The Paris Collection

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Camel
Label: Camel Productions
Veröffentlichung: 2001
Bewertung: 3/5

Camel hatten vor und während der W2K-Tour, die auf die orientalisch angehauchte Meisterleistung „Rajaz“ (1999) folgte, mit einer ganzen Reihe logistischer Probleme zu kämpfen. Deshalb war die Entscheidung, nach Ende der Tour ein Livealbum zu veröffentlichen, ziemlich mutig. Auch wenn das hier nicht zu ihren besten Aufnahmen zählt – vor allem wegen der nicht gerade glücklichen Auswahl mancher Stücke und weil sowohl der unverkennbare Gesang als auch die Flöte ihres zentralen Musikers Andy Latimer fehlen, der sich diesmal ausschließlich seinen wie immer virtuosen und zugleich feinfühligen Gitarrenakrobatik-Einlagen widmet –, ist es ein solider Mitschnitt, der alle alten Fans der Band zufriedenstellen wird. Zum Glück dominieren auf der Aufnahme größtenteils Instrumentals, sodass die paar Gesangsparts, bei denen sich Bassist Colin Bass und der neue Keyboarder Guy LeBlanc abwechseln (übrigens ein Frankokanadier, der mit seinen Ansagen ans Publikum zwischen den einzelnen Songs auch für eine Prise Humor sorgt), die Gesamtstimmung nicht kaputtmachen. Obwohl beide ihre Gesangsaufgaben ganz ordentlich meistern, hätte ich es viel lieber gesehen, wenn wie üblich Herr Latimer das übernommen hätte – der muss offenbar richtig gute Gründe gehabt haben, dass er darauf zum ersten Mal verzichtet hat. Andererseits ist die Aufnahme produktionstechnisch unbearbeitet, man hört von Studio-Verschönerungen absolut nichts. So sind auch ein paar technische Patzer und Nebengeräusche zu hören, die man nach dem Studio-„Bügeln“ sonst nicht mitbekommen würde. Das Hauptmerkmal der Aufnahme ist neben den hervorragenden Interpretationen der meisten Stücke also vor allem diese „natürliche“ Konzertatmosphäre.

Das Konzert eröffnet überraschenderweise eine spannende Version des instrumentalen Meisterwerks „Ice“ (I Can See Your House From Here, 1979), das ich sonst eher als einen der idealen Konzertabschlüsse erlebt habe, aber auch als Opener funktioniert es überraschend gut. Auch diesmal gibt es eine tolle Darbietung eines ihrer besten Stücke, bei dem wie gewohnt Andys zusätzlich ausgedehnte, melodramatische Soli über den kosmischen Klängen von LeBlancs Synthesizern am meisten glänzen. „Chord Change“ (Moonmadness, 1976) ist ein weiterer großartiger Instrumental-Pick, bei dem sich LeBlanc ein paar zusätzliche Soli an der Hammond-Orgel gönnt. Bei der Ballade „Fingertips“ (Stationary Traveller, 1984) haben sie sich für einen akustischen Ansatz entschieden, der diesem eher durchschnittlichen Song noch eine Extraportion Melancholie verpasst, auch wenn die Ballade etwas zu früh kommt und die Stimmung der ganzen Aufnahme fast schon abwürgt, bevor sie richtig in Fahrt gekommen ist. Der legendäre „Slow Yourself Down“ (Camel, 1973) ist da eine deutlich interessantere Wahl. Den spielen sie fast komplett in einer akustischen Version und bauen geschickt noch ein paar zusätzliche Passagen ein. Ein wenig nach unten zieht ihn nur LeBlancs Gesangsinterpretation, die an die des Originals nicht heranreicht. Das großartige Instrumental „Sahara“ ist zu meiner großen Enttäuschung das einzige Stück vom damals aktuellen, hervorragenden Album „Rajaz“, obwohl sie es bestimmt auch komplett hätten spielen können, so wie bei den beiden Vorgängern. So vermisse ich Interpretationen von Meisterwerken wie „Three Wishes“, „Rajaz“ oder „Lawrence“, die sich bestimmt viele gerne live angehört hätten. Trotzdem ist „Sahara“ einer der Höhepunkte der Aufnahme und wird einen Tick schneller gespielt als das Original. Darauf folgt noch ein klassisches Medley aus dem konzeptionellen Meisterwerk „Dust And Dreams“ (1991): die Standardversionen von „Mother Road“ und „Little Rivers And Little Rose“ sowie eine hervorragende Darbietung von „Hopeless Anger“. Letztere ist, das Original eingeschlossen, vielleicht sogar die beste Version dieses Stücks, die ich bisher gehört habe. Wie auf dem Großteil des Albums ist auch hier deutlich der effektive Einsatz der Doppelbass zu hören, für den der neue Schlagzeuger Denis Clement sorgt. Ich hätte nie erwartet, dass sich dieses rhythmische Element so wirkungsvoll in ihre Songs einfügen würde. Den regulären Teil der Aufnahme beschließt ihr größter Klassiker „Lady Fantasy“ (Mirage, 1974), der den chronischen Mangel an Klassikern zumindest ein bisschen ausgleicht. Wie es sich gehört, spielen sie ihn originalgetreu, nur dass man die ganze Zeit Latimers Gesang vermisst, ohne den es hier eben nicht geht. Als Bonustrack gibt es noch eine weitere, diesmal komplett akustische Version von „Slow Yourself Down“, die nur auf akustischer Gitarre und Klavier basiert, dafür aber mit Latimers Gesang daherkommt und schon deshalb besser ist als die im regulären Teil der Aufnahme.

„The Paris Collection“ hinterlässt beim Hörer einen leichten Eindruck von Unfertigkeit und „Club“-Atmosphäre (dafür sorgen auch die vielen akustischen Momente), was ich bei Klangperfektionisten wie Camel, die ihre Hörer normalerweise mit kristallklarem Sound verwöhnen, so nicht gewohnt bin. Das wäre gar nicht schlecht, sogar eine willkommene Abwechslung, wenn die Songauswahl wenigstens etwas abwechslungsreicher wäre und die ganze Aufnahme nicht immer so schnell vorbei wäre. Neben der sehr schwachen Vertretung von „Rajaz“-Stücken vermisse ich vor allem einzelne Songs von „The Snow Goose“ (1975), allen voran den Klassiker „Rhayader“, den man auf keinen Fall hätte aus dem Repertoire streichen dürfen, denn das ist ungefähr so, als würden Yes „Roundabout“ weglassen oder Pink Floyd „Time“. Wegen der genannten Schwächen ist „The Paris Collection“ sicher keiner ihrer besten Live-Momente, aber trotzdem interessant genug für alle Fans, die vielleicht nie (mehr) das Glück haben werden, einen Auftritt dieser ewig übersehenen Legenden des symphonischen Prog Rock direkt mitzuerleben.

Besetzung

Andy Latimer – Gitarre
Colin Bass – Bassgitarre, Gesang
Guy LeBlanc – Keyboards, Gesang
Denis Clement – Schlagzeug

Produktion

Andrew Latimer

Tracklist

1. Ice (8:47)
2. Chord Change (8:52)
3. Fingertips (6:40)
4. Slow Yourself Down (4:30)
5. Sahara (6:51)
6. Mother Road (6:07)
7. Little Rivers and Little Rose (1:55)
8. Hopeless Anger (5:43)
9. Lady Fantasy (16:04)

Bonustrack:
10. Slow Yourself Down (5:34)

Spieldauer: 71:03

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