Ramones-Abend unter der Regie von Richie Ramone (2016)

0 11

Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Orto bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 29.02.2016
Besucherzahl: 120

Es kommt nicht gerade oft vor, dass einem die legendären Klänge und Marschrhythmen der großen und leider verstorbenen, aber allseits verehrten amerikanischen Punk-Rocker Ramones die Gänsehaut über den Rücken jagen. Im Oktober 2010 besuchte zum Beispiel Marky Ramone mit seiner Band Blitzkrieg Ljubljana, gut fünf Jahre später folgte ihm Richie Ramone nach und richtete damit einen weiteren Abend aus, der der Wiederbelebung von Werk und Geist der Ramones gewidmet war. Ganz so eindeutig war das allerdings nicht. Richie schmuggelte in die Setliste auch ein paar eigene Nummern aus seinen Solo-Studioalben.

Die Show im Orto bar begann kurz nach neun Uhr abends. Auf der Bühne standen und rumpelten bereits die amerikanischen Rock-Teufelchen Dobermann, die in gut einer halben Stunde einige handfest durchschlagende Riff-Geschosse aus sich herausschüttelten und damit ein Dutzend Umherirrende im Untergeschoss des Orto bar mit ihrer zerrissenen Version von garagenverpacktem Rock’n’Roll in Bewegung brachten, in dem sie die entschiedenen Punk-Einflüsse keineswegs versteckten. Das energetische Trio biss vor fast leerem Haus die Zähne zusammen und zog seinen Auftritt souverän durch — im Mix klang die Gitarre zwar nicht am deutlichsten, aber trotzdem. Wer vermisst schon Präzision, wenn’s um Punk geht? Nur ein hinreichend verrückter »Musikprofessor«. Den Jungs hätte eine zweite Gitarre gutgetan. In den mittleren Passagen, wenn der Gitarrist zu Solos wechselte, machte sich im Sound eine spürbare Leere bemerkbar — auch wenn der Bass merklich durch das Eingeweide der Songs riss, konnte er diese Leere nicht füllen. Die Jungs hätte man ohne weiteres als Vorgruppe von Guns N‘ Roses auf die Bühne stellen können, wäre es Anfang der Neunziger gewesen.

Als Zweiter betrat Lester Greenowski mit seiner Begleitband die Bühne. Es handelt sich um einen italienischen Künstler aus Modena, der im Februar dieses Jahres sein neues und insgesamt achtes Studioalbum »The Italian Job« veröffentlichte, von dem unter anderem auch das packende Trail of Graffithi hallt. Lester, die zentrale Figur auf der Bühne, in machistischer Pose, mit einem faulen, ans Mikrofonstativ gelehnten Starren, das theatralisch ein bisschen an Iggy Pop erinnerte — nur dass Lester zum Glück keine »Hühnerbrust« zur Schau stellte. Für italienische Verhältnisse präsentierte sich Lester in einem unglaublich überzeugenden Licht — inklusive englischer Texte. Man merkt, dass der Typ mehrere Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks verbracht hat, wo er seinen musikalischen Ansatz ausgeformt hat. Die wilde Bassistin evozierte mit ihrem Look sogar Elemente des Sleaze Rocks. Letztlich geht es dabei natürlich um energetischen Punk Rock, der sich interessanterweise stark auf das Erbe der Ramones stützt. Lester verstärkte die Show mit einem rauhen Gesang — ein Element, das sich hervorragend in die aufgestacherten und direkt abgefeuerten Punk-Rock-Riffs einfügte. Insgesamt ein souveräner, charismatischer und überzeugender Auftritt des Quartetts, dem auch Ausflüge in Hard-Rock-Territorium nicht fremd sind.

Beim Auftritt von Richie Ramone hatten sich immerhin rund 120 begeisterte Köpfe eingefunden, die zu wackeln begannen, als der ehemalige Ramones-Schlagzeuger mit seinen drei »Untertanen« die Bühne betrat. Richie wechselte während des Konzerts zwischen Schlagzeug und Mikrofon hin und her. Wenn Richie als reiner Sänger ans Mikrofon trat — also sang, ohne gleichzeitig zu trommeln —, übernahm Rhythmusgitarrist Ben Reagan das Schlagzeug. Die Band stützte sich dann eben nur auf die Gitarrenfiguren von Alex Kane. Bei einigen Nummern überließ Richie auch Gitarrist Alex Kane den Gesang, etwa bei Blitkrieg Bop. Ansonsten außergewöhnlicher Professionalismus. Beim Tand, Look und Kitsch, den vor allem die schlanke, schon fast giftig magere Bassistin Clare Misstake  und der unglaublich lebhafte und energetische Gitarrist Alex Kane in ihren Bühnenauftritt und auf die Bühne  einbrachten — und den die Punk-Rock-Haltung der Ramones nie vermisst hat, geschweige denn gebraucht hätte —, mitreißend war vor allem die außerordentliche Energie der Show. Gerade durch die hervorragende Bühnennutzung von Alex Kane und Clare Misstake. Besonders wenn Richie ans Schlagzeug wechselte. Außerdem besitzt Richie eine außerordentliche Ausstrahlung, die ansteckend ist und kaum Mühe braucht, bis ihm das Publikum aus der Hand frisst. Mit dem Ramones-Arsenal, das man da spielt, braucht’s sowieso nicht viel Einsatz.

Auch wenn das Publikum spärlich war, nahm es die Schwingungen von der Bühne hautnah auf, und die Band spürte das — was in einer sehr überzeugenden Konzertshow und einem exzellenten Auftritt resultierte, die etwaige Starallüren oder die Befürchtung, die Band könnte bei  ohnehin schwacher Besucherzahl nicht zumindest das Konzertoptimum liefern, in den Hintergrund rückten.

Kurzum. Der Mann zog im Orto bar eine zufriedenstellende und einprägsame Show durch — auch wenn er in Sachen Gesang ruhig noch ein paar Dezibel mehr hätte rauslassen können, aber sei’s drum. Erstens vergehen die Jahre im Stillen (der Zahn der Zeit nagt eben — und auch die Gläser), zweitens spielte er die Songs mit Sicherheit mit einem kleinen Hauch Zurückhaltung. Der Besuch war zu schwach, damit das Quartett motiviert über alle verfügbaren Darbietungsgrenzen hinaus explodiert wäre. Richie Ramone lehnte sich an diesem Abend souverän auf die hervorragende Arbeit der Begleitcrew, die den Auftritt trotz aller bühnenseitigen Ausraster (dank vor allem des extrem durchgeknallten–durchtriebenen Kane)  mit außerordentlicher Präzision und für Punkrock-Verhältnisse schon fast übertrieben disziplinierter Genauigkeit absolvierte. Genug, um die Handvoll Besucher seines Ljubljanaer Konzerts in vollen Zügen glücklich zu machen.  Nur wo zum Teufel waren an diesem Abend all die älteren Punk-Fans, die ihre Teenagerjahre in den Achtzigern gelebt haben?

Setliste

1. Durango 95 (Ramones)
2. I Don’t Wanna Go Down to the Basement (Ramones)
3. Somebody Put Something in My Drink (Ramones)
4. Smash You (Ramones)
5. I Just Want to Have Something to Do (Ramones)
6. Better Than Me
7. Criminal
8. Animal Boy (Ramones)
9. Into The Fire
10. I Know Better Now (Ramones)
11. Blitzkrieg Bop (Ramones)
12. Entitled
13. I Fix This
14. (You) Can’t Say Anything Nice (Ramones)
15. Forgotten Years
16. Take My Hand
17. Today Your Love, Tomorrow the World (Ramones)
18. Wart Hog (Ramones)
19. I’m Not Jesus (Ramones)
20. I Wanna Be Well (Ramones)
21. Sheena Is a Punk Rocker (Ramones)
—Zugabe—
22. Elevator Operator (Ramones)
23. Havana Affair (Ramones)
24. Cretin Hop (Ramones)

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies