Whitesnake und der unzerstörbare David Coverdale – leidenschaftlicher Tornado über Zagreb (2019)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Zagreb / ŠRC Šalata / Kroatien
Datum: Mittwoch, 03.07.2019


Whitesnake. Neues Album, neue Tour. Die Legenden des weltweiten Hard Rock, von denen wir schon vor über zehn Jahren dachten, sie befänden sich wohl auf der Abschiedstournee oder zumindest einer der letzten Touren, geben nicht auf. Nicht auf gibt ihr ultimativer Anführer, der charismatische und unerschöpfliche David Coverdale, der die Maschinerie am Laufen hält. Die Band veröffentlichte im vergangenen Mai erneut ein Studioalbum, das neue Studioalbum mit dem Namen »Flesh & Blood« (Rockline Rezension HIER), das erneut eine sehr starke Leistung ist und den Status des großen Namens der Gruppe auf der weltweiten Rock-Landkarte rechtfertigt. Die Band schloss in ihr Paket neuer europäischer Konzertauftritte auch einen Stopp in Zagreb ein, wo sie einen Auftritt im Freiluft-Veranstaltungsort ŠRC Šalata ankündigte.

Für eine Vorband hätte man sich in dieser Situation schlicht keine bessere Wahl wünschen können. Die Zagreber Animal Drive betraten die Bühne genau um acht Uhr abends, also »bei Tage« sozusagen, und spielten in knapp einer halben Stunde ein außergewöhnliches Konzert. Die Band betrat die Bühne, wie Sänger Dino Jelušić in einer seiner Ansagen an das Publikum erklärte, auf ausdrückliche Wahl bzw. Einladung des großen  Coverdale selbst und seiner Whitesnake. Die Gruppe ist seit 2017 aktiv, ist aber ein  Quintett aus unglaublich erfahrenen Musikern, angeführt von der außerordentlichen Stimme Dino Jelušićs.  Die Band brachte im vergangenen Februar ihr Debüt-Studioalbum »Bite!« heraus, in diesem Jahr die neue EP »Back to the Roots«. Dass es sich um eine Gruppe von außerordentlichem Kaliber handelt, bestätigt der abgeschlossene Vertrag mit dem Label Frontiers Records, was eine Referenz ist, die unmissverständlich klar macht, dass mit dieser Band absolut nicht zu spaßen ist.  Die potenten jungen Hengste, voller Drang sich zu beweisen und prall gefüllt mit überschüssigem Testosteron und hochoktaniger Energie, explodierten buchstäblich auf der Bühne und bewiesen, dass sie auch größere Konzertlocations bereits im Griff haben. Sicher, es war der herausragende Jelušić, der mit seinem Talent und seiner brillanten vokalen Darbietung sowie seiner generellen Bühnenpräsenz die Aufmerksamkeit auf sich zog – er singt nebenbei sogar bei Trans Siberian Orchestra –, doch man muss auch den ausgezeichneten »Gear« hervorheben, den der Rest der Band verwendet. Die Gitarrenriffs knirschten buchstäblich, als ihr Donnern durch die ausgezeichnete Beschallung hallte (ich spreche von ausgezeichnetem Sound für eine Vorband) und zogen durch pure Magnetkraft Rockerherzen in ihren Bann. Knackig pulsierender Bass in den Linien, rasendes Getrommel hinter der Schlagzeugfestung und Hammond-Klang, der die Saftigkeit und Durchschlagskraft der kräftigen, sofort einprägsamen Motive noch verstärkte, die einen vom ersten Moment an packen. Das ist eine Band, die mehr in sich trägt als bloßes Reiten auf der nackten Hard-Rock-Rezeptur. Auch gelegentliches Synkopieren der Rhythmen ist ihnen nicht fremd (der Übergang zu The Look, einer unglaublich einfallsreichen Coverversion des Roxette-Originals), was andeutet, dass die Truppe auch in technischer Hinsicht hervorragend aufgestellt ist, wenngleich über allem natürlich und vor allem das Credo der mitreißenden musikalischen Durchschlagskraft mit eingängigen Refrainmelodien im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Das Adrenalinrausch-Tempo der Band! Als würde man auf einen Ameisenhaufen roter Ameisen treten und sie zur Raserei bringen! Das Ritual musste sich in einer halben Stunde beschließen. Die Band hatte zwischendurch also auch die Roxette-Coverversion eingestreut, die ihr auf der neuen EP hören könnt, spielte die Highlights des Debütalbums und legte noch einen Song auf Kroatisch obendrauf. Ein Beisammensein, das im Nu vorbei war – und Hand aufs Herz: Der Autor dieses Beitrags hatte schon lange versucht, Animal Drive auf einer Bühne zu erwischen, und das gelang ihm in Zagreb endlich. Im bestmöglichen Licht.

