Pozabljena ljudstva

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Goran Krmac Kvartet
Label: Celinka
Erschienen: 2016
Laufzeit: 39:40
Wertung: 4/5

Goran Krmac, Janez Dovč und Nino Mureškič sind bekannt durch ihre gemeinsame Formation Baraka, die vor vier Jahren auch ein gleichnamiges Studioalbum veröffentlicht hat. Zählt man den Harfenisten Eduardo Raon dazu – was erhält man dann? Ja. Logisch. Ein viertes Element, und aus Baraka wird kurzerhand das Goran Krmac Kvartet. Goran ist Tubist, der – ähnlich wie sein (karrieremäßig) unentbehrlicher Weggefährte und Mitstreiter Dovč (der dem Akkordeonspiel verschrieben ist) – die Wahrnehmung dieses Instruments, das wir hauptsächlich von Volksfeierlichkeiten kennen, auf einen besonderen Platz im musikalischen Universum gehoben hat. Auf diese Weise hat die Tuba eine neue qualitative Dimension künstlerischen Ausdrucks erhalten – beziehungsweise den Stammbaum eigenständiger Ethno-Jazz-Kameradschaft, untermauert von freigeistiger Offenheit bis hin zum elektronischen Klangexperiment und dem Flirten mit klassischer Musik. So hat Krmac der Tuba eine neue Qualität ihrer Popularisierung verliehen: Das Hören des Albums »Pozabljena ljudstva« wird zur Versuchung eines schockierenden Sinnesrausches, der selbst den anspruchsvollsten Musikgourmet fasziniert. Die langjährigen Kompagnons Dovč und Krmac sind in dieser Hinsicht also ein perfektes kreatives Duo – diesmal liegt die kompositorische Initiative bei Goran Krmac.

Parteilichkeit gegenüber einem der Instrumente hält in dieser Rezension schlicht nicht stand. Harfenist Eduardo Raon tritt in der ganzen Geschichte zwar nicht so intensiv in den Vordergrund wie die instrumentale Integration der anderen drei Bandmitglieder (Ausnahme sind z. B. das hervorragende, sanfte und zerbrechliche Mistika, das, wie sein Titel sagt, »mystisch« und geheimnisvoll« wirkt, oder die Solo-Momente, in denen sich alle drei Instrumente der Harfe »zurückziehen«  – Stück Listen Very Carefully), doch ist seine Verwendung der Harfe in einem solchen musikalischen Körper, wie ihn das Quartett formt, ebenso eine neue Geschichte über den ungewöhnlichen Klangausdruck  eines Instruments, das viele im Allgemeinen nicht über die süßlich-kommerziellen »ringa-raj«-Gefilde von Andreas Vollenweider hinaus verorten – gefolgt von den tränennassen Gesichtern gerührter Mamas, Tanten, Omas, Nonnen und feiner Damen. Und Nino? Nino bleibt halt Nino. Wenn das Ohr nicht täuscht, konnte er auch diesmal dem Einsatz des Marimbas nicht widerstehen (Intro zu Tatovi vode) – seine rhythmischen Texturen tragen erneut den Charakter effektiver Befüllung der Klanglandschaft, wie sie ihm das restliche Trio des Quartetts »serviert«. Mureškič bleibt in dieser Hinsicht ein Meister der handwerklichen Geschicklichkeit eines erfahrenen Schlagwerkers – sein Geflecht aus ungezügeltem Improvisationsstoff ist das ausgelassene Kind der Weiten seiner Phantasie.

Die Band hat auch eine Prise Schelmerei und blasphemisch-frotzelnde Verspieltheit in ihrem Spiel – das zeigt sich beim Stück Slim & Fat.  Eröffnet wird es von einem »gebrochenen« Zweistimmen-Harmoniespiel auf Goran Krmacs Tuba. Ein Ton der Harmonie ist »beleibt«, der andere »hager«. Passend zum Titel des Stücks. Während Mureškič mit seiner schlagwerkerischen Neugier rasch zur allgemeinen Offensive übergeht und dabei die vorhersehbare Schablone motivischer Formatierung zunichte macht, übernimmt Janez auf dem Akkordeon im weiteren Verlauf desselben Stücks das einleitende Goran-Motiv. Und so weiter. Immer dem Reich unerwarteter Wendungen innerhalb des fröhlichen Lustspiels des Quartetts entgegen.

