Destinations
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Jazoo
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2016
Spielzeit: 62:32
Bewertung: 4.5/5
Die langlebigen Etno-Jazz-Fusionisten Jazoo aus Slovenj Gradec haben Ende letzten Septembers ihr sechstes Studioalbum mit dem Titel »Destinations« auf die Welt gebracht. Der Teufel weiß, warum ein Exemplar dieses Albums so lange gebraucht hat, um in unserer Redaktion aufzutauchen – aber besser spät als nie. Jazoo ist auf der slowenischen Szene eine längst etablierte Band im experimentell erkundenden Art-Format, die seit jeher Musikgenießer belohnt – also jene Hörerschaft, die komplexere »musikalische Erzählungen« liebt. Das war schon immer so. Eine Band, die den Zustand der »Ruhepause« weder kennt noch anerkennt, eine Band, die ständig auf Touren ist – ihr Daseinsantrieb ist der permanenten musikalischen Veränderung gewidmet. Deshalb lohnt es sich immer, die Musik von Jazoo vorzustellen. Einfach. Weil ihr Hören vollauf belohnt.
Mit dem Vorgängeralbum »Back to Reality« hat die Band gewissermaßen den Schritt gesetzt, der für die Entstehung von »Destinations« notwendig war. Die Songs behalten ihren längeren zeitlichen Charakter, und das Arrangement ist zu einer Gestaltung musikalischer Landschaft herangewachsen, die im mehrschichtigen Aufbau noch knackiger wirkt, nahezu vollständig optimiert. »Destinations« ist eigentlich die Weiterentwicklung der musikalischen Affirmation seines Vorgängers – mit dem charakteristischen Unterschied der eigengewachsenen Evolution, dass es zugleich ein höheres Maß an motivischer Definiertheit (Ausformuliertheit) mitbringt. Gleichzeitig fasziniert die Erkenntnis, dass es gerade auf diesem Album gelungen ist, ein hervorragendes Gleichgewicht zwischen musikalisch tugendhafter Formatierung und dem freisinnigen Experimentierreiz herzustellen – was Jazoos Erscheinungsbild seit jeher diese eklektische Finesse verleiht. Etwas, das man stellenweise vermissen konnte, wenn die Rede auf den zwar wunderschönen, ambitionierten und mutigen Vorgänger »Back to Reality« kam.
Was die »Expression« des eigenen musikalischen Kunstsinns betrifft, haben Jazoo auf dem neuen Album mit reifer Geschicklichkeit aufgewartet. Sie haben ein Album wunderschöner Gleichgewichte abgeliefert, in dem keine der Bausteine dominiert, sondern alle ständig in einem geduldigen Dialog des musikalischen Pragmatismus koexistieren (z.B. das Zusammenspiel von Flöte, Saxofon und Keyboards im Mittelteil von Rain Water). Den inhaltlichen Reichtum, der ein vielfältiges Bataillon klar definierter Leitmotive liefert, haben sie mit dem erwartbaren Schuss experimentell-improvisatorischen Könnens dosiert – das allerdings durchgängig so eingesetzt wird, dass das Album als Ganzes ein wunderschönes Maß an Hörbarkeit bewahrt, ohne je in den expressiven »Chaos« zu kippen, den das Ego der Improvisationsfantasie einzelner Bandmitglieder gerne (potenziell) diktieren kann. Dieses Mal ist es äußerst raffiniert an der Leine gehalten und passt sich den Leitmotiven an. Auch wenn es Momente gibt, in denen mal das Saxofon, mal die Perkussion, im nächsten Moment das Klavier die solistischen Initiativen übernimmt, kehrt die Band mit erstaunlicher Geschicklichkeit in die Sphäre der Leitmotiv-Phrasierung zurück. Um es banal zu sagen: »Destinations« ist genau richtig »abgedreht«. Obwohl die Songs wieder länger sind, entsteht keinen Moment lang das Gefühl, dass das Quintett in Momente ausdrucksloser Trockenheit abdriften würde – was den Zustand des »Nicht-Mitgehens« oder »schwarzer Flecken ohne echten Moment ausdrucksstarker Inspiration« erzeugen kann. Diesmal funktioniert die (gelegentlich bewusst eingesetzte) multiple Wiederholung von Motiven (die vor allem von den Keyboards getragen wird, unterstützt durch geschickt hinzugefügte Programmiereffekte – z.B. der Ausgang des hervorragenden Openers Nomades) in der richtigen Funktion der Stimmungssteigerung. Diese erfassen über das Album hinweg effektiv, und das Album liefert infolgedessen auch den stark ersehnten Moment der Mystik. Das Ethno-Element tritt besonders im Song E Space deutlich zutage, wo sich die Band auch geschickt mit »Arabesken« anfreundet.
