Sunčani ljudi
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Žen
Label: Moonlee Records
Veröffentlichung: 2017
Wertung: 4.5/5
Žen ist eine rein weibliche Alternative-Rock-Formation, die 2009 in Zagreb gegründet wurde. Das Trio veröffentlichte 2013 und 2015 beim österreichischen Indie-Label Unrecords zwei Alben: das Studiodebüt »I onda je sve počelo« und »Jantar«. Ende dieses Novembers folgte nun das dritte Album »Sunčani ljudi«, das in Zusammenarbeit der Labels Moonlee Records, Unrecods und Vox Project erschien!
Mit diesen Mädels ist nicht zu spaßen. Sie wissen genau, was sie tun und was sie wollen. Ihre musikalische Vision ist klar definiert und zielstrebig! Das Quartett pflegt von Anfang an eine eklektische Mischung aus Psychedelia und Post-Rock-Esoterik, die den Hörer mühelos verführt, leitet und in eine Welt jenseits des Realen entführt. Die Musik wirkt zerebral, tripig, die Kompositionsgestaltung basiert auf einem raffinierten Geflecht mehrerer Klangebenen, die in einem hervorragenden, unglaublich geduldigen, wenn nicht gar symbiotischen Dialog hypnotischer Motivwiederholungen vibrieren. Viel »Spielen« mit »Fadern« bedeutet, dass die Band auch mehrere Minuten auf einem Motiv beharrt, das in seiner Klangintensität stimmungsmäßig graduell anwächst oder sich allmählich beruhigt. Die gesamte Musik basiert auf Wellen, auf der ständigen sanften klanglichen Verfremdung des Leitmotivs (der Erzeugung eines Dissonanzgefühls), wozu die Band auf äußerst geschickte Weise sehnsuchtsvoll verhangene Synthesizer-Ornamente hinzufügt. Dieses letzte Element ist gewissermaßen ein Erbe bzw. der Abdruck der typischen Klangkultur der Achtziger, als Post-Punk auftauchte und die Entwicklungsmöglichkeiten des Alternative-Rock-Genres avantgardistisch durchwirbelte. Ja. Da ist eine Berührung von Shoegaze, eine Art neu entdeckter New-Wave-Vibration des Klangexperimentalismus, der aus dem Visionärtum von Pionierbands von Killing Joke über Siouxie and the Banshee,a bis hin zu My Bloody Valentine herübergetragen wurde. Das interessanteste Beispiel für die Kollision des Beschriebenen ist das Stück Opet Gange, das sogar einen Hauch des Melos traditioneller Volksmelodien aus Gegenden südlich der Kolpa aufweist. Es ist eine unglaublich gelungene Mischung aus Shoegaze, Post-Rock und, wie gesagt, einigen Vokallinien, die aus dem Melos der Volksmelodien schöpfen. Es gibt also ein Folk-Element. Das Stück Sonična taktika ist eine Mischung aus Space-Psychedelia, unterstützt von aufgebraustem Gitarrenphrasieren, in das ein traumhaft hohler »extraterrestrischer« Frauengesang eingehüllt ist, was sogar die Umrisse der klanglich experimentellen Kühnheit von so etwas wie Hawkwind berührt.
Also werdet ihr bei diesem Album ständig schweben, und wenn nicht vorher, wird euch spätestens die Post-Rock-Extravaganz im abschließenden Tijelo zna definitiv vom Boden abheben. Ein sehr wichtiges Element, das in der Post-Rock-Expression neue stimmungsmäßige Horizonte hypnotischen Rausches eröffnet, ist das Zusammenspiel der drei Frauenstimmen, die sich mit einem träumerischen, wenn nicht gar sanften Ansprechen an den Hörer verbinden, dabei aber äußerst geschickt arrangiert und klanglich natürlich »affektiert« sind, und mit dem ästhetischen Einsatz derselben füllt Žen das gesamte Klangbild dieses Werkes ungemein effektiv. Die Vocals flattern im musikalischen Äther wie Spinnweben im wohltuenden Windhauch und wecken das Gefühl eines absoluten Verlangens nach Affirmation freiheitsliebender und wahrheitsliebender Aufrichtigkeit und Authentizität in allem, woran das Quartett Žen auf diesem Werk herantritt! An Herzlichkeit mangelt es nicht, an schöpferischem Feuer ebenso wenig, zugleich trägt es eine spürbare DIY-Ethik und -Vibration.
Žen sind Meisterinnen plötzlicher atmosphärischer Wendungen und Umschwünge. Wenn in Pusti me da hodam überwiegend Keyboards und Synthesizer-Linien eine Klangwand aufbauen, rückt im darauffolgenden, instrumentalen Jugomental ein angenehm »fetter« Gitarrenriff in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der im Hintergrund natürlich liebevoll und sorgfältig mit dekorativen Synthesizer-Vorhängen unterstützt wird. Die neue Klanglandschaft schafft so eine neue Atmosphäre, die Klangebenen fließen sanft ineinander und verbinden sich wie zarte Aquarell-Pastelle, eingefangen in der Verbindung eines stets fühlenden Wahrnehmens und der Kontemplation.
Die Band ist fast eher instrumental als vokal. Zumindest sind die Gefühle, die die Musik von Žen im Hörer weckt, so beschaffen. Die Vocals setzt die Gruppe mehrmals als zusätzliches Instrument ein, das die feierlich träumerische Atmosphäre des Albums vertieft, obwohl die auf Kroatisch verfasste Dichtung prägnant und bedeutungsvoll ist. Sie tritt aber in den zweiten Plan. Beziehungsweise wirkt »sekundär«.
Fazit? Ein absoluter Genre-Sonderling komprimierter Eklektik. Mit dem dritten Album festigt Žen wirkungsvoll den eigenständigen Charakter und die künstlerische Haltung absoluter Alternative-Rock-Eigengewächse. Mit Sicherheit der bisher reifste Erfolg der Band.
Žen – Sonična taktika (offizielles Video)
Besetzung
Eva Badanjak – Gitarre, Synthesizer, Gesang
Sara Ercegović – Schlagzeug, Synthesizer, Gesang
Ivona Ivković – Bassgitarre, Synthesizer, Gesang
GASTMUSIKERINNEN:
Jovana Lukić – Gesang auf Track Nr. 4
Lana Hosni – Gesang auf Track Nr. 4
Produktion
Žen
Trackliste
1. A gdje su staze? (04:06)
2. Pusti me da hodam (05:34)
3. Jugomenta (l04:21)
4. Četiri tri pet dva (05:48)
5. Opet gange (04:37)
6. Sonična taktika (03:49)
7. Tijelo zna (05:46)
8. Lov na crne tipke (08:09)