Vulture Industries und der neue Tanz der Avant-Metal-Freaks mitten in Ljubljana (2026)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2026
0 168

Vulture Industries (Vorband: Rai)
Ljubljana / Menza pri koritu / Slowenien
Samstag, 14. 3. 2026, 20:30–23:00 Uhr


Vulture Industries. Um es direkt zu sagen – eine der ‚verrücktesten‘ Bands in der Metal-Szene im Moment. Global gesehen. Norweger natürlich. Skandinavien galt schon immer als Brutkasten musikalischer Seltsamkeit. Wenn dir kein anderes Label bleibt als Avantgarde, dann ist es eben Norwegen, das für eine ganze Reihe solcher Freaks bekannt ist. Vor allem auf dem Feld der Fusion von Progressive mit Jazz usw. Nur die Norweger schaffen es, in dieser Hinsicht dem Land nahezukommen, das beim musikalischen Wahnsinn die Nase vorn hat – Frankreich. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Vulture Industries sind Stammgäste in Slowenien. Sie haben hier mehrfach gespielt, auch im Rahmen der ehemaligen Metal Camp und Metaldays Festivals. Doch auf ihren neuen Klubauftritt musste man satte 12 Jahre warten. Zuletzt spielten sie 2014 in der Mariborer MC Pekarni (RockLine Konzertrezension). Unvergesslich bleibt natürlich auch ihr legendärer Auftritt im Ljubljanaer CUK Kino Šiška am 3. 2. 2012, beim 10-jährigen Jubiläum des KD Veseli Dihurčki. Nun haben Črt und Matej auch diesmal dafür gesorgt, dass die Handvoll ‚wahnsinniger‘ Fans dieser Band auf ihre Kosten kommt, und die wackeren Norweger auf die Klub-Bühne der AKC Metelkova eingeladen. Die Menza? Auch wenn ich dort seit mehr als 10 Jahren nicht mehr war und auch wenn der Klub seitens der wachsamen Schirmherrschaft der Stadtgemeinde Ljubljana kürzlich das ’schmeichelhafte Etikett Sicherheitsrisikogebiet‘ verpasst bekam – in ihr hat sich (zum Glück) in dieser Zeit rein gar nichts verändert.

Genug der sarkastischen Reflexionen – auf zum Geschehen. Als Opener wärmten Rai das Publikum auf. Eine slowenische Band. Slowenisch? Wenn du sie live erlebst, wäre das das Letzte, woran du denkst. Eine wunderbare Wahl als Auftakt für den Konzertabend. Um es direkt zu sagen: Das ist eine Band, der man das Etikett Progressive Metal anheften kann, die sich dabei aber keineswegs einschränkt. In ihrem Ausdruck verwebt sie viele Genres – vom Kabarett bis zum Pop, aber auch Jazz. Dabei bewahren die Kompositionen trotz aller Lebendigkeit und mehrfacher atmosphärischer Umbrüche das Gefühl eines roten Fadens, was ihnen die eingängige Melodie der Refrains sichert. Die Band trat als Quintett auf – also mit einem Gitarristen weniger. In knapper Spielzeit präsentierte sie fünf Nummern und machte klar, dass Rai Perfektionisten sind – vor allem stach in der Setlist Frederick’s Dream heraus (mit dem Song haben sie beim letztjährigen EMA ordentlich für Aufsehen gesorgt): eine eigenartige Kollision von Kabarett und Metal, bei der die Band im Einleitungsteil bewusst einen Teil des Grace Jones-Hits Libertango einbaute. Clever, auf seine Art.

