Steve Vai und 25 Jahre des Albums `Passion And Warfare` (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Udine / Castello di Udine / Italien
Datum des Konzerts: 07.07.2016
Besucherzahl: 1000

Steve Vai, einer jener kaum zu übertreffenden Gitarrenasse und für viele unerreichbaren Gitarren-»Götter«, bestritt seine letzte Europatournee im Juni 2013, als er mit dem 45-köpfigen rumänischen Orchester seine Musik darbot und sich dabei unter anderem auch beim Konzert im Triester Teatro Poiiteama Rossetti vorstellte. Daneben klingen noch immer sehr lebendig die Erinnerungen an seinen letzten Besuch der slowenischen Hauptstadt im November 2012, wo Steve Vai im Laufe seiner Karriere, einschließlich des Tivoli-Auftritts mit G3 im Juli 2004, insgesamt viermal aufgetreten ist.

Da sich die Rock’n’Roll-Zeiten für die Krainer von Tag zu Tag immer mehr verdüstern, sind wir gezwungen, zu Konzerten größerer und größter Acts immer ins Ausland zu fahren. Manchmal zum Glück nicht allzu weit – wie eben diesmal, als der berühmte Gitarrenzauberer direkt auf der Burg von Udine Station machte. Die idyllische parkähnliche Burgfläche, eine weitläufige Grünanlage direkt vor der Burgfestung, beherbergte eine imposante Bühne, vor der rund 1500 Sitzplätze aufgestellt waren. Steve Vai betrat mit seiner Begleitband – bestehend aus Bassist Phillip Bynoe, Schlagzeuger Jeremy Colson und Vais ewigem »Gitarrenknecht«, dem nicht minder brillanten Musiker Dave Weiner – pünktlich um halb zehn Uhr abends die Bühne. Also genau nach offizieller Ankündigung. Der Mann nutzte die neue Tournee, um das 25. Jubiläum seines Kultklassikers »Passion And Warfare« (1990) zu feiern. Auch in dieser Hinsicht blieb Vai nicht untätig – das Jubiläum wurde von einem neuen offiziellen Dokument namens „Modern Primitive“ (2016) begleitet, einem Doppelalbum. Auf der ersten Scheibe befinden sich Stücke, die zur Zeit der Aufnahme von »Passion And Warfare« entstanden und bis heute in Vais »Archiven« schlummerten; auf der zweiten Scheibe befindet sich eine remasterte Version des Studioalbums »Passion And Warfare« (1990), das Vai in die Elite der weltweit erfolgreichsten und meistgeschätzten Musiker katapultierte – und, was noch wichtiger ist, in die Elite der eigenartigsten und ungewöhnlichsten Musikkünstler aller Zeiten der Rockära.

Im ersten Teil des Konzerts spielte Vai einige Klassiker aus früheren Studioalben; eröffnet wurde das Ganze mit dem verschmitzten Bad Horsie (»Alien Love Secrets«, 1995). Das schöne Intro-Aufwärmen auf dem fetten Gitarrenriff, gespielt im rhythmischen Muster eines trägen Pferdegalopps – garniert mit Gitarrenornamenten, die das Wiehern eines Pferdes gewitzt imitieren –, sorgte sofort für eine ausgesprochen lebhafte und ausgelassene Stimmung, die keinen Augenblick lang nachließ. Bis zum Ende des Konzerts. Kurz gesagt: Schon der Opener stellte Vais Sinn für Humor unter Beweis und seine berühmte Art, alle Lebenslagen auf die spaßige Seite der Medaille zu drehen. Die balladeske Tender Surrender ersetzte das ursprünglich angekündigte Whispering A Prayer – das war auch die wichtigste Änderung an der ansonsten gewohnten Setlist der aktuellen Tournee.

