Rock Of Ages 2017 festival – erster Tag!
Ort: Seebronn (Rottenburg a. d. Neckar) / Festivalgelände / Deutschland
Datum: 28.07.2017
Rock Of Ages ist ein Festival mit deutlich kürzerer Geschichte als das berühmte Bang Your Head!!!, beide stehen jedoch unter dem Dach desselben lokalen Promoters, nämlich der Redaktion des Magazins Heavy Oder Was!? Rock of Ages ist Bang Your Heads kleiner Bruder – hier treten Hard-Rock-Bands auf, größtenteils Veteranen des Rocks, die mit ihren „Ideen“ auch das Bild der Rock’n’Roll-Landschaft geprägt haben, wie wir sie kennen. Natürlich finden sich dort auch stilistische Ausreißer, die das Angebot des Festivals nur bereichern. So taucht mal eine AOR-Band auf, mal eine Blues-Rock-Band, oder gar eine Pop-Rock-Diva der Achtziger wie zum Beispiel Kim Wilde, die diesmal im Programm der diesjährigen Ausgabe des Festivals vertreten war. Nun, nach der Bestätigung von Namen wie Marillion, Saga, Gotthard, Thunder musste man jedenfalls nicht lange überlegen, um wieder Richtung Rottenburg a. d. Neckar aufzubrechen.
Der Reihe nach. Der erste Tag. Eigentlich der programmlich am wenigsten interessante Tag des dreitägigen Festivals wurde von den melodischen Rockern Eden’s Curse aus der schottischen Stadt Glasgow eröffnet. Warum ausgerechnet Glasgow, wenn die Truppe multinational ist? Weil dort ihr Chef und Bassist Paul Logue (natürlich ein Schotte) wohnt. Eden’s Curse veröffentlichten im vergangenen Jahr ihr neues Studioalbum »Cardinal«, das in der Setlist des Auftritts im Rahmen des ROA-Festivals auch stark vertreten war. Vokalist Nikola Mijić, Frontman serbischer Herkunft, der deutsche Gitarrist Thorsten Köhne, der Engländer Joe Clelland und der neue Keyboarder Christian „Chrism“ Pulkkinen, der Finne ist. Neben dem Schotten eine beeindruckende Nationalitätenzusammensetzung. Die Band hat in einer Dreiviertelstunde alles gegeben! Kein Wunder, dass auch von Seiten renommierter Musiker wie Bruce Dickinson und James LaBrie Lobeshymnen über diese Gruppe zu hören waren. Vor allem beeindruckte der außerordentlich schöne und ausgearbeitete Gesang von Mijić, der auch das Singen auf Englisch in den Versen hervorragend beherrscht und zum überwiegend melodischen und autoritativen Gesang auch jenen rau-samtenen Unterton hinzufügt. Tatsächlich beherrschte der Sänger die Bühne vollständig und nutzte sie von allen Bandmitgliedern mit Abstand am besten. Der zweite „Läufer“ war Bandchef und Bassist Paul Logue. Während der engagierte, aber statische Köhne mit sorgfältiger und haargenauer Präzision sowie einem vollen und saftigen Gitarrensound, mit dem er enorm viel Raum im Klangbild abdeckte, einige außerordentlich volle und herrlich gewürzte Soli lieferte. Die Band spielte beim Auftritt folgende Stücke: Prophets of Doom, Masquerade Ball, Black Widow, The Great Pretender, Jericho, Sell Your Soul, Unbreakable, Evil & Divine und Angels & Demons, und nach dem Auftritt erschien sie auch unter dem Publikum, wo die Jungs Autogramme verteilten.
Als zweiter betrat ein äußerst interessanter Künstler die Bühne. Die Glam-Punk-Rock-Band Hello. Die Briten, die bereits 1971 ihre Aktivitäten begannen, hält heute einzig das originale Mitglied am Leben, nämlich Sänger und Gitarrist Bob Bradbury. Was noch an Glam übrig geblieben ist, ist eigentlich Bob persönlich. Aufgetoupiertes Haar, natürlich gefärbt, dazu Schminke um die Augen. In der Gesellschaft von drei äußerst technisch versierten und dabei deutlich jüngeren Musikern. Da Bob oft ans Mikrofon gefesselt ist, weil er singen muss, sorgten hauptsächlich die äußerst aktive Bassistin und Saxophonistin Corrie Shiells sowie der brillante Gitarrist Siimon Ellis für Furore auf der Bühne, während das Tempo Bobs Sohn Jake Bradbury vorgab. Obwohl der Name Hello heute in einem leichten Dunkel liegt, hielten Hello eine Zeit lang neben Slade, Sweet und Mud die Spitze der ersten britischen Glam-Rock-Invasion. Man spürt, dass die Band nicht oft spielt, weil sie eigentlich nicht genug Material hat, um die verfügbare Spielzeit zu füllen, die ihr beim Festival zugeteilt wurde. Zwar ließen sie die Hits ‚Let It Rock‘, ‚Tell Him‘, ‚Love Stealer‘, ‚Star Shudded Sham‘ und die allseits bekannte Schlussnummer ‚New York Groove‘ nicht aus, aber die Band spielte auch einige unnötige Zeitfresser ein, wie die Cover I Love Rock’N‘ Roll (Joan Jett) und 20 Century Boy von T. Rex. Im vergangenen Jahr traten bei ROA Slade auf, dieses Jahr setzt sich die Tradition also mit Hello fort. Ellis ist auf einem der Stücke buchstäblich explodiert. In dieser Hinsicht ist er eigentlich ein viel zu guter Gitarrist für Hello – er zeigte außerordentliche Meisterschaft. Ein attraktiver und exklusiver Auftritt von Hello also! Bradbury hat den Kontakt zu mir noch nicht verloren! Der agile und charismatische Vokalist ist ein unglaublich gewandter Frontman, der sich mit ein paar herzlichen Ansprachen dem Publikum sofort unter die Haut gegangen ist.
