Pink Floyd: Atom Heart Mother
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 2. 10. 1970
Produktion: Pink Floyd
Albumlänge: 51.54 min
Genre: Psychadelic Rock / Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
Die Kuh Lulubelle III, die auf dem Cover von „Atom Heart Mother“ prangt, dem fünften Studioalbum der legendären Prog-Rock-Größen Pink Floyd, ist neben der lila Kuh auf der Milka-Schokoladenverpackung garantiert die berühmteste Kuh der Welt. Die berüchtigte Milchspenderin landete rein zufällig auf dem Cover von „Atom Heart Mother“ und hat null Verbindung zu den musikalischen oder lyrischen Eigenschaften dieses Albums, auch wenn so mancher Fan der Band bis heute etwas anderes glaubt. Der Kultkünstler Storm Thorgerson, langjähriger Schöpfer der Pink-Floyd-Cover, bekam den Auftrag, für dieses Album etwas völlig Ländliches und Unkonventionelles zu entwerfen, was zugleich zu den damaligen psychedelischen Space-Rock-Tendenzen der Band passte, die beim Erforschen und Mischen unterschiedlichster Musikrichtungen nie Grenzen kannte. Ursprünglich hätte „Atom Heart Mother“ eigentlich „The Amazing Pudding“ heißen sollen, doch die Band entschied sich für eine Namensänderung, nachdem Bassist/Sänger Roger Waters in irgendeiner Zeitung einen merkwürdigen Artikel über eine Frau mit atomarem Herzschrittmacher entdeckt hatte.
Zur Entstehungszeit von „Atom Heart Mother“ strebten die Bandmitglieder noch immer nach ständigem musikalischem Experimentieren, das manchmal schon an die äußersten Grenzen psychedelischer Avantgarde und Obskurität ging. Gleichzeitig suchten sie weiter nach einem ganz bestimmten Sound, der sie für immer in den Herzen der breiteren Musikgemeinde verankern und mit dem sie endgültig mit der Vergangenheit und dem langen Schatten ihres gefallenen Kameraden, des „verrückten Diamanten“ Syd Barrett, brechen würden. „Atom Heart Mother“ war dabei ein weiterer wichtiger Schritt nach vorn. Hier rechneten sie größtenteils mit den frühen psychedelischen Space-Rock-Elementen ab, mit denen ihr Sound bis dahin meist verbunden wurde, und näherten sich spürbar raffinierteren Formen des Progressive Rock an, denn plötzlich tauchten in ihrer Musik auch zahlreiche orchestrale Elemente aus Klassik und Jazz auf (letzteres gilt vor allem für den Titeltrack). Viel anders als sein Vorgänger „Ummagumma“ (1969) hätte „Atom Heart Mother“ kaum sein können, denn der stand für den Höhepunkt ihres psychedelisch-avantgardistischen Experimentierens (ich meine dabei natürlich den Studioteil). Aber bei dieser Band war ja fast ausnahmslos jedes neue Album eine völlig andere Geschichte. „Atom Heart Mother“ ist auch dafür bekannt, dass sich auf ihm erstmals der junge Toningenieur Alan Parsons mit seinen Produzententalenten präsentierte, der sich später als kreativer Kopf seiner eigenen Band The Alan Parsons Project Weltruhm erarbeitete.
„Atom Heart Mother“ war, trotz des heute wenig schmeichelhaften Eindrucks, den Waters und Gilmour davon haben, ein weiterer wichtiger Reifeschritt in ihrer musikalischen Entwicklung. Das gilt vor allem fürs Erschaffen (für die Band untypischer) epischer symphonischer Arrangements, das hier durch die Zusammenarbeit mit einem Orchester unter der Leitung des Komponisten Ron Geesin seinen Höhepunkt erlebte. Dieser Reifeschritt zeigt sich an der brillanten, epischen Titelsuite, dem Schlüsselwerk dieses hervorragenden und bis heute ziemlich übersehenen Albums. Ganz in ihrer bisherigen Tradition steuerte erneut jeder der drei wichtigsten Komponisten (neben Waters waren das Leadsänger/Gitarrist David Gilmour und Keyboarder/gelegentlicher Sänger Richard Wright) eine eigene Komposition bei, typisch für seinen damaligen Kompositions- und Spielstil. Das einzige größere psychedelisch-avantgardistische Experiment steckt im Albumabschluss, wo wir ihrem damaligen Roadie beim Frühstück zuhören können (!). Dieses Experiment gehört zugleich zu den wenigen burlesken Momenten ihrer Geschichte und könnte mühelos auch um den Titel ihres schrägsten und lustigsten Werks mitrennen. Mit all diesen Stücken ist „Atom Heart Mother“ ohne Zweifel eines der stilistisch vielseitigsten Werke in ihrer Geschichte, das zweifellos mehr Anerkennung verdient, als es gewöhnlich bekommt.
