Talu

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Künstler: Phlox
Label: MKDK Records
Erscheinungsjahr: 2010
Länge: 55:24
Bewertung: 4.5/5

Es ist schlicht unglaublich, wie es trotz der heutigen Kapazitäten der vernetzten Welt immer noch Bands gibt, die so sträflich übersehen werden. Diamanten im Steinbruch der Mittelmäßigkeit, leuchtende Ausnahmen in einer grenzenlosen Dunkelheit, die einfach nicht wahrgenommen werden. Leider hat Phlox keinerlei Ambitionen, eine größere Bekanntheit zu erlangen. Die Jungs sind also ursprüngliche Hedonisten, die Musik für sich selbst und ihre eigenen Freuden machen. Was durchaus schade ist, denn mit ihrem neuen Album haben sie erneut in die Schleier musikalischer Sphären gegriffen, die schon lange nicht mehr enthüllt wurden.

Phlox setzen mit ihrem vierten Album „Talu“ die Vision fort, die sie auf dem hervorragenden „rebimine + voltimine“ gezeigt haben (Rezension hier). Sie bleiben kompromisslos in ihrer Musik, sind dabei aber trotzdem verspielt, witzig und vor allem originell sowie angenehm frisch. Dennoch zeigen sich Abweichungen von ihrem bisherigen Musikstil. Auf dem Album gibt es noch mehr Gäste, es sind gleich vier (auf dem vorherigen Album waren zwei Gastinstrumente dabei, Tabla und Flöte, diesmal hören wir außerdem Vibraphon, Violine, Mundharmonika und Flöte). Dennoch hat die Musik auf „Talu“ weniger Anklänge an östliche Rhythmen. Am meisten vermisse ich jedoch diesen Canterbury-Sound. Diese kindlich-durftonale Verspieltheit zwischen den Stücken, durch die Phlox sich auf „rebimine + voltimine“ so vollständig ausdrückten (sie halten sich selbst für Witzmacher, was die Titel ihrer Songs und Platten bezeugen, die größtenteils Wortspiele estnischer Wörter sind). Auf „Talu“ haben die Esten also mehr von jenem 70er-Jahre-Jazz-Rock-Sound zum Leben erweckt und sich an strengere Richtlinien gehalten als je zuvor. Auch die Free-Jazz-Einlagen sind deutlich weniger geworden, obwohl das Saxophon häufig die Initiative übernimmt und für scharfe, Zorn-hafte Soli sorgt; ebenso sind Noise-Rock-Elemente kaum noch zu hören. Interessant ist aber, dass der Sound trotzdem reicher ist als auf „rebimine + voltimine“, wirkt oft sehr orchestral, beinahe traditionell jazzartig. Damit ist das Album zumindest mit etwas vergleichbar (im Gegensatz zu „rebimine + voltimine“), was gleichzeitig Plus und Minus ist. Viele Teile ließen sich nämlich mit dem legendären Return to Forever-Klassiker „Hymn of the Seventh Galaxy“ vergleichen; dafür haben Phlox ihren Status als völlige Unikate eingebüßt.