Was an diesem Album – neben den Grundinstrumenten, die auf ungewöhnliche Weise miteinander den musikalischen Körper des Quartetts aufbauen – am reizvollsten ist, ist das Wort »Programmierung«, das hinter der Ausschöpfung jedes einzelnen Instruments steht. Eine große Rolle spielt dabei Janez Dovč, der (zumindest in Slowenien) als eine Art Reformer und Innovator gilt, was den Einsatz des Akkordeons betrifft (im Sinne der vollständigen Beherrschung der Physik des Instruments). In dieser Hinsicht sprechen Goran Krmac Kvartet den Hörer bereits eingangs mit dem Stück Zrak niha an. Schwingen, Wogen, ahhh, verflixt – Klangverdünnungen und -verdichtungen. Nacheinander. Klang. Musik. Für ein allgemeines Gespür dafür, wie das Akkordeon (und auch Tuba und Harfe) auf diesem Album immer wieder eingesetzt wird, lohnt sich auch ein Blick in Dovčs Studiowerk »AkordiOn«. Kurz gesagt: Die Band nutzt den Einsatz besonderer Klangeffekte über Programmierung und bricht damit die eingefahrenen Formen erwarteter Schablonen – und schockiert den Hörer, indem sie ihm das »Unerwartete« bietet (anstelle des Erwarteten). Die Fülle an abwechslungsreichen Klangscherzen, die das Quartett aus seinen Instrumenten herauslockt, verleiht dem Arrangieren ein eigenständiges Bild beziehungsweise einen unverwechselbaren musikalischen Charakter. Anders gesagt: Es erzeugt Eklektizismus. Natürlich gibt es hier auch die Tricks von »Echo-Delay«-Effekten, und die Band kommt dabei auch nicht übermäßig komplex daher. So reicht etwa in Tatovi vode musikalischer Minimalismus völlig aus, der eben auf dem Einsatz von »Echo-Delay«-Effekten der Klangprogrammierung basiert – das Ergebnis dieser Atmosphärenschöpfung kann den Hörer gar in einen Zustand zerebraler Entrücktheit versetzen. Genau dieses Stück ist für sich genommen der musikalisch ausdrucksstärkste Höhepunkt, wenn man den Moment der Programmierung auf diesem Album abwägt.

Wie der Albumtitel andeutet, versucht Goran mit seiner Crew, uns in eine Welt mitzunehmen, die wir vergessen haben. Vergessen wir nicht, dass wir aus der Natur stammen, Kinder der Sonne sind (wie Yes 1973 gesagt hätten) – obwohl wir in der neuen Zeit alles tun, um unsere eigene Mutter zu unterjochen (was wir noch gehörig bezahlen werden). Diese ursprüngliche Ausrichtung des Quartetts, das in erster Linie seinen eigenen Instinkten folgt und dabei ursprüngliche Klangstrukturen und rhythmische Texturen malt, versucht den Hörer in die Welt der Urzeit zu entführen – als der erste Mensch mit Knochen auf Stalaktiten in Höhlentiefen schlug und jene Wunderhaftigkeit entdeckte, die wir »Klang« nennen. Zwar sind die Strukturen (locker) ethno-jazzmäßig angenähert, doch auf der anderen Seite verbirgt die Gruppe auch keine Faszination für die Welt der neoklassischen Musik. Tak je denimo izhodni del skladbe So ist es etwa beim Ausklang von Tatovi vode oder beim gesamten Titelstück (das sich problemlos als Filmmusik eignen würde).  Die Stücke Ples und das abschließende Rondo alla Gorchi enthalten am meisten klassische Klanglichkeit in der Ausschöpfung aller vier Klangbausteine. Das überrascht kaum, denn beide wurden im Juni 2015 live beim Festival GodiBodi aufgenommen, als das Quartett noch »in den Kinderschuhen« steckte.  

Damit dieser Text nicht zu lang wird. »Pozabljena ljudstva« ist ein neues Album absoluter eklektischer Sinnesfreuden. Es ist ein herausfordernder musikalischer Sonderling, dem der forschend-abenteuerliche Geist der symbiotischen Beziehung einer ungewöhnlichen, aber allgemein toleranten und kontemplativen Verbindung aus vier Instrumenten einen einzigartigen, unwiederholbaren und sofort wiedererkennbaren Platz im musikalischen Universum verschafft. Nicht nur in Slowenien, sondern auch in einem weiteren Rahmen – auf der internationalen Bühne.  Ein Album, das dich in seiner klanglichen Ungewöhnlichkeit – angetrieben von der sprudelnd ungezügelten, freigeistigen Denkweise der vielschichtigen und genremäßig unbelasteten musikalischen Durchdringungskraft der erfahrenen Köpfe dieses Quartetts – ordentlich aufweckt und wachrüttelt.

Goran Krmac kvartet – Ples (live, festival Godibodi, Hostel Celica, Ljubljana, Juni 2015):

Besetzung

Goran Krmac – Tuba, Programmierung
Janez Dovč – Akkordeon, Programmierung
Eduardo Raon – Harfe, Programmierung
Nino Mureškič – Schlagwerk, Programmierung

Produktion

Igor Vuk

Trackliste

1. Zrak niha
2. Mistika
3. Ples
4. Listen Very Carefully
5. Pozabljena ljudstva
6. Slim & Fat
7. Tatovi vode
8. Rondo alla Gorchi

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