Robbe schwimmt nach Ljubljana (2008)
Ort: Hala Tivoli/Ljubljana
Konzertdatum: 13.07.2008
Besucherzahl: 2000
Ticketpreis: 45 €
Einen Tag nach dem furchtbaren Unwetter, nach Regenmassen, bei denen man dachte, die Sintflut sei zurück, waren in Slowenien schon die ersten Folgen zu sehen. Eine königlich-englische Robbe mit braunem Bäuchlein und weißen Flossen war im Land angekommen. Das war niemand anderes als Mr. Seal, einer der bekanntesten Exporteure britischen Pops der letzten paar Jahrzehnte. Und was zum Teufel hat der bei uns in Slowenien gemacht, wo wir schon lange keinen Star seines Kalibers mehr gesehen haben? Er wollte alten Ruhm wieder aufleben lassen.
Was hat uns der Kerl also aufgetischt? Es lief ungefähr so, wie man es erwartet hatte. Er hat uns all seine größeren Hits gesungen, die er clever so auf die Setlist gepackt hat, dass sie nicht direkt hintereinander kommen, und dazu ein paar Überraschungen und weniger bekannte Songs eingebaut. Der erste Hit des Abends war der Kultsong Killer, bei dem Seal am meisten mit der Zeile „Solitary brother, is there still a part of you that wants to live?“ überzeugt. Gute Texte, keine Frage. Der Mann hat auch ein Händchen für Worte. Nach Killer wechselten sich flotte Vierviertel-House- und Dance-Rhythmen mit langsameren Balladen ab, die mit Kiss from a Rose ihren Höhepunkt erreichten. Für mich die große Überraschung war die Coverversion des herausragenden Ultravox-Songs Vienna. Die Neuinterpretation ist richtig gut gelungen, und nur wenige würden das so hinbekommen, aber bei Seal wirkt alles mühelos. Zum Schluss durfte natürlich auch Crazy nicht fehlen, ebenfalls ein Riesenhit.
Seal hat die Menge, die sich in der kleinen Halle der Hala Tivoli versammelt hatte, mit einer äußerst effektiven Mischung aus Tanzrhythmen, Soul, Funk, R’n’B, Rock und noch allem Möglichen aufgeheizt. Effektiv vor allem in dem Sinne, dass sich die Leute komplett den Rhythmen hingeben konnten, denn Seal hat eine Atmosphäre für eine richtige Party geschaffen. Zwischen den Songs erzählte er, wie sehr ihm Slowenien gefällt und was für warmherzige Menschen wir Slowenen doch sind. Eine klischeehafte und schon ziemlich abgekaute Masche, die aber immer noch funktioniert, zumindest nach dem Jubel des Publikums zu urteilen. Er wollte uns unbedingt davon überzeugen, dass in der Halle Liebe herrscht und dass das hier kein Konzert einer Band ist, die vom Publikum weit entfernt ist, sondern dass wir alle zusammen ein großes Ganzes bilden. Schöne Rede, keine Frage. Aber irgendwie geht die Rechnung da nicht auf. Wenn wir alle zusammen ein Ganzes waren, warum mussten dann manche so viel für die Tickets zahlen, und warum steht Seal oben auf der Bühne und wir da unten? Vielleicht wollte er mit der Geste, als er ein Mädchen auf die Bühne zog, noch mehr beweisen, wie ernst er es meinte, aber ich finde, solche Stars sollten sich manchmal lieber auf die Zunge beißen und uns bei Konzerten nicht Honig ums Maul schmieren, während sie außerhalb der Konzertlocation mit uns nicht mal Blicke austauschen wollen, geschweige denn Worte.
