Street Sweeper Social Club

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Interpret: Street Sweeper Social Club
Label: Warner Bros. Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 39:03
Wertung: 3.2/5

Vor 1990 hätte mich jede Erwähnung von Kreuzungen zwischen Rap und Rock sowie Metal schon von Anfang an abgeschreckt – angesichts der Tatsache jedoch, dass sich zwischendrin die luddistischen Ausraster mit der Band Rage Against Machine ereigneten und danach noch eine ganze Menge genießbarer Genre-Verunreinigungen folgten, muss man kaum extra betonen, dass es ganz natürlich war, seine Meinung den neuen Verhältnissen anzupassen. Gleichzeitig konnten wir uns auch in die nonkonformistischen Ansätze des Gitarrenkönigs Tom Morello verlieben, der unter anderem auch dem Gitarrenvirtuosen Steve Vai regelrecht aus den Schuhen gehauen, ihn bezaubert und verblüfft hat – wir damals, noch bartlose Jungs, konnten bei den pfeifenden Soli, explosiven Riffs und Salven purer, natürlicher und suchtmachender Tanzrhythmik nur sabbern. Ja, das waren Zeiten! Dann aber kam die Auflösung der Hauptpropagandisten des extremen Linksradikalismus, gesellschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und der antiglobalistischen Kapital-Tendenz zur Verdummung der Massen – der Band Rage Against The Machine; und nach mehr oder weniger gelungenen (oder misslungenen) Ersatzprodukten bei Audioslave und Ähnlichem kam es zu einer weiteren Offenbarung in Fleisch, Sound und Reimen der Band Street Sweeper Social Club, die allerdings, Hand aufs Herz, eine Musikneuigkeit ist, die mir ziemlich spät zu Ohren kam – aber besser spät als nie, sagen die Weisen, oder?

Street Sweeper Social Club sind ein Konglomerat, das beim Aufeinandertreffen, Zusammenstoß und komplementären Pakt zwischen zwei ziemlich ähnlichen Welten entstanden ist – es brauchte nur, dass Tom Morello nach seiner Episode mit Soundgarden-Mann Chris Cornell den Rapper Boots Riley von der Band The Coup ans Mikrofon einlud, die Chemie aus seinen RATM-Tagen mit neuen Leuten prüfte und mit dem Aufnehmen anfing. Und was ist das Resultat dieser Chemie? Ein Versuch, die goldene Zeit zu beschwören, das Leerpumpen der Inspirationsbecken, eine popige Variante der RATM-Schärfe – und etwas, das man leicht überhören könnte? Nach Meinung der Puristen und unnachgiebigen scharfzüngigen Kritiker zweifellos ja – ich selbst habe aber beschlossen, nicht sofort auf alle Töne des Negativen einzuschlagen, und dem zu lauschen, was Morello als »revolutionären Party Jam« bezeichnet, bei dem es angeblich nicht an schwerwiegenden Riffs, funkoidem Tiefgang und giftigem Wortspiel zeitgenössischer Satire auf Kosten der Zeiten mangelt, in denen wir leben. Und die Realität, mit der Boots abrechnet, ist voll von deklassierten Menschen ohne Aussicht auf Wohlstand, ehrenwerte Arbeit und menschenwürdigen Lohn. Gut – es handelt sich also um den Soundtrack zu Wall-Street-Aufstandspogromen, könnten die Eifrigsten hinzufügen; und auf eine irgendwie aufgeweichte, mittelständische Art des Konformismus hätten sie sogar recht!

Street Sweeper Social Club beginnt recht vielversprechend mit dem hymnischen Song Fight! Smash! Win!, bei dem das erste Versprechen den Untertönen des Albums Renegades ähnelt, allerdings mit weniger Wut und weniger Feuer, das Zack de la Rocha stets durch seine Organe der Unzufriedenheit zu seihen vermochte – Boots dagegen wirkt unüberzeugend lauwarm. Die Politik muss aufgewirbelt und ein Umsturz vollzogen werden, ja – nur schwören die Hauptprotagonisten der Revolution diesmal statt auf Megafone und Geschrei auf kultivierte Zimmerlautstärke und galantes Geflüster. Morello liefert zwar erkennbare Gitarrenparts und Riffs, die mit einer unverwechselbaren Note donnern. Der Linksaktivismus beider Hauptprotagonisten entscheidet sich statt für militante Schlagkraft lieber für Reimeschmieden im Schatten weichen Party-Porns – was für alle, die etwas mehr Eier und Schmiss erwarten, eine veritable Kaltdusche ist. Auch der Song 100 Little Curses gibt nicht viel mehr als eine Prise Flüche und den Ballast vorhersehbarer Anlehnung an aktivistische Parolen gegen all jene, die den Kampf für den existenziellen Egalitarismus aller – auch der Menschen am Rand der Gesellschaft – gegen Marken, Glanz und Posertum eingetauscht haben. Ist das etwa auch Morello und Boots passiert? Aber greifen wir die Sache von einem anderen Blickwinkel an. Der Song The Oath ist ein durch und durch solider Mainstream-Erguss guter Riffs, Rhythmus und unaufdringlichem Rappen, der dir keine allzu schlimmen Komplexe wegen der Tatsache bereiten wird, dass du kein Schwarzer aus dem Ghetto bist, sondern bestenfalls ein aufgeweichter urbaner Pimp, der kein echter OG sein kann. Vollkommen solide Gitarren und strategisch platzierte »Motherfucker« – und du hast etwas, das bedingt auch mittags auf deinem Dorfradio laufen könnte!

