Selling England By The Pound

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Genesis
Label: Virgin Records
Veröffentlichung: 1973
Bewertung: 5/5

Ohne Zweifel ist das die Platte, mit der Genesis den kreativen Höhepunkt ihrer „klassischen“ Phase erreicht haben, und die Platte, die die meisten Maßstäbe des heutigen symphonischen Progressive und Neo-Progressive Rock gesetzt hat. Gleichzeitig ist sie ohne Zweifel eines der besten Rockalben überhaupt und eine der größten musikalischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Diese Scheibe ist nämlich so gut und eine so makellose musikalische und künstlerische Perfektion, dass ihr jede Rezension quasi Schande macht. Für mich definitiv eine der fünf besten Rockplatten, die ich je gehört habe. Kaum zu glauben, dass die Band damals von Jahr zu Jahr ein noch besseres Album rausgehauen hat. Während sie musikalisch und persönlich reiften, entwickelte sich auch ihre Musik weiter. „Foxtrot“ (1972) war die Platte, die ihnen die Aufmerksamkeit der breiteren Musikwelt brachte, „Selling England By The Pound“ hat sie endgültig unter die Unsterblichen geschrieben. Es ist zugleich der kommerzielle Höhepunkt der Phase mit Gabriel, und mit dieser Platte erreichten sie Platz 3 der britischen Albumcharts.

Auch wenn der geniale Sänger, Flötist, Dramatiker und Schauspieler Peter Gabriel zweifellos der Hauptfaktor der künstlerischen Entwicklung der Band in ihrer frühen Phase und erneut der zentrale „Star“ der Platte ist, ist der Beitrag der übrigen Mitglieder keineswegs zu vernachlässigen. Das Schaffen aller Musiker ist auch diesmal auf höchstem Niveau, und von irgendeiner Dominanz ist nichts zu spüren. Die Band ist in den Beiträgen der einzelnen Mitglieder gleichwertig, und auch das ist eine der Stärken dieser Phase. Vom Klaviervirtuosen Tony Banks etwas weniger als einen perfekten orchestralen Höhepunkt an Orgel, Mellotron und Klavier zu erwarten, wäre ein Fehler. Es ist außerdem das erste Album der Band, auf dem er einen Synthesizer eingesetzt hat. Steve Hackett ist ebenfalls ein Unikat und ein exzellenter Gitarrist, der zahlreiche Neuerungen ins Gitarrenspiel gebracht hat. Einer der besten Schlagzeuger des Rock und des Jazz (oder beider zugleich), ich würde sagen aller Zeiten, Phil Collins, ist wie üblich hervorragend, vor allem mit seinem abwechslungsreichen Einsatz der Becken. Genauso wichtig ist sein Gesangsbeitrag. Mike Rutherford, Bassist und gelegentlicher Gitarrist, der immer gern auch die 12-saitige Gitarre und das Basspedal einsetzte, ist ein weiterer vielseitiger Musiker, der Teil einer der besten Rhythmusgruppen jener Zeit war. Gabriels Texte, sein Gesang und sein Flötenspiel haben ihren Höhepunkt erreicht.

Vorweg: „Selling England By the Pound“ ist ein halbes Konzeptalbum, das vom Niedergang des modernen Großbritanniens bzw. des britischen Empires handelt, und die Songs fließen ineinander über (was für die meisten Konzeptalben typisch ist). Überhaupt durchzieht die ganze Platte ein „viktorianischer“ Konzeptgeist. Gabriel rechnet in den Texten endgültig mit der britischen Klassengesellschaft und ihrer falschen Moral ab. Die Platte zeichnet sich durch zahlreiche Epen, aber auch kürzere Songs aus, die sich durch eine komplexe musikalische Struktur mit viel Melodik und Virtuosität der einzelnen Bandmitglieder auszeichnen. Kurz: Alles, was diese Band am besten kann, steckt hier drin. Und das in der zehnten Potenz! Selbst die Produktion ist für die damalige Zeit phänomenal. Muss man so ein großartiges Album überhaupt noch näher vorstellen?

„Dancing With the Moonlit Knight“, einer der besten Opener im Progressive Rock, eröffnet die Platte auf hohem Niveau, wie es bei der Band Tradition ist. Der Song steht für den materiellen und geistigen Verfall des britischen Empires, wofür auch der Albumtitel steht, der in diesem Song ebenfalls erwähnt wird. Auf ein ruhiges Intro folgt ein melodischer Refrain und Gabriels dramatischer, völlig hingebungsvoller und stets wandelbarer Gesang. Dann trägt uns der Rhythmus des Duos Collins-Rutherford bald in den „Progressive-Himmel“. Hackett bedient sich hier des damals revolutionären Fingertappings, dessen Erfindung ihm zugeschrieben wird. Maestro Banks an Orgel und Mellotron webt dazu jene mystische Bindung, die neben Gabriels Gesang der wichtigste Träger des musikalischen Gesichts der Band ist.

Der Song geht direkt in das hervorragende „I Know What I Like (In Your Wardrobe)“ über. Das war bei seiner Veröffentlichung der Song, der ihnen den ersten Hit in den britischen Charts bescherte und damit auch Musiklaien auf sie aufmerksam machte. Der Text ist extrem witzig und sarkastisch und handelt von der völligen Apathie der britischen aristokratischen Jugend, die nicht bereit ist, ihr ziel- und planloses Leben aufzugeben, das auf dem „ewig währenden Augenblick des Genusses“ beruht. Er hat einen grandiosen melodischen Refrain (in dem man auch Collins’ Backing-Vocals gut hört), der euch so schnell nicht mehr aus den Ohren gehen wird. „I Know What I Like (In Your Wardrobe)“ zeigte, wie viel Hitpotenzial diese Band immer hatte, die bis dahin praktisch nur für ihre meist langen und komplexen Kompositionen bekannt war. Trotz der scheinbaren Einfachheit und Eingängigkeit enthält der Song trotzdem jede Menge unterschiedlicher musikalischer Elemente.Es ist der erste von vielen Hits, die die Band in ihrem langen Bestehen geschaffen hat, und natürlich eine der Klassiker des Progressive Rock.

„Firth Of Fifth“ ist ein wunderschöner epischer Song, der als Beispiel für perfekte Spontaneität zwischen den einzelnen Musikern dienen kann. Eröffnet wird er von Banks’ rasantem Klavierspiel. Der ganze Song vermittelt ein Gefühl von „Erleuchtung“ und klingt durch die Stimmung im Mittelteil sogar irgendwie „yes-ig“. Von der Atmosphäre her ist er einer der hellsten und optimistischsten Songs der Band. Vor allem die letzte Zeile „the sands of time were eroded by the river of constant change“ klingt wie ein Akt der endgültigen Erleuchtung, auch wenn ich fast sicher bin, dass sie bloß Teil eines von Gabriels Konzepten ist, das von gesellschaftlichem Wandel handelt. Trotzdem klingt die Zeile wie der zentrale Teil der Philosophie dieser Band. Ewiger Wandel, in der Musik immer weiter nach vorn. Natürlich ist der Song sehr mystisch und dramatisch, enthält also beide Markenzeichen der Band. Gabriel erwähnt im Text Sirenen und Neptun, was natürlich Metaphern sind. Der schönste Teil folgt in der zweiten Hälfte des Songs, wenn Hacketts wundervolles Solo einsetzt. Eines der besten Soli dieses Gitarristen, die ich je gehört habe. Am Ende dürfen natürlich auch Banks’ esoterisches Mellotron und das Synthesizer-Solo nicht fehlen. Es ist eines der besten Epen der Bandgeschichte.

„More Fool Me“ ist eine kürzere Ballade, auf der Schlagzeuger Phil Collins singt (der sich in dieser Rolle schon auf der Ballade „For Absent Friends“ (Nursery Cryme, 1971) versucht hatte) und die an der richtigen Stelle das Drama etwas beruhigt, das den Großteil der Platte beherrscht. Man könnte sie schon als eine der ersten Collins’schen „Balladen“ bezeichnen, die seine späteren Arbeiten mit der Band und seine Karriere erahnen lassen, die man natürlich nicht eigens vorstellen muss. Sie ist mit Herzblut gesungen, dazu gibt es natürlich hervorragende Backing-Vocals und Begleitung an der Akustikgitarre.

„The Battle Of Epping Forest“ erzählt von der Auseinandersetzung zweier damaliger Straßengangs und ist ein weiteres hervorragendes Epos. Im Grunde ist es noch eine von Gabriels genialen Metaphern, die davon handelt, wie sich die unteren britischen Schichten heute lieber gegenseitig fertigmachen, weil sie nun eben nicht mehr der Ausbreitung des einstigen Empires dienen können. Der Rhythmus im Intro ist absichtlich leicht militaristisch. Darauf folgen all die besten Zutaten der Genesis-Musik. Natürlich fehlen auch diesmal Gabriels vokale Meisterleistungen bzw. Akrobatik nicht, inklusive einer kurzen Erzählpassage bzw. des Spiels verschiedener Figuren. Manche würden das auch satirischen Ausdruck der Texte nennen. Darin war ihm wirklich keiner gewachsen. Das Epos hat ein völlig anderes Ende als Anfang und gehört zu den komplexesten Kompositionen der Band – und davon gab es nicht wenige.

