U.D.O. beim Steelfactory-Gastspiel im verregneten Parma (2019)
Auftretende: Kiss Of The Dolls / Red Partizan / U.D.O.
Ort: Parma / Campus Industry Music / Italien
Datum: Donnerstag, 04.04.2019
„Hier zählt nur eines. Entweder bist du dabei oder nicht. Metal kennt kein Zögern, keine Schlaffheit, keine Unentschlossenheit. Wenn dein Herz dafür schlägt und für deine auserwählten Bands, gibt es keine Hindernisse. Überhaupt keine Hindernisse. Keine Ausreden, dass du dies oder jenes nicht konntest. Kein Rückzug. Alles andere ist Lüge oder das Spiel mit dem „guten Eindruck“ in der Menge.“
Es war also der letzte Tag der drei Monate dauernden Steelfactory-Tournee von U.D.O., angeführt von dem einen und einzigen, von dem man sagen kann, dass er Mann, Mythos und Legende ist – und eine Stimme, die die Definition von Metal verkörpert. Udo Dirkschneider. Mit U.D.O. trafen wir uns auf dieser Tournee bei zwei Konzerten, im Februar dieses Jahres in Tschechien. Das Album „Steelfacory“ gehört zu den besten Veröffentlichungen, die letztes Jahr im Bereich des klassischen Metal und darüber hinaus erschienen sind. Es ist auch einer der besten Beiträge der gesamten Dirkschneider-Karriere – mit einer solchen Frische, Tiefenschärfe und Konsistenz hat er seit dem Album „Holy“ (1999) nicht mehr gesprochen, oder bescheidener gesagt, zumindest nicht seit „Thunderball“ (2004). Der Mann hat nie ein schlechtes Album gemacht, ganz im Gegenteil. Aber eine solch hohe qualitative Konsistenz bzw. Stabilität zwischen den Songs konnte er nach „Holy“ bis hin zu „Steelfactory“ nicht wiederholen. Okay, ich füge noch hinzu, dass „Steelfactory“ mit nur einem einzigen Gitarristen eingespielt wurde, von dem ich ruhig behaupten kann, dass Udo ihn ständig vermisste – seit der Zeit, als der legendäre Matthias Dieth bei ihm spielte. Das ist der russische Gitarrenheld Andrey Smirnov, der mit seinem Auftritt auf der Steelfactory-Tournee, neben der unzerstörbaren Stimme von Udo Dirkschneider, den Grundstein für diese allgemeine künstlerische Aufwertung – oder den neu gefundenen künstlerischen Aufbruch – des vollkommen verjüngten Udo Dirkschneider und seiner neuen Mannschaft legt.
Springen wir also zu dem erbarmungslos verregneten Donnerstag, dem vierten April, im italienischen Parma. Wie du vielleicht selbst weißt, war deutscher Metal in Italien nie sonderlich hoch geschätzt, was auch die Besucherzahlen unserer Konzerttouren durch Italien in der Vergangenheit bestätigen. 2014 sind wir zum Beispiel zu Primal Fear gefahren, die damals in Brescia vor gut 100 Leuten spielten. Das Konzert in Parma stieß übrigens ebenfalls auf den schwächsten Vorverkauf der gesamten U.D.O.-Tournee.
Im Campus Industry Music, dem Venue, in dem U.D.O. an diesem Abend in Parma zum letzten Mal auf ihrer Steelfactory-Tournee spielten, kamen wir nach einigem Herumirren und blindem Straßengetapse an – denn der Autor dieses Beitrags leidet nicht gerne unter dem neuzeitlichen Schnickschnack und den Navigationshilfen in Form von elektronischen Navis. In der Halle spielten da bereits Kiss Of The Dolls, lettische Hard-Rocker, die versuchen, die musikalischen Fäden aus dem Erbe alter Rock-Bands zusammenzufügen, die das Rock-Pioniertum auch durch den Hammond-Sound definierten. Eine Band, die noch enorm viel Arbeit vor sich hat, um eine eigene Handschrift herauszuarbeiten – eine Band mit einigen Patzern, was beweist, dass man sich noch kräftig ins Zeug legen muss. Als zweite betraten die rumänischen Red Partizan die Bühne. Ein Name, der in unseren Tagen wieder zunehmend aktuell wird. Power Metal mit weiblichem Gesang und einem rau-heiseren männlichen Pendant – ebenfalls mit einer ziemlich vorhersehbaren musikalischen Spur der Generik, in der alles bereits gesagt schien – konnte irgendwie nicht mitreißen oder das Gefühl vermitteln, dass hier etwas Originelles oder Einprägsames geboten wird. Aber sie haben sich bemüht. Das zählt. Herzblut.
