Leprous – die Flügel der Magie der Progressive-Rock-Exzentriker haben Ljubljana wieder erobert! (2026)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2026
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Auftreten: Leprous, Vorgruppen: Ihlo & Crystal Horizon
Datum: Dienstag, 3. 2. 2026, von 19:45 Uhr bis 23:00 Uhr
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien


Ab und zu fällt auf Slowenien auch ein Lichtstrahl aus der Welt des Progressive Rock. Gemessen daran, wie reich und allgegenwärtig das Genre in der globalen Musiklandschaft ist, hinkt unser Raum ihm seit jeher um Lichtjahre hinterher. Die wenigen Progressive-Rock- und Progressive-Metal-Fans in Slowenien – man kann sie an einer Hand abzählen – reisen meistens mehr als 1000 km zu Spielorten, wo beide Genres seit Jahrzehnten zuhause sind. Notfalls auch auf die britischen Inseln, in den Norden Polens oder Deutschlands, sogar ins bulgarische Plovdiv. So läuft das eben. Slowenien gilt daher schon fast sprichwörtlich als Funkloch – ein riesiges schwarzes Loch ohne jegliches Gespür für Progressive Rock und Progressive Metal.

Was die skandinavischen Progressive-Metal-Exzentriker Leprous angeht, haben wir hierzulande das Glück, dass Leprous eine jener seltenen Bands sind, denen es alle paar Jahre gelingt, auch Slowenien zu besuchen. Das diesjährige Konzert der Band im Rahmen der „Melodies Of Atonement“-Tour (2024, RockLine Rezension) war bei uns – man glaubt es kaum – bereits das sechste. Zweimal traten Leprous beim Festival Metaldays auf. Viermal in Ljubljana. Erstmals 2010 im CUK Kino Šiška als Vorgruppe von Therion, dann im Orto bar 2013 und erneut im CUK Kino Šiška. Das war vor zwei Jahren, als sie ihr Album „Aphelion“ unterstützten und ein fantastisches Konzert ablieferten. Ein Konzert, das man so schnell nicht vergisst und das noch heute quicklebendig in unseren Ohren nachhallt (RockLine Konzertrezension).

Für Leprous ist es typisch, dass sie auf ihre Touren immer Bands mitnehmen, die stilistisch zu den „musikalischen Sonderlingen“ zählen. Bands, die Promotion brauchen, und Bands, die durch ihre Eigenartigkeit bei jedem Leprous-Konzert definitiv für zusätzlichen Reiz sorgen. Diesmal fiel die Rolle der ersten Supportband der Tour den jungen, vielversprechenden norwegischen Landsleuten Crystal Horizon zu. Das Quintett, das sein Set um 19:45 Uhr begann, präsentierte in exakt 25 Minuten das gleichnamige Debütalbum, das im März 2024 erschienen ist. Crystal Horizon machten durch ihr Material und ihren Auftritt deutlich, dass sie u. a. viel von Leprous lernen. Die verträumte Atmosphäre der Songs in mittlerem Tempo, geschickt ausgefüllt mit ausdrucksstarker Rhythmusarbeit, gut eingebetteten Gitarreneinschüben und einer geradezu „verrückten“ Akkordfolge, die Atmosphäre und Melodie völlig unerwartet in Gefilde der Überraschung entführt, hat in jeder Hinsicht mächtig Spaß gemacht. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht viel Publikum im Saal, doch Crystal Horizon überzeugten auch die frühen Besucher eindeutig von den großen Talenten, die das Quintett besitzt. Die Refrain-Melodien verdanken auch viel der Inspiration durch unvergessliche Pop-Evergreens der Achtziger. Die Band hat an diesem Abend im CUK Kino Šiška sicher eine Menge neuer Fans gewonnen.

