Kriza identitete
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Cancel
Label: Radio Študent
Erschienen: 2011
Laufzeit: 65:27
Bewertung: 5/5
Cancel sind eine Band, die in Slowenien schlicht fehlt. Sie sind nämlich absolute Ausnahmeerscheinungen. Auf kreativer Ebene gelingt es ihnen, ihre eigene musikalische Richtung zu fahren, die völlig unabhängig und unbeschwert wirkt. Ihre Musik atmet frei, mit einem Ausfluss von großer Gedankenbreite und saftigem Intellekt. Sie fahren ihre eigene Spur und predigen. Hemmungslos predigen. Ja. Kein Blatt vor den Mund. Aber dazu später mehr.
Die Band wurde 2008 ausgerechnet vom Label Radio Študent wieder zum Leben erweckt. Anlässlich des 40. Geburtstags von Radio Študent vereinten sich Cancel – zunächst nur für einen einzigen Auftritt. So war es zumindest gedacht. Doch die Jungs erkannten bei dieser Gelegenheit und während des erneuten Einspielens – der „Kalibrierung“ bei den Proben – den wahren Wert und die Bedeutung, die Cancel als Band in sich tragen, und gönnten sich eine weitere Chance. Ihr Instinkt log nicht. In drei Jahren entstand so das zweite Studioalbum, das nur so vor witziger kreativer Energie platzt, denn das kreative Genie der Gruppe hat sich mehr als offensichtlich auf die richtige Betriebstemperatur aufgewärmt.
Die Karisma-Vibration des Klangreflexes von Cancel ist eine intelligente Mischung aus Hip-Hoppen, unterlegt mit einem außergewöhnlichen Fokus auf die solide „aufgefunkte“, gierig-dynamische Rhythmik des sprühend-funkenreichen und tief gegenseitig verständlichen Dialogs zwischen Schlagzeug und Bass, der das Getriebe von Cancel eigentlich erst antreibt. Klar herausgestellt sind natürlich die Ausflüge in Jazzgewässer (Meganog), Metal (Uboga gmajna, Rabljeva sodba, Začaran krog), freie musikalische Improvisation (Evolucija) – mit einer Prise willkommenem und höchst erwünschtem Element der Unvorhersehbarkeit! Der Groove, den Cancel erzeugen, ist außergewöhnlich, und nur wenigen Bands gelingt es heute in Slowenien, mit solcher Wucht des greifbar rhythmischen, voluminösen Charmes zu überzeugen wie eben Cancel.
Die starken Botschaften, die sich im Nu im Bewusstsein des Zuhörers festsetzen – zuverlässig platziert durch (gelegentlich) verzerrte Effekte – vermitteln das Gefühl eines wilden, autoritären Brüllens von den Straßen durch ein Megafon, was auch die Absicht der Jungs war, um solche Wirkungen zu erzielen. Laganee ist jedenfalls ein Meister seines Fachs, dem ein solcher Stil der Botschaftsvermittlung in die Wiege gelegt wurde. Der Vokalist ist außerordentlich flexibel und scharfsinnig in seiner stellenweise schon geradezu apokalyptischen, schaurig-unheilverkündenden, aber überwiegend absichtlich bissigen und grenzenlos intelligent-unterhaltend-frotzelnd-sarkastischen Darbietung seiner Poesie. Das „Lublančina“ (ohne den Gebrauch von „Ćefurizmi“!) ist fürs Hip-Hoppen „melodisch“ verträglich genug, und das Verpacken darin ist mehr als meisterhaft im Gewebe der musikalischen Begleitung und des rhythmischen Gerüsts der Gruppe verankert. Die Gitarrenarbeit ist subtil eingebettet im Sinne einer optimalen Füllung des Klanghintergrunds. Die Phrasenstruktur, die die Gitarre verwendet, ist abwechslungsreich und an ausgewählten Stellen adaptiv (zusätzlich) verfeinert. Durch diese Aktivität vertieft sie die Intensität einzelner Stimmungszustände, die die Gruppe abzureihen und dem Konsumenten näherzubringen versucht.
Die Beispiele sind eindeutig. Die Strophe, oft subtiler gehalten, wird von einer Eruption im Refrain abgelöst. Die Gitarre verhält sich natürlich dual. In der Strophe füllt sie den Hintergrund manchmal nur mit dem schlichten Legen sauberer „Acid“-Akkorde, worauf dann eine Hyperplasie verzerrter Riff-Strukturen im Refrain folgt, was Cancel auch eine Metal-Konnotation verleiht. Eigentlich folgen alle musikalischen Bausteine dem Zug des intensiven und kontrastierenden Wellengangs der Stimmungen. Die Basslinien verbergen in ihrer scharfsinnigen Spielfreude das freie Gleiten durch den Einsatz von Tonalitäten nicht. Polnjenje Das Füllen des Fundaments der Songs mit warmem, samtigen Klang, dem Kern der rund-resonanten (auch fretless) Basslinien (Strophen, Instrumentalteile), kann bereits im nächsten Augenblick (gleichzeitig mit den übrigen Bausteinen der Gruppe) in ein aufgerolltes, klirrend-reißendes Zupfen (Refrains) oder „Slapping“ umschlagen. Eine Parallele zu einem ausländischen Musiker? T.M. Stevens „glavom i bradom“. Diese Wenden zwischen Strophe und Refrain wirken schockierend, sie besitzen ein stark hervorgehobenes Element der Überraschung, sogar eine Prise Unvorhersehbarkeit.