Wie der Albumtitel schon ankündigt, wirkt das Album wie eine Art Tramper durch die musikalischen Weiten der Band. Diese werden nicht sofort enthüllt, sondern Jazoo sprechen sie mit einem Gefühl theatralischer Spontaneität an, mit dem Moment unerwarteter Wendungen, bauen auf das Konzept starker Stimmungslagen, und das vielfache Aneinanderreihen von Motiven sorgt für ständige Dynamik des Werks. Einfach. Faszinierend ist zum Beispiel der schrittweise Übergang eines »orientalisch« gefärbten Motivs in ein völlig neoklassizistisch verführerisches, gut eineinhalb Minuten vor dem Ende von E Space, wobei Jazoo den roten Faden des hörbaren Songgerüsts nicht verlieren. Jeder der Songs bietet also einen Ausflug zerebraler Entrücktheit – sei es auf den Weg mit Nomaden (sagen wir ruhig zu den Eskimos, immerhin war Zappa selbst ein großer Fan von »Huskies«), sei es eine Einladung zum »Tanz« mit dem Regen – und nebenbei kommst du auch noch hinter die wahre Wahrheit über die Mondlandung.
»Destinations« ist ein neuer Entwicklungsschritt der Band nach oben. Reif abgewogen. Das Ergebnis evolutionärer Eigenwilligkeit. Es liefert ein neues Kapitel der musikalischen Eigenständigkeit einer Band, die sich einen Dreck um Genregrenzen schert und ausschließlich dem eigenen Gespür und der eigenen Fantasiewelt folgt. Das Gespür der Musiker, die dieses Album nach dem Vorbild eines Live-Auftritts eingespielt haben, bleibt außergewöhnlich. Die Band hat ein Album des optimalen Dialogs zwischen musikalischem Experiment und allgemein zugänglicher Formatierung abgeliefert. Ein Werk von großem künstlerischem Wert, das nicht nur oberflächlich gesagt eine Weiterentwicklung gegenüber dem Vorgänger »Back to Reality« darstellt, sondern auch ein Spiegel der hervorragend funktionierenden Chemie zwischen den Mitgliedern des Jazoo-Teams ist – und so etwas entsteht nicht über Nacht. Diese Chemie pflegt die Band sorgfältig und beharrlich seit mehr als zwei Jahrzehnten zu einem einzigartigen musikalischen Konglomerat von universeller Einzigartigkeit. Auf dem Weg gesunder, natürlicher und unabhängig gewachsener Evolution. In dieser Hinsicht erreicht das Album »Destinations« den kreativen Zenit der Band. Angesichts der Inspiration, des Feuers und der Herzlichkeit, die es in sich trägt, steht außer Frage, dass Jazoo auch künftig auf diesem Zenit bleiben werden.
Jazoo – Nomades (offizieller Audiostream):
Besetzung
Tomaž Pačnik – Klavier, Keyboards, Akkordeon
Matjaž Mlakar – Saxophone, Klarinette, Elektronik
Nejc Haberman – Bassgitarre
Katja Stare – Flöte, Saxofon, Gesang, Perkussion
Danijel Hartman – Schlagzeug
Produktion
Gabriel & Jadran Ogrin
Trackliste
1. Nomades
2. E Space
3. Rain Water
4. Somedays
5. Land-Escapes
6. Distance
7. A True Story About Landing On the Moon