The Brotherhood
Künstler: Running Wild
Label: G.U.N. Records
Veröffentlichung: 2002
Bewertung: 1/5
Ah ja…Rock’n’Rolf hat keine Band mehr, jetzt ist er Running Wild.
Was soll man zum neuen Album der deutschen Heavy-Metal-Legenden sonst sagen? Rock’n’Rolf serviert uns auch auf der zweiten Platte synthetische Drums, programmiert auf einem Computer namens „Angelo Sasso“, dem er hinten im Booklet mit „thanks to Angelo Sasso for best drums ever“ dankt. Wenn das nicht der Gipfel des Zynismus ist. Rock’n’Rolf hat zwar alle Übergänge und Rolls auf den Drums hervorragend programmiert, aber den verdächtigen Mangel an Becken-Sound konnte er nicht kaschieren. Der Betrug ist also fast gelungen. Neben Rolf ist das einzige Lebewesen in der Band der Bassist, der auf den Namen Peter Pichel hört, doch wegen der typischen Produktion, die die hohen Töne der ansonsten super aufgedrehten Gitarren nach vorne prügelt, kommt der Bass wieder nicht zur Geltung – genau wie schon bei Pichels Vorgänger Bodo Smuszynski nie.
Auf der Scheibe sind 10 Songs, es gibt aber auch eine Limited-Edition-Version mit zwei Bonustracks namens „Powerride“ und „Faceless“. Der Einstieg ist schlagkräftig, ohne Intro, mit dem Song „Welcome To Hell“, gebaut auf offenen, simplen Riffs. Der Refrain klingt wie „L.o.v.e. Machine“ von W.A.S.P. Bitte??? „Soulstrippers“ setzt die Platte im selben Stil fort, abgesenkte Akkorde im Refrain, wo zum Teufel ist das wuchtige Schrammeln und die lichtschnellen Rhythmen, die sonst die Musik von Running Wild auszeichnen? Der dritte Track „Brotherhood“ hat ein ungemein schönes Intro; als würdest du ein Cembalo von J.S. Bach hören. Der Song erzählt von den „Erleuchteten“ (Order Of The Illuminati), die ausgesandt wurden, um unser Schicksal zu lenken. In der Mitte und am Ende gibt es ungemein schöne melodische Passagen, in denen die Gitarren (uff, endlich) in Terzen aufgefächert und mit schnellen Rhythmen unterlegt sind. Endlich mal was typisch „Wildrasendes“. Nur dass der Refrain blass bleibt und den Song komplett abwürgt. Es folgt das schlichte „Crossfire“, als wäre man auf irgendeine Judas-Priest-Platte vom Anfang der Achtziger aufgesprungen, und dasselbe Syndrom findet man ebenso bei den unterdurchschnittlichen „Detonator“ und „Dr. Horror“.
Eine Gänsehaut hat mich erst beim fünften Track erwischt. „Siberian Winter“ ist ein Instrumental, endlich klingt das nach typischen Running Wild. Wilder Rhythmus, ein Stück mit schnellem Schrammeln und Rhythmuswechseln. Auch bei „Pirate Song“ haben sich mir die Nackenhaare aufgestellt. Das ist der schnellste Song auf der Platte und erinnert stark an die goldene Ära von Running Wild und ihr „Conquistadores“ vom Album „Port Royal“. Yessssssss!!!! Danach kommt der kräftige Midtempo-Song „Unation“ mit einem super Refrain, unterlegt mit Backing-Vocals, wie sie für ihr klassisches Meisterwerk „Heads Or Tails“ vom Album „Blazon Stone“ typisch sind. Das letzte, zehnminütige Epos über Lawrence von Arabien mit dem Titel „Ghosts“ ist ein weiterer Song, der qualitativ klar herausragt und alles enthält, was man von klassischen Running Wild erwarten kann (mit Ausnahme der synthetischen Drums). Interessant, dass Rock’n’Rolf bei diesem Song zum ersten Mal in seiner Karriere auch orientalische Tonleitern benutzt.
Rolf, für die Zukunft wünsche ich dir viel Erfolg dabei, möglichst bald eine Band zusammenzubekommen, denn nur so werden wir wieder echte Running-Wild-Klassiker erleben können und nicht die aktuelle, unterdurchschnittliche Imitation von Judas Priest aus den frühen Achtzigern. Computer-Drums werden die ewig lebendigen Jörg Michael, AC, Ian Finlay oder Stefan Schwarzmann nämlich nie ersetzen.
Also, niemand verpasst irgendwas, wenn er das neueste Produkt von Running Wild überhört. Was Running Wild mit dem letzten Album demonstrieren, beherrschen musikalische Giganten wie Saxon, Judas Priest, Black Sabbath oder Accept mit ihrer Originalität viel, viel besser.
Besetzung
Rock’N’Rolf – Gesang, Gitarre
Peter Pichl – Bass
BESONDERER DANK:
Angelo Sasso – Schlagzeug
Produktion
Rock’N’Rolf
Tracklist
1.Welcome to Hell
2.Soulstripper
3.The Brotherhood
4.Crossfire
5.Siberian Winter
6.Detonator
7.Pirate Song
8.Unation
9.Dr. Horror
10.The Ghost
BONUSSONGS DER SPECIAL EDITION:
11.Powerride
12.Faceless
Spielzeit: 55:17