The Tides Return Forever
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Eloy
Label: SPV Records
Veröffentlichung: 1994
Bewertung: 4/5
„The Tides Return Forever“ war für die legendären deutschen Space-Rocker Eloy eine große positive Überraschung angesichts des außergewöhnlich mittelmäßigen Vorgängers „Destination“ (1992): eine Wiederbelebung der fast schon abgestorbenen progressiven Rock-Wurzeln und die Rückkehr zur alten Form, auf die ihre Anhänger hungrig gewartet hatten, und zwar seit der Wende zu den 80ern beziehungsweise seit dem Album „Metromania“ (1984). Zu diesem plötzlichen Neuanfang der Band hat sicher auch der unverhoffte Verkaufserfolg der beiden Veröffentlichungen „Chronicles I“ (1993) und Chronicles II“ (1994) beigetragen, die neu eingespielte Versionen einiger Eloy-Klassiker enthielten. Dass manche Hörer über diese Klassiker ihr reiches Erbe (neu) entdeckten und dass das Interesse an Prog-Rock-Klassikern in den 90ern insgesamt wieder aufblühte, goss frisches Öl in den ohnehin ziemlich heißgelaufenen Motor der Band.
Frank Bornemann, Gitarrist/Sänger und Kopf der Band, und sein langjähriger Weggefährte, Keyboarder Michael Gerlach, entschieden, dass die Zeit reif war für eine gründliche Erneuerung des Eloy-Sounds und die Rückkehr zur traditionellen Space-Rock-Überlieferung, ohne dabei einigen innovativen Experimenten und moderner Produktion aus dem Weg zu gehen. Bildeten auf dem letzten Album nur Frank und Michael mit Hilfe zahlreicher Gelegenheitsgäste das Gerüst der Besetzung, klingen Eloy auf „The Tides Return Forever“ endlich wieder wie eine Band. Als festes Mitglied kehrte Bassist Klaus-Peter Matziol zurück, der schon auf dem Vorgängeralbum als Gast aufgetaucht war, und das war zweifellos ein wichtiger Gewinn. Vollwertiges Mitglied wurde auch Schlagzeuger Nico Baretta, dessen Beitrag dank der verbesserten Produktion auf diesem Album viel organischer und dynamischer klingt. Natürlich ging es auch diesmal nicht ohne eine Fülle an Begleitsängern (vor allem Sängerinnen) und mächtige Chorharmonien ab, unter denen besonders die unglaubliche Jocelyn B. Smith hervorzuheben ist, die beim Titelstück eine fantastische Gesangsleistung hinlegte, sowie Miriam Stockley beim abschließenden historischen Epos.
Der Sound der Band ist auf „The Tides Return Forever“ deutlich organischer und lebendiger geworden, einzelne Arrangements atmen wieder mit Volldampf und strahlen größtenteils diese für sie typische „kosmische“ Atmosphäre aus. Die rhythmische Kombinatorik ist zudem abwechslungsreich genug, um auch die anspruchsvollsten Prog-Feinschmecker zu begeistern. Franks kompositorische Inspiration ist nach der spürbaren Schaffenskrise auf dem letzten Album regelrecht aufgeblüht, sodass auf dem Album einige Songs stehen, die als Eloy-Klassiker durchgehen können. Neben ihrem traditionellen Ansatz, der gewöhnlich an der Grenze zwischen Space Rock und symphonischem Prog Rock liegt, bringt die Band in einzelnen Kompositionen auch verschiedene Elemente von melodischem Rock, Heavy Rock und sogar Power Metal nach deutschem Rezept ein. Für Letzteren begeisterte sich Frank ohnehin schon seit Jahren unverhohlen. Bei aller Komplexität der einzelnen symphonischen Arrangements bewahren Eloy zugleich durchgehend eine hohe Melodik, die das Album auch für ein breiteres Publikum zugänglich macht. Dass sich hier ein großer Wandel zum Besseren vollzogen hat, beweist auch die Rückkehr des klassischen Eloy-Logos, das in der Vergangenheit die Cover ihrer besten Alben zierte.