Na gut, wer auftritt, der tritt eben auf, und Seal hat eben aufgetreten und uns Sachen erzählt, die die meisten Leute hören wollen. Zum Glück gab es neben der Selbstinszenierung aber auch noch die musikalische Seite, und die war erstklassig umgesetzt. Neben Seals außerordentlich gut erhaltener Stimme und seinem Charakter standen noch drei charismatische Musiker auf der Bühne. Der Gitarrist beeindruckte weniger mit Technik, sondern nutzte ziemlich clever verschiedene Samples, die er auf dem Synthesizer programmiert hatte und dann auf der Gitarre spielte. Ich weiß nicht, ob es ein echter Gitarrensynthesizer war, aber es ging in die Richtung. Auch der Bassist war gut und saß oft am Klavier, und er half Seal auch dabei, die richtige Show aufzuziehen. Am wenigsten fiel der Schlagzeuger auf, der dafür einen ganz besonderen Sound auf den Drums hatte (manchmal klang es, als wären sie programmiert). Auch der Sound war die ganze Zeit über auf hohem Niveau, am besten war er ungefähr in der Mitte.
Ich selbst habe mich während des Konzerts ein bisschen gelangweilt, aber daran ist nicht Seal schuld, der alles getan hat, um das Publikum in seine Musik hineinzuziehen. Wenn man sich Pop mal abgewöhnt hat, ist es einfach schwer, wieder damit anzufangen, egal wie sehr sich Mr. Seal bemüht, seine Musik aufzupeppen. Beim Einsatz kann man ihm nichts vorwerfen. Er gibt sich Mühe, nicht in Routine zu verfallen, und versucht immer, in seine Songs etwas Neues einzubauen.
Seal ist keinesfalls vorhersehbar oder in irgendeiner Weise überflüssig oder veraltet. Er ist immer noch voller frischer Ideen und neuer Arrangements, aber offenbar reicht auch das nicht, damit die Tage des Ruhms eines großen Popstars aus der Vergangenheit nicht gezählt wären. Die schwachen Besucherzahlen bei seinen Konzerten zeugen davon, dass gerade ein Generationenwechsel stattfindet, bei dem die alten Hasen der Musik durch neue Acts ersetzt werden. Das sieht man auch an den immer schwächeren Besucherzahlen bei Legenden wie Whitesnake, Deep Purple oder Glen Hughes. Was für große Konzerte stehen uns also in Zukunft bevor? Rebelde, Christina Aguilera, Britney Spears,…? Gott bewahre, aber alles deutet immer mehr darauf hin. Wir werden uns also in kleine, muffige Kaschemmen verkriechen müssen, um etwas von dem „Echten“ zu hören. Ich habe damit persönlich kein Problem, aber Auftritte an großen Locations haben nun mal einen ganz eigenen Zauber.
Damit ich nicht zu viel Negatives verbreite: Seal und seine drei Helfer haben sehr gut gespielt und das Publikum die ganze Zeit auf den Beinen gehalten (auch den Teil auf den Sitzplätzen). Vielleicht störte nur, dass der Auftritt bloß anderthalb Stunden dauerte. Alle, die für ein Ticket 45 € gezahlt haben, hätten vielleicht etwas mehr verdient. Offenbar hat Seal die Liebe zum Publikum und die Verbindung zu Slowenien doch nicht so empfunden, wie er bei manchen Songs beteuerte. Aber wir wussten ja, dass das nur Show war und Honig ums Maul für die Bürger dieses kleinen Sloweniens, oder? Er hätte sich die Zeit nehmen und noch einen Song spielen können, aber offenbar kam die Ebbe, die ihm zu verstehen gab, dass er sich langsam aus unserer kleinen Bucht zurück in den großen globalen Ozean der Popmusik aufmachen muss.
Ein herzliches Konzert, aber mit leicht bitterem Beigeschmack.
Text: Rok Podgrajšek
Fotos: Barbara Milharčič
Setlist
1. If It’s In My Mind, It’s On My Face
2. Amazing
3. Killer
4. Just like Before
5. Love’s Divine
6. Loaded
7. Dumb
8. My Vision
9. The Right Life
10. System
11. Kiss from a Rose
12. Future Love Paradise
13. Vienna
14. Crazy
15. Amazing (Dub)
16. The Beginning
17. Bring It On
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