Der Titeltrack „Atom Heart Mother“, eine sechsteilige Orchestersuite von epischen Ausmaßen, ist zugleich das zentrale und beste Stück des Albums. Trotz seiner stattlichen Länge schafft es dieses mächtige, bis dahin sicher ehrgeizigste Werk der Band, mit seiner unglaublichen Atmosphäre und der außergewöhnlich spannenden Natur der einzelnen Arrangements den Hörer vom Anfang bis zum Ende in Trance zu halten. Es ist nicht nur eines der komplexesten Werke ihrer Geschichte, sondern auch die längste Komposition, die sie je gemacht haben (ein paar Sekunden länger als das unglaubliche „Echoes“, übrigens ihr größter Triumph, wenn es um 20-Minuten-Epen geht). Das gilt natürlich nur, wenn ich die Gesamtlänge beider Teile von „Shine On You Crazy Diamond“ abziehe, einem weiteren ihrer größten Triumphe. Zugleich war das eines der wenigen Stücke in ihrer Geschichte, bei denen noch jemand mitwirkte, der kein Bandmitglied war, sondern ein externer Mitarbeiter. In diesem Fall war das der Komponist Ron Geesin, der sämtliche Streicher- und Bläserarrangements für das Orchester schrieb. Die Zusammenarbeit mit einem Orchester bei mehrteiligen Epen von majestätischem Format war zu dieser Zeit übrigens bei einigen Progressive-Rock-Bands ziemlich beliebt (wie zum Beispiel King Crimson mit „Lizard“ und Uriah Heep mit „Salisbury“ mehr oder weniger erfolgreich bewiesen).
Innerhalb dieser Suite ist oft ziemlich schwer auszumachen, wann ein einzelner Abschnitt beginnt. Meist trennen sie sich durch plötzliche Übergänge, Tempowechsel und den Einsatz ungewöhnlicher Effekte und Stimmungen. Der eine oder andere Hörer könnte sie aber zu einem sinnvollen, zusammenhängenden Ganzen bzw. Konzept verbinden, das über die Musik vom ganz gewöhnlichen Alltag der gewöhnlichsten Kuh erzählt, die auf dem englischen Land grast. Die Stimmung wechselt innerhalb der einzelnen Abschnitte von episch-pompös bis fast schon obskur-psychedelisch.
Der Eröffnungsabschnitt „Father’s Shout“ beginnt ziemlich unschuldig, mit einem leisen Keyboard-Intro, bis auf majestätische Weise, kombiniert mit Masons Drum-Fills, die mächtige Bläsersektion hereinbricht. Sie bildet zugleich das Hauptmotiv des Albums. Dazwischen sind im Hintergrund deutlich zahlreiche Spezialeffekte zu hören, etwa das Tuckern eines Traktors und das Wiehern eines Pferdes, die zusätzlich zur ländlich-angelsächsischen Stimmung beitragen. Die Stimmung wird deutlich melancholischer, sobald Wrights Orgelpassagen, eine lebendige Rhythmussektion und ein Cello-Solo einsetzen. Wenn dann auch noch Gilmours beschützendes Solo auf der Slide-Gitarre dazukommt, ist die melancholisch-ätherische Stimmung perfekt, und in Kombination mit den reichen Orchesterarrangements jagt sie einem Schauer nach dem anderen über den Rücken. Diese Stimmung ist klanglich schon sehr nah an dem, mit dem sie sich später Weltruhm erspielten.
„Breast Milky“ öffnet sich gleich nach dem Ende von Gilmours Slide-Gitarrensolo. Hier dominiert eine außergewöhnlich mystische, um nicht zu sagen fast schon druidische Stimmung, erzeugt durch majestätischen Chorgesang in Kombination mit Wrights Orgel, Waters‘ Bass und Masons Drums. Für kurze Zeit werden hier die Legenden aus längst vergangenen keltischen Zeiten wieder lebendig, als die Druiden ihre Rituale um die Steinkreise abhielten, bevor ein Bauer an dieser Stelle seinen Hof errichtete und die Weide für seine Lieblingskuh einzäunte.