Schon der Opener „The Day Of Crimson Skies“, ein energiegeladener Kraftspender und eine tolle Mischung aus traditionellen Eloy-Prog-Elementen mit einer Prise AOR im Refrain, beweist, dass die echte Eloy-Magie wieder da ist. Ein mächtiges Gitarrenriff liegt auf energischen Synthesizer-Schichten und einem außergewöhnlich lebendigen Rhythmus. Die Raffinesse der Drum-Übergänge in Kombination mit melodischen und mehrteiligen Synthesizer-Flächen erinnert in manchen Momenten sogar ein wenig an einige Werke der kanadischen Art-Rock-Größen Rush, was eine höchst interessante und eigenwillige Leistung in der Geschichte der Band ist. Ein wenig „schuld“ an dieser Verwandtschaft ist auch Franks großartiger Gesang, der leicht an Geddy Lee erinnert. Letzterer ist sogar einer der besten seiner Karriere. Dabei geht es weniger um technische Fortschritte, sondern darum, dass er endlich gelernt hat, ihn je nach Motiv besser in Szene zu setzen. Erwähnenswert ist auch der tolle melodische Refrain mit seinem dramatischen AOR-Einschlag. Prog-Leckermäuler dagegen werden mit den verzweigten und ambienten Instrumentalpassagen zwischen den einzelnen Motiven bedient.
Es folgt eine weitere spannende Mischung aus Space Rock und melodischem Rock, „Fatal Illusions“, mit der die Band beweist, dass sie nicht vergessen hat, wie man ergreifende ambiente Keyboard-Vorhänge und „weinende“ Gitarrensoli baut, mit denen Frank diesmal überhaupt nicht geizt und damit erfolgreich in der Tradition seines stilistischen Vorbilds David Gilmour (Pink Floyd) wandelt. Nach einer längeren ambienten Einleitung auf Gitarre und Keyboards setzen ein mächtiges Riff und wuchtige Drum-Übergänge ein, die eine immer größere Dramatik aufbauen. Es folgt ein toller Übergang in einen lockeren Abschnitt mit einem fast funkigen Rhythmus, einem witzigen Gitarrenriff und einer dicken Basslinie. Auch dieser Song hat einen tollen melodisch-rockigen Refrain. Dazwischen fließen im Hintergrund ständig ambiente Keyboard-Vorhänge, die einen schönen Kontrast zu den schlagkräftigen Riffs und den entschlossenen Drum-Übergängen bilden. Das Ende erinnert ans Ticken eines Uhrzeigers.
Das melancholische „Childhood Memories“, bei dem das Album kurz etwas runterfährt, hat eine nostalgische Einleitung auf Ethno-Percussion, bevor es in einen majestätischen symphonischen Abschnitt kippt, mit hochgradig ambienten Vorhängen aus mehrschichtigen Keyboards, leichten Passagen auf der Akustikgitarre und einer weiteren sehr guten Gesangsleistung von Frank. Eloy zeigen sich hier nach langer Zeit wieder als wahre Meister majestätischer Space-Rock-Atmosphäre, die die Kraft hat, den Hörer in eine überaus angenehme spirituelle Ekstase zu tragen, wenn er sich ihr nur genug hingibt. Das beschwingte „Generation Of Innocence“ ist ein rhythmisch sehr reicher Song mit einem interessanten Motiv, das von den Keyboards und dem zentralen Gitarrenriff getragen wird. Dieses Motiv erinnert stark an irgendeinen Yes-Song (aus der Zeit mit Trevor Rabin). Dazu trägt auch Franks Falsett-Gesang bei, der ein wenig an Jon Anderson erinnert. Im Mittelteil fehlt weder ein toller Instrumentalabschnitt mit einem Gitarrensolo zum Niederknien, voller melancholischer Schwingungen, noch ein nicht minder exzellentes Keyboard-Solo.
