Post Rock mit einem Hauch Aerobic im Channel Zero (2012)
Ort: Channel Zero
Konzertdatum: 21.04.2012
Besucherzahl: 150
Kartenpreis: 10,00€
Post Rock ist offensichtlich wieder im Aufschwung. Nach der ersten Welle in den Achtzigern, der zweiten Anfang der 2000er Jahre, werden wir dieses Musikgenre offenbar im zweiten Jahrzehnt des aktuellen Jahrtausends seinen Höhepunkt erleben sehen. Vor allem dank der Bands, die Post Rock als Grundgerüst ihrer Kompositionen nutzen, an dem sie die ihnen nächstliegenden Musikgenres aufhängen. So präsentierten sich uns an jenem Samstag, dem 21.4., zwei Gruppen, die dem Post-Rock-Genre zuzuordnen sind, und daneben noch eine Gruppe „x“. „X“ deshalb, weil sie weder mit ihrem musikalischen Ausdruck noch mit ihrer Bühnenpräsenz irgendwie ins Bild passten.
Diese letzteren Meister, die als Erste auftraten, nannten sich Smashed Face. Davor hörten sie noch auf Interruption, Parricide und Detheria. Sie spielten Brutal Death Metal, den sie zuletzt noch mit Metalcore vermischten. Eine ungemein sympathische Band – ich habe Tränen gelacht. Vielleicht sollten sie den Weg von Jane Fonda einschlagen, die Videokassetten mit Aerobic-Übungen herausgab. Denn in den langsameren rhythmischen Teilen fängt die ganze Band an, Kniebeugen zu machen. Manchmal synchron, manchmal asynchron, auf jeden Fall aber – milde ausgedrückt – ungewöhnlich. Die Darbietung selbst leidet bei diesen Übungen überhaupt nicht, woraus wir schließen können, dass es sich um hervorragend körperlich fitte Tschechen handelt. Da sie drei Studioalben veröffentlicht haben, das letzte 2010, steht ihnen reichlich Material zur Verfügung, und davon haben sie uns auch viel präsentiert. Von der ersten Vorband erwartet man eigentlich keinen knapp einstündigen Auftritt. Da sie aber nicht langweilig waren und ich mich bei ihnen ungemein gut amüsiert habe, verging ihr Auftritt noch zu schnell. Vorne, wo ich stand, war auch der Sound auf dem nötigen Niveau, sodass wir – etwas unerwartet – eine qualitativ hochwertige Einstimmung auf den Rest des Abends bekamen.
Kurz darauf erschienen weitere Tschechen auf der Bühne – sie hören auf den Namen Esazlesa und sind ein typischer Vertreter des Post Rocks, den ich in der Einleitung erwähne. Sie haben eine EP und eine Single daraus veröffentlicht, haben aber das Glück, dass sich ihre Songs schön anspruchslos in die Länge ziehen lassen. Ihr Ansatz ähnelt dem der amerikanischen Rosetta, und in Slowenien könnte man ihnen The Canyon Observer an die Seite stellen. In den Post Rock haben sie Sludge-Elemente eingemischt, was zusammen mit dem durchdringenden Gesang eine Atmosphäre voller Qual einerseits und Hoffnung andererseits erzeugt. Ihr Ansatz ist klassisch für das Genre: ruhiger Einstieg mit etwas Melodie, ein melodisches Thema, das sich recht lange wiederholt, Steigerung der Melodie. Gegen Ende hin werden die leiseren Instrumente stark aufgedreht, die Becken gewinnen an Bedeutung. Wichtig ist aber, dass das melodische Gitarrenthema immer die Oberhand behält. Auch über den Gesang lässt sich sagen, dass er bei Esazlesa die Gitarrenlinie stützt und mehr der Atmosphärenschaffung dient. Die eigentliche Geschichte erzählen Gitarre und die Vorstellungskraft des Einzelnen. Eine schöne Ergänzung war das gesprochene Wort beim letzten oder vorletzten Stück. Noch nie zuvor hatte ich Tschechisch als eine überzeugende Sprache wahrgenommen. Doch in diesem Moment sorgte der Sänger mit seiner Textinterpretation dafür, dass mir eine ganze Gänsehautwelle über die Glieder lief. Ihre Bühnenpräsenz ist echt, sie sind energetisch, wenn es gefragt ist, und melancholisch, wenn sie in ruhigere Gewässer gleiten. Offensichtlich tun sie das mit Leidenschaft, und ihr nächstes Album darf man sich schon jetzt vormerken.
Als Letztes traten die Australier Sleepmakeswaves auf. Bei ihrem Auftritt füllte sich die ohnehin schon gut gefüllte Halle noch weiter. Die Spannung in der Luft war spürbar, und die Besucher aus allen Himmelsrichtungen hatten etwas zu sehen. Der Ansatz der Australier ist ruhiger als der von Esazlesa. Die Musik selbst hat keine derartigen Schwankungen, sondern ist linearer. Natürlich noch immer im Genre – im Vergleich zu Lady Gaga sind sie zum Beispiel super abwechslungsreich und unberechenbar. Intensiver setzen sie auch Samples ein, was der Musik hervorragend steht. Ich bin auf die Information gestoßen, dass die Band im vergangenen Jahr auf Bandcamp in einer einzigen Woche so viele Alben verkauft hat, dass sie Platz eins belegten. Nach wie vor gehören sie zu den meistverkauften australischen Bands. Sie haben ein Album mit dem Titel …And So We Destroyed Everything veröffentlicht, das ich dem Leser wärmstens empfehle. Das Konzert selbst war ein echtes Erlebnis, und ein Kollege fragte sich zu Recht, ob es überhaupt möglich ist, schlechten Post Rock zu machen? Wahrscheinlich schon, aber ich habe offenbar das Glück, einer solchen Band live noch nicht begegnet zu sein. Derart viele Emotionen und einen solchen melodisch vollen Klang habe ich in anderen Musikgenres noch nicht angetroffen. Beweis für die Universalität der Musik ist eben die bereits erwähnte soziale Vielfalt der Besucher. Die Darbietung selbst war natürlich auf dem Niveau, der Sound war wieder genau so, wie er sein musste. Man könnte den Fußball-Vergleich bemühen, der sagt, dass ein guter Schiedsrichter einer ist, den man während des Spiels nicht bemerkt. Guter Sound ist offenbar derjenige, auf den man nicht eigens achten muss, weil er immer zur richtigen Zeit da ist. Sleepmakeswaves servierten uns ein einstündiges Repertoire, in einer vielleicht schon etwas zu intimen Atmosphäre, die mir in jenem Moment aber genau richtig war. Da draußen aber noch ein angenehmer Samstagabend auf mich wartete, machte ich mich, voller Eindrücke, auf den Weg ins nächste Abenteuer.
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