U.D.O. starteten ihr letztes Konzert punkt halb zehn abends. Steelfactory-Kulisse, eine ordentliche Bühne – genau das Richtige, damit sich die Band entfalten und über die Bretter fliegen kann. Das überschaubare Publikum von gut hundert, vielleicht hundertfünfzig Menschen begrüßte zunächst Udos Sohn Sven Dirkschneider, der als Erster im Quintett die Bühne erklomm und sich über seine Schlagzeugfestung erhob, um das Publikum zu grüßen. Sofort darauf sprangen auch die anderen drei Jungs auf die Bühne: die Gitarristen Andrey Smirnov und Fabian „Dee“ Dammers sowie natürlich unser Tilen Hudrap am Bass. Nicht lange danach erschien in den Nebeln die berühmte legendäre Silhouette des charismatischen Udo Dirkschneider, und die Band feuerte mit allen Salven los beim eingängigen Tongue Reaper – einem der führenden Zerstörer des neuen Albums „Steelfactory“.
Wie man es von U.D.O. gewohnt ist, spielen sie immer auf volle Kraft – egal ob vor einer Handvoll Leuten oder vor einer mehrere Tausend Köpfe zählenden Menge. Das ist das Gesetz, und der große Anführer Udo Dirkschneider weicht von diesem Postulat keinen Millimeter ab.
Vorab sei gesagt, dass Udo Dirkschneider die gesamte Tournee über mit einem verletzten linken Knie auf der Bühne stand, weshalb die Durchführung der Tournee zeitweise in Frage stand. Aber der herzhafte und unverwüstliche Mann bewies einmal mehr, dass er aus feinstem Stahl gemacht ist – er verzichtete auf die Knieoperation, um seine Fans nicht zu enttäuschen. Eine andere Sache ist die Chemie, die die neue Besetzung ausstrahlt. Udo wirkt aufgeräumt, eine außerordentlich gute Stimmung strahlt er bei den Shows aus. Ungezwungenheit. Das haben wir im Februar in Tschechien in Prag und Zlín gespürt, und der Auftritt der Band in Parma bestätigte es erneut. Obwohl die Handvoll Leute sehr zurückhaltend wirkte – mit ein paar verrückten Köpfen, die sich sporadisch im ansonsten ruhigen Publikum bewegten, und natürlich drei wahnsinnigen Slowenen obendrauf –, was für das Land des ewigen „Sich-Verbeugens“ vor dem Parmesanrad und der übrigen südlichen Garde eine vollkommen unvorstellbare Erkenntnis ist. Offensichtlich hat sich die Formel der Integration der vier Jungs für Udo voll ausgezahlt. Die Truppe harmoniert hervorragend, kennt bereits die eingespielten Tricks und Kniffe und hält ständig engen gegenseitigen Kontakt. Udos Ohr ist wachsam und aufmerksam und duldet keine Ausrutscher – das musste auch Bill Hudson sehr schnell am eigenen Leib erfahren und flog aus der Band. Das Quintett ist enorm agil. Udos Bewegungseinschränkung wegen des Knies fällt überhaupt nicht auf, denn Tilen, Fabian und Andrey sind ständig in voller Aktion und nehmen verschiedene Positionen auf der Bühne ein. Gleichzeitig ist es ohnehin Udos Stimme, die das grundlegende Element ist, das die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Dynamik – das Hin- und Herlaufen, das Schulter-an-Schulter-Stehen – ist während des Konzerts durchgehend enorm, und Udo wirkt dabei wie eine Fliegeralarm-Sirene in seinen besten Zeiten. Seine Stimme hat kein bisschen an Kraft und Charisma verloren. Sie bleibt die scharf geschliffene Motorsäge, die ihm dankbarerweise bei seiner Geburt im Hals stecken geblieben ist und ihn als Vokalisten in keiner Weise im Stich lässt. Seine einzigartige, durchdringende und äußerst eindringliche, kreischend hohe Stimme bleibt makellos, ausdrucksstark und weckt wie immer eine Art ehrfürchtigen Respekt. Vor diesem Mann spürst du, bei aller Faszination und Hingabe, nur ein hohes Maß an Ehrerbietung.