Es folgte ein weiterer attraktiver Auftritt. Auf die Bühne trat Albert Hammond mit seiner Begleitband. Das ist ein Mann, der als eine Art graue Eminenz und „Onkel im Hintergrund“ gilt, da er sich mehr durch das Schreiben von Songs für andere Künstler als durch Bühnenauftritte einen Namen gemacht hat. So ist es ihm in seiner Karriere gelungen, einige Songs zu schaffen, die zu außerordentlichen Hits in Pop und Rock wurden – echte Radio-Evergreens! Da Hammond ihr Autor ist, hat er die Lizenz und grünes Licht, sie auf der Bühne zu spielen. Albert Hammond, der hier als Singer-Songwriter auftrat, ist nicht als besonders brillanter Interpret bekannt. Er ist nicht zum Sänger geboren. Sein jugendlicher Gesang war zu oft zu wenig entschlossen und ausdrucksstark, um dem Material, das er vortrug, den richtigen Stempel aufzudrücken, und so kam er der Zugkraft der Originale der Hits, die er geschrieben hatte, nur schwer nahe. Das gilt besonders für die Songs I Don’t Wanna Loose You (Tina Turner), Don’t You Love Me Anymore (Joe Cocker), I Don’t Want To Live Without Your Love (Chicago), The Air That I Breathe (The Hollies), One Moment In Time (Whitney Houston) und Nothing’s Gonna Stop Us Now (Starship). Besser kamen hingegen die Songs weg, die er für seine Singer-Songwriter-Karriere geschrieben hat – ebenfalls eine Reihe von Radio-Evergreens: Everything I Want To, When I’m Gone, Down By the River, It Never Rains In Southern California, I’m A Train und The Free Electric Band. Hammond, dem man den Gesang auch einer Punk-Band leihen könnte, wurde von seiner Begleitband gehalten, die ihren Job mit Brillanz und großer Auszeichnung erledigte – aber sonst? Es kreißte der Berg und gebar eine Maus. Nichts Besonderes.
Im vergangenen Jahr wurden In Extremo als einer der Hauptacts der Festivaltage bei ROA ausgewählt. Dieses Jahr retten ihre Landsleute Subway To Sally ihre Ehre. Nicht als Headliner, sondern als Teil des Stroms von Bands, die mittelalterliche deutsche Troubadour-Musik auf Metal-Art spielen. Also Bands, die besonders und fast ausschließlich auf deutschem Boden immense Unterstützung genießen. Das Septett zeigte erneut sein farbenprächtiges Arsenal an traditionellen Instrumenten, wobei natürlich die theatralische Figur des Sängers Eric Fish die zentrale Rolle übernahm. Hurdy-Gurdy, barocke Oboe, Violine, Viola, Geyerleier (ein viersaitiges Instrument ähnlich einer Ukulele, aber von völlig anderer – „fischförmiger“ Gestalt), Mandola, Mandoline, achtsaitige Renaissance-Laute, Flöten, Dudelsack und noch mehr. Diesmal ohne Nebelmaschinen und Pyrotechnik. Die Beliebtheit wurde auch durch die dichten Besucherreihen bestätigt, die die Band erwarteten. Diese eröffnete das Konzert mit dem Song Grausame Schwester vom aktuellen »Mitgrift«, wechselte dann aber ziemlich schnell zu den äußerst beliebten »Hochzeits«-Songs Henkersbraut und Herzblutt (Kleid aus Rosen – wobei sich Fish ganz der tiefgründigen Debatte und Kontemplation mit einer Rose widmete, die ihm jemand nach vorheriger Regie aus dem Publikum zugeworfen hatte). Im weiteren Verlauf folgten Unsterblich, Falscher Heiland, Tanz auf dem Vulkan, Für immer, Böses Erwachen, Arme Ellen Schmitt, Sieben und Veitstanz. Die Band zeigte außerordentliches Zusammenspiel, Souveränität und Konsequenz in jedem Moment der Repertoire-Darbietung. Man spürt, dass die Truppe und Kameradschaft der Kernbesetzung langlebig ist und dass die Mitgliedschaft im Laufe der Jahre keine großen Veränderungen erlebt hat. Eine äußerst gelungene Rekapitulation dessen, was man auch auf den Studiooriginalen genießen kann. Ihren Teil dazu beigetragen hat auch das sehr solide Klangbild, für das die Tontechniker gesorgt haben, sowie stellenweise das Publikum, das gerade bei den besonders beliebten Stücken Für immer, Böses Erwachen, Sieben und Veitstanz besonders viel Energie zurückgab.
