The Crane Wife
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Decemberists, The
Label: Capitol Records
Release: 2006
Die Hauptinspiration des Albums ist ein japanisches Volkslied, in dem ein Kranich (der Vogel, nicht der Kran für schwere Lasten, nur dass das klar ist), ein Pfeil, eine bezaubernde Frau und ein läuternder Lauf der Ereignisse zu einem Knäuel verwoben sind. Dementsprechend entscheidet sich das Album gleich zu Beginn mit dem Stück ‚The Crane Wife 3′ genau dort weiterzumachen, wo Picaresque den Gedankenfluss beendet hat. Das Grundmittel ist eine schlichte Folk-Melodie, die zu einem um ein paar Dezibel kräftiger klingenden Klangkonglomerat heranwächst, auf das viele Rocker stolz sein könnten. Der Einstieg erinnert mich an Counting Crows, die diesmal statt Gejammer auf das Ziel der Landschaftsmalerei ausgerichtet wären, die dich bei Neutral Milk Hotel vielleicht ganz schön durchschüttelt. Es geht um Genialität und Gefühl, das Meloy und Kompanie mit Gitarre, Klavier, zartem Bass und passenden Drums füllen, dazu kommt ein Xylophon, und der Einstieg geht dir leicht ins Ohr. Die Fortsetzung ist dann etwas epischer und schwerer zu fassen, wenn du nicht in der Lage bist, dir 12 Minuten lang ein einziges Stück anzuhören.
‚The Island‘ ist ein Triptychon aus Bildern, das sich aus ‚Come And See‘, ‚The Landlord’s Daughter‘ und ‚You’ll Not Feel The Drowning‘ zusammensetzt. Der Einstieg ist fast schon off-beat-jazzig. Sagen wir lieber, er ist eher bluesig-locker. Er zaubert dir das Bild fraktaler Rock-Verläufe aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts vor Augen. Als Inspirationsquellen könnte man bei R.E.M. und bei Emerson, Lake & Palmer suchen. Die Bajonette werden geschliffen, und die Flotte läuft zur finalen Abrechnung aus. Der Faden zwischen dem Anfang und dem einleitenden Diskurs der Einladung, dem Puls von ‚Come And See‘ zu lauschen, bis zum Ertrinken im Schlussteil des Triptychons wird von praktisch nichts gestört oder unterbrochen. Vor deinen Augen verweben sich Bilder, und in deinem Herzenstempel kannst du die fehlenden Teile des Freskos über allen Fresken ergänzen. Es geht um Hoffnung, Liebe, Opfer und Tod.
Gerade Krieg und Liebe sind Meloys persönliche Siegerthemen für Aufgüsse reinen Erzählens. Nach dem Finale der ersten epischen Salve kommt ein Moment R.E.M.-hafter Verspieltheit mit einem schönen Duett zwischen Meloy und der aus Seattle stammenden Mitstreiterin und Freizeit-Decemberistin Laura Veirs, das überzeugend und edel voll klingt. Zwar ist das diesmal poppiger und leichtfüßiger, aber ‚Yankee Bayonet (I Will Be Home Then)‘ sticht manchen Idiotismus seifig leichter, hohlköpfiger Pop-Ergüsse des modernen Pops locker aus. Eine Dichotomie von Krieg und Frieden, Liebe und Wehklagen, die dir fast das Bild einer Frau vor dem Haus zeichnet, die in Gedanken mit ihrem Mann spricht, der in den Schlachten des Bürgerkriegs kämpft, und dabei nicht weiß, dass das nur ein Geist ist und ihr Liebster längst im Krieg gefallen ist. Hoffnung und liebevolle Sehnsucht bis zum Schluss.
Die Single der Platte, die auch solo Neuland betreten hat, ‚O Valencia!‘ ist ein Indie-Pop-Juwel, das mich auf irgendeine tragische Weise aber gar nicht so sehr berührt. Eher „sitzt“ das Hammond-Streicheln und der fast funkige Rhythmus des Songs ‚The Perfect Crime‘, der dich mit unheilvoller Präzision in Bewegung versetzt und zum Mitwippen bringt, und das zu einer Geschichte über den perfekten Mord, ein Verbrechen aus Leidenschaft, das keinen Raum für Fehler ließ. Deep-Purple-artige Intermezzi und sexy Drums verschmelzen mit dem immer wiedererkennbareren und absolut einnehmenden Klang von Meloys Gesang. So süchtig machend, dass du Schießpulver und Donner riechst, die nicht von dieser Welt sind, auch wenn er sich redlich darum bemüht.