Da ist Make the Move, dargeboten mit Anklängen an die Accept-Klassiker-Interpretationen von Living For Tonight – aus der Ära der Dirkschneider-Tourneen, als U.D.O. unter dem Namen Dirkschneider ausschließlich Accept-Material spielten und damit bewiesen, dass sie es überzeugender interpretierten als die heutige Accept-Crew. Du wirst sagen „Logisch!“ – schon allein deshalb, weil Udo singt. Aber auch die instrumentale Umsetzung selbst, vor allem dank des „verrückten“ Russen Andrey Smirnov, ist überzeugender.
Kurzum. „Steelfactory“ wurde beim Konzert bevorzugt, was einzig und allein richtig ist. Sowohl das eingängige und anthemische Raising High, dann das besonders hervorragende, melancholische In The Heat Of The Night mit seinem äußerst faszinierenden Refrain, als auch in der zweiten Hälfte eine richtige Party mit Hungry And Angry – erneut eingeleitet durch das witzige Solo-Duell von Sven und unserem Juwel Tilen Hudrap –, sowie zum Abschluss des regulären Sets einer der eingängigsten Tracks des neuen Albums, nämlich One Heart, One Soul – all das sorgt für außerordentliche Vibration und atmosphärische Dichte. Verdammt nochmal, wir reden hier von neuen Songs, nicht von Kult-Klassikern. Herausragend waren zweifellos in erster Linie das wahnsinnig zerstörerische Timebomb, dann die Überraschung mit dem „Facess World“-Track Heart Of The Gold, weiterhin absolut die Tracks des Debüts „Animal House“ – nämlich das hervorragende, ruhige In The Darkness –, und im großen Encore das erwartete Animal House sowie zum Abschluss They Want War. Die Band vergaß nicht, eine der bestgearrangierten Balladen der späteren Schaffensperiode zu spielen, nämlich I Give As Good As I Get („Rev-Raptor“, 2011), vergaß nicht das faszinierende „Holy“, als sie im ersten Encore den Titeltrack anging – auf jeden Fall musste auch einer der besten Songs von Udos Karriere erneut erklingen: Independence Day vom Album „Solid“, bei dem Tilen ausgiebig in die Basssaiten griff –, sowie das witzige 24/7 vom Album „Mission Nr. X“. Eine hervorragende Setlist und ein Konzert, das von einer eingängigen, primordialen Heavy-Metal-Philosophie getragen wird, die nicht deutscher sein könnte – ein Konzert, das dich einfach mitreißt und trägt und trägt und das vorbei ist, bevor es angefangen hat. Die Band spielte die volle Setlist, kürzte das Repertoire nicht – trotz des eher mageren Besuchs, der an die löchrige Halle VPK Mediapark im Jahr 2004 erinnerte, als U.D.O. damals sogar einmalig in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana gastierten (leider wahrscheinlich erstmals, letztmals und nie wieder). Kurzum. Die originäre deutsche Sünde des Heavy-Metal-Phrasierens, kombiniert mit einer Stimme, die zu jenen gehört, die Metal definiert haben – zu Udo gesellt sich noch Dio, Halford, Lemmy und Ozzy.
Noch ein unvergessliches und unbezahlbares Treffen mit dem legendären Vokalisten und seiner erneuerten Truppe von vier ungezähmten Jungs, die sich beweisen wollen. Außerordentliche Vibration!
An dem Tag, an dem RockLine die Rezension des letzten U.D.O.-Konzerts der Steelfactory-Tournee veröffentlicht, feiert der große Udo Dirkschneider seinen 67. Geburtstag. Die Redaktion unseres elektronischen Musikmediums wünscht der Legende zu ihrem Jubiläum alles in Hülle und Fülle!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. Tongue Reaper
2. Make the Move
3. 24/7
4. Mastercutor
5. A Cry of a Nation
6. Metal Machine
7. Independence Day
8. In the Heat of the Night
9. Vendetta
10. Rising High
11. Guitar Solo (Dee Dammers)
12. In the Darkness
13. I Give as Good as I Get
14. Timebomb
15. Bass/Drum Solo
16. Hungry and Angry
17. Heart of Gold
18. One Heart One Soul
—Zugabe I.—
19. Holy
20. Animal House
—Zugabe II.—
21. Man and Machine
22. They Want War







































