…Love Their Country
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Me First and The Gimme Gimmes
Label: Fat Wreck Chords
Erscheinungsjahr: 2006
Es ist ziemlich lange her, dass meine Ohren regelmäßig mit den Klängen von hüpfendem Cali-Punk gefüttert wurden, und eine der Hauptnahrungsquellen war damals die Hauptattraktion NOFX. Seitdem ist einiges an Zeit vergangen, und die genannten Legenden sind zu Labelchefs, Clubbesitzern, politischen Aktivisten und immer weniger aktiven (auftretenden) Musikern geworden. Trotzdem wärmt es dir das Herz, wenn eine Platte voller Humor, Musikalität und Wagemut von Bands wie Me First And Gimme Gimmes in die Regale wandert. Warum? Weil diesmal Mitglieder von Bands wie Lagwagon, Swinging Utters, No Use For A Name, NOFX und Foo Fighters unter einem Dach zusammengepfercht sind. Und was sind die elementaren Grundbausteine dieser Punk-Pracht? Hinterm Mikrofon schreckt Spike Slawson auf, Sänger von Swingin‘ Utters, Re-Volts und Filthy Thievin‘ Bastards, die Leadgitarre schrubbt der Foo-Fighters-Mann Chris Shiflett, der vor Kurzem noch bei No Use For A Name gedröhnt hat, den Bass zupft Fat Mike Burkett, sonst die zentrale Figur von NOFX, und was die Auslastung angeht, hinkt auch Rhythmusgitarrist Joey Cape nicht hinterher, der sein Brot sonst bei Lagwagon verdient, aber auch bei Bad Astronauts, Afterburner und The Playing Favorites zu finden ist. Das letzte Stück der Besetzung ist der Mann im Hintergrund – Lagwagon-Drummer Dave Raun. Sie bilden sich nicht ein, irgendetwas anderes zu sein als eine Punk-Coverband, Coversongs spielen sie schon seit 1995, und ihr müsst wissen, dass ihnen rein gar nichts heilig ist – weder Cat Stevens noch Neil Diamond noch John Denver. Alles im Namen des Spaßes und der reinen Verarsche!
Und da ist es, das Album …Love Their Country. Für den sechsten Reigen konzeptuell ausgewählter Covers haben sich die Jungs diesmal die amerikanische Cowboy-Musik vorgenommen – Country und von Western durchtränkte Schlager, die irgendwo aus dem hintersten Winkel eures Gehirns die Erkenntnis hervorkramen, dass es deutlich weniger anstrengend sein kann, sich Sachen aus der Domäne von Dixie Chicks, Garth Brooks, Johnny Cash und ähnlichen Kennern anzuhören, wenn sich Typen darüber hermachen, die kurz zuvor noch Johnnys Bar Mitzvah ruiniert haben (das vorletzte Album trug einen ziemlich schönen und prominenten Titel: Ruin Johnny’s Bar Mitzvah …). Und worin liegt der Reiz? Vor allem in der phänomenalen Interpretation der Texte und darin, dass sie dort Eier reinpacken, wo es bis vor Kurzem noch herzlich wenige gab.
Gleich am Anfang vergreift sich das Album an einer Heiligkeit Amerikas, an Garth Brooks und seinem Song ‚Much Too Young (To Feel This Damn Old)‘, der dir nach einem irren Intro aus bekifften, zuckrigen Gitarren zu denken gibt, dass die Punks zu Heulsusen geworden und zum Zuckerersatz Nummer eins aufgestiegen sind, aber keine Sorge. Nachdem sie die Pferde gesattelt und die verschlafenen Cowboys in den Sattel gesetzt haben, ist es Zeit zum Galopp. Das triefende Ahs und Ohs aus den Mündern von Joey und Mike ist ein herrlicher Zierrat. Die Gitarren werden zur Kreissäge, mit der sie an Garths Heiligtum sägen. Und wie ihnen das gelungen ist. Geld – Herrscher der Welt oder pure Dreistigkeit? Auf jeden Fall stelle ich mir Garth Brooks mit verdutztem Gesicht vor, wenn bei seinen Konzerten plötzlich Horden junger Neo-Punks aufkreuzen.
Und das ist erst der Anfang. Gleich danach landen sie im Sturm bei Johnny Cash und Stan Jones und bei ‚(Ghost) Riders In The Sky‘, das in anderthalb Minuten Zerstörung, Rauch und Flammen hinterlässt. Die Punk-Version erschlägt selbst die stärksten Zweifel an der Kraft des Originals. Nach ein paar präzise abgemessenen Punk-Schnitten ist sie zwar nicht mehr sonderlich wiederzuerkennen, bringt dafür aber Bewegung und Spaß rein, und das zählt umso mehr. Und dann beweisen sie, dass dich auch im neuen Jahrtausend noch jemand zu Tränen zum Lachen bringen kann, und zwar mit der durchgeknallten, umgebauten, „hot-rodded“ Version des Eagles-Klassikers ‚Desperado‘, die klassische Eagles-Fans in einen Zustand unstillbaren Juckreizes, allergischer Reaktionen und Dauerprotests versetzt, die Horden der manchmal etwas zahlreicheren Punks dagegen in Lachsalven und hochoktanigen Spaß. Den Mittelfinger muss man hier höchstens im übertragenen, noch penetranteren musikalischen Sinn heben.