Dann kommt das phänomenale Titelepos, das majestätische „The Tides Return Forever“, das zentrale Stück des Albums und zweifellos eines der besten und tiefgründigsten Werke in der Bandgeschichte. Dieser Klassiker hat einiges gemein mit dem unsterblichen Pink-Floyd-Klassiker „The Great Gig In The Sky“, vor allem was den großartigen Einsatz leidenschaftlichen weiblichen Gastgesangs im zweiten Teil der Komposition betrifft, wenn dieser unglaublich erhabene Ausmaße erreicht. Am Anfang steht Franks melancholischer und leicht geheimnisvoller Gesang, der mit Hilfe einer pastoralen Begleitung auf der Akustikgitarre und Keyboard-Vorhängen im Hintergrund langsam eine dramatische Stimmung aufbaut. Zunächst scheint es nur eine pastorale Ballade zu werden, doch dann brechen auf majestätische Weise reiche symphonische Arrangements, ein wuchtiges Gitarrenriff und mehrstimmige Gesangsharmonien herein, die eine unbeschreibliche Space-Rock-Dramatik erzeugen. Das ist aber noch nichts im Vergleich zu dem Moment, in dem sich nach einer kurzen Passage auf der Akustikgitarre mitten in der Komposition ein megastarker Soul-Gesang dazuschaltet, vorgetragen von Jocelyn B. Smith mit Unterstützung eines weiblichen Begleitchors. Ihr majestätischer Gesang hebt die Komposition noch mal eine Qualitätsklasse nach oben und erreicht fast so erhabene Ausmaße, wie es Clare Torry einst auf „The Great Gig In The Sky“ gelang. Manche Pedanten werden Eloy deshalb (wie schon oft in ihrer Karriere) übermäßiges Kopieren von Pink Floyd vorwerfen, obwohl es wirklich keinen Grund gibt, eine bestimmte Idee/ein bestimmtes Motiv, wenn es gut ist, nicht in völlig neuen Farben noch einmal zu verwenden. Mit dieser Komposition haben Eloy nach langer Zeit wieder einen ihrer Klassiker geschaffen, den man gar nicht genug loben kann.
Das sehr solide „The Last In Line“ ist eine fast traditionelle Eloy-Komposition mit mächtigen Synthesizer-Arrangements, beschwingtem Rhythmus und entschlossenen Gitarrenriffs, in der es nicht an witzigen Instrumentalpassagen fehlt. Nicht aus bleibt auch ein fast schon AOR-mäßiger Refrain mit tollen mehrstimmigen Gesangsharmonien und leckeren Drum-Übergängen, die auch allen Fans von melodischem Rock gefallen dürften, denn es ist offensichtlich der zugänglichste Song des Albums.
Zum Abschluss folgt noch das orgiastisch-majestätische Prog-Rock-/Power-Metal-Epos „Company Of Angels“, das von den Freuden und Leiden der Tempelritter erzählt, vor allem aber von ihren blutigen „Heldentaten“ in den Kreuzzügen (historische Themen waren im Erbe der Band schon immer beliebt). Diese majestätische Komposition ist quasi das Sahnehäubchen dieses Albums und damit noch ein Eloy-Klassiker. Ihre musikalische Struktur ist ungemein interessant und für Eloy-Verhältnisse ungewöhnlich. Man könnte sie nämlich als Mischung aus Elementen von symphonischem Prog Rock und Power Metal beschreiben, die aus der Tradition einiger der besten deutschen Bands dieses Genres stammt. Das ist nicht mal so überraschend und war nur eine Frage der Zeit, wenn man bedenkt, dass Bornemann schon lange eine Art Mäzen der Metal-Szene war und seinerzeit Produzent der deutschen Power-Metal-Kultband Heavens Gate.