Leicht verzerrte Gitarren werden diesmal mit Delay-Echo und dem Pfeifen von Kriegstrompeten von den nebligen Ufern von Peter Pans Heimat ergänzt. Und mit angehaltenem Atem warten wir auf die Flut, die im Refrain endlich ihren Anteil frischen Schlamms und Gesteins an die verwüstete Küste des Unterbewusstseins spuckt. ‚Shankill Butchers‘ ist eine Hommage an alle britischen Balladen über Schlächter und Mörder und klingt in seiner Harmonik schläfrigen Karnevalismus‘ neben ‚Summersong‘ näher an dem, wie The Decemberists in der Vergangenheit geklungen haben. Wobei ‚Summersong‘ zweifellos das verspieltere, mit Optimismus getränkte Flüstern der Vergangenheit im diesmaligen Quadranten des Universums von The Decemberists ist.
Die epische Fortsetzung des ersten Stücks wird dann mit den Ouvertüren ‚The Crane Wife 1 & 2‘ ergänzt, die zuvor unausgefüllte Lücken füllen. Es ist der Schwanengesang des ersten Hördurchgangs, und Meloy spannt über Getrommel und verhaltenes Zittern das Wort „heart“, Herz, immer und immer wieder. Verhalten und resonant wie der Teufel selbst. Ein Juwel über allen Juwelen, das dir die Erneuerungsschematik und einen In-medias-res-Moment vorzaubert, dem du schon ganz am Anfang weder ausweichen noch widerstehen konntest. Und erst dann kommst du in den Genuss des Lobes mit einem großen Finale, das Sonne und das Aroma von Leichtigkeit bietet – ‚Sons And Daughters‘. The Decemberists klingen wie eine Band, die wirklich weiß, wohin der nächste Schritt führen wird, sie werden aber erst zufrieden sein, wenn auch du dich bis zum großen Finale durchgebissen hast. Und dafür hast du jede Menge Gründe.
Wie gesagt: Das Album verstärkt und verbessert das zuvor Gehörte, ganz in ihrer Manier inspiriert, voller Leidenschaft und Wortreichtum. Freiwilligkeit und die Schwerkraft der Label-Logik sind zu voller Einheit verschmolzen, und The Crane Wife reiht dir den schon bekannten Satz an Liedern über Nichtsnutz-Kriminelle, Landstreicher, Soldaten, Kindsmörder und Liebende aneinander, die einen kristallklar klingenden Tanz der Erotik zu einem von Flammen angefachten Tango aufs Parkett legen. Leidenschaft und intellektueller Drang nach mehr. Der Tango ist nur ein Sinnbild für diese perfekte Harmonisierung der Reize auf all deine Sinne, denn den Hauch von Geschichte spürst du direkt auf deiner Zungenspitze. Meloy spinnt einen Schleier erfundener Geschichten über eine gewöhnliche Gruppe von Folkrockern, die dir neben Folk aber auch Blues, unheilvolle Schläfrigkeit, Rocker-Lautstärke, progressiven Einfallsreichtum und epische Ausgedehntheit servieren. Das Album hat alles und noch mehr – das wichtigste Bindemittel ist Meloys Texterei, die dir Charakterzüge zeichnet, die Geschichten erzählen. Jeder tut, was seine irdische Bestimmung ist. Gauner stehlen, Liebende lieben bis zu ihrem frühen tragischen Tod, Soldaten kämpfen auf den Ebenen für ihre bedrohten Heime, um, ironischerweise, mit dem Blut der Feinde den Duft von Freiheit und Frieden wieder ins Heim zu bringen. Und The Crane Wife verdient sich in dieser Bildhaftigkeit und musikalischen Perfektion einen Sockel unter den ganz Großen – Seite an Seite mit Neutral Milk Hotel, R.E.M., Dylan und den übrigen Erzählern par excellence. Trotz der Tatsache, dass sie keine direkte Schärfe hat, ist das eine Platte, der man sich immer lohnend mit beiden Ohren widmen kann. Meinung: mehr als nur sehr dafür!
Besetzung
Colin Meloy – Gesang, Gitarre
Chris Funk – Theremin und Pedal-Steel-Gitarre
Jenny Conlee – Keyboards und Orgel
Nate Query – Bass
John Moen – Schlagzeug
Ezra Holbrook – Castaways and Cutouts (Schlagzeug, Backing Vocals), The Crane Wife (backing vocals)
Laura Veirs – Duett (‚Yankee Bayonet‘ auf The Crane Wife)
Eyvind Kang – Viola, Violine auf The Crane Wife
Produktion
Tucker Martine und Christopher Walla
Tracklist
1. The Crane Wife 3
2. The Island
1. „Come and See“
2. „The Landlord’s Daughter“
3. „You’ll Not Feel the Drowning“
3. Yankee Bayonet (I Will Be Home Then)
4. O Valencia!
5. The Perfect Crime #2
6. When the War Came
7. Shankill Butchers
8. Summersong
9. The Crane Wife 1 & 2
10. Sons & Daughters
LAUFZEIT DES ALBUMS: 60:18