Picture

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Künstler: Kino
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2005
Bewertung: 3/5

In letzter Zeit gibt es jede Menge frischgebackene Bands, die oft aus dem Zusammenschluss von Mitgliedern bereits etablierter Bands entstehen – entweder aus purem Spaß an der Freude, oder sie versuchen, die Angel weiter vom Ufer auszuwerfen und dabei ein bisschen konkrete Kohle zu machen. Na ja, am besten ist die Kombi aus beidem. Das haben auch Kino erkannt, eine Band aus vier Musikern: Gitarrist John Mitchell (Arena, The Urbane), der nebenbei den Leadgesang übernimmt, Keyboarder John Beck (It Bites), Bassist Pete Trewavas (Marillion, Transatlantic) und Schlagzeuger Chris Maitland (ex-Porcupine Tree).

Der Name Cinema wurde in der Musikwelt schon unzählige Male verwendet (das Projekt Cinema von Chris Squire und Trevor Rabin ist davon vielleicht das bekannteste), daher eben Kino. „Picture“ enthält zehn Songs, von denen nur der erste, Losers Day Parade, ausgesprochen progressiv ist. Darin zeigen die Jungs sofort ihr ganzes Potenzial, und man kann sagen, dass er den Namen der neuen Inkarnation Kino am schönsten auf den Punkt bringt. Ein moderner, halbtönig verschmierter Gitarrenriff, so simpel wie nur möglich, beginnt seine Mission zu enthüllen. Eine tief pulsierende Basslinie mit satt eingestellten Drums bildet eine kontrastreiche und entschlossene Rhythmushaltung! Das und ein einfacher, aber knackiger Riff-Drive liefern den nötigen Anlauf zur Eröffnung der Platte. Dass die Jungs mit der Musik von The Beatles aufgewachsen sind, machen sie uns gleich mit dem ersten Track klar – mit einem Sprung im Motiv direkt zurück in jene Zeiten längst vergangener Tage, die in manchen Ohren offenbar ewig nachhallen.

Für den Gesang ist John Mitchell zuständig, dessen absolute Domäne eigentlich das Beherrschen der Gitarre ist. Warum also Mitchell am Mikro? Mit Ausnahme von Losers Day Parade und teilweise People besteht „Picture“ aus schön abgerundeten, kompakt aufgebauten Songs mit Hand und Fuß, die sofort ins Ohr und unter die Haut gehen. Wenn du amerikanisch nach Neo-Prog klingen willst, was Kino ja auch wollen, musst du dich an einen Gesang à la Neil Morse (ex-Spock’s Beard, ex-Transatlantic, Solokarriere) oder Nick D’Virgilio (Spock’s Beard) annähern. Auch wenn du weit vom Niveau der beiden Sänger entfernt bist, du musst die Sache nur in die richtige Richtung lenken können. Mitchell hat das besondere Glück, dass er genau in diese Richtung gelenkt ist. Als Engländer ist er nämlich gegen das englische Syndrom der „Gabrielismen“ geimpft, das für die britischen Neo-Prog-Bands sonst so typisch ist. Und dieser Gesang passt zum anspruchsvollen Ausdruck von Kino. Mitchells Stimme ist stellenweise raffiniert mit mindestens einer weiteren harmonischen Gesangslinie ausgestattet, was dem Sound Breite gibt, und die Schwäche der dünneren Stimme gewinnt dadurch an Konsistenz. Solche Studiotricks beherrschen die erfahrenen Jungs aus dem Effeff.

Kino sind keine typischen Neo-Progger. Sie sind einfach noch ein paar „The Beatles Freaks“, was die Mehrheit der Kompositionen auf „Picture“ bestätigt. Wäre das Album in den Achtzigern erschienen, hätte man aus dem Songpool locker ein paar potenzielle Hits herauspicken können. Interessant ist, dass die Songs größtenteils im mittleren Tempo gehalten sind, lieber verträumt gedrosselt, statt dass sich die Jungs einen übertriebenen Rock-Sprung über Stock und Stein gönnen. Der lebhafteste Ausreißer von allem ist zum Beispiel der simple, kurze „retro new wave eighties light pop rocker“ Room For Two mit „The Police Gitarren-Drive“, der ohne Probleme im Radio laufen würde. Kino neigen also zum Pop-Rock, sogar zum AOR! Melodische Kompaktheit hat absoluten Vorrang vor progressiven Abstechern, die höchstens die Ausdruckskraft der ausgearbeiteten Motive lockern könnten. In den instrumentalen Mittelteilen gönnen sich die Jungs etwas mehr kreativen Spielraum, dosieren ihre Solo-Ausbrüche aber brav in genau der richtigen Menge, sodass die Sache ihre volle rockige Fließfähigkeit behält. Die Keyboards übernehmen die Rolle, den melodischen Hintergrund aufzubauen, auf den kunstvoll zusätzliche bunte Klavierverzierungen und Gitarrenmotive gelegt sind, die der Musik von Kino die nötige Farbigkeit und Dynamik verleihen.

Der zweite Höhepunkt der Platte ist der Song People, in dem Mitchell mehr Variabilität in seinem Gesang bietet und seine Emotionen stärker zur Geltung kommen als in jedem anderen Stück der Platte. Die Rhythmusfraktion liefert endlich mehr forschende Extravaganz (an der es auf der Platte angesichts der Namen in der Besetzung von Kino sonst ziemlich mangelt) und durchlöchert den Song mit proggigem Rhythmus-Geknatter. People vereint eine hervorragende Kombination aus Neo-Prog-Elementen, geschmackvoll dosiert mit Pop-Rock-Weisen. Dass bei Kino John Mitchell mit von der Partie ist, ursprünglich Gitarrist von Arena, zeigt sich im Refrain des Songs Swimming In Women, wegen der Ähnlichkeit im Einsatz mehrstimmiger Harmonien im Refrain. Und wenn wir uns jetzt noch Pete Trewavas zuwenden, als Mitglied von Marillion, und nach Ähnlichkeiten zwischen Kino und Marillion suchen, finden sich ein paar Anhaltspunkte von Marillion (Hoghart-Ära!) im Song Holding On, während Trewavas mehr von dem in den Sound von Kino einbringt, was er mit Transatlantic gemacht hat, als von dem, was er aktuell mit Marillion macht.

Die Jungs wollen kommerziell klingen, und in den Achtzigern wäre so ein Album sicher ein Riesenerfolg gewesen. Also rockige Lockerheit, Leichtigkeit, schöne ausgefeilte Melodien, grob gesagt modernisierte The Beatles mit raffiniert dazugegebenen Prog-Rock-Flügeln. Also was für alle, die Rock „ohne Zuckerguss“ suchen. Alle anderen, die ihr in tiefere Werke der Siebziger eingeweiht seid und nach irgendeinem neuen musikalischen Experiment sucht, werdet bei Kino absolut nichts Neues finden – bzw. eine Platte, die ihr nach drei Durchläufen mehr als gründlich auseinandergenommen habt und die euch bald absolut „zu süß“ vorkommt.

Besetzung

John Mitchell – Gesang, Gitarre
John Beck – Keyboards
Pete Trawavas – Bassgitarre
Chris Maitland – Schlagzeug

Tracklist

1. Losers Day Paradise (9:03)
2. Letting Go (5:25)
3. Leaving A Light On (6:17)
4. Swimming in Women (5:22)
5. People (6:07)
6. All You See (5:08)
7. Perfect Tense (4:16)
8. Room for Two (3:43)
9. Holding On (7:08)
10. Picture (2:22)

Spieldauer: 54:59

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