Das ist eine Band mit großem Potenzial, auf der globalen Musikbühne sichtbar Fuß zu fassen. Im vergangenen Jahr haben sie ihr Debüt veröffentlicht. Ein Doppelalbum, das in zwei Teilen erschien. Im Sommer 2025 die erste Hälfte namens „Reason“, im Herbst 2025 dann die zweite namens „Heart“. Im Mittelpunkt steht Vokalist Vanja Rok Vrtovec, der nicht nur mit enormer Charisma und erstklassigem, oft humorvoll-düsterem Vortrag der Verse aufwartet, sondern auch in der Schauspielrolle zu Hause ist (Frack, Zylinder…) – weshalb der Auftritt der Band immer wieder wirkt, als befände man sich im Theater bei einer Kabarett-Show. Die Band spielte zum Abschluss ihren (derzeit) bekanntesten Hit Cinema. Rai ist eine Band, die es in Slowenien so noch nicht gegeben hat. Eine absolute Bereicherung der Szene, die weiter greifen kann. Deutlich weiter als die Grenzen Sloweniens. Die Entwicklungsansätze sind sehr vielversprechend. Auch was den Umgang mit Versmetrik in englischer Sprache betrifft. Ich kann mich an keine slowenische Band erinnern, die dieses Element mit solcher Brillanz beherrscht. Von der technischen Klasse der einzelnen Bandmitglieder will ich gar nicht erst anfangen. Trotz des fehlenden Mitglieds war dieser Auftritt außerordentlich überzeugend.

Vulture Industries sind eine Band, der es in all diesen Jahren trotzdem gelungen ist, eine Handvoll slowenischer Musikfans für sich zu gewinnen. Wirklich nur eine Handvoll. Wir waren um die 30. Irgendwo dort. Aber das Lustige dabei ist, dass man bei ihren Auftritten immer dieselben Gesichter trifft. Das ist es eben. Eine glückliche Familie von Auserwählten – eine fröhliche, ungezähmte Bruderschaft von Legenden der slowenischen Metal-Szene.

Die Band, die nach der Umbenennung von Dead Roses Garden im Jahr 2003 faktisch durchgehend in unveränderter Besetzung agiert, lieferte erwartungsgemäß eine Vorstellung der Extraklasse. Im Mittelpunkt steht kein anderer als der verrückte, wortgewaltige Doktor und Donnerer – Vokalist und (beinahe Bühnen-)Schauspieler Bjørnar Nilsen. Diesmal hatte er kein Leuchtmittel auf dem Kopf. Hut, schicker Anzug. Als Einziger, im Gegensatz zu seinen Mitstreitern, in Schuhen. Wenn es kein ‚Herumblödeln‘ gab, hatten die Augen des Publikums meist ihn im Visier. Bjørnar Nilsen versteht es, das Publikum mit seinen Blicken zu hypnotisieren – vor allem wenn er auf charakteristische Weise die Augen aufreißt. Ein Kerl mit außergewöhnlicher Charisma. Die könnte man exportieren. Die Band ist perfekt eingespielt. Patzer kennt sie nicht. Alles ist ungemein pedantisch und präzise ausgeführt. Bjørnar nimmt auf der Bühne natürlich den meisten Platz ein, was seinem Theatereinschlag geschuldet ist, der stellenweise komisch-theatralisch wirkt, dann aber auch wahnsinnig und ein wenig bizarr. Die restlichen Jungs in der Band halten da zumindest insofern mit, als sie barfuß auf der Bühne stehen.

Das Konzert war ein Exklusivauftritt. Die wackeren Norweger machten sich auf eine ausgesprochen kurze Tournee – gerade mal zwei Konzerte. Das erste bei uns auf der Metelkova, das zweite am nächsten Tag in Budapest. Mitgebracht haben sie auch jede Menge Merch, und das war für den alten Onkel, der kein Fan von Online-Bestellungen ist, ein wunderbares Erlebnis – direkt eine ihrer Vinyl-Platten mit nach Hause nehmen zu können.