Schon die pastoral-barocke Einleitung mit Franks Gesang und zarter Begleitung auf der Akustikgitarre kündigt an, dass hier der Auftakt zu etwas Majestätischem folgt, das beim Hörer noch lange einen außergewöhnlich starken Eindruck hinterlässt. Die „kämpferischen“ Power-Metal-Momente setzen mit einem mächtigen Refrain ein, der pompöse Chorharmonien, ein wuchtiges Gitarrenriff und gnadenlose Drum-Schläge enthält. Dieses Motiv erinnert stark an irgendwelche Gamma Ray und ist damit das Nächste, was Eloy je an Power Metal herangekommen sind. Im Mittelteil folgt ein komplexer Instrumentalabschnitt mit einem tollen Keyboard-Solo von Gerlach und Franks vielschichtigen Gitarrenausflügen. Die weiblichen Begleitstimmen von Miriam Stockey bilden einen tollen Kontrast zum kampfgestimmten Männerchor, während ambiente Keyboard-Muster die pompöse Dramatik steigern. Der Space-Rock-Einschub kommt mit mehrteiligen Soli auf Gitarre und Keyboards. Ist es Eloy auf „Jeanne d Arc“, dem mittelalterlichen Epos vom Vorgängeralbum, das ebenfalls kraftvolle weibliche Chorharmonien enthielt, nicht ganz gelungen, von Anfang bis Ende eine hohe Atmosphäre zu erzeugen, so ist ihnen das bei „Company Of Angels“ mehr als gelungen. Das beste Stück auf dem Album und ein zeitloser Eloy-Klassiker, den man gar nicht genug loben kann. Zugleich kann es allen Power-Metallern als Vorbild dienen, wie man ohne unnötige Prätention ein intelligentes und instrumental reiches historisches Epos schafft.
„The Tides Return Forever“ bedeutete eine majestätische Rückkehr auf den Weg alten Ruhms und ein Album, das bestätigte, dass Eloy auch im Alter noch immer mit frischen, abwechslungsreichen und aufregenden Kompositionen überraschen können, die sowohl ihren klassischen Sound und die „kosmische“ Atmosphäre vereinen, die man lange vermisst hatte, als auch einige völlig neue, bisher unverbrauchte Ideen, vor allem aus der Welt des melodischen Rock und Power Metal, die mehr als gelungen sind. Hätten Eloy nicht schon früher einige majestätische Werke geschaffen, mit denen sie die Geschichte des Progressive Rock mitgeprägt haben, würde ich „The Tides Return Forever“ ohne Übertreibung als Meisterwerk bezeichnen. Das Album stellt nämlich eines der besten Comebacks zu altem Ruhm in der Geschichte des Progressive Rock dar. Zum Meisterwerk fehlte nicht viel, vielleicht nur ein verbindendes und interessantes Konzept (darin waren sie immer am besten) und mehr schwebende Space-Rock-Arrangements, wie sie sie in den 70ern geschaffen haben. Das wird ihnen mit ihrem nächsten Album gelingen, der Fortsetzung ihres Magnum Opus „Ocean“ (1977), das die wildesten Erwartungen übertreffen und ihnen schließlich das erste Meisterwerk seit „Time To Turn“ (1982) bescheren wird. Eloy erlebten nach diesem Album einen neuen Aufschwung, es sah aus, als würde die Band noch lange leben, doch leider kam es in der Zukunft anders.
Besetzung
Frank Bornemann – Gesang, Gitarre
Michael Gerlach – Keyboards, Backing Vocals
Klaus-Peter Matziol – Bass
Nico Barretta – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Peter Beckett – Backing Vocals (5-6-7)
Tom Jackson – Backing Vocals (5-6-7)
Bettina Lux – Backing Vocals (6)
Steve Mann – Akustikgitarrensolo (5)
Dirk Michaelis – Akustikgitarre (3)
Suzanne Schätzle – Backing Vocals (6)
Jocelyn B. Smith – Backing Vocals (5)
Miriam Stockley – Backing Vocals (7)
Ralf Vornberger – Akustikgitarre (5)
Produktion
Frank Bornemann
Tracklist
1. The Day Of Crimson Skies (5:02)
2. Fatal Illusions (9:22)
3. Childhood Memories (6:22)
4. Generation Of Innocence (6:10)
5. The Tides Return Forever (6:40)
6. The Last In Line (4:01)
7. Company Of Angels (9:45)
Spielzeit: 47:22