Ganz anders verhält es sich mit Ihlo. Kurz vor Beginn ihres Konzerts hatte sich das Publikum ordentlich gedrängt. Die Band genießt bereits große internationale Bekanntheit und Unterstützung, was auch die begeisterte Reaktion der Menge während ihres Auftritts bestätigte. Das Publikum kannte das Material der Band sehr gut. Obwohl Ihlo ziemlich träge sind, was das Schreiben neuen Materials angeht, zählt letztlich die hohe Qualität des Veröffentlichten. Nicht jeder Artist bekommt einen Vertrag bei Kscope Records. Das zweite Album „Legacy“ erschien nämlich erst in diesem Jahr – dabei ist die britische Band schon zehn Jahre aktiv. Das Quintett ist technisch außerordentlich geschliffen. Präzise und ungemein eingespielt. Das sind Perfektionisten in Sachen Klang und Performance. Das erkannte das Publikum schnell – ein Publikum, das den Generationssprung zwischen der alten Progressive-Metal-Philosophie und modernen Bands verkörpert. Ja. Djent-geprägte Phrasierungen u. a. Auf jeden Fall. Von Dream Theater ist da keine Spur. Das Ganze liegt eher in der Nähe von Bands, die in der neuen Zeit neue Maßstäbe im Progressive Metal setzen, wie die Landsleute TesseracT oder Haken, und auch die Einflüsse von Porcupine Tree (gelegentlich auch Muse) sind auf Schritt und Tritt spürbar. Wahnsinn, wie sehr uns Ihlo mit ihrem Können und ihrer Show in den Bann gezogen haben. Komplizierte rhythmische Strukturen, abrupte und unerwartete Wechsel zwischen führenden Rhythmen, geschicktes Loopen mit programmierten Mustern, die die Klanglandschaft der Band eindrucksvoll kontrastieren. Andy Robison ist der Anführer, der nach der musikalischen Eingängigkeit von Gesangslinien sucht – und dabei stoßen wir erneut auf Finessen, die sich mit der Rhetorik des Achtziger-Pops verbinden lassen. Aber das machen heute auch die australischen Voyager sehr geschickt. Die 35 Minuten des Sets mit Fokus auf dem Material des Albums „Legacy“ vergingen wie im Flug, und die Band erntete mehrfach stürmischen Beifall! Brillant. In jeder Hinsicht. Eine Band, bei der wir hoffen, sie irgendwann nochmal live erwischen zu können. Auch klangtechnisch eine in allen Belangen triumphierende Show.

Die Bühne war in der Pause sehr, sehr weiträumig geworden. Den Hintergrund zierte das aufgespannte Cover des neuesten Leprous-Albums „Melodies Of Atonement“, auf dem ein mariner Tintinnid (Wimperntierchen) der Art Rhabdonella spiralis abgebildet ist. Zum besseren Verständnis sei angemerkt, dass es sich um einen einzelligen Organismus handelt, der sich von mikroskopischen Algen ernährt und u. a. auch im Mittelmeer lebt.

Leprous lieferten anderthalb Stunden Show ab. Genau wie erwartet. Der Saal war wunderbar gefüllt, ähnlich wie vor drei Jahren, wobei ein großer Zustrom aus den Nachbarländern kam – vor allem aus Italien und Österreich. Gut so. Leprous sind im Laufe der Zeit zu einer außerordentlich angesehenen Band herangewachsen. Die brauchen sich nichts mehr beweisen. Die treuen Fans strahlen bei ihren Konzerten mitunter schon echten Fanatismus aus. In der Art, wie sie auf alles reagieren, was von der Bühne auf sie einprasselt – kein Wunder, dass es dabei auch zum gelegentlich sehr lauten Mitsingen kommt. Im Mittelpunkt des Abends stand das neueste Album „Melodies of Atonement“, doch die Band widmete auch dem karrieretechnisch beliebtesten Album „Pitfalls“ (2019) mehr Zeit – aus dem sie neben den obligatorischen Below und The Sky Is Red, von der man sich auch in der Zugabe nicht trennen konnte, auch Alleviate spielten sowie ganz früh im Konzert I Lose Hope.