Eigentlich gibt es nicht viel zu meckern, denn die Jungs haben bestimmte Melodien im Gedächtnis bewahrt, die man sonst früher oder später komplett vergessen hätte. Zumindest auf dieser Seite des großen Teichs geht es um die Heranzüchtung neuer Amerikanophiler, und zu den besagten Melodien kann sogar George Bush tanzen, auch wenn ihn die Jungs mit ihrem Arsenal von der Rock Against Bush-Compilation längst ins All geschossen haben. Weiter geht es in der Manier von Willie Nelson – ‚On The Road Again‘. Nichts Besonderes, es sei denn, dich überrascht das Riff, das an irgendetwas Gehörtes erinnert, du aber nicht weißt, woran. Das könnten die Misfits sein und das Riff aus dem Song ‚Astro Zombies‘, das nach dem verträumten Sahneschlagen einsetzt.
Dass es sich um einen Gay-Porn-Soundtrack handeln könnte, ist bloß eine Illusion, denn Me First haben sich, wenn auch in ziemlich grelle Cowboyhemden gekleidet, in der heulsusigen Schnulze irgendwie darauf verlegt, John Denver ein ganz eigenes Denkmal zu setzen. ‚Annie’s Song‘ ist eine Verschnaufpause. Und danach: vollblütiges Kerosin!
‚Jolene‘ hat in der Version der vollbusigen Country-Legende Dolly Parton nie so schön geklungen wie in der Version eines Quintetts aus Punk-Veteranen. Älter geworden und vielleicht ein bisschen wohlhabender als am Anfang des Weges, aber auf keinen Fall lassen sie sich aus der Fassung bringen! ‚I’m So Lonesome I Could Cry‘ ist eine in Dudelsack gekleidete Version eines hüpfenden Saufliedchens, das der Epilog zu einem miesen Ergebnis der heimischen Fußball-Nationalmannschaft sein könnte oder zu dem deines Fußballvereins, der vom Tabellenende der obersten Liga ans Ende der dritten Liga durchgereicht wird. Ein super Sinnbild für alle Enttäuschten. Zeit für Bier und Geheule!
‚Looking For Love‘ lässt dich dagegen nicht zu Atem kommen. Zeit für Promiskuität und fürs Paaren, fürs Ausreden-Suchen und alles Ähnliche. Als hätte diesen Song nicht Johnny Lee geschrieben, sondern ein anderer Lee mit dem Vornamen Bruce. ‚Goodbye Earl‘ haucht der Dixie-Chicks-Klassik dagegen eine komplett neue Flamme ein. Und zwar so, dass auch im Lager von Me First And The Gimme Gimmes der Erfolg nicht ausbleiben wird! Der fast reggaeske Mittelteil könnte ruhig etwas länger dauern, dann kämen die Jungs auf noch ein paar Festivals mehr. Mit mehr Grünzeug und mehr Rauch!
‚East Bound And Down‘ erinnert an Burt Reynolds‘ Trucker-Eskapade und die Hetzjagd über amerikanische Straßen. Smokey And The Bandit war ein guter Film, und entsprechend hoch ist sein Stellenwert auf der Einflussliste diesseits wie jenseits des Teichs. Me First machen eine Cover-Version des Originalthemas, und zwar ehrenwert gut. Die Räder drehen sich auf dem erhitzten Asphalt diesmal noch schneller. Und schon geht es auf das Ende zu. Nachdem sie mit vielen bekannten Melodien abgerechnet haben, machen sie sich wütend daran, den Song ‚She Believes in Me‘ aufzuhübschen, und dann kommt das große Finale mit der Widmung an den kürzlich verstorbenen Helden der amerikanischen Kultur, Johnny Cash, der auf der Platte schon ein paarmal aufgetaucht ist. Was soll man machen? Manche Leute haben in den Jahren ihres Schaffens eben etwas mehr hinterlassen als die Konkurrenz. Und die Coverversion ist hörbar, wiedererkennbar und an den Stellen, die vorher zu glatt zum Streicheln waren, noch zusätzlich bearbeitet.
Nach knapp einer halben Stunde Spaß dreht sich die CD im Kreis, und ich lasse sie einfach weiterlaufen. Im Hintergrund geht über dem Horizont die Sonne auf, und die Cowboys müssen ihre Pferde wieder satteln, für neue Herausforderungen und neue Abrechnungen, und in den Ohren bleibt der Klang von Melodien, wegen denen man auch ohne Koffeinpräparat und Kanonendonner aus dem Bett kommt. Fat Mike und Kompanie haben wieder bewiesen, dass sie die Bezeichnung als punkige Bewahrer der Vergangenheit verdienen. Auf ihrem Walk Of Fame haben sie jetzt mit dem Holzhammer auch noch Country eingepflockt, und ich frage mich nur, was ihnen noch an Unangetastetem zum Bearbeiten übrig geblieben ist? Vielleicht ein Album mit Filmmusik und eins mit Nationalhymnen. Das Ergebnis diesmal war jedenfalls ein mühelos-angenehmes Durchackern der Schatzkammer des Redneck-Rampage-Soundtracks. Yeee-haaa!
Besetzung
Spike – Gesang
Jake – Gitarre
Fat Mike – Bass
Joey – Gitarre
Dave – Schlagzeug
Produktion
Alex Newport
Tracklist
1. Much Too Young (To Feel This Damn Old) – (Garth Brooks)
2. (Ghost) Riders In The Sky – (Stan Jones, Johnny Cash)
3. Desperado – (The Eagles)
4. On The Road Again – (Willie Nelson)
5. Annie’s Song – (John Denver)
6. Jolene – (Dolly Parton)
7. I’m So Lonesome I Could Cry – (Hank Williams Sr.)
8. Lookin‘ For Love – (Johnny Lee)
9. Goodbye Earl – (Dixie Chicks)
10. East Bound And Down – (Jerry Reed)
11. She Believes In Me – (Kenny Rogers)
12. Sunday Morning Coming Down – (Kris Kristofferson, Johnny Cash)
SPIELDAUER: 25:33