Der nächste Abschnitt, „Mother Fore“, eingeleitet von Wrights dramatischen Keyboards, ist einer der atmosphärischen Höhepunkte der Suite und zugleich eine außergewöhnlich spannende Jam-Sektion, in der die Talente aller einzelnen Instrumentalisten aufblitzen. Gilmour bringt hier ein weiteres hervorragendes, diesmal etwas bluesigeres Solo ein. Gesellschaft leisten ihm Passagen auf Wrights Keyboards (Schwerpunkt: Minimoog) und die Linie von Waters‘ Bassgitarre. Irgendwann setzt der Chor ein, der diesmal ein seltsames, schwer verständliches, aber trotzdem sehr interessantes Lied anstimmt. Das steigert sich, bis wieder die mächtige Bläsersektion einsetzt und damit das Hauptmotiv der Suite wiederholt.
Darauf folgt „Funky Dung“, der psychedelisch-avantgardistischste und damit seltsamste Abschnitt der ganzen Suite. Hier jagt ein schräger Effekt den nächsten, vor allem hoch klingende Stimmen, die zeitweise ziemlich nervig klingen können, die außergewöhnliche Stimmung aber keineswegs aufhalten. Zwischen all diesen schrägen Effekten ist auch die Durchsage „there’s now an important announcement“ zu hören.
„Mind Your Throats, Please“ ist ein weiterer avantgardistisch-psychedelischer Abschnitt mit zahlreichen seltsamen Effekten, der mit dem Klingeln eines Telefons beginnt. Zahlreiche Instrumente schalten sich über Effekte nach und nach in die entstehende Melodie ein und bauen Atmosphäre auf, bis die Bläsersektion hereinplatzt und jemand entschlossen „silence in the studio“ verkündet.
Der Schlussabschnitt „Remergence“, in dem sich das Eröffnungsmotiv aus „Father’s Shout“ wiederholt, ist der finale Triumph. Hier kehrt noch einmal diese magische keltische Stimmung aus den Anfangsabschnitten zurück. Auf die mächtige Bläsersektion und das Cello-Solo folgt wieder ein „weinendes“ Solo auf der Slide-Gitarre. Das Ganze endet mit der Wiederholung des Hauptmotivs aus „Father’s Shout“. In diesem Moment steigen das komplette Orchester, die Band und der Chor ein und beenden auf majestätische Weise eines der besten Werke in der Geschichte von Pink Floyd. Auch wenn Waters und Gilmour dafür nur wenige nette Worte übrig haben, sagt ein Detail genug über die wahre Qualität aus: Der legendäre Filmregisseur Stanley Kubrick, am bekanntesten für den Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“, war davon so begeistert, dass er es im Kultfilm „Uhrwerk Orange“ verwenden wollte. Doch die Band lehnte sein Angebot ab (eine typische Aktion, vor allem für Waters).
Die nächsten drei Stücke auf dem Album waren deutlich kürzer und spürbar schlichter, großteils pastoraler und melodischer Natur. Darauf stellten alle drei wichtigen Musikmacher der Band ihre kompositorischen Talente auf schöne und eigene Weise vor. Das erste davon war „If“, eine ganz einfache und außergewöhnlich angenehme Folk-Ballade von Waters. Hier dominiert eine verträumt-pastorale Stimmung, die bestens zur Gesamtstimmung des Albums passt und zugleich die elektrisierende Wirkung, die das majestätische Titel-Epos auf den Hörer hat, etwas beruhigt. Waters zeigte sich hier erneut nicht nur als einer der innovativsten Bassisten seiner Zeit, sondern auch als guter, ganz eigener Sänger und solider Akustikgitarrist. Gesellschaft leisten ihm die anderen drei Mitglieder, die hier aber völlig in den Hintergrund geschoben sind, wenn ich das abschließende Gitarrensolo von Gilmour und Wrights Klavierpassagen zwischendurch ausnehme. Waters‘ (wie üblich) philosophischer Text dreht sich um die Selbstanalyse des Einzelnen und ist weit entfernt von seinen späteren, deutlich düstereren und gesellschaftskritischen Botschaften. Diese angenehme Folk-Ballade wurde über die Jahre zu einem der beliebtesten Momente in Waters‘ Solo-Auftritten.