Die zehn Stücke haben dadurch einen deutlich bestimmteren Stil, weshalb sie vielleicht wesentlich konzeptueller und zusammenhängender wirken. Die kompositorische Genialität ist dennoch unverkennbar. Schon „Võib-olla dresiiniga“, das Stück, das uns in „Talu“ einführt, ist eine unglaubliche Komposition aus verschiedensten Teilen, die Atmosphäre und Stimmung ununterbrochen wechseln. Von donnernden Höhepunkten bis zu jazzigen, süßen Wiegenliedern, alles in einem gigantischen Kreis, aus dem man nicht herauswill. Und dieser Kreis ist nicht nur für dieses bestimmte Stück charakteristisch, er ist eine Veranschaulichung des gesamten Albums. Alle Stücke haben ähnliche Manöver, dennoch ist erkennbar, wie Phlox die Stimmung auf dem Album aufbauen. Der Höhepunkt ist leicht auszumachen, er kommt exakt in der Mitte, beim fünften Stück „Loomaaed“, das schlicht atemberaubend ist. Oder einfach gesagt – es ist „nur“ ein weiteres Meisterwerk der estnischen Vorkämpfer. Die eröffnenden Schläge des Stücks sind interessanterweise ausgesprochen drum’n’bass-artig, was einmal mehr für die Eklektizität der Band spricht. Elemente verschiedenster Genres springen aus den unterschiedlichsten Teilen welchen Stücks auch immer hervor. Der Einstieg von „Istu. Viis“ ist zum Beispiel stark weltraumbezogen, obwohl der Klang der Instrumente vollkommen „normal“ ist. Allein mit der Melodie nähern sie sich dem an, was RTF auf „Hymn of the Seventh Galaxy“ gemacht hat, als sie mit möglichst minimalem Einsatz von Space-Sounds eine Weltraumkulisse geschaffen haben. Und „Binokkel“ hat einen wunderbaren ethno-folkloristischen Hauch, die Violine übernimmt ihre Rolle vollkommen. Und diese Elemente sind so zahlreich und werden so meisterhaft in diese neue, strengere Jazz-Rock-Ausrichtung eingebettet, dass dem Zuhörer die Worte fehlen.

Bei jedem einzelnen Stück kommt es trotz der Lautstärke der einzelnen Instrumente nicht zur Übersättigung. Alle halten sich an eine gewisse Formel, die freilich unsichtbar ist, denn die Free-Jazz-Freiheit erlaubt jedem Instrument den Ein- und Ausstieg in jedem beliebigen Moment. Man weiß nicht, ob die Musik ambient oder energiegeladen ist. Sie ist schlicht unglaublich, eine Beschreibung würde ihr nur unrecht tun. Wenn man über „rebimine + voltimine“ noch viel diskutieren konnte, ist das jetzt schwierig. Denn für jedes Stück ließe sich dasselbe über „Talu“ schreiben. Sie haben ähnliche Taktangaben, kompositorische Elemente, doch das Ineinandergreifen der Instrumente, die Grundmelodie (wenn man sie überhaupt so nennen kann) und noch vieles mehr ist völlig verschieden. Und genau deshalb ist es beleidigend, die Phlox-Jungs als irgendetwas anderes als Genies zu bezeichnen.

Wie schaffen sie das? So eine musikalische Fantasie, so viel Potenzial, solche Erzeugnisse – und trotzdem bleibt Phlox tief im Underground der Szene verborgen. Das ist sogar schwieriger, als solche Musik zu machen, wie die Esten es tun. Wie das? Weil sie aus Estland kommen? Oder interessiert sie mediale Bekanntheit schlicht nicht? Vielleicht fühlen sie sich genau hier am wohlsten, mit einer kleinen Fangemeinde, schlecht besuchten Konzerten in ihrer Heimat sowie einer mengenmäßig kleinen Auflage und einem geringen Absatz erstklassiger CDs. Aber was wohl am wichtigsten ist – die Musik bleibt unglaublich. Mit „Talu“ haben sie dem Jahr 2010 bereits den Jazz-Rock-Jahreshöhepunkt beschert, eine ausreichende Fusion-Dosis für den gesamten Rest des Jahres. Uns, die wir so wenige sind, bleibt nichts anderes übrig, als gespannt auf das nächste Kunststück der estnischen Innovatoren zu warten.

Besetzung

Kalle Klein – Saxophon
Raivo Prooso – Bassgitarre
Pearu Helenurm – Keyboards
Kristo Roots – Gitarre
Madis Zilmer – Schlagzeug
Allan Prooso – Perkussion

Gastmusiker:
Vambola Krigul – Vibraphon
Maarja Nut – Violine
Liis Jürgens – Mundharmonika
Ramo Teder – Flöte

Produktion

Heiki Tikkas

Tracklist

1. Võib-olla dresiiniga
2. Hullelu
3. Monokkel
4. Ooode
5. Loomaaed
6. In the wood
7. Siil
8. Istu. Viis
9. Augustin
10. Binokkel

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