Songs From The Big Chair

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Tears for Fears
Label: Mercury Records
Erschienen: 1985
Laufzeit: 41:19
Bewertung: 5/5

Das britische New-Wave-Duo Tears For Fears, 1981 von Leadsänger/Gitarrist/Keyboarder Roland Orzabal und Bassist/Sänger Curt Smith gegründet, stürmte bereits mit seinem glänzenden, konzeptuell ausgerichteten Debüt »The Hurting« (1983) – für Synthpop-Verhältnisse ein ziemlich tiefgründiges Werk – die Spitze der damaligen Charts und kündigte den Beginn einer kommerziell äußerst erfolgreichen Karriere an. Orzabal und Smith gedachten nach den »The Hurting«-Hits wie »Mad World«, »Pale Shelter« und »Change« nicht, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, sondern entschieden sich zusammen mit Keyboarder Ian Stanley und Drummer Manny Elias, mit ihrem nächsten Studiowerk, »Songs From The Big Chair« – in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung des ambitionierten Debüts –, den Grad der New-Wave-Klangraffinesse noch weiter zu steigern und sich von jeglichen generisch klingenden Synthpop-Elementen zu verabschieden. Eine wichtige Veränderung gegenüber dem Debüt stellte auch die spürbare Abkehr von der überwiegend introvertierten »The Hurting«-Atmosphäre und den traumatisch gefärbten Texten hin zu deutlich extrovertierten Hymnen und positiv gestimmten Botschaften mit gelegentlichen Dosen schwarzen Humors dar.

Die Inspiration für den Albumtitel holten sich die Tears For Fears-Köpfe auf ihre typisch schwarzhumorige Art beim Anschauen des TV-Films ‚Sybil‘, in dem eine Frau mit schwerer multipler Persönlichkeitsstörung die Hauptrolle spielte. Diese konnte sich einzig dann beruhigen, wenn sie sich auf die Therapiecouch setzte. »Songs From The Big Chair« übertraf Qualität und kommerziellen Erfolg seines Vorgängers noch, da es unter anderem beide größten Tears For Fears-Hits enthielt, »Shout« und »Everybody Wants To Rule the World«, die zugleich ihre bekanntesten Werke überhaupt und zu den repräsentativsten Songs des Musikjahrzehnts der Achtziger zählen.

Der Eröffnungs-Superhit »Shout« mit Orzabal am Lead-Vocal, gewaltigem Refrain und Protesttext avancierte schnell zum zentralen Tears For Fears-Konzertklassiker, den auch viele Leute kennen, die das kultische New-Wave-Duo noch nie zuvor gehört haben. Hier bestätigte sich einmal mehr auf höchstem Niveau das außergewöhnliche Gespür des talentierten Duos für das Kreieren hypnotischer Refrains, das Legen subtiler Synthesizer-Texturen und das Erschaffen einer geheimnisvollen, leicht nostalgischen Atmosphäre – diesmal fehlte auch ein mutiges Gitarrensolo nicht, das innerhalb des bis dahin geschaffenen Tears For Fears-Oeuvres eine höchst willkommene Neuerung darstellte. »The Working Hour« eröffnet mit einer Saxophon-Improvisation unter der Regie von Mel Collins (King Crimson, ex-Camel), doch dieser Jazzeinschub dauert nicht allzu lange – bald dominieren melancholische New-Wave-Rhythmen, in denen Orzabals traditionell bekümmerte und rebellische Stimme glänzt. Am Ende übernimmt ein Art-Rock-orientierter Instrumentalteil.

Der Megahit »Everybody Wants to Rule the World«, bei dem sich Smith am Lead-Vocal beweist, hat einen interessanten Entstehungshintergrund: Ursprünglich enthielt er den Vers »everybody wants to go to war«, was Orzabal als ziemlich blasse Wortwahl erschien. Nach der Textänderung waren beide Musiker gar nicht sicher, ob die endgültige Version des Songs wegen seines leichtfüßigen Charakters und des sehr offensichtlich schwarzhumorigen, sarkastischen Texts für das Album geeignet sei, da er sich stilistisch ziemlich von den übrigen Stücken unterschied. Am Ende überwog die richtige Entscheidung, und der Erfolg eines der beliebtesten und meistgespielten Songs der Achtziger übertraf alle Erwartungen. Richtig war auch die Entscheidung, Smith ans Mikrofon zu lassen, da seine Stimmfarbe dem entspannten Refrain und dem leichtfüßigen Ambiente irgendwie besser entsprach.

