Nebo od skaja
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Šinobusi
Label: Dallas Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 50:35
Bewertung: 5/5
Šinobusi – der Name stammt von einem Dieseltriebwagen (ohne separate Lokomotive), der einst in jugoslawischen Zeiten im serbischen Werk Goša gebaut wurde und den man in Slowenien heute nur noch in Metlika zu sehen bekommt, wenn er aus dem kroatischen Karlovac ankommt – sind eine altgediente Rockband aus Novi Sad. Kurz vor dem Jahresende, genauer gesagt rund um Weihnachten, veröffentlichten Šinobusi ihr viertes Studioalbum mit dem Titel »Nebo od skaja« (übersetzt: »Himmel aus dem Himmel«). Wenn wir noch etwas tiefer in den Titel eintauchen: Serben schreiben und lesen das englische Wort für Himmel »sky« »nach Vuk Karadžić« als »skaj«, weshalb es auch eine alternative Deutung des Albumtitels gibt, die du selbst weiter erforschen kannst. Es klingt ziemlich psychedelisch – so wie stellenweise auch das Album selbst.
Die Band ist auf der Szene alles andere als unbekannt. Sie ist seit dreizehn Jahren aktiv und hat über 300 Auftritte hinter sich – für eine Band, die sich ständig in der Situation befindet, immer neue Überlebensstrategien auf der Szene entwickeln zu müssen, ist das eine Tatsache, um die man sie schlicht beneiden kann. Es sind gestandene Typen, die sich aus einem bescheidenen Akustiktrio, das sich der Interpretation von Blues-Standards verschrieben hatte, auf natürlichem Wege zu einem erstklassigen Blues-Rock-Quintett mit außerordentlicher kompositorischer Ausdruckskraft entwickelt haben.
Das Album »Nebo od skaja« enthält vierzehn Eigenkompositionen. Es ist das erste Album der Band, auf dem kein einziges Cover zu finden ist – und im Charakter im Vergleich zu seinen Vorgängern dunkler ausgerichtet. Šinobusi bauen in ihren Retro-Sound viele musikalische Elemente ein. Der Blues bleibt der grundlegende Ausgangspunkt, doch spannend ist die Erkenntnis, dass die Entwicklung der Band dazu geführt hat, dass sich die Blues-Charakteristika immer nahtloser mit anderen musikalischen Genres vermischen – sodass das Blues-Format in den Kompositionen meisterhaft verborgen bleiben kann und sich dem Hörer erst im »zweiten Plan« wirklich erschließt. Nebo od skaja ist eine Bestätigung der außerordentlichen Reifung des kreativ-arrangierenden Profils der Band und bestätigt einmal mehr, wie starke Texter die Jungs in der Truppe sind: Ihre Dichtung erreicht in Kombination mit klar definierten Arrangements, durch ein feines Spiel mit Metaphern, eine außergewöhnliche inhaltliche Tiefe. Einen der erschütterndsten und wahrhaftigsten Texte auf dem Album – in klug gewählte Metaphern gekleidet – trägt das Stück Ćorav sokak.
Auf dem Album »Nebo od skaja« liegt alles an seinem Platz. Der Retro-Sound ist erneut meisterhaft von einer außergewöhnlichen Produktion veredelt, die die gesamte Dynamik lebendiger, organischer Klangwärme bewahrt hat – und ich wage zu behaupten, dass die Band das Album im Studio nach dem Prinzip eines Live-Konzerts eingespielt hat, angesichts der atmosphärischen Sogwirkung, die durch schonungslose Authentizität entsteht, als Garant für einen echten Austausch von Emotionen und Leidenschaft. Das vielschichtig aufgebaute Klangbild ist so aufrichtig, dass es gut möglich ist, dass das Album sogar in analoger Technik aufgenommen wurde. Der Stil von Šinobusi verlangt eben nach einem solchen Ansatz. Wenn du die Authentizität und den unvergesslichen Charme der Pioniere der Rockkultur an der Wende von den Sechzigern zu den Siebzigern erreichen willst, nimmst du alles im ersten Anlauf auf – und möglichst in analoger Technik. Dafür braucht man aber eine Menge Mut.