Der Ablauf verlief tatsächlich nach dem Vorbild bewährter deutscher Konzertorganisationsmodelle, wo nichts schiefgehen darf. Und nichts ging schief! So begann die Show der großen Whitesnake pünktlich zur angekündigten Zeit, nämlich um neun Uhr abends. Als Erste liefen (beide von rechts) Tommy Aldridge ans Schlagzeug und Reb Beach auf die Gitarrenposition, nur einen Moment später folgte ihnen gleichzeitig mit Joel Hoekstra und Michael Devin, die von links auf die Bühne kamen, der große David Coverdale in die Mitte! Dieser riss beim Schreiten zur Bühnenvorderkante theatralisch die Augen weit auf und bedeckte  den Mund mit der Hand, als er sich begeistert über das prallvolle Gelände der Šalata in Zagreb umsah. Sowohl die Tribünen als auch der Innenbereich waren ausgezeichnet gefüllt, es versprach ein wahres festliches Hochamt der Rocker und Rockerinnen zu werden. Das ist unser vierter Whitesnake-Besuch in Kroatien, und bei ihren Konzerten auf dem Boden unserer südlichen Nachbarin brodelt es von jeher wie in einem Dampfkessel – so viel Temperament entfacht das hiesige Publikum und generell die vollbesetzten Veranstaltungsorte.

Der Eröffnungsteil katapultierte das Publikum rasch in den Delirium. Kein Wunder! Das aufeinanderfolgende Trio schlagkräftiger Katalysatoren mit den Darbietungen von Bad Boys und Slide It In, gefolgt vom ohnehin packenden Love Ain’t No Stranger, erreichte sofort seinen Zweck: Das Publikum fraß David aus der Hand. Whitesnake sind ein Sextett – neben Coverdale eine wirklich erfahrene Truppe der übrigen Fünf, jeder Name in der Gruppe spricht für sich –, wobei »Flesh & Blood« das erste echte Studioalbum auch für Joel Hoekstra (ex Night Ranger) ist, der vor knapp vier Jahren den vielbeschäftigten Doug Aldrich (The Dead Daisies, …) ersetzte. Mitte Juli 2016 traten Whitesnake zum dritten Mal in Ljubljana auf, und das Konzertrepertoire hat sich von der damaligen Tour bis zur aktuellen nicht wesentlich geändert. Tatsächlich hat Coverdale lediglich einige der damaligen Stücke durch neue eigene Songs vom Album »Flesh & Blood« ersetzt, die Reihenfolge der Songs auf der Setlist hat er ansonsten nicht verändert.

Das Konzert der Band dauerte knappe eineinhalb Stunden. Coverdale ist in seinen reifen Jahren auf der Bühne immer noch ein echter kleiner Teufelsbengel und ungeschliffener Lausbub, der ständig mit dem Mikrofonständer spielt und ihn hoch in die Luft wirft, wenn er mit der Menge flirtet. Er war, ist und bleibt ein großer Charmeur. Er kann nicht aus seiner Haut heraus. Eine zur ewigen Kindseele gewordene Rockerlegende. Und das steht ihm unglaublich gut. Obwohl seine Stimmbänder schon längst ihre Abnutzung gezeigt haben, ist Coverdale Bühnenshow – allein schon durch die gewaltige Charisma des Musikers – jener Faktor, der noch immer wesentlich dazu beiträgt, dass jedes Konzert der Band auch im Jahr 2019 als ganz eigener Hard-Rock-Spektakel gilt. Auch dank Coverdale ungebrochener Langlebigkeit, die keinerlei Anzeichen des Abklingens zeigt. Der Mann und seine Truppe genießen es einfach in vollen Zügen. Entspannt und überschäumend. Von der ersten bis zur letzten Sekunde jedes einzelnen Konzerts.