Das Herzstück wartete auf den Höhepunkt des Abends: die komplette Live-Darbietung des Albums »Passion And Warfare«. Vor Beginn dieses Akts nahm sich Vai einen Moment, um sein Vorhaben geschickt zu begründen – die Zeit sei nun endlich reif, dieses so anspruchsvolle Album, für das er stets außerordentlichen Respekt hegt, hier und jetzt mit dem richtigen Begleitteam live zu spielen. Die Show wurde durch eine Leinwand mit einigen nostalgischen Momenten aus der Zeit der Albumveröffentlichung bereichert – wir wurden also in die zweite Hälfte der Achtziger und den Beginn der Neunziger versetzt –, darunter ein Eröffnungsvideo, in dem Vai gemeinsam mit Brian May das Opener-Stück Liberty spielt. Im weiteren Verlauf folgten Aufnahmen mit Grüßen von Joe Satriani und John Petrucci, inszeniert nach dem Vorbild einer Live-Übertragung (etwas Ähnliches nutzt auch Vais unzertrennlicher Kollege Devin Townsend bei seinen Shows) – natürlich ist dabei alles im unverkennbaren amerikanischen Humor aufgezogen, der das Rock-Entertainment rund um den Globus seit jeher begleitet. Vai und seine Mitstreiter dehnten einige Stücke in ausufernde Outro-Jams, bei denen der unverwüstlich rasende Jeremy Colson am Schlagzeug und der meisterhafte Bynoe mit seinem Gespür fürs Slappen auf dem Bass glänzten.

Vai verzauberte nach gewohnter Manier mit seiner außergewöhnlichen Charisma, die seine schwer greifbare und einzigartige Virtuosität einer eigenwilligen Art-Kultur begleitet. Dabei vollführte er alle möglichen Bewegungen, die weit ab vom Standardrepertoire des Gitarrenspielens liegen, garnierte seine Soli mit  einem amüsanten Feuerwerk an Grimassen und artikulierte all diese artistischen Verrenkungen zugleich meisterhaft mit seinen außergewöhnlich langen und beweglichen Fingern. Der schlanke Fünfundfünfzigjährige wirkt in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Bezaubernd, atemberaubend. Wie gesagt: einmalig und einzigartig. Bei der Darbietung des Albums »Passion And Warfare« übernahm er einmal mehr das unvergleichliche For the Love of God mit einem atemraubenden, ausufernden Outro-Jam, der kein Ende nehmen wollte, dazu eine hervorragende Videoprojektion, die in einem Atemzug die Menschheit zeigt – den nach Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen –, seine Schönheit und all die Grausamkeiten, die uns in all den Jahren des »gierigen Strebens nach Vorherrschaft« leider zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Ein herzzerreißendes Bild unseres Zustands.

Den dritten und letzten Teil des Konzerts eröffnete ein Stück, das Steve Vai gemeinsam mit Frank Zappa geschrieben hat, bei dem er sich in der ersten Hälfte der Achtziger seine Sporen verdiente – auf der Leinwand lief dabei erneut ein Archivmitschnitt des damals einundzwanzigjährigen Vai in Gesellschaft des unvergesslichen Genies Zappa. Wie es seit einigen Jahren auf Steve Vais Konzerten Usus ist, holt der Kerl zwei Kandidaten aus dem Publikum auf die Bühne, fordert jeden von ihnen auf, sich im Kopf ein Motiv auszudenken, das die Band als Ganzes einprägt und aus eben diesen Motiven ein neues Instrumental kreiert.  Eine Sache, die einerseits ein ausgesprochen unterhaltsamer  Programmpunkt ist, bei dem sich vor allem Vai und seine Mitstreiter auf der Bühne entspannen, kann nach ein paar Jahren aber schon etwas abgedroschen wirken – denn so mancher Vai-Fan hätte lieber gesehen, dass der Musiker diesen Teil des Repertoires mit einem weiteren eigenen Stück füllt.

Der reguläre Teil des Konzerts war im Nu vorbei. Vai kam noch einmal für die obligatorische Zugabe auf die Bühne und fragte das Publikum »bescheiden«: »Dürfen wir noch ein Lied spielen?«. Die Band legte damit die lang ersehnte Firegarden Suite – genauer gesagt den zentralen Moment dieser Suite namens Taurus Bulba – hin und schloss so eine weitere großartige Show ab, die in ihrer Gesamtlaufzeit zwei Stunden und zwanzig Minuten dauerte. 

Setlist

1. Bad Horsie
2. The Crying Machine
3. Gravity Storm
4. Tender Surrender
—„Passion And Warfare“ (1990) full album—
5. Liberty
6. Erotic Nightmares
7. The Animal (virtual duel with Joe Satriani)
8. Answers
9. The Riddle
10. Ballerina 12/24
11. For the Love of God
12. The Audience Is Listening (virtual duel with John Petrucci)
13. I Would Love To
14. Blue Powder
15. Greasy Kid’s Stuff
16. Alien Water Kiss
17. Sisters
18. Love Secrets
—————————
19. Stevie’s Spanking (orig. Frank Zappa)
20. Build me a song
21. Racing the World
—Zugabe—
22. Fire Garden Suite IV – Taurus Bulba

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