Etwas mehr Eier und Entschlossenheit liefert der Song The Squeeze – die funkadelische Mischung aus Sound der Siebziger und Metal klingt nach den Rezepten von Ice-Ts Exkursionen durch urbane Dschungel verdaut und schon gehört; doch in all dem Bekannten und Schon-Gehörten steckt zumindest ein Gramm musikalischer Begabung, die freilich nur betrunkenen Besuchern irgendeiner Massen-Festival-Orgie genügen kann – nicht aber den »Rechtgläubigen«, die sich an echten tätowierten Schwarzen aus dem Ghetto gehärtet und sich die »echte« Essenz der Rapper-Weisheit in die Ohren gegossen haben. Clap For The Killers ist locker die Kaltdusche für alle selbsternannten OGs, ich selbst erlebe aber Momente der Zufriedenheit schon allein bei der Tatsache, dass aus den Lautsprechern RATM-Perlen donnern – mit einem etwas entspannteren Vokal-Orator daneben. Die Kombination aus Morello, Stanton am Schlagzeug und Boots am Mikrofon klingt auf eine entspannt lässige Art durchaus effektiv – nur Revolutionen und verrückte Schritte nach vorne solltest du nicht erwarten! Somewhere In The World It’s Midnight ist so ein ganz unaufdringlicher Hüpfer ins Becken des vertrauten Sounds, und Boots öffnet der Band auf eine leicht angerauchte Snoop-Dogg-Art  auch die Tore zu MTV-Wellen. Shock You Again ist so schockierend nur dem Buchstaben seines Namens nach, nicht aber im Endergebnis – bei all den negativen Tatsachen, die sich ganz von selbst in einer Reihe einreihen, ist Street Sweeper Social Club ein durchaus ehrenwertes Musikprodukt, das dich mit Perlen wie Megablast oder dem tanzerisch-verspielten Promenade oder dem abschließenden Nobody Moves (Til We Say Go) vielleicht nicht so aus den Schuhen hauen und umwerfen wird, wie es das Album Evil Empire, Renegades oder der berüchtigte Erstling des Kollektivs R.A.T.M. einst getan haben (gut, dann kann man in diese Reihe noch die bravouröse Schärfe des Albums Battle Of L.A. eintragen) – aber vergiss nicht, dass sich die Zeiger der Zeit unaufhaltsam nach vorne bewegt haben.

Der popige Ausflug in eine einst schärfere Vergangenheit ist allemal eine wunderbare Einstiegspforte für all jene, die ihren Finger bislang noch nicht in das Glas der echten Marmelade getaucht haben, die verdammt noch mal süßer ist als Surrogate und alle Ersatzprodukte. Tom Morello ist zweifellos die Referenz, die garantiert, dass es nicht an guten Stücken mangeln wird und dass sich in einer Tonne Fluff noch etwas Besseres findet als nur eine Prise unaufdringlicher Nichtigkeit. Street Sweeper Social Club hat jede Menge Musik zum Unterhalten der Massen und zur Entlastung der Spannungen nach einem Tag, den du an einem Arbeitsplatz verbracht hast, der dir nicht am Herzen liegt – aber es ist kein solcher Aufruf zur Revolution, nach dem man Molotowcocktails befüllen, eine Maschinenpistole und Bomben schnappen und bereit sein würde, für erhabene Ideale unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit und des weltweiten Egalitarismus zu sterben. Und sei ehrlich – glaubst du wirklich, dass jeden Tag Weihnachten ist und dass du jeden Tag nur das Allerbeste verdienst? Auch davon können sich verwöhnte Hintern schnell überessen, und dann und wann kommt auch ein Instant-Snack gelegen – und die Platte Street Sweeper Social Club ist vielleicht genau das Richtige für solche Momente …

Besetzung

Tom Morello – Gitarre, Bass, Hintergrundgesang

Boots Riley – Gesang

Stanton Moore – Schlagzeug, Perkussion

 

Begleitmusiker:

Eric Gardner – Hintergrundschlagzeug auf Track #2

Steve Perry – Hintergrundgesang auf Track #10

Dave Gibbs, Carl Restivo, Eric Gardner, Jim Scott, Trevor Welch – Hintergrundgesang

Produktion

Tom Morello

Trackliste

  1. Fight! Smash! Win!
  2. 100 Little Curses
  3. The Oath
  4. The Squeeze
  5. Clap For The Killers
  6. Somewhere In The World It’s Midnight
  7. Shock You Again
  8. Good Morning, Mrs. Smith
  9. Megablast
  10. Promenade
  11. Nobody Moves (Til We Say Go)
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