackett trat in seinem typischen Stil mehrmals zur Seite, um sich die Hände mit »Magnesia« einzureiben, was er stets tut, damit ihm die Finger beim Spielen nicht wegrutschen. Einzelne Teile der Stücke hat die Band in den Arrangements etwas aufgefrischt. Wo die Flöte Gabriels steht, kann sie auch durch Rob Townsends Sopransaxophon ersetzt werden. Letzterer baute bei einem der Stücke einen echten Jazz-Einschub auf dem Tenorsaxophon ein, den das Original nicht kennt; ebenso war es weder möglich noch zu verlangen, dass Sylvain eine perfekte Gabriel-Kopie wäre, da er insbesondere die höheren und höchsten Vokallinien angepasst hat. Besonders verlängert und in aufgefrischten Arrangements zusätzlich belebt war die Darbietung von I Know What I Like (In Your Wardrobe). Sylvain bewies, dass er ein Spitzenvokalist ist, besonders bei den stimmlich anspruchsvolleren Stücken wie More Fool Me und ganz besonders in der außergewöhnlichen Darbietung des fordernden The Battle Of Epping Forest, das einen der Höhepunkte der Darbietung des Kult-Genesis-Albums lieferte. Da ist das neoklassisch sehnende »mittelalterliche« After the Ordeal, wo Hackett seine Sinnlichkeit ausgefeilter Feinmechanik zum Ausdruck bringt und alle glücklich macht, die diesmal vielleicht Horizons vermisst haben. Firth Of Fifth bleibt ein Kapitel für sich – wie eine epische Symphonie, sowohl im kompositorischen Ansatz als auch in der unglaublichen atmosphärischen Sogwirkung, die seine Darbietung entfacht. Aisle of Plenty ist da, das im Ausklang verabschiedend das Hauptmotiv des einleitenden Dancing With The Moonlit Knight beschließt. »Selling England By the Pound« neigt sich langsam seinem Ende zu. Ein allzu schnelles Ende. Doch Meister Hackett hatte am Ende noch eine Überraschung parat: ein verlorenes Stück aus der Entstehungszeit dieses Albums, das keinen Platz auf dem Album gefunden hat, namens Deja Vu. Das Stück wurde von Peter Gabriel und Steve Hackett geschrieben. Letzterer nahm es erstmals für die Kompilation »Genesis Revisited I.« im Jahr 1996 auf, wobei der unvergessliche Paul Carrack im Studio für den Gesang einsprang. Ein außergewöhnliches Stück. Ein erstklassiger Abschluss. Drama, Theater, sehnsüchtige Melancholie, Mystik, keltische Melodik, Lebendigkeit getragen vom rauschenden Klang des Mellotrons. Grandios.
Doch dann folgt ein Sprung zum Album »A Trick Of The Tail« und dem einleitenden Dance On A Volcano, das erneut Gänsehaut verursacht; das Publikum dreht vor Begeisterung durch. Die Hände sind in der Luft. Mit diesem Stück verabschiedete sich die Band hinter die Kulissen, kehrte aber nach einigen Minuten auf die Bühne zurück. Der stürmische Jubel ließ nicht nach. Nach gespannter Erwartung blieb die Band bei »A Trick Of The Tail« und spielte noch »den zweiten Teil des Eröffnungsstücks des Albums«, nämlich das abschließende Los Endos, in das Hackett und seine Mitstreiter Teile der Stücke Myopya und Slogans einflochten. Das erstklassige finale Crescendo des einzigartigen Genesis-Theaters unter der Regie des unglaublichen Steve Hacketts.
Und wie immer. Am Ende verschlägt es einem der Atem angesichts der unglaublichen Annäherung ans Original, die Meister Hackett und seine Mitstreiter durch die Magie der Darbietungsperfektion erschaffen. Vielen traten an diesem Abend die Tränen in die Augen angesichts all der intensiven Eindrücke und Emotionen, als Steve Hackett mit seiner Magie in den Winkeln ihrer Seelen jene Zeiten erweckte, in denen sie als Jugendliche Progressive Rock mit Genesis an der Spitze gehört und ihre Träume geträumt hatten.
Steve Hackett bleibt der überragende, einzigartige und unvergleichliche musikalische Held, der mit seiner unstillbaren Leidenschaft für das Spielen und Erschaffen, mit unglaublicher Glaubwürdigkeit, die immergrüne Welt der Genesis-Musik am Leben erhält. Ein unvergleichlicher Zauberer. Wollen wir hoffen, dass das Schicksal ihm noch viele Jahre kreative Inspiration und reichlich Willen sowie Energie beschert, mit der er uns jedes Jahr immer wieder und wieder beglückt. Im konzertmäßigen und schöpferischen Sinne!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
„Steve Hackett Solo“ (erster Teil)
1. Every Day
2. Under the Eye of the Sun
3. Fallen Walls and Pedestals
4. Beasts in Our Time
5. The Virgin and the Gypsy
6. Tigermoth (Instrumental)
7. Spectral Mornings
8. The Red Flower of Tachai Blooms Everywhere
9. Clocks – The Angel of Mons (Craig Blundell Schlagzeugsolo)
„Selling England by The Pound“ (zweiter Teil)
10. Dancing With the Moonlit Knight
11. I Know What I Like (In Your Wardrobe)
12. Firth of Fifth
13. More Fool Me
14. The Battle of Epping Forest
15. After The Ordeal
16. The Cinema Show
17. Aisle of Plenty
18. Deja Vu
19. Dance on a Volcano
—Zugabe II.—
20. Los Endos (enthaltene Teile der Stücke Myopya und Slogans)






























