The New Territory

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: TNT
Label: Bonnier Amigo Records
Veröffentlichung: 2007
Spieldauer: 46:48

Was ist passiert und was ist los mit TNT? Sind die jetzt völlig durchgedreht? Und zwar alle, bis zum letzten Mann in der Band? Gehen wir erst mal ungefähr ein halbes Jahr zurück und schauen, was bei der Truppe los war. TNT haben nämlich einen neuen Sänger in den Reihen. Das ist Tony Mills, der aus den Reihen der großartigen britischen Melodic-AOR-Rocker Shy kommt. Er ist im vergangenen Jahr zur Band gestoßen, als Ersatz für den Standard-TNT-Sänger Tony Harnell. Tony für Tony. Offenbar wirft da jeder alles durcheinander. Harnell hatte TNT satt, oder er hat gerade noch rechtzeitig gemerkt, wo der Hase im Pfeffer liegt, und sich clever aus der Band verdrückt. Der Rest der Truppe wollte etwas anderes. Anfangs roch aber nichts auch nur nach einem Hauch von Andersartigkeit, denn der Einstieg eines Spitzensängers als Ersatz für einen Spitzensänger ist ein völlig logischer Zug, mit dem TNT in erster Linie alle Markenzeichen ihrer Hardrock-Sparte abgesichert haben. In zweiter Linie war Mills‘ Einstieg ebenfalls logisch, denn der Mann ist definitiv makellos in der Lage, das gesamte Repertoire seines Vorgängers zu „trällern“, was nicht jeder draufhat. Am Horizont stand also ganz logisch ein neues klassisches TNT-Album.

Verdammt! TNT haben beim neuen Album darauf hingearbeitet, ein möglichst „Nicht-TNT“-Album zu machen. Ein Horrorfilm. Das ist völlige Zerstörung, völlige Selbstverleugnung. Ein ganzes Album lang quälst du dich mit dem Wunsch nach dem „Anderen“, auf Kosten dessen, dass du deinen klassischen Wiedererkennungswert in der Hardrock-Welt über Bord wirfst. Du wirfst also Andersartigkeit weg, um Andersartigkeit zu suchen.

TNT bringen also ein Album, das nicht TNT ist. Mills ist nicht wiederzuerkennen, wenn man seinen Shy-Ansatz auf Alben wie „Unfinished Bussines“ (2003) oder „Sunset And Wine“ (2005) mit dem vergleicht, was er auf The New Territory abliefert. Als wäre das gar nicht Mills. Schon der Albumopener Constitution bestätigt das. Der Typ geht in tiefer Tonlage ran, dumpf, düster…. Hallo? Nicht nur Mills, die ganze Band geht in eine komplett neue Richtung.

Die Abkürzung für Trinitrotoluol passt in diesem Fall bestens zum Titel des neuen Albums: The (T) New (N) Territory (T). Und die Jungs haben dem Album einen vielsagenden Namen gegeben, denn damit sind sie tatsächlich auf neues Terrain geraten. Die Umrisse dieser Verschiebungen hat schon das letzte Album der „TNT-Harnell-Ära“, „All The Way To The Sun“, angedeutet, aber verglichen mit „The New Territory“ ist das geradezu ein harmloses Pfeifen im Walde. Zum Beispiel Golden Opportunity: ein Song mit klarem Potenzial zu einer klassischen TNT-Nummer (Gitarrenriff), aber Mills löscht mit seinem Gesang wirklich jedes Fitzelchen Hoffnung aus, sobald der Song in den Refrain kippt. Unglaublich! Hier sind Vergleiche mit der Geschmacklosigkeit von The Darkness angebracht. Und nicht nur hier. Ein weiteres Beispiel ist der Refrain von Fountain Of Love, und Vergleiche mit The Darkness findest du auf dem Album mühelos noch ein paar.

