The Violent Sleep of Reason

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Autor: Primož Novak

Interpret: Meshuggah
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 58:55
Bewertung: 4.5/5

Meshuggah hätten sich vor zehn Jahren wahrscheinlich nicht vorgestellt, dass gerade sie einen neuen Trend im Metal auslösen würden. Noch weniger hätten sie sich wohl vorgestellt, dass jedes neue Album so sehnsüchtig erwartet werden würde wie die Alben großer Bands, die auf Festivals als Headliner des Tages spielen.

Als 2008 das Album ObZen erschien – und mit ihm der revolutionäre Song Bleed –, wuchs die Fanbasis enorm. Davor hatte die Band kaum Erfolg gehabt, abgesehen von der US-Tournee im Rahmen des Ozzfest. Die Alben waren anstrengend zu hören, kompliziert und zu unkonventionell. Doch die Zeiten änderten sich: Meshuggah passten sich der Masse an, ließen komplexe Konzepte fallen und wurden so zu Vorreitern des technisch geprägten Metals. Und das ohne Kitsch und schmalzige Refrains! ObZen ist zweifellos ein Meisterwerk. Mit Koloss bestätigte sich dann, dass Meshuggah mit dem Fokus auf Groove der Masse mehr gefallen wollen. Koloss bekam relativ gute Kritiken, doch einige Rezensionen beanstandeten, dass dem Album das Wesentliche fehle: Unberechenbarkeit. The Violent Sleep Of Reason lässt sich daher auch als Nachprüfung betrachten. Bei Koloss hatte man zeitweise den Eindruck, die Band habe sich verausgabt.

Eines steht zweifellos im Einklang mit dem Stil der Band: Meshuggah haben sich nicht weichspülen lassen. Auch wenn sie deutlich zugänglicher sind als früher. Doch bei Meshuggah gilt nach wie vor: Sie sind emotionslos aggressiv, ohne Schönfärberei – das Gegenteil von dem, was Djent-Bands durch den ständigen Einsatz melodischer Vocals, Harmonik und netter Ambientpassagen zeigen. Meshuggah werden bald 30 Jahre alt, und in der ganzen Djent-Flut kann man sich fragen: Was haben sie eigentlich noch zu zeigen?

So mancher Zweifel verstummt bereits beim ersten Song »Clockworks«, der wahrscheinlich der intensivste seit »Bleed« (ObZen – 2008) ist. Der Song mit seiner dynamischen Rhythmik, in der das Schlagzeug des verrückten Tomas Haake dominiert – der nach all den Jahren noch immer mit seinen abgedrehten Rhythmen und Polyrhythmen überrascht –, macht unmissverständlich klar, dass das Chaos längst nicht aufgegeben wurde. Haake zeigt gleich zu Beginn, dass Fusion-Jazz für ihn noch immer ein gutes Vorbild ist. Auch wenn das Ganze massiv und modern klingt, merkt man, dass sich die Band auch am Album Chaosphere (1998) inspiriert hat. »Clockworks« lässt sieben volle Minuten nicht nach. Das ist ein Song, bei dem sich alte wie neue Fans die Finger lecken werden – und den jeder Schlagzeuger, der komplex spielen möchte, analysieren wird. »Clockworks« ist der perfekte Opener. Die Kraft der Achtsaiter macht sofort klar, dass Meshuggah hier konkurrenzlos bleiben, auch wenn in letzter Zeit eine riesige Zahl von Bands aufgetaucht ist, die Acht- oder Mehrsaiter spielen – ohne aber an die Kraft von Meshuggah heranzukommen. Der zweite Song »Born In Dissonance« ist ein ziemlich typischer Track, der als erster vorab veröffentlicht wurde. Nicht mehr als ein durchschnittlicher Song, der es mit Unberechenbarkeit und seltsamen Wendungen nicht übertreibt.

Der dritte Song »MonstroCity« zeigt Meshuggah wieder in ihrem richtigen Licht: extrem wuchtige, teils atmosphärische Gitarren, und Gitarrist Fredrik Thordendal setzt mit seinem atonalen Solo noch das Tüpfelchen auf das i. Wenn Thordendal vielleicht nicht begeistert, ist die Wucht dieses Songs umso überzeugender. Mit dem langsameren »By The Ton« berührt die Band das Territorium des Albums »Nothing«. Trotz des schleppenden Tempos halten Meshuggah das Komplexitätsniveau mit synkopierten Riffs aufrecht, und vor allem spürt man hier, dass die Band mit Sludge Metal liebäugelt. Der Titelsong zeigt erneut, wie intensiv Meshuggah sein können. Wieder ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Band einen Song interessant aufzubauen weiß, der sich durchgehend steigert. Wie bei den vorherigen Songs wird deutlich, wie wichtig bei Meshuggah der Einsatz der rechten Hand ist. Das schwedische Quintett spielt außerdem gerne mit Tempowechseln. Ein gutes Beispiel dafür ist »Ivory Tower«, das in der zweiten Hälfte ein ganz anderes Tempo hat als am Anfang.

