Primitive

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Watch, The
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 3/5

Aus dem Land von Makkaroni und Tortellini melden sich die Symphonic-Prog-Revitalisten The Watch mit ihrem neuen Album „Primitive“ zurück. Rechnet man das Werk mit, das noch unter dem ursprünglichen Namen The Night Watch erschien, ist es schon ihr viertes. The Watch sind eher ein Spielplatz für die Ideen ihres ehrgeizigen Sängers Simone Rossetti, eines leidenschaftlichen und mehr als offensichtlichen Genesis-Verehrers. Und zwar nicht irgendwelcher Genesis, sondern vor allem der besten, nämlich aus der Zeit mit Peter Gabriel am Gesang, auch wenn in ihrer Musik hin und wieder Einflüsse der beiden Post-Gabriel-Alben durchschimmern. Rossettis Besessenheit vom großen Künstler der Prog-Theatralik zeigt sich auch in seinem Gesang, vor allem in der Klangfarbe seiner Stimme, die in den tieferen Passagen einen ziemlich ähnlichen poetischen Charakter hat wie damals bei Gabriel, nur mit deutlich kleinerem Umfang. Und was Charisma angeht, spare ich mir die Worte, das weiß Rossetti vermutlich selbst ganz genau. Um sich hat er gute Instrumentalisten, die ebenfalls die unverkennbare symphonische Genesis-Palette pflegen, aber ein bisschen mehr Innovation würde ihnen nicht schaden. Der große Held des Gitarristen ist natürlich mehr als offensichtlich Steve Hackett, und so findet man an einzelnen Stellen typische „Hackett’sche“ Gitarrenfinessen. Und natürlich fehlt in ihrer Musik auch der ausgiebige Einsatz von Mellotron, Hammond-Orgel, Klavier und Synthesizern nicht. Keyboarder Fabio Mancini ist geradezu besessen vom Mellotron, mehr als Tony Banks in seiner ganzen Karriere je war. Ich hoffe, er will damit nicht zufällig beweisen, dass er einer der wenigen ist, die dieses uralte Instrument heute noch richtig gut einsetzen können.

The Watch kommen auch auf „Primitive“ nicht aus ihrer Haut. Die meisten Kompositionen sind zwar sehr gut arrangiert, besonders die romantischen symphonischen Keyboard-Arrangements, aber nach dem Hören lassen sie mich meistens ziemlich leer zurück, was für den Großteil des guten symphonischen Prog Rock eigentlich untypisch ist. Innerhalb einzelner Stücke vermisse ich jene ätherische Magie, die ihre großen Vorbilder heraufbeschwören konnten, so sehr sich Rossetti und seine Mitmusiker in diese Richtung auch bemühen. Da sind etliche andere moderne Neo-Prog-Bands wirksamer. Das Hauptproblem von The Watch bleibt vor allem der Mangel an etwas Einzigartigem, Wiedererkennbarem, an dem der Hörer noch vor einem Blick auf das (diesmal übrigens hübsche, fast klassische) Albumcover erkennen würde, um welche Band es sich handelt. The Watch haben fast ständig den Finger auf der Kopieren-Taste, auf der in fetten Lettern Genesis steht. Klar, im symphonischen Progressive Rock wurde schon alles erfunden, und heute ist es verdammt schwer, wirklich originell zu sein, aber dieses klangliche Genesis-Nachahmen könnte trotzdem ruhig ein bisschen weniger offensichtlich ausfallen. Wegen Rossettis tadellosem, poetischem Englisch sind sie trotz ziemlich kitschiger Texte etwas Besonderes für die aktuelle italienische Prog-Szene (was moderne Bands angeht), aber derzeit gibt es weltweit Unmengen an Neo-Prog-Bands, die den Genesis-Sound emulieren und all jenen gefallen wollen, die vergeblich darauf hoffen, dass die Prog-Dinosaurier noch mal etwas Neues aufnehmen, vor allem etwas, das an ihre besten Tage heranreicht.

