The Dreams Of Men

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Künstler: Pallas
Label: Inside Out Records
Erscheinungsdatum: 2005
Bewertung: 4.5/5

Das ist wirklich kein Witz! Pallas melden sich nach vier Jahren zurück. Und zwar direkt auf der Größe des Debüts „The Sentinel“ (1984). Anfangs hatte ich Angst, dass die Jungs wieder ein viel zu anspruchsvolles Konzept gewählt und es auf der Suche nach Perfektion so detailverliebt aus Versehen „aufgeblasen“ haben, dass es gleich unter der Last der hochfliegenden Erwartungen zusammenbricht – so wie schon der Vorgänger „The Cross And The Crucible“ (2001). Diesmal waren die Jungs aber doch nicht so streng und fordernd mit sich selbst.

Nach dem dreiminütigen, an sich großartigen klassischen Keyboard-Intro, bei dem mir beim ersten Hören wirklich mulmig wurde, weil mir genau dieses Intro verdächtig vorkam. Verdächtig wegen meiner relativen persönlichen Enttäuschung über „The Cross And The Crucible“, das ebenfalls sehr ambitioniert begann und dann den roten Faden verlor. Bringer Of Dreams hat mich dann aber als Erstes eines Besseren belehrt, denn der Song kommt in Fahrt. Und wie – mit Volldampf. Nach drei Minuten schlagen Pallas zu und katapultieren uns sofort in ihre ganz eigene Dimension mit ihrer ganz eigenen Atmosphäre, die diese melancholischen Schotten ausgesprochen fein aufzubauen verstehen. Gänsehaut am ganzen Körper ist bei so einer massiven Klangwand natürlich nicht ausgeschlossen. Pallas verlieren den roten Faden nicht, und der Song ist die Ansage: Wir haben ein neues großes Pallas-Album vor uns, und in den kommenden Minuten wird musikalisch noch einiges Wollüstiges passieren!

Warriors bedeutet keinen Rückschritt, hinterlässt sogar noch mehr Eindruck, denn er öffnet sich noch rockiger und die Intensität lässt nicht nach. Ohne einen ausgedehnten Mittelteil kommt auch er natürlich nicht aus, in dem wir echtes Drama im Wechselspiel der Melodien zwischen Gitarre und Keyboards erleben. Der authentische „Rickenbecker“-Sound des Basses ist das Herz der Platte! In der Produktion ist er klar abgetrennt, und sein fantastisches, melodisches, lebendiges Herumspazieren reißt und schneidet durch den Stahl, dass es dich zerreißt! Ghostdancers bläst dich in eine ganz andere Galaxie, denn der Song wird von einem keltischen Folk-Intro mit Violine gewürzt. Das Konzept dreht sich um die Suche nach Gerechtigkeit, die Wahrung der Würde, den Kampf um die Ehre, die Verwirklichung großer Träume von einem besseren Leben. Träume! Die Ghostdancers sind ausgerottete Indianer, die auf der Suche der Weißen nach einem besseren Leben auf der Strecke blieben. Seinen Höhepunkt erreicht das Album aber bei To Close To The Sun. Das ist der progressive Höhepunkt der Platte, durchgehend mit einer Fortsetzung, die sich unmöglich vorhersehen lässt, und mit unerwarteten Stimmungswechseln, wieder mit hervorragenden Solomotiven von Keyboards und Gitarre. Der Song Messiah löst den Ernst der ersten vier schwerer komponierten und strengen Songs auf. Messiah ist ein kürzerer Song, in dem der „rockige“ Gitarren-„Riff“ viel ausgeprägter ist und die Basslinie dem Rickenbecker besonders eifrig jenen magischen, leicht verzerrten, rasselnden Sound entlockt. Messiah hat das Potenzial zur Hit-Single! Die Keyboard-Arrangements im Hintergrund tragen hier orientalische Einflüsse. Der Track ist eine witzige Parodie auf die Doppelzüngigkeit der Gottesvermittler. Northern Star ist ein ruhiges Instrumental mit der Gitarre im Zentrum, die (interessant!) in Sound und Linie an eine neuzeitliche Erfindung des ehrwürdigen Steve Howe (Yes) erinnert. Danach können sich aber die Liebhaber schwer verzerrter Sounds auf ihr Getöse gefasst machen, denn es folgt Mr. Wolfe, der von Kopf bis Schwanz fies ist und der riffmäßig am meisten aufgedrehte Track der Platte, im reinen klassizistischen Stil abgefahren. Überlasst euch den superironischen Basslinien im Vordergrund des Produktionssounds! Die Kunst der Unvorhersehbarkeit! Mit Invincible wenden sich Pallas wieder der Düsternis zu, die auf dem Schlusstrack The Last Angel ihren Höhepunkt erreicht. Beide Songs messen deutlich über 10 Minuten und sind klassisch neo-progressiv angelegt. Die Platte endet mit einem Abschluss in gehobener Stimmung, in dem eine Frauenstimme die Rolle des Engels übernimmt und ihre „himmlischen“ Linien auf Italienisch führt. Na ja, am Ende scheint doch noch die Sonne. Beide Songs erreichen trotz der imposanten massiven Klangwand allerdings nicht den Pomp des ersten Teils der Platte, wo beim Aufbau des Sounds praktisch fast ein ganzes Orchester mit Bläsern und Streichern präsent ist, wofür besonderer Dank an Keyboarder Ronnie Brown geht.

„The Dreams Of Men“ hat das Potenzial, mit den Jahren zum Monument bzw. Klassiker des Rock zu werden. Es ist ein außergewöhnlich ausgefeiltes und reifes Album, auf dem die Jungs in Pallas die Siegerformel ihrer Koexistenz gefunden haben: im richtigen Moment auf derselben Wellenlänge zu sein. So haben sie ein zeitloses Kunstwerk geschaffen, das man beim Hören eigentlich nie leid wird und das für Pallas einen neuen Karrierehöhepunkt bedeutet.

Besetzung

Alan Reed – Gesang
Niall Mathewson – Gitarre
Ronnie Brown – Keyboards
Graeme Murray – Bass, Backing Vocals
Colin Fraser – Schlagzeug

Gastmusiker:
Pandy Arthur – Gesang auf 9
Paul Anderson – Flöte auf 1 und 3
Karen Raitt – Backing Vocals auf 5
Lisa Paterson – Backing Vocals

Produktion

Niall Mathewson & Graeme Murray

Trackliste

1. The Bringer Of Dreams (9:50)
2. Warriors (7:15)
3. Ghostdancers (7:30)
4. Too Close To The Sun (11:34)
5. Messiah (4:57)
6. Northern Star (4:01)
7. Mr. Wolfe (5:48)
8. Invincible (10:45)
9. The Last Angel (11:28)

Spielzeit: 73:08

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