Noctiferias Taufe an der Savica (2018)

0 8

Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

Ort: Gala Hala, Ljubljana
Konzertdatum: 23.05.2018

Wenn Pomaranča den Beginn des Heavy Metals auf slowenischem Boden darstellt, dann steht Noctiferia zweifellos für den Beginn des Extreme Metals in Slowenien. Noctiferia, die anfangs unter dem Namen Emetica aktiv war, kehrte nach einundzwanzig Jahren (so viele sind es seit ihrem ersten Konzert, das sich diesen April jährte) an den Tatort zurück, wo alles begann. Mit dem Debüt Baptism At Savica Fall begann auch der slowenische Black Metal, und wir waren Zeugen eines einmaligen und einzigartigen Einblicks in die Anfänge des slowenischen Extreme-Black-Metals – denn Noctiferia spielte das genannte Album in der Originalbesetzung komplett durch. Das Konzert hätte ursprünglich gut eine Woche früher stattfinden sollen, war jedoch krankheitsbedingt verschoben worden – was man ihm aber kein bisschen anmerkte, denn die Gala Hala war fast bis in den letzten Winkel gefüllt, und das Publikum war heiß auf Noctiferias Taufe.

Eine Art Trostpflaster für das verschobene Konzertdatum war eine zusätzliche Vorband, und diese Ehre fiel den Velenjern Snøgg zu. Die Band zählt offiziell nur zwei Mitglieder – Ulv an Gitarre und Gesang sowie Mørke am Schlagzeug –, live wird die Besetzung jedoch durch einen Session-Bassisten und ein Mitglied ergänzt, das für den elektronischen Teil des Sounds zuständig ist. Snøgg betraten mit einer akademischen Viertelstunde Verspätung die Bühne, eingehüllt in einen dichten Nebelvorhang und mit hochgezogenen Kapuzen, und präsentierten in knapp drei Viertelstunden ihre musikalische Vision, die aufgrund ihres experimentellen Charakters gar nicht so leicht zu beschreiben ist. Auf jeden Fall sind die Einflüsse des Old-School-(norwegischen) Black Metals herauszuhören, dem Snøgg eine starke Note Avantgarde und Experimentierfreude beimischen – die gar nicht so weit weg ist von so etwas wie Ulver. Wegen ihrer Unkonventionalität, der relativ langen Tracks, der hohen Lautstärke und der absoluten Bewegungslosigkeit auf der Bühne waren Snøgg diesmal ein ziemlicher Brocken – aber nach dem Gehörten ist das definitiv eine Band, bei der man auch mal in eine der drei bisher veröffentlichten EPs reinhören sollte. 

Etwas traditionalistischer ist das küstenländische Trio Ater Era, für die relativ engen Leitplanken des klassischen Black Metals aber stellenweise noch immer ziemlich unkonventionell. Das ist gut und klar hörbar auch auf dem dritten Studioalbum Clades, das gegen Ende letzten Jahres erschien und auf das sich das Trio beim heutigen Auftritt ausschließlich konzentrierte. Auch Ater Era können eine etwas anspruchsvollere Hörerfahrung sein, da ihre Tracks durchaus beachtliche Längen erreichen und sie zudem zu ungewöhnlicheren Strukturen und Spielweisen greifen, die man als avantgardistisch und/oder psychedelisch bezeichnen könnte. Die Band ist dabei dennoch fest im Black Metal verankert, der roh und unerbittlich ist – abwechslungsreich und dynamisch vor allem dank ruhigerer Passagen und Gitarrengriffen, die im Black Metal nicht gerade alltäglich sind. Ater Era haben diesmal einmal mehr bewiesen, dass Clades ein Werk ist, das im slowenischen Black Metal einen hohen Stellenwert einnimmt, und live lieferten sie eine Show ab, die die bereits fast ausverkaufte Gala Hala überzeugte. 

Die Ungeduld stieg spürbar an, als mit kurzer Verspätung die Bühne für die Jubiläumsstars des Abends aufgebaut wurde. Entgegen den Erwartungen war die Bühne nicht mit allerlei Requisiten geschmückt – was angesichts der Exklusivität des Events durchaus naheliegend gewesen wäre –, sondern war ausschließlich den Musikern vorbehalten, was dem historischen Einblick in die Wurzeln des slowenischen Extreme Metals noch mehr Ursprünglichkeit verlieh. Die Songs vom Kultdebüt Baptism At Savica Fall waren seit mindestens fünf Jahren nicht mehr live zu hören gewesen – und damals in der Cvetličarna nur auszugsweise –, daher war es ein Genuss, sie zum ersten Mal vollständig von Anfang bis Ende zu erleben. Obwohl die Originalbesetzung Igor Nardin, Uroš Lipovec, David Kiselič und Robert Steblovnik seit Jahren nicht mehr gemeinsam auf der Bühne gestanden hatte, war die Befürchtung mangelnder Einspielung im Nu zerstreut – das Quartett war in Topform, vokal wie instrumental, vom erschütternden Drumming von Robi bis hin zu den außergewöhnlichen Soli aus Nardins Fingern. Das Tüpfelchen auf dem i setzten noch live gespielte Flöten und Rezitationen aus Prešerens Krst pri Savici sowie die uraralten Matricide und This Is My Art, die bereits auf dem Demo Gods of Počka erstmals auftauchten – und der unvergessliche heidnische erste Teil endete zu den Klängen von Sons of Fame. David übergab seinen Platz daraufhin dem zweiten Frontmann der Band, Artur Felicijan (heute Dekadent), der mit seinen ehemaligen Kollegen an jene Band erinnerte, die wohl den größten Einfluss auf die frühe Schaffensphase von Noctiferia hatte – sodass der hervorragend gespielte Dissection-Klassiker Where Dead Angels Lie keine allzu große Überraschung mehr war. Noctiferia erinnerte mit Artur am Mikrofon und den Songs Grief to Master, Err to Hell und Aught Against Thee an das bekannteste Album der Band, das legendäre Per Aspera, und mit einem weiteren Cover von Samael (Baphomet’s Throne) an die Band, die die zweite Schaffensphase der Gruppe maßgeblich geprägt hatte. Nach fast zwei Stunden verabschiedete sich Noctiferia von der höllisch heißen Gala Hala mit ihrem größten Hit Fond of Lies, dessen Musikvideo vor knapp zehn Jahren wochenlang auf Platz eins der damaligen Videospotnice thronte und auch ein breiteres Publikum auf den slowenischen Extreme Metal aufmerksam machte. Genauso wie Noctiferia mit dem Jubiläum von Baptism At Savica Fall daran erinnerte, dass sie trotz aller Genrewechsel und ungeachtet dieser schlicht und einfach eines der größten und bedeutendsten Namen im slowenischen Metal ist – eines, das auch jenseits der Landesgrenzen Spuren hinterlassen hat.

Bildergalerie

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki