Diamond Dogs

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Bowie, David
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 1974
Bewertung: 4.5/5

Mit „Diamond Dogs“ führte Bowie den Neue-Welle-Anstrich der „Glam Rock“-Bewegung auf ihren absoluten Höhepunkt und krönte sich damit 1974 zum endgültigen König der Popszene, denn mit dem Album und den Singles landete er überall in den Spitzen aller erdenklichen Charts – in Europa genauso wie schließlich auch in den USA. Das Jahr 1974 gehörte in der Popszene deshalb absolut Bowie. Der asexuelle Hybrid aus unzähligen Galaxien, tausend Gesichtern und Körpern behielt das komplette Repertoire an Glitzer und Flitter bei, mit dem er seine Kultfigur erschaffen hatte. Die rot gefärbten, abstehenden Haare standen jetzt noch gefährlicher ab!

„Diamond Dogs“ ist ein Konzeptalbum. Bowie war schon als junger Kerl besessen von Orwell, und das Konzept der orwellschen Dystopie „1984“ war ihm wie auf den Leib geschneidert, denn seine Texte hatten schon auf den früheren Alben die gesellschaftliche Dekadenz, die emotionale Abstumpfung, die moralische Lähmung und die ganze Eindimensionalität im Kopf der Massen im westlichen System angegriffen. Also die Masse, die blind dem Wort des Staatsapparats folgt, für die Kriegführen etwas Normales ist, die Polizei eine Selbstverständlichkeit, für die Regeln, Verbote und Erlaubnisse, die jemand anderes diktiert, etwas völlig Alltägliches und schlicht notwendig Hinzunehmendes sind, damit sie sich sicher fühlt. Wie also verkauft man eine Moral, die zur totalen Entwertung der Integrität des Einzelnen führt, für ein Gefühl von Sicherheit? Sicherheit im materiellen Wohlbehagen. Wie gut sich die heutige Gesellschaft mit alldem deckt, was einer der sensibelsten Musiker der Rockgeschichte schon 1974 gespürt hat, als er seine Vision vom Weltuntergang meisterhaft in Orwells Welt goss! „Diamond Dogs“ ist eine kurze, knackige Wiederbelebung aller grauenvollen apokalyptischen Zukunftsvisionen Bowies für die westliche Gesellschaft.

Das neue Album ist die absolute Weiterentwicklung von „Aladdin Sane“ (1973). Warum? Es ist schlicht das „bowiehafteste“ aller bisherigen Bowie-Alben. David war diesmal noch fokussierter, noch hitziger und noch hingebungsvoller bei der Arbeit im Studio. Noch entschlossener ging er daran, das rohe „Bowiehafte“ zur Schau zu stellen. Das ist die verzerrte Reichweite des Rock’n’Roll vom Anfang der Siebziger, mit einer einzigartigen Dosis Verstimmtheit, für die in erster Linie Bowies Gesangsstil sowie die verzerrte, angezerrte Gitarre und die Keyboards verantwortlich sind. Dazu streute er kunstvoll außergewöhnliche Bläserarrangements und Backing-Vocal-Harmonien ein. Und genau das war der Schlüssel, mit dem er nicht nur seinen eigenwilligen Ausdruck definierte, sondern auch die apathische Rock’n’Roll-Szene vom Anfang der Siebziger erlöste. So brachte er all die Musikfans zum Schweigen, die über die Explosion der damaligen Progressive-Rock-Bands Genesis, ELP, Yes und King Crimson nörgelten. Obendrein sahen auch die Horizonte des Rock’n’Roll komplett ausgelaugt aus. Und dann taucht Bowie auf, stellt alles auf den Kopf, löst eine echte Revolution aus („Bowiemania“), und eine neue Blüte des Pop-Rock beginnt. Wenn Bowie sich seinerzeit mit Ziggy Stardust identifiziert hatte, wollte er diesmal nur die Landschaft und die Städte zeigen, aus denen Ziggy Stardust kommt. Also aus denen David Bowie selbst kommt. Ziggy gab es längst nicht mehr, also ergaben auch Spiders From Mars keinen Sinn mehr. Von den „Spinnen vom Mars“ behielt Bowie bei den „Studio Sessions“ nur Pianist Mike Garson in der Besetzung, den Bass spielte Herbie Flowers, einer der besseren britischen Bassisten jener Zeit, Alan Parker übernahm die Leadgitarre, Aynsley Dunbar und Tony Newman droschen auf die Drums ein. Bowie spürte also, dass das Konzept der Spiders From Mars ausgereizt war und eine völlig neue kreative musikalische Richtung nötig wurde. Außerdem spielte er auf „Diamond Dogs“ selbst zusätzliche Saxofone, Keyboards und Gitarren ein. Als außergewöhnlicher Komponist, Arrangeur und Produzent hatte Bowie so wieder alle Zügel in der Hand.

Sein Kopf war voller Ideen, und im Studio mündete das in eine ungemein bunte Palette dessen, was das neue Album zu bieten hatte. Nach einem obskuren A-cappella-Intro eröffnet die Platte mit dem außergewöhnlich harten Rock’n’Roll-Brecher Diamond Dogs. So hart und rockig kompakt klang Bowie später nie wieder. Einer der Höhepunkte der Platte ist die Trilogie Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (reprise), eine Mischung aus Pop-Rock und avantgardistisch-forschenden Rock-Abstechern jener Zeit. Die Mini-Suite führt uns durch eine wunderschöne Palette unterschiedlicher Stimmungen, in der die Motive meisterhaft zusammengefügt sind! Diese Suite und eine der drei Singles des Albums, Rock’n Roll With Me, deuten schon Parallelen zur Post-Glam-Phase mit dem viel subtileren Nachfolger „Young Americans“ (1975) an. Rebel, Rebel, als Single ausgekoppelt, macht keinen Hehl aus Bowies Sympathie für die Rolling Stones. Der Beat, unterlegt mit Tamburinen, der Riff durch einen scharfen Reverb-Effekt gejagt und die Gesangslinien sind pure „Stones“, während der Song 1984 mit seinen zusätzlichen Streichern ein echter Ausflug in „Barry White Disco-Pop der Seventies trifft Rock’n’Roll“ ist. Auf dieser Platte setzte Bowie das Studio erstmals wirkungsvoll als „zusätzliches Instrument“ ein. Davon überzeugt er uns vor allem mit dem überragend theatralischen Schluss des Albums, dem Stück Big Brother, genial gespickt mit Bläserarrangements, die eine dramatisch gespannte „doppelte“ Stimmung aus Subtilität (Pre-Chorus) und rockiger Angriffslust (Refrain) erzeugen. Die ergießt sich unvorhersehbar in den Instrumental-Ausgang der Platte, Chant Of The Ever Circling Skeletal Family, der das Tüpfelchen auf dem „i“ des Albums ist. Eigentlich ein Tanz der lebenden Toten zu Ehren des Großen Bruders. „Uuuh“ und „brrr“, gruselig über alle Grenzen hinaus.

Musik und Stimmung sind eiskalt und erwecken das gewählte Konzept auf die schönstmögliche Weise zum Leben. Man kann sich leicht dunkelgraue Betonklötze vorstellen, die sich in die ewige Schwärze eines Himmels erheben, der gesättigt ist von dichtem Nebel und saurem, giftigem Dampf, wo nur das Zischen undichter Wasserrohre und die Schornsteine gigantischer Fabriken die Totenstille unterbrechen. Die Menschen gleichen sich wie ein Ei dem anderen, leben alle gleich, warten auf Befehle, gehorchen, folgen treu Big Brother. Ein echter Albtraum ist da heraufbeschworen!

Das ist ein Album mit ganz eigener Atmosphäre, wie alle Bowie-Meisterwerke. Es ist das Epitaph des Glam Rock, den David endgültig definiert (und in großem Maße auch begründet) hat, denn kurz darauf verwandelte er sich wie ein Chamäleon in ein „erdigeres Geschöpf“, als er sich als „Soul“-Sänger auszuprobieren begann. Mit „Diamond Dogs“ ließ David Bowie den „Glam Rock“ absichtlich irgendwie untergehen. „Diamond Dogs“ ist deshalb der Schwanengesang einer Ära und ein Kunstwerk für alle Zeiten. Ein wahrhaftiges Album, das dich im Handumdrehen komplett in seine Welt hineinsaugt. In eine obskure, verdammte Welt der Entwertung, die unserer alltäglichen Realität verdammt nahe ist. Die Wirklichkeit von „Diamond Dogs“ trifft deshalb immer voll ins Schwarze!

Besetzung

David Bowie – Gesang, Gitarre, Saxofon, Mellotron, Moog (Synthesizer)

GASTMUSIKER:
Alan Parker – Gitarre
Tony Visconti – Streicherarrangements
Mike Garson – Klavier
Herbie FLowers – Bassgitarre
Aynsley Dunbar – Schlagzeug
Tony Newman – Schlagzeug

Produktion

David Bowie

Tracklist

CD1. (ORIGINAL-LP):
1. Future Legend
2. Diamond Dogs
3. Sweet Thing
4. Candidate
5. Sweet Thing (Reprise)
6. Rebel Rebel
7. Rock ‚N‘ Roll With Me
8. We Are The Dead
9. 1984
10. Big Brother
11. Chant Of The Ever Circling Skeletal Family

CD2. (BONUS-CD):
1. 1984 / Dodo – (with The Spiders From Mars)
2. Rebel Rebel – (US single version)
3. Dodo
4. Growin‘ Up
5. Alternative Candidate
6. Diamond Dogs – (K-Tel BEST OF Edit)
7. Candidate – (Intimacy mix)
8. Rebel Rebel – (2003)

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