Kompositorisch gesehen wird der Großteil der Stücke auf dem Album garantiert jedem Fan der Gabriel-Genesis gefallen. Warum ich es trotzdem nicht oft hören werde, erkläre ich in den nächsten Zeilen. Auch wenn er sich selbst wohl für einen hervorragenden Dichter hält, sind Rossettis Texte über große Künstler und wichtige gesellschaftliche Ereignisse bestenfalls billig. Die Genesis-Finessen wiederholen sich von Song zu Song. Der Opener „Sound Of Sirens“ ist durch und durch von Mellotron, Hammond-Orgel, Rossettis poetischem Gesang und zahlreichen rhythmischen Wechseln durchtränkt, wobei das zentrale melodische Motiv stets erhalten bleibt. Es gibt ziemlich viele Parallelen zum Genesis-Klassiker „Fountain Of Salmacis“, deshalb verdient der Song die Aufmerksamkeit aller Liebhaber ausgiebigen Mellotron-Einsatzes. „The Border“ ist nach einem obskuren Intro von einem melodischen Verlauf geprägt. Auch hier erweist sich Keyboarder Fabio Mancini als Kenner der verschiedensten Tasteninstrumente. Bei „Two Faces To The Rear“ dominiert wieder die Kombination aus Hammond-Orgel, Mellotron und melancholischen klassizistischen Gitarrenlinien. Manche Arrangements erinnern mich an den Genesis-Klassiker „Entangled“. Bei „When I Was a Three“ will Rossetti mit seinem Text über einen uralten Baum, den Forstarbeiter in ein paar Minuten fällen, ökologisch dramatisch sein, wirkt aber wie üblich ziemlich prätentiös. Auch hier findet man Motive, die von einigen der besseren Genesis-Alben inspiriert sind. Das Mellotron ist wie gewohnt dominant, die Gitarrenpassagen sind meist wirkungsvoll mit dem Klavier verwoben. In „Another Life“ übernimmt ein E-Piano den Platz der Haupt-Keyboards. Der Text ist wie gewohnt ein Durcheinander aus schlecht verbundenen Metaphern. Neben der Kunst mag Rossetti offenbar auch Geschichte und Sport, was das episch angelegte „Berlin, 1936“ beweist. Wer kennt nicht das Ende der berühmten Olympiade in Berlin 1936, als der Amerikaner Jesse Owens den deutschen Diktator und dessen rassistischen Wahn demütigte, indem er Goldmedaillen in allen wichtigen Disziplinen holte. Jesse war die erste größere Niederlage des Führers. Der Text beschreibt seine Erinnerungen an dieses Ereignis, kurz vor seinem Tod. Rossetti hat es aber wie üblich nicht geschafft, das auf schöne, poetische Weise zu erzählen, sondern greift zu ziemlich seltsamen Wendungen, die die gewünschte Stimmung nicht erzeugen. Kompositorisch spielen The Watch hier wieder die Karte der epischen Dramatik, was ihnen zumindest teilweise gelingt, und vielleicht ist es sogar das beste Stück auf dem Album. Der Abschluss „Soaring On“ hat einen ziemlich pathetischen Liebestext und eine melancholische Klavierbegleitung. Offenbar fiel Rossetti zum Schluss nichts Besseres mehr ein, und er flüchtete sich in eines der üblichen lyrischen Klischees. Wenn ich den Text ausblende, bringen der gute Mellotron-Einsatz und die symphonischen Arrangements zwar etwas von der so ersehnten Romantik, aber etwas Besonderes ist das trotzdem nicht. Mit einer in allerlei Metaphern verpackten Ode an seine unglückliche Liebe (armer, armer Rossetti…na ja) verbeugt er sich eher vor den Collins- als vor den Gabriel-Genesis.

The Watch haben mit „Primitive“ zwar wieder ein kompositorisch schönes und gut hörbares Album gemacht, mit dem sie die Prog-Welt aber nicht mal annähernd schocken werden. Jeder Prog-Gourmet greift weiterhin lieber zu den Werken der Legenden aus der Goldenen Ära des italienischen symphonischen Prog wie PFM, Le Orme, Banco Del Mutuo Soccorso usw. als zu revitalistischen Bands wie The Watch. Ähnlicher Meinung wie ich war auch der legendäre Fish, Ex-Marillion-Sänger, der in unserem Interview sagte, dass sich heutzutage viel zu viele Prog-Rocker daran versuchen, Genesis zu imitieren, und dass er persönlich viel lieber PFM auflegt als irgendwelche Nachahmer. Aber lassen wir uns überraschen. Vielleicht erkennt Rossetti ja irgendwann, dass für guten Progressive Rock nicht nur gutes technisches Können, eine gewisse Portion Talent und das Emulieren des Vermächtnisses der Legenden reichen, sondern es auch einen gewissen Charakter braucht, der der Musik eine Seele einhaucht. Wenn The Watch auch hier Fortschritte zeigen, könnten sie sich vielleicht unter meinen liebsten Progressive-Rock-Acts von heute einreihen.

Besetzung

Simone Rossetti – Gesang, Flöte
Ettore Salati – Gitarre
Marco Schembri – Bass
Sergio Taglioni – Keyboards
Roberto Leoni – Schlagzeug

Produktion

Simone Stucchi

Tracklist

1. Sound of Sirens (8:00)
2. The Border (4:15)
3. Two Paces to the Rear (9:08)
4. When I was a Tree (6:00)
5. Another Life (6:10)
6. Berlin, 1936 (8:55)
7. Soaring On (4:37)

Spielzeit: 47:05

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