Die Band eröffnet das Konzert mit dem „The Tower“-Track The Dead Won’t Mind. Ein exzellenter Eröffnungskatalysator für das einzigartige Party-Theater, das Metal mit Bizarrerie vereint. Es folgt der erwartete Sprung auf das letzte Studioalbum „Ghosts From The Pasts“ (2023) mit zwei aufeinanderfolgenden Nummern. Zuerst das spitze New Lords Of Light, das die Konzertbühne über einen Gothic-Vers in ein melodisch-gieriges Haupt-Metal-Riff schnitt, und dahinter das ausgesprochen düstere Saturn Devouring His Young – mit dem garstigen, bösen, alten Onkel, der seine Kinder frisst. Die Atmosphäre, die diese Band schafft, ist schlicht einzigartig. Hypnotisch. Sie packt dich mit allem, was man von wirklich gutem Metal erwartet. Okkultismus, ausgeprägte Düsterheit, das Gefühl unausweichlichen Verderbens, von dem es keine Rückkehr gibt. Bjørnar ist unglaublich ansteckend. Ein außergewöhnlicher Schauspieler, Interpret. Du frisst ihm aus der Hand. Und bei all dem dunklen Gemetzel, das die Band inszeniert, ist er am Ende – obendrein – schwarz-komisch unterhaltsam!

Das Konzert lief im Schnelldurchlauf. Das Repertoire umspannte alle Schaffensphasen der Band. Das Tolle an Vulture Industries ist, dass sie ständig überraschen. Bei der Gestaltung ihrer Kompositionen weißt du nie, was die Band dem Publikum als Nächstes serviert – weitere Analyse würde nur Zeit kosten. Schlicht gesagt: Falls ihr die Band noch nicht kennt und euch zu den verwöhnteren musikalischen Feinschmeckern zählt, ist es höchste Zeit, diese Gruppe zu entdecken! Sie sind (im Grunde) progressiv, aber gerade genug ins Artistische eingetaucht, um ans Avantgardistische zu streifen. Weder Doom noch Black Metal sind ihnen fremd, und gerne driften sie auch in Gefilde des Jazz-Black-Metal-Kabaretts ab (Blood Don’t Eliogabalus). Ihr habt die Wahl.

Ich weiß es gar nicht genau, aber plötzlich waren wir beim Finale. Bjørnar sagte, der nächste Song handle von seinen Gefühlen, wenn er die Abendnachrichten im Fernsehen verfolgt. Es war das abschließende Lost Among Liars. Dem würde selbst Nick Cave zuhören. Am Ende verlässt nur Bjørnar die Bühne. Die Band ruft ihn zurück. Die Gruppe legt erst mit dem spöttischen Deeper los (vom letzten Album), wo Metal mit der Melodie eines mexikanischen Westerns köchelt – und Bjørnar schafft es dabei, die Handvoll Anwesende zum Mitsingen zu animieren. Und dann der Song, den Vulture Industries immer sehr gerne für den Schluss aufheben: Blood Don’t Eliogabalus. Der unheilvolle Riff-Drive auf holprigem Rhythmus bringt beim Publikum sogar ein paar Halswirbel in Bewegung. Zerstörerisch und theatralisch. Ins Finale – und das endgültige Ende, das kam. Schnell und unangekündigt.

Vulture Industries errichten während ihres Konzertauftritts ihre eigene Welt. Eine so besondere, dass sie nur die Seltsamsten in sich aufnimmt. Wir Besonderen waren an diesem Abend in der Menza eine kleine Schar. Eine Handvoll Besonderer, die grenzenlos die musikalische Einzigartigkeit dieser außergewöhnlichen Band genoss.

Text: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Rai – Setliste:
1. Daydream
2. Above Me
3. Royality
4. Frederick’s Dream
5. Cinema

Vulture Industries – Setliste:
1. The Dead Won’t Mind (intro)
2. New Lords Of Light
3. Saturn Devouring His Young
4. Tales Of Woe
5. The Bolted Door
6. This Cursed Flesh
7. Grim Apparitions
8. As The World Burns
9. Screaming Reflections
10. Strangers
11. The Pulse Of Bliss
12. Lost Among Liars
—Zugabe—
13. Deeper
14. Blood Don’t Eliogabalus


Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki