Šinobusi: Ljubav i dalje diše
Label: PGP RTS
Erscheinungsdatum: März, 2017
Produktion: Darko Varga
Albumlänge: 45.33 min
Genre: Progressive Rock / Blues / Art Rock / Pop
Das fünfte Studioalbum des Novi Sader Quintetts Šinobusi, nach fünfzehn Jahren des Trotzens! Endlich auch in den Händen eines slowenischen Musikmediums – obwohl seit März 2017, als es offiziell erschien, so einiges an Save-Wasser den Fluss hinuntergeflossen ist. Eine Band, die als absoluter musikalischer Sonderling gilt, als unglaublich authentische Verbindung zu den alten Zeiten des Rock-Pioniergeists. Nach knapp dreieinhalb Jahren, seit Ende 2013 der Vorgänger »Nebo od skaja« erschien, kommt also »Ljubav i dalje diše«. Schon Black Sabbath sagten einst auf dem Album »Cross Purposes«, dass am Ende das Einzige, was einem bleibt, die Menschlichkeit ist – Šinobusi hingegen glauben an den grundlegenden Leitsatz der Liebe. Beides ist natürlich stark miteinander verwoben.
Šinobusi sind über die Jahre zu einer äußerst geschätzten und anerkannten Band geworden – nicht nur im eigenen Land, auch das slowenische Publikum hat ihnen diese Anerkennung zuteilwerden lassen. Sie kommen regelmäßig und sehr gern zu uns zurück, und ihre energiegeladenen Konzerte gelten als Inbegriff großer Darbietungsperfektion. Das Album eröffnet das wachrüttelnde U nevreme, das sofort zeigt, welch malerische und kraftvolle Chemie die Musik dieser Band besitzt. Die Musik, die Šinobusi erschaffen, lässt sich freilich keineswegs leicht beschreiben. Am ehesten lässt sie sich als eine eigenwillige Mischung aus Blues, Rock’n’Roll, Pop und Progressive Rock bezeichnen – mit möglichen Genreabweichungen natürlich (Jazz, Swing, psychedelischer Rock) –, denn die Band ist dem ständigen Experimentieren mit Sound und Arrangements zugetan. Das Quintett steht ständig auf der Bühne, und an Einspieltheit mangelt es ihm ebenso wenig wie an außergewöhnlicher kreativer Durchdringungskraft.
Während »Nebo od skaja« (Dezember 2013) als Album längerer Stücke wirkte, die wirklich üppig arrangiert waren, enthält »Ljubav i dalje diše« zwar mehr Songs, die aber – mit Ausnahme des progressiv-psychedelisch-rockgefärbten Crna dirka – allesamt deutlich kürzer sind und daher meist direkter ansprechen, dabei jedoch den ganzen Glanz des unverwechselbaren Autorenscharmes dieser Band besitzen. Auf dem Album gibt es wieder einige luzide und schelmische Verspieltheit, wie sie erstmals ausgiebiger im Blues-Boogie-Swing des Stückes Preko polja, pa u brda angedeutet wird – das im Grunde eine kleine Hommage an all die wunderbaren Menschen von Serbien bis Slowenien ist, die der Band über die Jahre so viel Unterstützung entgegengebracht haben. Der nächste Moment der Verspieltheit findet sich auf Stück Nr. acht, wo die Band auch ihre freche Natur nicht verbirgt, wenn sie sich an das in Kabarett-Jazzswing verliebte Dečaci heranwagt. Nenad Patković, der auch alle Keyboards beisteuert, kann auf der Gitarre einfach alles spielen. Ein durch und durch zerrissener Musiker. Im positiven Sinne natürlich. Er bringt ins Team das perfekte Element der Überraschung – in dem Sinne, dass er in die sonstige konzeptuell kompakt formatierte Struktur der Stücke Übergangs-Verzierungen einwebt, die retro-nostalgisch nachhallen und die man auf neuen Platten im Post-Millennium-Zeitalter von Musikern seiner Generation nicht erwartet. Deshalb wirken Šinobusi oft wie eine neue Geschichte vom guten alten Blues-Rock’n’Roll, verloren in Zeit und Raum. Man könnte irrtümlich meinen, hinter den Instrumenten steckten Menschen aus den Reihen der Rock-Pioniere – so authentisch sind die Umsetzungen dieser ursprünglichen Klanglichkeit auf ihren Werken.
Eine besondere Geschichte ist die Ausdruckskraft der Dichtung von Milan Korać. Milan ist ein Vokalist, dessen stimmlicher Charakter wie geschaffen fürs Singen von Pop-Musik wirkt, und sein Gesang »erweicht« die Struktur der Stücke stets ein wenig – auch wenn das Gitarrenriff kerniger wahrgenommen wird, wie etwa in Začaran krug, dem härtesten Stück des Albums. Die Middle-Eight-Passagen sowie die Aus- und Einleitungsteile der Stücke können gewieft mit einem Dialog aus Mundharmonika und Gitarre gewürzt sein. Das verstehen Šinobusi stets sehr gut zu nutzen und heben damit die Dynamik der Stücke selbst. Das gegenseitige Zusammenspiel beziehungsweise das einvernehmlich-tugendhafte Wahrnehmen beider Elemente ist schlicht wunderbar, durchdringend und prägend. Auf dem Album finden sich zwei Instrumentalstücke. Beim ersten, HOP, ist das Arrangement so gestaltet, dass die Mundharmonika das Sagen hat; beim zweiten und abschließenden, Vučedolska, übernimmt die außergewöhnliche Figurierung der gitarristischen Feinmechanik von Nenad Patković die Aufmerksamkeit – und es wirkt zutiefst nostalgisch, sehnsuchtsvoll und wie das Schlussstück eines Musicals für irgendeinen Film.
Die Keyboards verleihen gelegentlich ein entferntes Sentiment von Psychedelik (so wirkt etwa Crna dirka in der Dualität von Keyboards und dem mit Bassdrum unterlegten Rhythmus in Momenten wie The Doors), doch die außergewöhnliche Raffiniertheit des Gitarrenspiels von Nenad Patković ist andererseits jenes Element, das den auf dem Blues fußenden Ausdruck der Band eher in die Gefilde des Progressive Rock drängt – wie es im Titelstück des Albums angedeutet wird, dem es weder an Mystik noch an Sehnsucht mangelt. Auch Iz drugog života ist ein Stück, in dem die Band erneut unglaublich gelungen jene Mystik und Melancholie in der Retro-Gravur der Siebziger-Rock-Rezeptur eingefangen hat. Wieder sind da Tricks, die in den Harmonien der Gitarrenlinien an die Pionier-Tricks der guten alten Wishbone Ash aus der Ära des Albums »Argus« erinnern. Šinobusi sind phasenweise ein regelrecht verrückter Trip in die Retro-Rock-Nostalgie der Siebziger. Auch die Mundharmonika wirkt in ihrem Einsatz hier gänzlich erhaben, wenn sie eine greifbare Melodie über der gegebenen Phrase hält. Alles ist dem Aufbau von Atmosphäre und dem Ausdruck des nackten, also ursprünglichen Gefühls untergeordnet, wobei die gegenseitige Kommunikation der fünf Musiker höchst sensibel, sanft-sinnlich und instinktiv wirkt.
Ein neues, überlegenes Album also. Auf ihm treten Šinobusi erstmals in ihrer Karriere als Einheit auf, die beim Schreiben der Songs gemeinschaftlich vorgegangen ist. Das gesamte Quintett hat Ideen beigesteuert, und als Textautoren zeichnen neben dem hauptsächlich verantwortlichen Milan auch noch Peđa und Đorđe. »Ljubav i dalje diše« wirkt kompakter, fokussierter, mehr »old school pop-rock-blues« – und das alles dichter gepackt. Es gibt mehr Songs, aber sie sind unglaublich fein arrangiert. Vor allem muss man bedenken, dass die Band immens viel Musik gehört und dabei im Quintett-Format unzählige Konzerte gespielt hat. Abgesehen davon, dass es sich um hervorragende Musiker handelt, sind sie überdies unglaublich erfahren. Zugleich sind es enge Freunde, die wie Brüder sind und wie ein einziger Organismus atmen. Diese Einigkeit spürst du in der unglaublichen Chemie und der hundertprozentig organischen Klangbeschaffenheit des Werkes, das analog und nach dem Vorbild eines gespielten Konzerts sowie der Aufnahme »in one take« eingespielt wurde. Das Album wirkt konzertant, und wenn Šinobusi die Bühne betreten, ist diese »Organik« noch packender und die musikalische Substanz noch anziehender. Eine Band, die man unbedingt live hören muss, und ein Album, das mit mehreren Durchläufen ans Herz wächst, einzigartig und unwiederholbar nachhallt – ein Album, von dem man einfach nicht genug bekommt.
Šinobusi hätten durchaus ein durch und durch retro klingendes Progressive-Rock-Album hinlegen können, aber sie halten sich lieber an kürzere, kompakt arrangierte Stückchen, in denen einfach alles vereint ist. Unglaubliche musikalische Anziehungskraft, starke Dichtung von Milan Korać mit einem teuflischen Gespür für den mitreißenden Einsatz von Metaphern, das genau richtige Maß an ständig luzidem gegenseitigem Dialog der instrumentalen Bausteine – und über allem die unglaubliche Chemie und das gegenseitige Wahrnehmen des Quintetts. Dreizehn Songs also, herausgearbeitet bis auf ihr ausdrucksmäßiges Maximum. Die Liebe atmet also weiter! Und möge sie das auch bleiben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Bewertung: 10 / 10
Tracklist:
1. U nevreme
2. Preko polja, pa u brda
3. Čudno voće
4. Ljubav i dalje diše
5. Boka
6. Začaran krug
7. Iz drugog života
8. Dečaci
9. HOP
10. Genetski modifikovana osećanja
11. Pauk tišine
12. Crna dirka
13. Vučedolska
Musiker:
Milan Korać – Gesang, Gitarre
Nenad Patković – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Stefan Stefanović „Gile“ – Mundharmonika
Predrag Dmitrović – Bassgitarre
Đorđe Bubnjević – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang