Rough And Tumble
Interpret: Waite, John
Label: Frontiers Records
Erscheinung: 2011
Bewertung: 3.5/5
John Waite ist ein legendärer britischer Sänger mit einer erfolgreichen Solokarriere, die vor allem durch die unantastbaren Alben des brillanten Melodic Rock definiert wird: „No Brakes“, „Ignition“, „Rover Return“, „Temple Bar“, „Mask Of Smiles“. Missing You ist Waites immergrüner Hit aus dem goldenen Zeitalter der Achtziger, der bis heute gerne auf Radiofrequenzen gespielt wird. Der Typ war Teil der Super-Hard-Rock-Gruppe Bad English, zusammen mit zwei prominenten Journey-Mitgliedern, nämlich dem ehemaligen The-Babys-Kumpan Jonathan Cain und Gitarrenvirtuosen Neal Schon, wobei er mit Bad English noch zwei unübertroffene Hard-Rock-Alben herausbrachte.
In den letzten Jahren fließt so einiges Wasser den Bach runter, bis ein neues Waite-Studioalbum das Licht der Welt erblickt. Auch auf „Rough And Tumble“ haben wir lange gewartet, eine ganze Dekade. Der seit Jahren in den USA ansässige Musiker britischer Herkunft reift natürlich auch ausdrucksmäßig weiter.
In das neue Album hat er einen enorm lebendigen, rohen Sound hineingehaucht, ohne jegliches Polieren. Absichtlich. Der Mann ist erfahren und abgebrüht, über die Jahre hat er sich in einen Künstler verwandelt, der genau weiß, was er im kreativen Sinne hervorheben möchte. In jedem beliebigen Moment. Und er setzt das auch um. Effektiv. Und mit diesem Reifen und den Jahren zurückgelegter musikalischer Kilometer taucht an der Ausdrucksoberfläche neuer Schöpfungen die Liebe zu jener Musikart auf, mit der John Waite selbst in seiner Kindheit aufgewachsen ist und sich entwickelt hat. Darauf deutete bereits die Veröffentlichung aus dem Jahr 2007 namens „Journey Of A Heart“ mit präfigurierten Stücken aus Waites Karriere hin.
Kein Alarm wegen musikalischer Abweichungen! Ich möchte nur alle warnen, die eine Melodic-Hard-Rock-AOR-Perle erwarten – ihr müsst euch diesmal mit allem anderen abfinden. Die langen Jahre des Lebens in den USA spiegeln sich natürlich auch in den Songs der neuen Platte wider. Das Album klingt amerikanisch. Es ist nämlich mit einem lebhaften Blues-Touch durchtränkt. John Waite hat also ein unverstelltes Hard-Rock-Album angeboten, bei dem die Schlagkraft des Rocklärms klar hervorgehoben ist, gleichzeitig aber sein exzellenter Gesang über das ganze Album in allem dominanten Glanz regiert. Wie wir es von der Vokalinterpretation dieses ausgezeichneten Vokalisten bereits gewohnt sind.
In diesem neu definierten musikalischen Umfeld findet sich Waites fetter und kraftvoller Gesang heute wieder, so wie sich Coverdales in seinen besten Zeiten wiederfand, als ihm das Duo Moody/Marsden zur Seite stand. Nicht wörtlich zu nehmen. Versteht das als einen groben Orientierungspunkt, wohin der Hase diesmal läuft. Kyle Cook ist die Antwort auf die Fragen. Der ehemalige Matchbox Twenty-Gitarrist ist jener Faktor, der auf dem neuen Waite-Album die meisten Spuren seiner Tätigkeit hinterlässt. Als Co-Autor einzelner Songs und natürlich auf jeden Fall auch in der Ausführung. Er ist ein Unikat. Und das ist äußerst willkommen. Denn vor uns liegt ein besonderes Album. Von besonderer Charisma, besonderem Geist – eben ein John-Waite-Album. Durchzogen natürlich vom Charme von Waites souveräner Interpretation, seinen Stempel hinterlassen aber natürlich auch bestimmte Gitarrenpassagen, die Gitarrenphrasen selbst.
Das Album schwankt jedoch qualitativ. Der Anfangsteil ist am stärksten, durch den titelgebenden Eröffnungssong mit seiner aufgedrehten Mischung aus Melodiosität und rauer Rockdirektheit, dann in der Reihenfolge Shadows Of Love, Evil und If You Ever Get Lonely (mit einem ausgezeichneten, ansteckenden Refrain) sowie Skyward. Eine lebhafte Entwicklung der Ereignisse, der Dynamik wird in allem Genüge getan. Das Album hält hier jede Hard-Rock-Seele fest an sich.
Hier gibt es ein Cover von Tina Turners Sweet Rhode Island Red, das bestätigt, nach welcher Musik John Waite in seinen reifen Jahren der Sinn steht. Es hinterlässt jedoch keinen besonderen künstlerischen Eindruck, nach dem der Song in den Rang der besseren Momente des Albums eingestuft werden könnte. Ebenso ist nicht zu erwarten, dass das Cover „für neue Zeiten“ des Klassikers Mr. Wonderful aus Waites Album „Ignition“ die Originalversion übertreffen könnte. Die bleibt unangetastet. Interessant ist die Beobachtung, dass mit etwas mehr Pop-Rock-Rhetorik durch die Songs Hanging Tree und das ausgezeichnete Better Off Gone hantiert wird, das mit seinen Refrains auf dem Album hervorsticht. Hier sind sogar Parallelen zu Waites klassischem Album „Temple Bar“ nicht unangebracht. Der Rest des Materials fällt hinter die Mittelmäßigkeit zurück.
„Rough And Tumble“ ist ein sehr hochwertiges Hard-Rock-Produkt. Es präsentiert John Waite und seinen unverwechselbaren Gesang, umhüllt vom Charakter einer unverstellten und direkten, dreisten Hard-Rock-Eingängigkeit, mit gelegentlichem klaren Flirten mit Elementen der Blues-Musik. Angesichts des längeren Zeitabstands ist es interessant, dass Waite das Album noch mit einem Cover eines älteren eigenen Songs und einem Arrangement von Tina Turners Original auffüllen musste. Man würde erwarten, dass sich in einem solch längeren Zeitraum einige konkrete Ideen ansammeln – so rechtfertigt „Rough And Tumble“ zwar insgesamt ein würdiges Niveau hoher Qualität. Es kann jedoch keineswegs die qualitativen Standards der eigenständigen Studioalben aus Waites goldener Ära erreichen.
Besetzung
John Waite – Gesang
kyle Cook – Gitarre, Begleitgesang, Programmierung, Bassgitarre
Luis Maldonado – Gitarre
Shayne Fontayne – Gitarre
Mike Webb – Hammond B3-Orgel
Tim Hogan – Bassgitarre
David Sanots – Bassgitarre
Roger Carter – Schlagzeug, Perkussion
Fred Eltringham – Schlagzeug, Perkussion
Billy Wilkes – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
John Waite & Kyle Cook
Trackliste
1. Rough And Tumble
2. Shadows Of Love
3. Evil
4. If You Ever Get Lonely
5. Skyward
6. Sweet Rhode Island Red
7. Love’s Goin‘ Out Of Style
8. Better Off Gone
9. Further The Sky
10. Peace Of Mind
11. Mr. Wonderful
12. Hanging Tree