Im Klang waren gelegentlich nur die Keyboards von Michelle Luppi ein wenig »versteckt«, aber das überrascht kaum, da die Gitarren von Hoekstra und Beach über alle Grenzen donnern, wenn sie den Hauptteil der giftig-zerstörerischen Klangwelt der »verjüngten« Whitesnake aufbauen, die mit Coverdale seit 2003 weiterhin eine Renaissance erleben. Da Coverdale als alter und abgebrühter Fuchs genau weiß, dass seine vokale Leistungsfähigkeit in seinem Alter Grenzen hat, ist der Mittelteil der Konzerte in der Regel längeren Solo-Einlagen gewidmet – die aber ebenfalls eine ganz eigene Attraktion darstellen, gegenüber der man keinerlei Gleichgültigkeit zeigen sollte. Als Erstes heizte so jeder mit seiner eigenen Solo-Show das Publikum ein: Reb Beach, den Coverdale für dieses Konzert sehr einfallsreich als »Zag-Reb Beach« vorstellte, und nach ihm Joel Hoekstra. Zum Abschluss stellten sie sich Schulter an Schulter auf und zogen eine gemeinsame Abschlussmelodie durch. Coverdale kehrte auf die Bühne zurück, die Band spielte das kurze, neue, spöttisch-eingängige Shut Up & Kiss Me, und dann gehörten die nächsten zehn Minuten Tommy Aldridge, dem legendären Schlagzeuger, der alle Ären des Rock durchwettert hat und dessen Karriere sogar länger ist als die von Coverdale.  Aldridge, als echtes Schlagzeug-Unikat, vergaß natürlich nicht, die Einlage zu liefern, bei der er mit bloßen Händen auf die Schlagzeugfestung einschlägt. Er bleibt buchstäblich ein wahnsinniges und von der Leine gerissenes Bühnentier, das sofort aus seinen Fesseln ausbricht, sobald man ihm Raum  dafür gibt. Irrsinniges Schlagzeugspiel. Nicht zu übersehen sind die Einlagen von Luppi und Devin, die in den höheren und allerhöchsten Lagen die vokalen Grenzen von David Coverdale perfekt abdecken und den legendären Sänger hervorragend entlasten. Coverdale Truppe setzt sich nämlich auch aus ausgezeichneten Begleitsängern zusammen – nicht nur Instrumentalisten –, die mit Ausnahme von Aldridge sehr sorgfältig, geschickt und gekonnt Coverdale Hauptvokallinien harmonisieren.

Nach dem Schlagzeug-Solo folgte Is This Love. Die gesamte Šalata verwandelte sich in ein Meer aus Handylichtern, die Mädels drängten in die vorderen Reihen und das Fieber stieg noch weiter. Bei diesem Song wird dir klar, warum Whitesnake wirklich groß sind. Genau in jenem Moment, wenn du eine solche Reaktion des Publikums spürst. Wenn es allen die Ketten sprengt, wenn sich die Herzen lösen, die Gefühle aufgehen, wenn es keinerlei Hemmungen mehr gibt. Die Šalata verwandelte sich schlicht in grenzenloses Jubeln und eine Kumuluswolke aus positiven Schwingungen und Empfindungen. Ein Moment also, der den gesamten Konzertbesuch wirklich aufwiegt. Diese chemische Magie, die eine Band mit dem Publikum herstellt. Das ist es. Das Wesentliche. Gleichzeitig war klar, dass die Darbietung dieses Songs nur eines bedeutete. Das Konzert neigte sich seinem Abschluss entgegen, den Give Me All Your Love noch etwas verlängerte, doch als die Band die letzten Energieatome aus dem Publikum herausgepresst hatte und sich dem mitreißenden Hit Here I Go Again widmete, war klar, dass wir am Ende des Konzerts waren.

