Never Too Late
Künstler: Jamison, Jimi
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 46:17
Wertung: 4/5
Bei Jimi Jamison war es schon immer so, dass ihm überwiegend andere die Musik schrieben. Es reicht ihm nämlich die in die Wiege gelegte vokale Brillanz, in der er seit jeher regiert und die über die Jahre reift wie ein guter alter Wein – auf den Schultern herzlicher Treue zum Erbe des West-Coast-AOR-Prinzips.
Noch auf dem vorherigen Album wirkte das Duo mit Jim Peterik, dem ehemaligen Survivor-Weggefährten, fast unzertrennlich. Das Ergebnis war das fantastische Werk »Crossroads Moment« – RockLine-Rezension HIER, eines der besten auf dem Feld des melodischen Rocks im Jahr 2008. Jimi veröffentlichte vorletztes Jahr gemeinsam mit Toto-Legende Bobby Kimball das Album „Kimball/Jamison“ (2011) – RockLine-Rezension HIER, und mit seiner Begleitband tritt er sporadisch auf Bühnen der Welt auf. Er kennt also keine Pause. Nun hatte Peterik zur Zeit der Entstehung des neuen Jamison-Albums nicht viel Zeit, da er mit dem neuen Pride Of Lions-Album »Immortal« (2012) beschäftigt war – RockLine-Rezension HIER.
Jede noch so kleine Veränderung im eng definierten Ausdrucksspektrum des AOR-Genres ist stets willkommen, was Jamison in dieser Hinsicht auch genutzt hat. Für das neue Album »Never To Late« hat er ein bewährtes Team europäischer Musiker um sich geschart. Die Sache wollte er dabei nicht dem Zufall überlassen, daher setzte er auf schwedische Musiker, die für ihre außergewöhnliche Präzision, perfekte instrumentale Raffinesse und ihr angeborenes Gespür für melodische Vollendung bekannt sind. All das wäre ohne die skandinavische Herzensverbundenheit mit AOR-Musik undenkbar. Erik Mårtensson (Eclipse, W.E.T.), der bereits am Album des Gespanns Jamison – Kimball mitgewirkt hatte, steuerte so auch für das Jamison-Album den Großteil der Arrangements bei. Der Großteil des Albums »Never To Late« entstand in den Jahren 2011 und 2012.
Peterik fehlt, daher zieht „Never Too Late“ nicht zum Sound und Stil von Survivor hin – und dennoch wird das die Fans von Jamisons Werk noch lange nicht von seinem neuen Werk abbringen, ebensowenig die Survivor-Fans. In erster Linie orientiert sich „Never Too Late“ an Journey. Die schwedische AOR-Schule hat von der Pionierarbeit der AOR-Giganten aus San Francisco gelernt. Dieses Gefühl festigt über das gesamte Album hinweg auch Jamisons Gesang – die pure Stimmfarbe, die noch immer auf allen Zylindern feuert, sowohl in den höchsten Vokalregistern als auch in den mittleren Lagen, wo eine warme Samtigkeit spürbar ist, die mit zunehmender Reife nur dichter und voller wird in ihrer Ausdrucksfärbung und ihrem Sentiment. An Sinnlichkeit fehlt es auf diesem Album wahrhaftig nicht. I Can’t Turn Back – ein Mid-Tempo-Track – ist der Höhepunkt dieses Werks im ersten Albumteil und begeistert dabei besonders durch die außergewöhnliche Chorus-Melodie, die sofort ins Ohr geht und eine gehörige Dosis reinrassige AOR-Bombastik mitbringt.
Mag Jamison und sein Musikerteam unter Mårtenssons Führung auch nichts bisher Ungehörtes erfinden – dieses Album sprüht vor hypnotischer AOR-Überzeugungskraft. In jedem gemeißelten Ton, jedem Leitmotiv, jeder Vokallinie das Spezifische an Jamisons Stimmfarbe. Schlicht und einfach. Abgebrühte Füchse mit all der »abgespulten« Erfahrung, die sie sich über die Jahre angeeignet haben, geraten nicht in Fahrwasser, das ihnen den Boden unter den Füßen wegspülen würde – in einem musikalischen Umfeld, in dem sie sich wie zuhause fühlen und mit dem sie stets überzeugend umgegangen sind.
Jamisons neues Soloalbum besitzt auch mehr Lebendigkeit und klangliche Wärme in der Produktion, was natürlich bedingt durch seine »Europäisierung« beeinflusst wird. Die gespielten Instrumente klingen jedoch weicher als auf dem Album des Duos Jamison Kimball. Da Mårtenssons W.E.T. Journey extrem nahestehen und Eclipse in der Produktion gerne mit metallischer Wucht kokettieren, lässt sich sagen, dass »Never To Late« Jamisons härtestes Werk der Karriere ist. Das härteste? Hallo? Das Adjektiv »hart« ist für Jamisons Verhältnisse fast schon ein zu grober Begriff. Das härteste seit seiner Zusammenarbeit mit der Band Cobra. Aber das ist lange, lange her – oder, Jimi? Die Gitarren-Power in der Produktion ist besonders in den schnelleren Stücken betont, wie bei Street Survivor.
Ein Album voller dynamischer Entwicklung, mit allgemein vollblütig erfasstem Spektrum bewährter AOR-Schablonenkosmetik – von schnellen und mittelschnellen bis hin zu balladesken Momenten (The Air I Breathe). Fehlerlos. Mit Perfektion und einem gehörigen Maß an Routine. Ein sehr, sehr schönes Werk. Nichts Neues – und doch stilistisch und klanglich ein kleines bisschen anders geschnitten als der Vorgänger „Crossroads Moment“ (2008), aber bewährt überzeugend. Wie es sich von Jamison gehört und nicht zuletzt, wie es von seinem vokalen Kaliber und Auftreten auch erwartet wird.
Besetzung
Jimi Jamison – Gesang
Erik Mårtensson – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Magnus Ulfstedt – Schlagzeug
Jonas Öijvall – Hammond B3-Orgel, Klavier, Synthesizer
Magnus Henriksson – Sologitarre auf den Songs „Street Survivor“ & „Heaven Call Your Name“
Produktion
Erik Mårtensson
Trackliste
1. Everybody’s Got A Broken Heart
2. The Great Unknown
3. Never Too Late
4. I Can’t Turn Back
5. Street Survivor
6. The Air I Breathe
7. Not Tonight
8. Calling The Game
9. Bullet In The Gun
10. Heaven Call Your Name
11. Walk On (Wildest Dreams)