Bekanntlich ist Bang Your Head traditionell mit der Person und dem Werk von Twisted Sister verbunden. Das hat sich nach und nach auch auf das Rock Of Ages Festival übertragen. Wenn Twisted Sister im vergangenen Jahr ihre Aktivitäten beendet haben (sie traten auch im Rahmen des BYH Festivals 2016 auf), gilt das nicht für ihren Sänger Dee Snider, der im vergangenen Jahr sein neues Studioalbum veröffentlicht hat. Snider war schon einmal Hauptact beim ROA Festival (und auch beim BYH Festival). Er betrat die Bühne also ohne das „TS-Outfit“ und hatte eine Stunde und Dreiviertel zur Verfügung. Die Begleitband war darauf trainiert, hauptsächlich das aktuelle Studioalbum zu spielen, das Snider ausgiebig präsentierte. Aber alle auf dem Festival waren gekommen, um Snider zu hören, weil sie wussten, dass er auch Twisted Sister-Klassiker spielen würde. Den ersten davon zündete Snider sehr früh. The Kids Are Back! Das Publikum in die Luft! Dann aber ließ der Mann das Publikum rund eine halbe Stunde zappeln, bevor sich die Band an eine ausgedehnte Version des berühmtesten Twisted Sister-Hits und eigentlich der BYH (und ROA) Hymne We’re Not Gonna Take It machte. Zunächst in einer akustischen, ruhigen Version, dann natürlich in der bekanntesten. Und eine üppig aufgefüllte Version dazu, mit mehrfacher Wiederholung der Refrains. Daraus bastelte er beinahe eine echte Opernarie. Bekanntermaßen redet Dee sehr gerne bei Auftritten. Genauer gesagt hält er regelrecht Vorträge. Er predigt über allerlei Erlebnisse und Gefühle und spricht die Menge mit einer Menge lustiger Anekdoten aus seinem Leben an. Auch diesmal war es nicht viel anders. Das gehört einfach zu Dees Bühnen-Folklore. Interessant ist, dass Snider gegen Ende auch den Soundgarden-Song Outshined spielte, den er dem verstorbenen Soundgarden-Sänger Chris Cornell widmete. Vom Twisted Sister-Material spielte er nur noch zwei Stücke, nämlich in der zweiten Hälfte The Price und zum Abschluss I Wanna Rock. Sogar in der Zugabe verzichtete er auf Twisted Sister-Material und spielte stattdessen lieber noch einen neuen Song vom neuen Album »We Are The Ones« namens So What. Ein Konzert im Einklang mit den Erwartungen. Snider ist Snider. Komiker, Schauspieler, Entertainer. Der rote Faden reißt ihm nicht ab, und jede Situation während des Konzerts wendet er meisterhaft zu seinen Gunsten und macht daraus ein ganzes Spektakel. Eine Schüssel voll Unterhaltung also. Das Publikum hatte zwar mehr erwartet, vor allem mehr Twisted Sister – das hätte ihm eigentlich völlig gereicht. Jedenfalls ist Dee Snider kein Vince Neil, und im Gegensatz zum „Schwindler“ Neil lieferte er eine vollblütige Show ab, ohne sich zwischenzeitlich hinter der Bühne zu verstecken oder die Dienste anderer Mitglieder seiner Begleitband in Anspruch zu nehmen. Snider kennt keine Verstecke. Was du siehst, das bekommst du. Ein mit echter Energie aufgeladenes Konzert voller Dynamik, wobei die Scheinwerfer natürlich den Großteil ihres Lichts auf den berühmten Vokalist richteten. Snider hatte eine äußerst gut eingespielte Gruppe mitgebracht, die mit voller Kraft und großem Eifer spielte. Mitternacht glitt langsam in den zweiten Festivaltag über, der ein deutlich dichteres Programm und auch mehr interessante Acts brachte!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


