„After the Ordeal“ hat ein mittelalterliches, mystisches Intro auf Flöte, Gitarre und Klavier. Es ist vielleicht sogar das beste Instrumentalstück, das sie je geschaffen haben. Hier glänzen erneut vor allem Tony Banks und Steve Hackett. Der Song gehört zu den besten Beispielen für Banks’ orchestrale Meisterschaft. Er klingt wirklich wie aus einer anderen, längst vergessenen Zeit.

„The Cinema Show“ ist zweifellos einer der Höhepunkte der Platte (von denen es ohnehin einige gibt) und neben „The Musical Box“ (Nursery Cryme, 1971) bis heute der Lieblingssong unter den Fans der Band. Hacketts Solo in der Mitte des Songs ist pure Klassik. Genauso Collins’ Schlagzeugspiel. Die mehrstimmigen Gesangsharmonien im ganzen Song sind unglaublich. Offenbar macht sich Gabriel hier erneut über die englische falsche Moral und verbotene Liebe lustig. Es ist eine Farce auf einen modernen Romeo und eine moderne Julia, die „die Dinge selbst in die Hand nahmen“, und klingt trotzdem romantisch. Besonders interessant finde ich die Stelle im Text, wo Gabriel eine Figur aus der griechischen Mythologie erwähnt: den Seher Teiresias. Der wurde der Legende nach wegen seiner Dreistigkeit mehrmals von den Göttern bestraft: in eine Frau verwandelt, dann wieder in einen Mann, und am Ende nahm man ihm das Augenlicht, doch dafür behielt er seine Sehergabe sogar nach seinem körperlichen Tod. Das sagen die Zeilen „Once a man- like the sea I raged. Once a woman- like the earth I craved…There is in fact more earth than sea.“ Das ist zugleich der Teil, in dem der melodische Übergang einsetzt und der Song eine „erleuchtete“ Aura bekommt. Flötenpassagen, Mellotron und mehrstimmiger Gesang erzeugen eine echt keltische Stimmung. Alles Beste, wofür Genesis stehen, steckt in diesem Song.

„Aisle Of Plenty“ bildet den Abschluss der Platte. Es ist ein kurzer Gabriel’scher satirischer Manierismus, der das Album traurig und witzig zugleich beendet. Wieder erklingen die Melodie und das Hauptriff von „Dancing With the Moonlit Knight“, die sich vor einem Mellotron-Vorhang in die „Ewigkeit“ steigern. Nein, Peter Gabriel ist ganz sicher kein Musiker, den die Queen zum Jubiläum ihrer Krönung einladen oder auf dem Dach des Buckingham-Palasts spielen lassen würde. In der Kritik an der falsch moralischen britischen Klassengesellschaft kann es meiner Meinung nach nur noch Ian Anderson (Jethro Tull) mit ihm aufnehmen, der allerdings Schotte ist.

Eine der besten Platten der Rockmusik überhaupt. Ich finde schlicht nicht genug lobende Worte. Nur wenige haben damals erwartet, dass die Band nach „Foxtrot“ (1972) ein noch ehrgeizigeres Album schaffen würde, eine Platte, die den endgültigen künstlerischen Gipfel der Phase mit Peter Gabriel markieren sollte. „Selling England By the Pound“ ist ein Klassiker und ein Meisterwerk des Prog Rock, das das Leben der meisten Hörer guter Musik verändert hat. Ich selbst habe gerade mit dieser Platte die wunderbare Welt der Musik von Genesis entdeckt, deshalb bedeutet mir diese Platte besonders viel. Trotzdem fällt es mir persönlich ziemlich schwer zu entscheiden, ob das wirklich ihre beste Platte ist oder doch die, die darauf folgte – das ungewöhnlichste Konzeptalbum aller Zeiten. Wer hätte sich bei einer Platte wie „Selling England By the Pound“ überhaupt getraut zu denken, dass die Band fähig ist, noch einen letzten Schritt in ihrer musikalischen Entwicklung zu machen? 

Besetzung

Peter Gabriel – Gesang, Percussion, Flöte, Oboe
Tony Banks – Keyboards, 12-saitige Gitarre
Steve Hackett – E-Gitarre, Nylongitarre
Mike Rutherford – Bass, 12-saitige Gitarre, elektrischer Sitar
Phil Collins – Schlagzeug, Percussion, Backing-Vocals, Gesang(3)

Produktion

Genesis, John Burns

Tracklist

1. Dancing With The Moonlit Knight (8:01)
2. I Know What I Like (In Your Wardrobe) (4:06)
3. Firth Of Fifth (9:34)
4. More Fool Me (3:09)
5. The Battle Of Epping Forest(11:43)
6. After The Ordeal (4:12)
7. The Cinema Show (11:06)
8. Aisle Of Plenty (1:31)

Spielzeit: 53:22

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