Von der Sauna bis zum eisernen Himmel! (2012)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 20.04.2012
Besucherzahl: 800
Kartenpreis: 27,00€ / 30,00€
Laibach! Ein Name, der sofort die Pupillen vor Staunen weitet, die Sinne auf Höchstspannung bringt und den Assoziationskortex des Gehirns in einen wilden Galopp blitzschneller Reflexionen treibt, die den menschlichen Geist aufwirbeln und erweitern! Laibach ist eine Band, auf die wir Slowenen besonders stolz sein müssen. Mit ihrem unerschöpflichen, im Universum einzigartigen avantgardistischen Erscheinungsbild und dem Anschein eines höchst hygienischen Kunst-Ergebnisses prägen sie stets die globale Musiklandschaft, die sich bei der Suche nach Ideen und Inspiration immer wieder an sie wendet. Und das bekennen auch die erfolgreichsten Künstler der Welt mit großem Stolz, besonders jene aus dem Industrial-Genre. Von Ministry bis Rammstein.
Laibach ist ein Begriff für den unaufhörlichen künstlerischen Schock. Was auch immer sie berühren, verwandelt sich in ein künstlerisches Unikat von unwiederholbarem Wert, im Glanz zeitloser Größe! Die neue Herausforderung des ständigen Wandels, die Laibach antreibt, fanden sie diesmal unter anderem in der Zusammenarbeit mit dem finnischen Regisseur Timo Vuorensola, dem die Filmidee schicksalhaft bei einer seiner kräftigenden Pausen in der finnischen Sauna »aufblitzte«. Für den Film »Iron Sky« nahmen Laibach die Einladung und das Angebot Vuorensolas an, den »Soundtrack« zu erstellen, und ein Teil des diesmaligen Konzertauftritts in Ljubljana war erwartungsgemäß auch der Präsentation dieses künstlerischen Werkes der mutigen finnisch-slowenischen Zusammenarbeit gewidmet.
Der Film Iron Sky, der am 11.02.2012 beim Filmfestival Berlinale großen Erfolg gefeiert hatte, wurde beim Abschlusskonzert der neuen Europatournee der Gruppe Laibach namens »We Came In Peace« uraufgeführt. Diese Ehre traf ausgerechnet den Auftritt im Kino Šiška in Ljubljana. In das Repertoire dieser Tournee haben Laibach auch Musik von den kommenden Alben ‘Laibach Revisited’ und ‘Reproduction Prohibited / An Introduction To… Laibach’ aufgenommen. Am Geburtstag von Adolf Hitler erlebte Iron Sky also seine Premiere genau in Ljubljana, vier Stunden vor Beginn des Konzerts der Gruppe. Eine sinnvolle Datierung mit zusätzlichem Symbolwert. Die anderthalb Stunden lange Science-Fiction-Geschichte, durchdrungen von reichlich schwarzem Humor, der die Parodie auf den Totalitarismus jeder Form nicht verbirgt, mit einem hervorragenden Endergebnis, das ohne Sieger bleibt – die Überlebenden auf der dunklen Seite des Mondes und in der Stadt in Form eines Hakenkreuzes erkennen, dass die Erde anders ist und es besser ist, auf der dunklen Seite des Mondes zu bleiben. Mehr noch. Nach der gescheiterten Invasion der Erde nehmen sie rassische Andersartigkeit in ihre Mitte auf. Die Erdlinge hingegen bleiben weiterhin Sklaven der weltweiten amerikanischen Tyrannei. Auch im Jahr 2018, in dem die Handlung des Films angesiedelt ist. Ein Film, den du dir ansehen musst. Ein Film, der schockiert und erschüttert, der deine Gedankenknoten ordentlich durchlüftet und den Geist erweitert! Ein Film, bei dem du dem Ansturm starker Eindrücke nicht entkommen wirst, die dich noch lange nach dem Kontakt mit seiner Botschaft intensiv erschüttern werden.
Um neun Uhr ist alles bereit für den Beginn des Auftritts von Laibach. Verdammt. Bis fast halb zehn abends quoll das Eingangsfoyer vor lauter Neugierigen über, die sich kunterbunt hineingezwängt hatten, was die Paparazzi-Fotografen auf der offenen Treppe über dem Foyer weidlich ausnutzten und dafür »zum Dank« seitens des Publikums ein paar hochgestreckte Mittelfinger kassierten. Um 21 Uhr 35 eröffnet das Konzert mit dem ersten Teil, der Klassiker der Gruppe in der Konzertbesetzung Milan Fras (Gesang), Ivan Novak (Licht, Projektionen), Mina Špiler (Gesang, Hintergrundgesang, Synthesizer), Janez Gabrič (Schlagzeug), Luka Jamnik (Synthesizer) und Sašo Vollmaier (Synthesizer) bietet. Der erste Teil war neu arrangierten, aufgefrischten Klassikern aus dem frühen Teil der Karriere gewidmet. Eigentlich hatte Laibach diesen Vorgeschmack bereits in Trbovlje am 24.09.2010 geboten (Smrt za smrt, Brat moj, Država). Die einleitende Psycho-Kybernetik wurde durch eine weitere, für 2012 überarbeitete Komposition aufgelockert: Die Liebe, bei der Mina Špiler erstmals den Leadgesang übernahm (im Original des Albums »Slovenska akropola« wird dieses Stück von Anja Rupel gesungen). Das theatralische französische Rezital Le Privilege Des Morts, als Fras das »Bibel«-Äquivalent Kapital in die Hände nahm, wurde von einer erschütternden Projektion der Ausführung des japanischen Rituals Seppuku auf der Hintergrundleinwand begleitet. Der erste Konzertteil fand sein Ende, in dem Mina Špiler erneut die Hauptrolle übernahm – mit einer Neuinterpretation des Beatles-Klassikers Across The Universe.