Es gibt immer einige Faktoren, die Leprous als künstlerische Entität auf einen besonderen Platz im musikalischen Universum heben. Eine der zentralen Figuren der Band ist Einar Solberg. Hauptkomponist, Multi-Instrumentalist und darüber hinaus ein unglaublicher Vokal-Chamäleon, der mit allem, was er stimmlich anpackt, schlicht verblüfft. Erneut stellte er die Vielschichtigkeit seines vokalen Reichtums unter Beweis. Ein Sänger mit tausend Gesichtern, ein Sänger, der für sich allein schon ein Unikat ist und der Band allein durch seine Persönlichkeit eine vollkommen eklektische künstlerische Haltung verleiht. Dann sind da noch die übrigen fünf Sonderlinge, die eine außergewöhnliche Balance aus Komplexität, unvorhersehbaren Stimmungswechseln, ruhigen Passagen – in denen Momente der Hypnose und der Psychedelik nie fehlen –, sowie abrupten Erschütterungen durch gnadenloses Phrasieren entwickeln. Die Achtsaiter tun das Ihrige. Die Klangwand ist phänomenal. Theatralik ist der zweite Name der Band. Vorne an der Bühnenkante gleich drei Podeste! Diese nutzten beide Gitarristen (während der Soli), am häufigsten aber Einar Solberg bei seinem predigerhaften Dirigieren.

Für einige sympathische Momente sorgte das Konzert, als Einar ziemlich lange an den Keyboards nach der richtigen Stimmung suchte, bevor er das absolute Highlight des Abends intonierte – das kantige Passing aus dem Debüt der Band „Tall Poppy Syndrome“ (2009). Er hatte schon nach dem Techniker gerufen, fand sich aber im letzten Moment doch selbst zurecht. In einer der Pausen verriet Einar außerdem, dass das CUK Kino Šiška von jeher zu den liebsten Konzertorten der Band zähle, wobei er nicht vergaß, an das erste Leprous-Konzert in Slowenien 2010 zu erinnern – und fragte ins Publikum: „Ist jemand unter euch, der 2010 hier bei unserem Konzert war? Ich werde die paar Menschen nicht vergessen, die unser Konzert einfach im Sitzen verfolgt haben. Sie saßen direkt vor der Bühne.“ Die Band überraschte obendrein mit der Integration eines großen Evergreens, der die Skalen des Achtziger-Pops auf den Kopf stellt – des Hits Take On Me, der im Original ihren Landsleuten A-HA gehört. Natürlich gespielt nach strenger Leprous-Rezeptur, bei der die Entfaltung der Melancholie in der Strophe des Leprous-Arrangements die Spur zum Original fast vollständig verwischt. Clever.

Das Spiel der Bühnenbeleuchtung trägt das Seine bei und erschafft nachdrücklich die außergewöhnliche Atmosphäre einer Parallelwelt, in der man sich befindet, wenn man Leprous live erlebt. Sie erschaffen ihre eigene Welt. Und diese Magie ist viel zu schnell vorbei. Nur wenige Konzerte laufen mit solcher Intensität und Geschwindigkeit ab. Leprous sind die definitiven Schöpfer dieser Magie. Sie kennen keinen Fehler, und jeder Handgriff, den sie während der Performance setzen, strahlt die große Leidenschaft aus, mit der sie an alles herangehen. Das nennt man Freude an der Live-Performance. Und wieder haben sie ihrem treuen Publikum genau das geliefert, wofür es gekommen war. Ihre ureigene Brillanz des musikalischen Perfektionismus – verblüffend und unaufhörlich begeisternd.

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ihlo – Setlist:
1. Legacy
2. Haar
3. Wraith
4. Source
5. Cenotaph
6. Union

Leprous – Setlist:
1. Silently Walking Alone
2. Illuminate
3. I Lose Hope
4. My Specter
5. Take On Me (orig. A-HA)
6. Below
7. Alleviate
8. Passing
9. The Price
10. Like a Sunken Ship
11. Slave
12. Castaway Angels
13. From the Flame
—Zugabe—
14. Atonement
15. The Sky Is Red (Outro)
16. Your Blood (orig. Nothing But Thieves, aufgezeichneter Abgang)


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