Der Gesang von Milan Korać ist das erste Element der Musik von Šinobusi, das den Hörer tief berührt. Seine Stimme trägt Klangeigenschaften in sich, die dem Charakter der Songs auch einen Hauch Psychedelik verleihen können – ein musikalischer Trend Ende der Sechziger, als zum Beispiel The Moody Blues und Procol Harum auf der Bildfläche erschienen. Die melodische Fülle des Albums »Nebo od skaja« ist auf Basis der Blues-Grundlagen, auf denen es aufbaut, so gut ausgeschöpft, dass weitere Anspielungen auf die Klang- und Stilwelt old-school-mäßiger Hard-Rock-Bands vom Schlage Uriah Heep möglich werden – vor allem dank der wuchtigen Hammond-Orgel-Vorhänge im Hintergrund (Eröffnungsstück Vazduh, später Skačem visoko) – aber auch auf Wishbone Ash, dank des »samtig« streichelnden Vokals von Milan Korać, der besonders bei starker akustischer Begleitung stellenweise in die Farbnuancen von Martin Turners Gesang zieht (Kuća ljubavi, Ponekad). Das sind die Momente, an denen das Riff markanter ausfallen kann als im Opener Vazduh oder Ko zna – darüber hinaus belebt die Band den Albuminhalt mit der Integration zweier geschliffener Instrumentalstücke: Noonism und dem abschließenden Odlazak. Diese beiden bestätigen einmal mehr die außergewöhnliche »Jam-Session«-Reichweite und das erstklassige Zusammenspiel dank des effektiven Chemiegespürs zwischen den Bandmitgliedern. In den Song Potera schleicht sich auch ein Hauch Surf-Rock-Sentiment ein. Dann stoßen wir auf Albummomente, die in einer anderen Zeit, vor 40 Jahren, unweigerlich in der Rotation der Radiosender gelaufen wären – allen voran Naš dan mit perfekten Arrangements hinzugefügter weiblicher Vokalharmonien, die den Raum zwischen den Versen des Hauptgesangs ausmalen. Vor allem aber – gerade wegen der Texte und der gelegentlichen Lösungen bei der Suche nach führenden Melodieformen – lässt sich die Chemie von Šinobusi mit dem Retro-Sound der YU-Rock-Bands der Siebziger vergleichen, wie etwa den guten alten Korni Grupa, YU Grupa, Atomsko sklonište und/oder Smak. Die Nachbildung dieser retro-nostalgischen Stimmung wird durch einen starken organischen Anteil akustischer Arrangements vertieft, mit denen Šinobusi ihren Ausdrucksklang verdichten. Und das ist noch nicht alles: Die Hauptmotive werden auch durch den Einsatz der Mundharmonika ausgefüllt.
»Nebo od skaja« ist ein Album mit 14 klar definierten Tracks von Anfang bis Ende. Šinobusi pflegen eine besondere musikalische Eigenart eines unverwechselbaren Abenteuers, das tief in retro-nostalgische Gefilde ausgerichtet ist – dabei von außergewöhnlicher kompositorischer Reife, und was dabei das Wesentlichste ist: ein einzigartiger, urwüchsiger Ausdruck ihres eigenen Musikhandwerks. Wenn du ein Fan von Progressive Rock bist, der in den Siebzigern auf dem Boden der ehemaligen gemeinsamen Republik gedieh, und ein Fan britischer Hard-Rock-Pioniere wie Wishbone Ash, Uriah Heep oder Procol Harum – dann wirst du von dem, was das Album »Nebo od skaja« bietet, nicht nur begeistert, sondern schlicht mit einem Wort: hingerissen sein. Das Album ist eine auf Haaresbreite herangerückte Nachschöpfung des authentischen Pulses des entdeckungsfreudigen Rock-Pionierertums der Siebziger, die sich in den Händen von Šinobusi aber völlig eigenständig manifestiert. Ein wunderschönes Album, verloren in Zeit und Raum, das bestätigt, dass Šinobusi als Band dem Zenit ihres künstlerischen musikalischen Schaffens sehr nahe gekommen sind – und von dieser Band kann man, sofern sie diese kreative Energie aufrechterhalten kann, zu Recht noch viele großartige eigene Werke in der Zukunft erwarten.
Die slowenische Antwort in dieser Zeit könnte man in der Band El Kachon finden. Beide Bands sind tief im elementaren Erbe der Bluesmusik verwurzelt, dabei aber jede auf ihren eigenen musikalischen Expressionszweig ausgerichtet – daher könnte diese ausgesprochen kompatible Kombination beider Bands durchaus eine gemeinsame Balkantour auf die Beine stellen.
Besetzung
Milan Korać – Gesang, Gitarre
Nenad Patković – Gitarre, Keyboards, Begleitgesang
Stefan Stefanović – Mundharmonika
Predrag Dmitrović – Bassgitarre
Đorđe Bubnjević – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Jelena Bračika – Begleitgesang auf Track Nr. 4
Maja Matić – Begleitgesang auf den Tracks Nr. 4 und 11
Dragana Keller – Begleitgesang auf den Tracks Nr. 4 und 6
Produktion
Darko Varga
Trackliste
1. Vazduh
2. Kuća ljubavi
3. Bio sam tu
4. Naš dan
5. Skačem visoko
6. Greed
7. Iz drugog ugla
8. Potera
9. Ćorav sokak
10. Noonism
11. Ko zna
12. Ponekad
13. Lion’s Garden
14. Odlazak