Vor uns liegt ein experimentelles Album, das den klassischen TNT-Sound kompromisslos zerlegt hat, bis nichts mehr davon übrig ist. Es ist eine Art Pop-Rock-Platte, die sogar kommerziell sein will. Sie ist vollgestopft mit Effekten, die Mills‘ Gesang komplett verunstalten, die Rhythmusfraktion ist in den Hintergrund der Produktion verbannt, die Gitarren bemühen sich, zeitgemäß verbogen zu klingen, Riffs sind in diesem Soundbrei, in dem es keine klare Richtung gibt, praktisch nicht auszumachen. Alle Bands, die zumindest ein bisschen auf dem Boden geblieben sind, gehen beim „Experimentieren“ so vor, dass sie ihren eigenen Wiedererkennungswert und ihren musikalischen Ausdruck weiter aufbauen und ausbauen. Es gibt viele Alben von Bands, denen es beim Einbringen von etwas „Neuem“ außerordentlich gut gelungen ist, es einfallsreich zu integrieren, was für die Band einen Entwicklungsschritt nach oben bedeutete. Bei TNT dagegen funktioniert das „Experimentieren“ nicht in diese Richtung, sondern ins Negative, nach unten. In Richtung totaler Degradierung. Den Tiefpunkt der Selbstverleugnung erreicht die Band mit Now We’re Talkin‘, einem Song voller seltsamster Kombinationen, bei dem man sich ernsthaft fragen kann, ob bei TNT überhaupt noch jemand einen Rest gesunden Geschmacks besitzt. Eine geschmacklose Parodie auf The Beatles.

Im ganzen Durcheinander stechen in dieser „poppigen Neuerei“ Motive heraus, die den Einfluss legendärer Namen wie der Götter Queen und The Beatles klar betonen (Refrain von Something Special), und das Album „The New Territory“ selbst steht Ronnies Band Vagabound näher, mit der es klanglich viel mehr gemeinsam hat als mit der TNT-Tradition. In Sachen Clownerie können The Darkness TNT diesmal nicht das Wasser reichen. Ein Beispiel? Wenn die Wahl der Coverversion What A Wonderful World die Stimmung auf „All The Way To The Sun“ unklug zerschnitten hat, dann ist der Song, der auf „The New Territory“ ihre Rolle übernimmt, ganz sicher June. Eine Komödie im Stil von Paul Anka. Für wie blöd haltet ihr uns, Jungs? Ohne Zweifel nur euch selbst.

Geschmacklos-unanständige Albernheiten gehen auch im weiteren Verlauf des Albums nicht aus, und das Tüpfelchen auf dem i ist die abschließende Ansprache von Tony Mills in waschechtem „Cockney“-Englisch. Wer könnte über diesen authentischen „Cockney“-Akzent lachen, wenn man vorher dreiviertel Stunden Folter durchgestanden hat, mit literweise Krokodilstränen beim wirren Trauern um das Jahr 2004, als TNT mit „My Religion“ ein ausgezeichnetes melodisches Hardrock-Album veröffentlicht haben. TNT hätten beim Sängerwechsel mit einem neuen klassischen Hardrock-Album zuschlagen müssen, und zwar so, wie sie es beherrschen und im Blut haben. Damit hätten sie bewiesen, dass sie ohne Probleme auch ohne den charismatischen Harnell überleben können. Mit Mills in der Besetzung hat die Band jederzeit die Chance, die TNT-Alben mit Harnell sogar zu toppen. Aber nicht auf diese Art.

Das Album „The New Territory“ hat eine richtig traurige Wirkung. Je öfter du es hörst, desto mehr hasst du es. Einmal ernsthaft hören reicht, um es danach nie wieder zu hören! Macht um dieses neue „andere“ TNT-Album einen großen Bogen, um jeden Preis! Und die Jungs von TNT soll möglichst bald der gesunde Menschenverstand einholen.

Besetzung

Tony Mills – Gesang
Ronnie LeTekro – Gitarre
Victor Borge – Bass
Diesel Dahl – Schlagzeug

Produktion

TNT

Tracklist

1. A Constitution
2. Substitute
3. Are You Blind?
4. Golden Opportunity
5. Something Special
6. Now We’re Talkin‘
7. Wild Life
8. Fountain of Love
9. June
10. Can’t Go On Without
11. 2 Seconds Away
12. Milestone River
13. Let’s Party Mills

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