New Jersey
Interpret: Bon Jovi
Label: Vertigo Records
Veröffentlichung: 1988
Nach dem grandiosen Durchbruch in die Elite der sogenannten Cock-Rock-Szene der zweiten Hälfte der Achtziger, den Bon Jovi mit dem Phänomen Slippery When Wet hingelegt haben, stand schnell die Frage im Raum, womit die Jungs das ohnehin schon unerbittliche Plündern der Welt- und Musikcharts noch veredeln könnten. Als Antwort auf die bösen Andeutungen, der große Erfolg sei reiner Zufall gewesen, legen Bon Jovi New Jersey vor, die sensationelle Fortsetzung des Hair-Metal-Märchens, neben der das inzwischen schon ziemlich schleimige Geschöpf Slippery When Wet tatsächlich wie ein hilfloses Kind wirkt. New Jersey ist in jeder Hinsicht eine bewundernswerte Leistung, die sich aber schon bald in die letzte Bon-Jovi-Vorstellung auf der Weltbühne der Musik verwandeln könnte.
New Jersey bleibt nach dem Vorbild des Vorgängers fest in den Leitplanken des hörerfreundlichen Hard Rock verankert, angereichert mit einem überwiegend pop-orientierten lyrischen Beigeschmack, diesmal aber mit einer Spur konkreterer Abkehr vom schmierig-süßen Besingen glücklicher Liebesgeschichtchen, auch wenn es von denen natürlich auch diesmal nicht zu wenig gibt. In einer Zeit, in der die Power-Ballade mehr oder weniger zur Pflicht jeder erfolgreichen Band geworden ist, durften sich Jon und Kompanie im Drang, die Legionen Bon-Jovi-Lollipop-hungriger Teenagerinnen sofort zufriedenzustellen, auf diesem Feld keine Experimente mit auffälligeren klanglichen Verwandlungen erlauben. Was letztlich natürlich auch die Erfolgsformel ist, und im Fall von New Jersey stellt sie einen eigenwilligen Höhepunkt der traditionellen Power-Balladen-Form dar, musikalisch wie textlich! Da wären das großartige I’ll Be There For You, Stick To Your Guns und vor allem das phänomenale Living In Sin, drei erstklassige „Telenovela“-Monster, mit denen das Duo Jon – Sambora zu einem der giftigsten seiner Zeit wird. Und obwohl Jons Gesangsakrobatik durchgehend auf erwartbar hohem Niveau bleibt, ist Samboras stimmlicher Beitrag nicht minder beeindruckend. Der scheut sich auch in den anspruchsvollsten Lagen nicht, selbstbewusst seine Unabhängigkeit zur Schau zu stellen, womit Bon Jovi noch einen weiteren Joker aus dem Ärmel ziehen, und das aus einer ohnehin schon bunten Joker-Familie.
Vom sehnlich erwarteten Geknüppel schneller Rhythmen wischen uns zum Auftakt Lay Your Hands On Me und Bad Medicine eins ins Gesicht, zwei potenzielle Mega-Hits, die dank pompöser Refrains und höchst berechnender Arrangements schier vor Begeisterung platzen. Begleitet von Born To Be My Baby, klassischer Bon-Jovi-Poesie, deren Haltbarkeitsdatum allerdings schon vor etwa zwei Jahren abgelaufen ist, wächst New Jersey unaufhaltsam zu einem Monster heran, das sich nicht mehr stoppen lässt. Homebound Train ist eine blankgefeilte Blues-Rock-Lokomotive, die mit ihrem kompromisslosen Rasen durch die von der sengenden Sonne ausgedörrte Wildnis des amerikanischen Westens eure Reaktionsfähigkeit auf die intensive Wirkung der Zentrifugalkraft bis zum Anschlag testet. Eigentlich dürfte man im gesamten Bon-Jovi-Opus kaum einen Song finden, der es mit der Energie aufnehmen könnte, die dieser Track so stolz ausstrahlt, schon gar nicht mit dem außergewöhnlichen Ansturm der unverwüstlichen Sambora und Bryan, deren Soli euch im Handumdrehen um die Genitalgegend herum peitschen werden. Homebound Train ist definitiv was für alle Bon-Jovi-Muffel unter euch, die ihr jemals am Charakter dieser überaus interessanten Truppe gezweifelt habt. Der einzige sogenannte „Filler“ des Albums ist das poppige 99 In the Shade, das aber wegen seiner positiven Ladung und Romantik trotzdem Sympathien einheimst. Das Beste bereiten uns die Herren aber zum Schluss. Love For Sale ist eine fantastische, fast schon parodistische Attacke auf die engstirnige Redneck-Mentalität, mit Richie in der Rolle des Haupthetzers, wo ihr euch voll und ganz einer unbeschwerten akustischen Diskussion zwischen perfekter Gitarre und Mundharmonika hingeben könnt. Glatte Eins!
Bon Jovi ist es mit New Jersey also gelungen, den riesigen Erfolg von vor zwei Jahren zu versilbern. Die Tour, die darauf folgte, war eine Rock-Odyssee ohnegleichen! 237 (!) Shows führten die Jungs aus New Jersey praktisch in jeden noch so abgelegenen Winkel der Welt, von Japan bis in die USA und von Mexiko bis in die damals vom westlichen Einfluss schon stark angenagte Sowjetunion. Der Erfolg hatte aber natürlich seinen Preis. Die einst feste Bindung zwischen Sambora und Jon, die während der Tour langsam, aber sicher bröckelte, löste sich genau im Moment von Bon Jovis größtem Triumph völlig auf. Überdruss, Hass und andere potenziell explosive Situationen spalteten die Band schnell in ihre Einzelteile. Richie und Jon beschlossen, den Weg der Erlösung aus dem kopflosen Umherirren im Labyrinth des Ruhms in Soloprojekten zu suchen, womit sie die Zukunft der Band in Frage stellten. Allen Turbulenzen zum Trotz bleibt New Jersey ein Dokument des atemberaubenden Charakters und der kreativen Kraft einer Band, von der der durchschnittliche Bon-Jovi-Fan heutzutage nur träumen kann!
Besetzung
Jon Bon Jovi: Gesang
Richie Sambora: Gitarre, Backing Vocals
Alec John Such: Bass
David Bryan: Keyboards
Tico Torres: Schlagzeug
Produktion
Bruce Fairbairn
Tracklist
1.Lay Your Hands On Me
2.Bad Medicine
3.Born To Be My Baby
4.Living In Sin
5.Blood On Blood
6.Homebound Train
7.Wild Is The Wind
8.Ride Comboy Ride
9.Stick To Your Guns
10.I’ll Be There For You
11.99 In The Shade
12.Love For Sale
Spielzeit: 57.38