Es folgt »Iron Sky« – der Hauptteil des Konzerts, mit dem einleitenden (ankündigenden) Take Me To Heaven (einem raffiniert gewürzten Arrangement der Integration slowenischer Volksmelodik und Zither), dem episch-marschierenden B Mashina, dem »Volk«-Stück America, das im Film Iron Sky in der Szene des chaotischen Kampfes im Sitz der Vereinten Nationen verwendet wird, sowie dem abschließenden Under the Iron Sky, bei dem sich jene, die den Film Iron Sky verpasst hatten, davon überzeugen konnten, was die gewaltige versteckte Waffe namens Götterdämmerung (»Wagnerismen« gibt es im Film Iron Sky nämlich in Hülle und Fülle) anrichten kann, die im Film mit einem einzigen Schuss 10 % des Mondes absprengt.
Der dritte Konzertteil war dafür vorgesehen, das Geschehen auf den atmosphärischen Höhepunkt zu treiben. Er bestand aus bewährten Hits und einem bildstarken Abschluss mit dem Stück ‘Warme Lederhaut’, einer Coverversion des Originals ‘Warm Leatherette’, das im Rahmen des Projekts The Normal entstand. Letzteres erlebte in dieser Form seine Premiere durch Laibach im Mai 2011 beim Festival »Short Circuit presents Mute«; eine weitere, keineswegs weniger Laibach-typische Version des Stücks Love On The Beat, das im Original von Serge Gainsbourg stammt, schloss den regulären Auftrittsteil ab.
Etwas anderes als eine außergewöhnlich intensiv aufgeladene Atmosphäre im Kino Šiška war nicht zu erwarten. In manchen Momenten hat das ekstatische Reagieren der randvoll gefüllten Halle an diesem Abend auch den unverwechselbaren ersten Laibach-Charakter Milan Fras tiefer berührt. Der Interpret, der für seinen finsteren Weltuntergangsblick bekannt ist – die leibhaftige Bühnenverkörperung eines fiktiven Kaisers in seinem Kriegsraum des Staates Laibach –, schenkte dem Publikum an diesem Abend etliche spontane Lächeln. Was für eine Überraschung. Zur besonderen Atmosphäre trug auch die sorgfältig ausgewählte Garderobe vieler Besucher bei, die mit der Symbolik der Laibach-Fetische kokettieren.
Laibach kommen für die Zugabe zurück – hier ist das Album »Opus Dei« – und bringen das Publikum mit den neu aufgepeppten »Stahlseilen« des eisernen Repertoires Leben Heiβt Leben (Orig. Opus) und Geburt Einer nation (Orig. Queen »One Vision«) auf den Höhepunkt; die erste Zugabe krönen sie mit einer Coverversion von Bob Dylans ‘Ballad Of A Thin Man’, die Laibach zu Dylans 70. Geburtstag erarbeiteten und die in das gesamtslowenische Projekt zur Neuinterpretation von Dylan-Klassikern aufgenommen wurde, an dem im letzten Jahr auch Vlado Kreslin, Katalena, Zoran Predin, Hic et Nunc, Mia Žnidarič, Niet, 6 Pack Čukur, Severa, Chris Eckman & the Frictions, Brina, Peter Lovšin, Murat & Jose mitgewirkt hatten.
Die Hypnose hat gewirkt. So stark sogar, dass die Leute die Halle einfach nicht verlassen wollten und lautstark die Rückkehr der Band auf die Bühne forderten. Laibach kehrten nach einigen Minuten, als einzelne Besucher bereits die Geduld verloren und die Halle verließen, noch einmal auf die Bühne zurück und spielten das bewährte Das spiel ist aus, ehe sie nach knapp zwei Stunden einen abermals einzigartigen und unvergesslichen Konzertabend zu Ende brachten!
Man kann sagen, dass Laibach das Kino Šiška aufgemischt hat! Die Inkarnation einer neuen Sphäre des einzigartigen Laibach-Universums und seines Gleichgewichts hat ihre volle Manifestation erlebt, die in ihrer Absicht einmal mehr schockiert und erschüttert hat. Und das ist erst der Anfang. Wie gesagt. Es folgen neue Releases und noch mehr Laibach-Konzerte. Alle auf der Lauer!
Setlist
- Mi kujemo bodočnost
- Smrt za smrt
- Brat moj
- Ti, ki izzivaš
- Država
- Die Liebe
- Leben-Tod
- Le Privilege Des Morts
- Across the Universe
- Take Me to Heaven
- B Mashina
- America
- Under the Iron Sky
- Tanz mit Laibach
- Alle Gegen Alle
- Du bist unser
- Warme Lederhaut
- Love on the Beat
—Zugabe I.— - Leben heißt Leben
- Geburt Einer Nation
- Ballad of a Thin Man
—Zugabe II.— - Das Spiel ist aus
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