»Mothers Talk«, getragen von verzweigter elektronischer Rhythmik und mit opulenten Mehrstimmigkeiten versehen, war ein weiterer großer Hit, auf dem die Band ihre neu gewonnene klangliche Schärfe eindrucksvoll unter Beweis stellte. Die berührende Power-Ballade »I Believe« hat einen interessanten Hintergrund: Orzabal bot sie ursprünglich dem Kult-Progrocker Robert Wyatt (ex-Soft Machine, Matching Mole) an, dem sie auch gewidmet ist – am Ende wurde sie jedoch noch eine Tears For Fears-Hit-Single, auf deren B-Seite sich eine Bearbeitung von Wyatts Solosong »Sea Song« befand. »Broken« ist mit seinen gereizten Gitarrenpassagen, rhythmischem Sequencing und verstreuten Synthesizer-Texturen – Orzabal klingt dabei vollkommen untröstlich – bei weitem das düsterste Stück des Albums.

Einen der Höhepunkte von »Songs From The Big Chair« stellt zweifellos das großartige, miteinander verknüpfte Medley »Heads Over Heels/Broken (live)« dar, bestehend aus der Hit-Single »Heads Over Heels« und dem Übergang zur Live-Version von »Broken«. Letztere erschien ursprünglich (in der Studioversion) als B-Seite der Single »Pale Shelter«. Beide miteinander verbundenen Stücke verbindet ein verwandtes Klaviermotiv und fantastische Vokalharmonien. Die Ballade »Listen«, das zweite von zwei Stücken mit Smith am Lead-Vocal, bildet mit ihrer stillen, leicht geheimnisvollen Atmosphäre – getragen von melancholischen Synthesizer-Texturen und bewegenden weiblichen Operetten-Harmonien – einen stimmungsvoll-sentimentalen Albumabschluss.

Tears For Fears‘ künstlerischer und kommerzieller Höhepunkt »Songs From The Big Chair« bleibt auch nach dem Test der Zeit und drei Jahrzehnten seit seiner Veröffentlichung ein Meisterwerk der New-Wave-Szene, das noch heute mit einem beneidenswerten Grad an klanglicher Raffinesse und Einfallsreichtum der Arrangements begeistert. Sucht man nach wenigstens einem Schwachpunkt von »Songs From The Big Chair«, wäre das mit Sicherheit das graue und ziemlich fantasielose Cover, auf dem die beiden Hauptschöpfer des Meisterwerks abgebildet sind. Dieses langweilige Bild war doch ziemlich untypisch im Vergleich zur Mehrzahl der Tears For Fears-Werke, die sich durch künstlerisch gestaltete Cover auszeichneten. Orzabal, der zusammen mit Smith den Tears For Fears-Namen auch im 21. Jahrhundert am Leben hält (seit einer Weile munkelt man schon über ihr siebtes Studioalbum), beteuert heute zwar, dass er persönlich Mitte der Achtziger der kommerzielleren Ausrichtung der Band, die mit »Songs From The Big Chair« begann, erheblich entgegenstand – aber nach dem riesigen Erfolg, dem er sich 1985 kein bisschen widersetzt hat, kann er jetzt den Schlaumeier geben, so viel er will.

Besetzung

Roland Orzabal – Leadgesang, Gitarre, Keyboards
Curt Smith  – Bassgitarre, Begleitgesang, Leadgesang auf 3 und 8
Ian Stanley – Keyboards
Manny Elias – Schlagzeug 

GASTMUSIKER:
Sandy McLelland – Begleitgesang
Chris Hughes – Schlagzeug
Jerry Marotta – Perkussion
Will Gregory – Saxofon
Mel Collins – Saxofon
Andy Davis – Flügel
Neil Taylor – Gitarre
Stevie Lange – Begleitgesang
Annie McCaig – Begleitgesang
Marilyn Davis – Begleitgesang 

Produktion

Chris Hughes

Trackliste

1. Shout (6:33)
2. The Working Hour (6:31)
3. Everybody Wants to Rule the World (4:11)
4. Mothers Talk (5:06)
5. I Believe (4:54)
6. Broken (2:38)
7. Head over Heels/Broken (live) (5:02)
8. Listen (6:54)

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