Orgasmatron
Künstler: Motörhead
Label: Sanctuary Records
Veröffentlichung: 1986
Laut Lemmy wird 1986 als das Jahr der großen Ereignisse in die Annalen der Welt eingehen. Vor allem drei wichtige Ereignisse sind da zu nennen: der amerikanische Angriff auf Libyen, Maradonas berühmte „Hand Gottes“, die Argentinien ins Finale der Fußball-WM in Mexiko brachte, und – am allerwichtigsten – die Veröffentlichung von Orgasmatron, dem ersten Motorhead-Album nach geschlagenen drei Jahren qualvollen Wartens. Das Witzigste daran: Der Herr hat sich nicht mal geirrt. Maradona wurde mit Argentinien Weltmeister, und Motorhead sind mit Orgasmatron wieder auf die Pfade alter Größe zurückgekehrt. Den Kürzeren gezogen haben offenbar mal wieder die Amis, die von Gaddafi erneut eine Backpfeife kassiert haben.
Aber lassen wir den Quatsch. 1986 ist Lemmys Gesindel zurück. Lauter und gefährlicher denn je. Orgasmatron, das erste echte Motorhead-Album seit dem „Robbo“-Abenteuer, stellt zwei neue Gesichter vor, die – schon traditionell – nicht gerade göttlich aussehen. Phillip Campbell und Wurzel bilden ein schlagkräftiges Gitarrenduo, das den Motorhead-Sound mit noch einer extra Portion Chaos veredelt, mit totaler Gesetzlosigkeit, wie man sie zuletzt irgendwann vor dem Jahr 476 beobachtet hat, während Lemmys neandertalerhaftes Bassbrummen aus der Eiszeit zu stammen scheint. Dem Ganzen versucht der ehemalige Saxon-Drummer Peter Gill zumindest ein halbwegs organisiertes Gesicht zu geben, dessen schnoddriges Getrommel stark an Philty erinnert. Unterm Strich darf man von Motorhead ohnehin nichts anderes erwarten. Lemmys Bande veranstaltet von der Opener-Nummer Deaf Forever an einen unerträglichen Radau, der sehr wahrscheinlich besser wirken würde als so manches Schädlingsbekämpfungsmittel.
Orgasmatron ist in vielerlei Hinsicht ein Schritt nach vorn, naja, zumindest was Motorhead angeht. Offenbar hat Lemmy aus der Lektion Another Perfect Day so einiges Lehrreiche mitgenommen. Eine davon ist die Erkenntnis, dass der Kerl auch allein klarkommt. Deshalb zeigt uns Orgasmatron ihn in deutlich selbstbewussterer Gestalt, neben der die Bilder alter Tage nur noch eine blasse Erinnerung sind. Apropos Selbstbewusstsein: Da muss man das brutale Napalm erwähnen, das Nothing Up My Sleeve direkt auf deine Ohren abfeuert, den Genozid an den Milben in deinem Bett unter der Regie von Ain’t My Crime und schließlich die Kastration deiner gesamten Nachbarschaft, für die Doctor Rock das Rezept verschrieben hat. Neben all diesen Leckerbissen bleibt der heute legendäre Titelsong das „höflichste“ Dokument von Lemmy. Falls der Begriff Höflichkeit in seinem Wortschatz überhaupt existiert. Nach dem Text von Orgasmatron zu urteilen, wohl eher nicht! Dieses unglaublich widerliche Brummgebilde gilt als eine von Kilmisters besseren Leistungen, während Lemmy als wahrer Poet mit vollem Einsatz von Zynismus und schwarzem Humor kompromisslos mit dem ganzen Gesindel dieser Welt abrechnet. Dabei steht ihm mit ähnlich kompromisslosem Auftreten Built For Speed zur Seite, noch so ein legendäres „Motor“-Stück, das mit seinem ausgeprägten Outlaw-Charakter wie geschaffen ist für allerlei Biker-Abenteuer. Ein schaurig-schönes Ding mit unglaublicher Zerstörungskraft, das alles zu Staub zermahlt, was ihm in die Quere kommt, während man bei der typischen Ungehobeltheit von Lemmys Lyrics wirklich kaum glauben kann, dass der Kerl schon vierzig ist.
Die Fantasie von Rock & Roll mit dem herzigen Namen Orgasmatron ist einer von Lemmys vielen Lobotomie-Versuchen. Wenn du es bis zum Ende durchhältst, heißt das, dass sie vollständig gelungen ist, was wiederum bedeutet, dass wohl auch ich in Zukunft Probleme haben werde, meine Gehirnzellen zu aktivieren. Zum Glück braucht man die für Motorhead sowieso nicht.
Besetzung
Lemmy Kilmister: Gesang/Bass
Phillip Campbell: Gitarre
Wurzel: Gitarre
Peter Gill: Schlagzeug
Produktion
Bill Laswell
Tracklist
1.Deaf Forever
2.Nothing Up My Sleeve
3.Ain’t My Crime
4.Claw
5.Mean Machine
6.Built For Speed
7.Ridin‘ With the Driver
8.Doctor Rock
9.Orgasmatron
Spieldauer: 48.25