Retrospektiw I-II
Künstler: Magma
Label: Seventh Records
Veröffentlichung: 1981
Bewertung: 4.6/5
Nach 1978 und dem Album Attahk gönnte sich die Band Magma eine kleine Verschnaufpause. Eigentlich ging es eher darum, sich mehr auf Live-Auftritte und weniger auf Studioprojekte zu konzentrieren. So beschlossen sie Anfang der Achtziger, die Serie Retrospektiw herauszubringen, die sowohl die bekanntesten als auch einige weniger bekannte Stücke präsentiert. Zu den weniger bekannten gehört auf Retrospektiw I-II Theusz Hamtaahk, die vorher noch nie veröffentlicht wurde (weder live noch auf einer Studioplatte). Für seine Husarenstücke hat Christian Vander wieder eine riesige Truppe an Musikern um sich versammelt, denen er live am meisten vertraute. Nach den hervorragenden Aufnahmen zu urteilen, haben sie ihn nicht enttäuscht.
Der Auftritt beginnt mit Theusz Hamtaahk, die zusammen mit Mekanik Destruktiw Komandoh (dritter Akt) und Wurdah Itah (zweiter Akt) den ersten Teil der Trilogie bilden sollte. Der Song ist stellenweise ziemlich untypisch für Magma, denn es stecken so einige symphonische und Space-Rock-Passagen drin. Man würde denken, dass das dieser Truppe nicht auf den Leib geschneidert ist, aber sie spielen diese Parts, als würden sie schon seit Ewigkeiten solche Musik machen. Für mich ist Theusz Hamtaahk eines der besten Stücke dieser Band. Die ganze Zeit über ist es sehr abwechslungsreich und weniger repetitiv als sonst, die Gesangsparts sind wieder überragend und die Instrumentalisten erstklassig. Vander sorgt mit seinen Solo-Gesangseinlagen für noch mehr Aufregung. Wieder arbeitet er sich durch etliche Stile – Scat, Falsett, Kreischen,… Obwohl hier ziemlich viel Neues drin ist, ist der Sound trotzdem immer noch unverkennbar. Der Bass dröhnt die ganze Zeit, die Keyboards sind natürlich richtig mächtig (drei Keyboarder), am auffälligsten sind aber die Vocals. Auch die übrigen Instrumente stehen dem in nichts nach.
Auf der zweiten CD spielen Magma eine etwas andere Version von Mekanik Destruktiw Komandoh. Zuerst geht es mit Vanders Rezitation auf Französisch los (eine Art Vorstellung seiner Philosophie), danach folgt eine bombastische Interpretation dieses kultigen (ersten) Zeuhl-Albums. Die Aufführung ist enorm kraftvoll und erstklassig, nur sind die Bläser vom Album durch einen Synthesizer ersetzt worden. Ich bin solchen Schritten gegenüber eigentlich ziemlich skeptisch, aber dieser funktioniert erstaunlich gut. Die Effekte sind mehr als zufriedenstellend, auch wenn ich mit echten Bläsern noch glücklicher wäre. Aber offenbar gab es Anfang der Achtziger auch bei Magma finanzielle Probleme, sodass sie sich nicht alles leisten konnten, was sie wollten. Nach etwas mehr als der Hälfte hören sie auf, nach Noten zu spielen, und das Stück kippt in Mekanik Zain, Improvisationen über das Thema aus Mekanik Destruktiw Komandoh. Die Improvisationen beginnen zwar mit dem Basslauf aus Topove De Future (Üdü Wüdü), danach folgt aber eine ähnliche Version wie auf Live/Hhai, nur dass sie hier kürzer ist. Wieder ist die exzellente Violine dabei, und ich wundere mich echt, dass Vander Didier Lockwood nie auf irgendeiner Studioplatte eingesetzt hat. Wahrscheinlich lag es daran, dass Lockwood ein hervorragender Improvisator ist, Vander auf seinen Studioplatten aber strenger durchkomponierte Stücke haben wollte.
Auf dem ersten Retrospektiw-Album (bzw. den ersten beiden) versammelt Vander wieder lauter herausragende Musiker um sich. Paganotti entwickelt seinen ohrenbetäubenden Bassstil noch weiter. Vander legt zusätzlich zum typisch erstklassigen Drumming noch Solo-Gesangseinlagen drauf, die alles Lob verdienen, die Gitarre ist diesmal noch präsenter (das gilt besonders für Mekanik Destruktiw Komandoh), die Keyboards sind diesmal etwas synthie-lastiger ausgerichtet (wobei auch das E-Piano wichtig ist, eine Art Markenzeichen von Magma), die Violine liefert ein paar herausragende Improvisationen, und das stärkste Glied sind wieder die vielschichtigen (fast chorartigen) Vocals.
Bei Retrospektiw I-II haben wir es mit einem erstklassigen Live-Mitschnitt der Band auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte zu tun. Es wäre schwer, zwei bessere Stücke für eine Live-Präsentation zu finden. Mekanik Destruktiw Komandoh gehört natürlich zu den Klassikern von Magma, während Theusz Hamtaahk ein Klassiker werden könnte, wenn Christian Vander sie im Studio aufgenommen hätte. Beide Stücke sind voller Energie und mit genau dem richtigen Maß an Überzeugung und Begeisterung gespielt, sodass sie auch den Hörer mitreißen. Was mich allerdings stört: Das Album erschien auf zwei CDs, obwohl es weniger als achtzig Minuten dauert und sich problemlos als Einzelalbum hätte veröffentlichen lassen. So können sie aber den Preis eines Doppelalbums verlangen. Doch der ganze bittere Beigeschmack verschwindet beim Hören dieses großartigen Konzerts.
Besetzung
Klaus Blasquiz – Gesang (1,2)
Stella Vander – Gesang (1,2)
Liza Deluxe – Gesang (1,2)
Claire Laborde – Gesang (2)
Maria Popkiewicz – Gesang (2)
Didier Lockwood – Violine (1,2)
Gabriel Federow – Gitarre (1,2)
Jean-Luc Chevalier – Gitarre (2)
Patrick Gauthier – Keyboards (1,2)
Benoit Widemann – Keyboards (1,2)
Bernard Paganotti – Bass (1,2)
Christian Vander – Schlagzeug, Keyboards, Gesang (1,2)
Produktion
Uniweria Zekt
Tracklist
CD1:
1. Theusz Hamtaahk (36:05)
CD2:
2. Mekanik Destruktiw Kommandoh (40:04)
Spielzeit des Albums: 76:09