Mit dem nächsten Stück, dem tollen „Summer ’68“, das zugleich eine Kritik an der damals schon abflauenden Hippiebewegung und am Lebensstil der großen Mehrheit der damaligen Musiker ist, überraschte Keyboarder Rick Wright in der Rolle des zentralen Komponisten und Sängers erneut positiv. Der blieb sonst meist in Waters‘ und Gilmours Schatten, obwohl er bei der Formung ihres unverwechselbaren Sounds nicht weniger wichtig war und einer der talentiertesten und vielseitigsten Keyboarder im Progressive Rock ist. Der Hauptreiz dieser hervorragenden Komposition liegt darin, wie spannend Verlauf und Wendung über die melodische Steigerung am Klavier zu Beginn werden. Wrights verträumter Gesang und das Klavier bauen eine angenehme Melodie auf, bis zum plötzlichen, mächtigen Übergang, bei dem auf einmal die anderen Instrumentalisten und die pompöse Bläsersektion des begleitenden Orchesters einsetzen (die sich auch im orchestralen Abschluss des Stücks wiederholt). Ihren Teil zur außergewöhnlichen Magie tragen zweifellos Gilmours Begleitvocals und seine Akustikgitarre bei. Wrights Text drückt zugleich den Wunsch nach Erholung von der anstrengenden Konzerttour aus und erzählt von einer der offenbar erlebnisreicheren Begegnungen mit sogenannten Groupies, auch wenn man kaum glauben mag, dass sich eine so tiefgründige Komposition auf eines der typischen Klischees aus dem Leben von Rockstars bezieht.
Fast noch großartiger war Gilmours wunderschöne Folk-Ballade „Fat Old Sun“. Sie gilt heute als Pink-Floyd-Klassiker und ist damit eine Art Pflichtprogramm bei Daves Solo-Auftritten. Die ganze Zeit umgibt sie eine außergewöhnlich romantische und pastorale Stimmung, die sowohl aus der akustischen Hauptmelodie als auch aus dem Text strahlt, einer Art Ode an die ländliche Idylle. Gilmour präsentierte sich hier erneut als Multiinstrumentalist, Gesellschaft leistete ihm nur Wright an den Keyboards. Bewundernswert ist hier vor allem, wie sein inbrünstiger Gesang und die scheinbar einfache Gitarrenmelodie eine unglaublich romantische Magie erzeugen. Nach dem letzten Refrain geht Dave in ein hervorragendes Blues-Solo auf der E-Gitarre über, von denen er in seiner Karriere eine ganze Reihe gespielt hat, jedes davon völlig eigen und auf seine Weise wunderschön. „Fat Old Sun“ ist ein schöner Beweis dafür, warum Gilmour für mich immer der zentrale und großartigste Sänger von Pink Floyd war, denn seine samtige Stimme hatte stets eine besondere, inbrünstige und ganz eigene Wärme, die Waters und Wright trotz ihrer bewiesenen Gesangstalente nie hinbekommen haben.
Das unterhaltsame instrumentale Schlussstück „Alan’s Psychadelic Breakfast“ war dagegen eine ganz eigene Überraschung, mit der ein Hörer, der das Album zum ersten Mal hörte, garantiert nie gerechnet hätte. Mit seiner psychedelisch-avantgardistischen Art war es etwas völlig anderes als der Rest des Albums, um nicht zu sagen, es war fast schon eine Provokation, die aber trotzdem bis heute interessant und unterhaltsam ist, aller grotesken Banalität zum Trotz. Gerade solche völlig unkonventionellen, freien Avantgarde-Ideen, die meist nichts mit planvoll strukturierten musikalischen Formen zu tun hatten, waren immer einer der Hauptreize dieser legendären Band. „Alan’s Psychadelic Breakfast“ ist im Kern ein dreiteiliges Instrumental und mit Abstand der psychedelisch-avantgardistischste Moment des Albums. Die Hauptrolle spielt darin der nichts Böses ahnende Roadie Alan Stiles, den die Band bei seinem Frühstück aufgenommen hat. Während die Band im Hintergrund größtenteils symphonisch ausgerichtete Instrumentalabschnitte spielt, bereitet sich der hörbar ausgehungerte Alan sein Frühstück zu und erzählt von seinen Essgewohnheiten. Auch wenn das Lachen selbst bei den avantgardistischen Experimenten am meisten zugeneigten Hörern nach ein paar Durchläufen verstummt, bleibt dieses skurrile und schelmische Stück weiterhin ein völlig einzigartiges und interessantes Experiment des späten Psychedelic Rock.
Der Eröffnungsabschnitt „Rise And Shine“ beginnt mit dem Tropfen eines Wasserhahns über dem Waschbecken. Plötzlich hört man Alan, wie er sich selbst die Gerichte aufzählt, die er sich zum Frühstück servieren wird (Marmelade mag er besonders gern), bevor er mit Streichhölzern den Brenner am Herd anzündet. Plötzlich setzt ein Instrumentalteil ein, in dem man Steel-Gitarre, Cimbalom, Orgel und Klavier hört, die eine schelmische Melodie formen. Die könnte auch in irgendeiner Kinderwerbung für Frutek oder Ciciban-Schühchen laufen.