Ohne großartiges, substanzielles Dramatisieren des Bühnenabgangs hatte die Band in der Zugabe natürlich wieder eine der besten Kompositionen aufgespart, die in der Post-Marsden-Moody-Ära der Gruppe geschaffen und aufgenommen wurden. Das sehnlichst erwartete Still Of The Night, angeführt von einem der markantesten Gitarrenriffs in der Geschichte des Rock’n’Roll. Genau bei diesem letzten Song des Abends sorgte die Band auch dafür, dass es vom Himmel zu regnen begann. Den ganzen Nachmittag hatten sich Wolken angesammelt, und während des gesamten Konzerts hatte es nach Regen gerochen. Aber das störte das Publikum überhaupt nicht. Es kühlte die erhitzten Köpfe eigentlich wohltuend ab. Noch ein Schluss, ein theatralischer Abschluss, und die Band will sich vom Publikum verabschieden. Ich sage: will. Hoekstra hatte die Plektren bereits vom Ständer genommen, um sie ins Publikum zu werfen, Aldridge hatte bereits ausgeholt, um die Drumsticks zu schmeißen – da stoppte die beiden der autoritäre Coverdale entschlossen.

Also? Ja. Das Zagreber Konzert wird auf dieser »Flesh And Blood«-Tour offenbar wieder zu einer besonderen Geschichte werden. Die Band griff nämlich noch einmal zu den Instrumenten. Nur für diesen Auftritt. Offensichtlich war Coverdale von der Rückenergie des Publikums und des Veranstaltungsortes so begeistert, dass er seiner Truppe befahl, den Deep Purple-Klassiker Burn zu spielen. Nur in Zagreb also. Bei allen bisherigen Konzerten dieser Tour hatten Whitesnake jedes Konzert nämlich mit Still of the Night abgeschlossen (auch auf ihrem Heimatboden der Britischen Inseln). Der gerührte Coverdale überhäufte das Publikum zum Abschluss mit schmeichelhaften Worten des Dankes und der Anerkennung und vergaß nicht, theatralisch noch sein »Stay safe and well« anzufügen (während des Konzerts fehlte natürlich auch das erwartete einleitende »Here’s a song for ya!« nicht).

Kurzum. Der große Fuchs hat sich mit seiner Truppe einmal mehr gerissen aus allen Fallen herausgezogen, die das unsichtbare Zählen der Jahre mit sich bringt, hat mit der Darbietung seine gesamte Glaubwürdigkeit, Kraft und Hingabe an den Rock’n’Roll bewahrt und bewiesen, dass es keine Option gibt, die ihn dazu bringen würde, auch nur im Entferntesten über eine musikalische Pensionierung nachzudenken. Ein unvergessliches Ereignis also. Möge dieses Abenteuer andauern. Noch viele Jahre. Das ist das Mindeste, was ich schreiben kann. Mit allem Respekt dem großen David Coverdale gegenüber, seiner Truppe  scharf geschliffener und hervorragend behauener musikalischer Virtuosen, die natürlich der immergrüne Wert der unvergänglichen musikalischen Exzellenz des diskografischen Erbes von Whitesnake begleitet!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

WHITESNAKE Setlist:
eingespieltes Intro: My Generation (The Who)
1. Bad Boys (inkl. Teil des Songs „Children of the Night“)
2. Slide It In
3. Love Ain’t No Stranger
4. Hey You (You Make Me Rock)
5. Slow an‘ Easy
6. Ain’t No Love in the Heart of the City (orig. Bobby „Blue“ Bland)
7. Trouble Is Your Middle Name
8. Gitarren-Duell
9. Shut Up & Kiss Me
10. Schlagzeug-Solo
11. Is This Love
12. Give Me All Your Love
13. Here I Go Again
—Zugabe—
14. Still of the Night
15. Burn (orig. Deep Purple)
eingespielter Abgang: We Wish You Well


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