Reality
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Bowie, David
Label: Sony BMG
Erscheinungsdatum: 2003
Bewertung: 3.5/5
Bei David weißt du nie, was sich unter seinem genialen „Dachstübchen“ verbirgt. Der Mann der tausend Gesichter, diesmal in einen abgetragenen, vom ständigen Herumstreunen ordentlich ramponierten und abgewetzten „Smoking“ gehüllt, ist zweifellos mit seinem Raumschiff fest auf der Oberfläche der Erdkruste gelandet und hat auf dem Weg durch die Zeit kurz angehalten, um sich uns anzuschließen.
Pablo Picasso bietet moderne, hochvibrierende Gitarrensounds, unterlegt mit dem ziemlich komischen Geklapper der Rhythmuslinie. „Pablo Picasso never got called an asshole“ – der unfehlbare, unbesiegbare Macho, der der restlichen Konkurrenz konkurrenzlos die ganze Beute (sprich: Frauen) direkt vor der Nase weggeschnappt hat, zumindest in New York! Ein saftiger Spuckklecks auf die engstirnigen „Yankees“. Eingewickelt in waschechten englischen schwarzen Humor führt uns Pablo Picasso mit verzerrten Takten spanischen Flamencos in rockiger Haltung nach vorn.
Die Backing Vocals bieten ein kunterbuntes Angebot, von verzerrten Chören aus zahlreichen zusammengeklebten Bowie-Sequenzen bis zu den weiblichen, die den Mann absichtlich in Versuchung führen. Das Klangbild der meisten Songs ist erneut mit forschenden Ausklinkern von Gitarre und Keyboards gefüllt, die genial zu einer einzigen Geschichte verschmelzen. Die Gitarre lockt die schrägsten Sounds hervor, die im Hintergrund den Klangraum beherbergen und bereichern, was ganz sicher ein besonderer Reiz ist. Das Gegenstück zur Gitarre sind die Soundeffekte der Keyboards und die Klavierarrangements selbst. Bowies klassische Spezialität, die er in seinem musikalischen Ausdruck schon ziemlich lange nicht mehr eingesetzt hat. Looking For Water ist ein echter Rock’n‘ Roll-Angriff, mit reißendem Bass im Zentrum des traditionellen Inselsounds. Eine echte Inselproduktion mit ausgezeichnetem Gleichgewicht zwischen Rhythmuslinie und erster Front. Die Songs stützen sich größtenteils auf expressive Rhythmik, die in der Produktion ein Stück nach vorn geschoben ist.
In She’ll Drive The Big Car geht Bowie noch näher an die Wurzeln, direkt ins Herz seines Wesens. Erinnerst du dich an den Sound von „Aladdin Sane“ und an seine Coverversion von Lets‘ Spend Night Together der Rolling Stones? Die Mundharmonika und die Gesangsproduktion im Pre-Chorus fangen das Feeling von Bowies legendärer Platte von 1973 perfekt ein.
Eine der schönsten Kompositionen, in der Davids Sensibilität besonders hervorsticht, ist zweifellos Days, der erste atmosphärische Höhepunkt der Platte. Ein geniales Puzzle aus Akustik und Elektronik, Perkussion und Drums im klassischen Sinne des Wortes, bedeckt mit geschmackvollen Orchesterarrangements und einer Gitarre, die als Zierde wieder das Tüpfelchen auf dem „i“ der eingefangenen Stimmung hoher Atmosphäre setzt. Perfektion! Alles wirkt einfach gebaut und fürs Ohr ungemein invasiv. Try Some, Buy Some (orig. G. Harrison) beweist zwar Davids Meisterschaft darin, eine bestimmte Person in sein Bewusstsein zu integrieren und ihre Musiksprache in eine ihm eigene Chiffre zu dekodieren, passt mit seinem verschlafenen, sich wiegenden Walzerrhythmus aber irgendwie nicht auf „Reality“, das größtenteils mit kurzen, markanten, entspannt-fließenden Nummern übersät ist.
Der Hauptleckerbissen kommt am Ende mit der Ballade Bring Me The Disco King. Eine Jazz-Rhythmuslinie aus der Mitte der Dreißiger, Besenschleifen auf dem Schlagzeug, Klavier und Davids Gesang als Gegengewicht, beide aufeinander abgestimmt und absichtlich verstimmt. Echte Bowie-Meisterschaft. Traurig bis zum Schluss, wo man keinen Funken Hoffnung findet und sich Tag für Tag, so viele davon noch übrig sind, nur noch dem eigenen Zynismus hingibt. Ein feines Gespür führt David durch die Verse, die das unerträgliche Puritanertum der zerfallenden „modernen“ Gesellschaft besingen: geschminkte und mit allen Salben imprägnierte Omas mit Pudeln im Schoß, in den Himmel penetrierende graue Betonmassen und die lineare Euphorie des Geistes der robotisierten, emotional toten, eiskalten Menschenmasse, gesättigt mit der Last des existenziellen Absurdums der Gegenwart. Eine Prise Parodie auf die Dekadenz der Gesellschaft, die ihr kranker Geist dem Selbstuntergang entgegenführt.
Alles auf „Reality“ ist ohne einen Hauch von Anstrengung gebaut, die Bewegungen sind kaum wahrnehmbar, weich und von einem für die Ohren überaus angenehmen feinfühligen „Feel“. Kein Geschwafel, kein Klugscheißen, nur ein durchdachtes Maß kurzer, einfacher, aber gerissener Züge und Tricks, kunstvoll Bowie-typisch zusammengefügt. Die neue Verkleidung bekommt dem Künstler offenbar ausgezeichnet, denn dieser stilistische Sprung hat ihm genug neue kreative Freiheit gegeben, und deshalb strahlt „Reality“ rockige Lockerheit, Einfachheit und zugleich die ausdrucksstarke Kraft der eigenwilligen Haltung des Künstlers aus. „Reality“ ist ein echtes Rock-Album, wie Bowie es den Massen schon lange nicht mehr geboten hat.
Besetzung
David Bowie – Gesang, Gitarre, Baritonsaxofon, Keyboards
GASTMUSIKER:
Tony Visconti – Gitarre, Keyboards, Bass, Backing Vocals Mark Plati – Gitarre, Bass
Earl Slick – Gitarre
Gerry Leonard – Gitarre
Mike Garson – Klavier
Sterling Campbell – Schlagzeug
Matt Chamberlain – Schlagzeug
Gail Ann Dorsey – Backing Vocals
Catherine Russell – Backing Vocals
Produktion
David Bowie & Tony Visconti
Tracklist
1. New Killer Star
2. Pablo Picasso
3. Never Get Old
4. The Loneliest Guy
5. Looking for Water
6. She’ll Drive the Big Car
7. Days
8. Fall Dog Bombs The Moon
9. Try Some, Buy Some
10. Reality
11. Bring Me the Disco King