In den mittleren Instrumentalteilen – oder schon in den Übergangsteilen selbst – zeigt sich deutlich das außergewöhnliche Gespür der Musiker für das Einstreuen von Improvisationseinschüben, das die Ausdrucksreichweite der Songs noch weiter vertieft. Cancel gehen nicht aus den Ideen.
„Kriza identitete“ ist genau das, wovon der Albumtitel zeugt. Ein Spiegel des absoluten moralischen Werteverfalls der slowenischen Gesellschaft im Jahr 2011. Das Bombardement der hochintelligenten Kombination aus Metapher und Reim in den Versen ist ein besonderer Reiz des Albums, das euch durch alle knapp 66 Minuten dieses bekenntnisreichen Werks in Schachmatt-Position hält. Es wäre Zeitverschwendung, in dieser Analyse tiefer in die Botschaften selbst einzutauchen, da aus der Rezension sonst ein richtiger Roman werden würde – aber eines sei klar: „Kriza identitete“ hält euch durch die gesamte Spielzeit hellwach!
Politični mon€yfest wird gewiss auch der unbestrittenen Legende Milan Kučan gefallen – einem Mann, dessen wahren Wert wir erst jetzt erkennen, da klar ist, dass uns nach seiner „Pensionierung“ eine durch post-abspaltungsstaatliche Dekrete legalisierte Mafia regiert, definiert durch eine im Nachkriegswohlstand aufgezogene Brut von Söhnen und Töchtern einer mit Schwarz und Rot belasteten Kämpfergeneration, von einer Art, von der wir nach der Konstituierung des slowenischen Staates nur in den wirren Träumen hätten träumen können. Wenn Justiz und Polizei zum Werkzeug des expliziten Schutzes legalisierter Volksschlächter werden, die sich vor sich selbst fürchten. Und wer soll diesem Staat dann noch vertrauen? Unverblümt sagen das Cancel! Direkt. So ist der Spiegel unserer Gesellschaft heute. Das Volk ist weiterhin dankbar still, schält ruhig sein schimmeliges Brotkrüstchen und erträgt eine Demütigung nach der anderen.
Bei den Höhepunkten des Albums, die ihr diesmal völlig selbst bestimmen müsst, verdient es besonders, das abschließende Evolucija hervorzuheben, das im Kleinen ein Gesamtbild der künstlerischen Reichweite von Cancel im Jahr 2011 zeigt. „Kriza identitete“ ist ein Album, bei dem einem beim Abreihen der Sequenz von Versverbindungen Lachtränen in die Augen steigen, und gleichzeitig weicht diese Reihung in nichts von der bitteren Erkenntnis des geerdeten Enttäuschung über den Bewusstseinszustand der slowenischen Gesellschaft ab, die in ihren bizarren Albummomenten schaurig-apokalyptisch wirkt – worauf schon die orwellianische Gestaltung des Albumcovers hindeutet. Geniale Verpackung des Produkts (von Inhalt bis Hülle) und genau das, was der grundlegende Sinn des gesunden Rock-’n‘-Roll-Urprinzips ist! Scharfsinnige Übertreibung in der Vermittlung von Unterhaltung und Widerstand, die in ihrer Ausdruckstiefe in vollem Maß auch die härteste Seele eines beliebigen Konsumenten berührt. „Kriza identitete“ hat alles!
Neben all den Grundlagen der spielerischen Agilität des Quartetts gibt es natürlich Elemente des programmatischen Samplings und des Einsatzes von Perkussion, sogar die gelegentliche Integration von Mandoline, die absolut zum Ausdruck der Gruppe gehören. Diese vertiefen und dramatisieren die Stimmungen und sorgen gleichzeitig für ein hohes Maß an Witz und Unterhaltung, das „Kriza identitete“ verkörpert. Alle 14 Songs sind inhaltlich außerordentlich reichhaltig, und das instrumental-vokale Gespann verstärkt sich in seinem Ausdruck gegenseitig kompatibel selbst im Abreihen von Kontrasten.
Cancel füllen mit ihrer Rückkehr die Lücke, die durch den Weggang von Bands wie Miladojka Youneed und 2.2.2.7 entstanden ist. „Kriza identitete“ ist ein Manifest der außergewöhnlichen Intelligenz des Geistes der unabhängig-künstlerischen Eigenständigkeit der Gruppe und ein kreatives musikalisches Ausnahmewerk der alternativen Rockkultur im slowenischen Raum, mit einer klaren und hemmungslosen Haltung der hohen experimentellen – fortschrittlich (progressiv) zugeschnittenen Scharfsinnigkeit. Ein Knochen, an dem ihr noch lange nagen werdet. Willkommen zu Hause, Jungs!
Besetzung
1. Laganee – Gesang
2. Jerč – Gitarre, Mandoline, Mandocello
3. Demc – Bassgitarre, Fretless-Bassgitarre
4. Saš – Schlagzeug, Perkussion
GASTMUSIKER:
Simon Jovanovič – Gitarre auf Track Nr. 14, Gesang auf Track Nr. 10
Bor Jovanovič – Gesang auf Track Nr. 14
Produktion
Saš
Tracklist
1. Uboga gmajna
2. Slika za slepe
3. Samo zate
4. Danes je srečen dan
5. Politični mon€yfest
6. Lovke
7. Meganog
8. Rabljena sodba
9. Nastrojen
10. Začaran krog
11. sep ej edoR
12. Pozabljene zgodbe
13. Zadnji svoje vrste
14. Evolucija