Zu den interessantesten Momenten des Albums zählen zweifellos »Stifled« und »Nonstrum«, wobei der erste nahtlos in den zweiten übergeht. »Stifled« ist ein eher groove-orientierter Song, der mit einer ruhigen Ambient-Transition endet, die in »Nostrum« eine brutale Fortsetzung findet – dort stechen Haakes Spielereien auf der Snare heraus, während die Gitarren im zweiten Teil des Songs ihre gnadenlose Kraft zeigen. Die Verbindung zwischen den beiden Songs lässt ahnen, dass Meshuggah noch Spielraum für ein interessantes Konzeptalbum hätten.

Meshuggah lassen auch gegen Ende nicht nach. Mit »Our Rage Won’t Die« kommen Assoziationen an ältere Veröffentlichungen auf, doch das Ganze ist schön in ihre moderne Form gekleidet.  Den Abschluss bildet diesmal »Into Decay«, das langsam ist, aber weder ruhig noch verträumt. Der Sludge-Anstrich unterstreicht erneut die Vielseitigkeit des Albums, bei dem sich am Ende zeigt, dass Meshuggah wieder ein Spitzenprodukt abgeliefert haben.

Das Schreiben des Albums lag nicht allein in den Händen des Schlagzeugers und des Gitarren-Duos. Die Vielseitigkeit ist deutlich spürbar. Wo das Schlagzeug dominiert, ist mehr als offensichtlich, dass Haake den Song geschrieben hat. Als Songwriter war diesmal auch Bassist Dick Lövgren dabei, der nicht nur herkam, um seinen Part aufzunehmen. Die Gitarrenarbeit von Mårten Hagström und Fredrik Thordendal ist zweifellos ausgereift. Thordendal hält an seinem atonalen, dissonanten Solostil fest – das ist bei ihm seit jeher Gewohnheit. Der uninteressanteste Part ist Sänger Jens Kidman, der zwar gut artikuliert und interessante Linien entwirft, dessen Gesang aber zu eintönig ist. Außerdem ist mehr als offensichtlich, dass er nicht mehr die Kraft hat, die er einst hatte.

Eine der interessanteren Sachen am Album war der Aufnahmeansatz selbst. Die Band kehrte nämlich zu analogen Verstärkern zurück. Meshuggah waren nämlich einer der Hauptvertreter digitaler Verstärker, doch diesmal wollten sie eine Veränderung – die sich offensichtlich ausgezahlt hat. Außerdem haben sie alles live eingespielt, sodass das Album am Ende noch natürlicher klingen soll. Mit dem organischeren Ansatz haben Meshuggah absolut nichts eingebüßt. Sie klingen modern und originell. Und mit Sound und Atmosphäre vermittelt das Ganze dem Hörer nach wie vor das Gefühl, in einer dystopischen Welt gefangen zu sein.  

Tomas Haake, der für das rhythmische Irrenhaus dieses Werks gesorgt hat, zeichnet auch für die Texte verantwortlich. Haake verfügt seit jeher über einen reichen Wortschatz und erkundet auf jedem Album verschiedene Themen. Auf diesem Werk hat er sich aktuellen Ereignissen gewidmet und interpretiert auf seine eigene Weise Terrorismus, Naturkatastrophen, Extremismus, religiöse Dogmen, politische Streitigkeiten usw.

Meshuggah haben sich nicht verändert. Produktionstechnisch ist das Werk wirklich wuchtig, der Stil selbst bleibt gleich. Die Instrumente kommen klar durch, sogar der Bass ist gut zu hören. Große Ausflüge ins Experiment gibt es aber nicht mehr, wie sie das vor mehr als einem Jahrzehnt noch getan haben. Auch finanziell würde sich das nicht lohnen. Ihre Glaubwürdigkeit leidet darunter allerdings nicht. Wenn nichts anderes: Meshuggah sind konsistent und verlässlich.

Meshuggah bestätigen mit The Violent Sleep Of Reason, das stark, vielseitig und komplex ist, dass sie noch immer auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte sind. Das Album, das auch in die Vergangenheit schielt, wird zweifellos neue Fans begeistern – und jene kleine Handvoll alter.

Besetzung

Jens Kidman – Gesang
Fredrik Thordendal – Gitarre
Mårten Hagström – Gitarre
Tomas Haake – Schlagzeug
Dick Lövgren – Bass

Produktion

Meshuggah, Tue Madsen (Mix, Mastering)

Tracklist

  1. Clockworks
  2. Born In Dissonance
  3. MonstroCity
  4. By The Ton
  5. Violent Sleep Of Reason
  6. Ivory Tower
  7. Stifled
  8. Nostrum
  9. Our Rage Won’t Die
  10. Into Decay
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