Plötzlich folgt der Abschnitt „Sunny Side Up“, in dem Alan über ein makrobiotisches Frühstück in Los Angeles sinniert, sich Kaffee anrührt, Cornflakes aus der Packung in die Milch schüttet und sich dann am Herd Spiegeleier brät. Es folgt ein außergewöhnlich grotesker, aber zweifellos unterhaltsamer Abschnitt, den Gilmour komplett auf Steel-Gitarre und Akustikgitarre eingespielt hat. Dazwischen hört man die ganze Zeit Alans leidenschaftliches Schmatzen und Hinunterschlingen des Essens, das nach der hörbaren Menge an Appetit an die Fressorgien irgendwelcher dekadenten römischen Senatoren erinnert. Am Ende serviert er sich die Spiegeleier und fängt an, vor sich hin zufrieden seine Eindrücke vom Mahl zu brummeln.
Im Schlussabschnitt „Morning Glory“, in dem man es brutzeln hört, setzt der beste Instrumentalteil des gesamten Instrumentals ein, wenn eine hervorragende Melodie auf Klavier, Hammondorgel, E-Gitarre und Rhythmussektion entsteht. Ganz am Ende hört man Alan, wie er das Geschirr ins Waschbecken wirft, die Schlüssel vom Tisch nimmt, zur Tür hinausgeht und mit dem Auto wegfährt. Das Ganze endet, wie es begonnen hat: mit dem Tropfen des Wasserhahns über dem Waschbecken. Bis heute gibt es manche Zeitgenossen, die dem Album wegen dieses hochexperimentellen Schlussstücks den Status eines Meisterwerks absprechen und sich dabei mit aller Gewalt abmühen, eine Logik zu finden, wo nie eine war.
„Atom Heart Mother“ bleibt bis heute ein ziemlich übersehenes Album, sowohl von Seiten der Bandmitglieder als auch der meisten ihrer Fans, obwohl es sich den Status eines Pink-Floyd-Meisterwerks völlig zu Recht verdient hätte. Auch wenn sowohl Waters als auch Gilmour dem Album über die Jahre mit diversen abfälligen Aussagen wie „das ist eines dieser Alben für die staubige Ecke, die man sich danach nie wieder anhört“ ziemlich schlechte Werbung gemacht haben, war „Atom Heart Mother“ ein spürbarer Reifeschritt und ein wichtiger Moment ihrer Karriere, in dem sie auch einige bislang unentdeckte Songwriter-Seiten zeigten. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester war der Moment, in dem sich Pink Floyd den symphonischen Formen des Progressive Rock am meisten annäherten und einen wichtigen Bruch mit den frühen, oft extrem obskuren psychedelischen Experimenten vollzogen. Was man diesem Album auch vorwerfen mag, nie kann man ihm vorwerfen, dass es nicht das richtige Maß an längeren, instrumental-komplexen Stücken und melodischen, zugänglicheren Stücken hätte, genauso wenig wie, dass sich auf ihm einige der interessantesten und untereinander abwechslungsreichsten Werke ihrer Geschichte finden. Pink Floyd blieben nach „Atom Heart Mother“ zwar weiterhin „nur“ eine Kultband (obwohl es ihr erstes Album war, das an die Spitze der britischen Charts kletterte), die sich ihren breiteren Ruf vor allem mit frühen Singles und spektakulären Bühnenauftritten erarbeitet hatte, aber bis zur Erfindung ihres ganz eigenen Sounds und damit zum Welterfolg war es von da an nicht mehr weit.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Tracklist:
1. Atom Heart Mother (23:51)
a) Father’s shout
b) Breast milky
c) Mother fore
d) Funky dung
e) Mind your throats please
f) Remergence
2. If (4:24)
3. Summer ’68 (5:26)
4. Fat old sun (5:17)
5. Alan’s psychedelic breakfast (12:56)
a) Rise and shine
b) Sunny side up
c) Morning glory
Besetzung:
David Gilmour – Gesang, Gitarre, Bassgitarre (4), Schlagzeug (4)
Roger Waters – Gesang, Bassgitarre, Akustikgitarre (2), Effekte
Richard Wright – Gesang, Keyboards, Orchestrierung
Nick Mason – Schlagzeug, Percussion
Gastmusiker:
Ron Geesin – Orchestrierung
Abbey Road Session Pops Orchestra – Bläser- und Orchesterpassagen
Philip Jones Brass Ensemble – Bläserpassagen
John Aldiss Choir – Chorgesang
Alan Stiles – Stimme (5)
