Mit Moonspell auf dem Weg in noch ein weiteres Verschwinden (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Zagreb / Vintage Industrial Bar / Kroatien
Konzertdatum: 04.10.2016
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 150,00HRK (Vorverkauf) / 170,00HRK (Abendkasse)

Moonspell, man kann sie getrost als legendäre Düster-Metaller aus dem portugiesischen Lissabon bezeichnen, befinden sich bereits im zweiten Teil ihrer neuen Europatournee zur Promotion des aktuellen Albums »Extinct« (2015). Noch immer hallt ihr Besuch im österreichischen Graz Ende letzten Oktobers in den Ohren, doch die engagierten portugiesischen Jungs starteten die Konzertpromotion des neuen Albums schon viel früher. So haben wir uns bereits im Juli letzten Jahres ordentlich die Nackenwirbel gelockert, als sie die Position des Hauptacts der zweiten Bühne beim letztjährigen Tolminer Metaldays-Festival übernahmen. Auch in diesem Jahr halten Moonspell ihre hohe Konzertaktivität aufrecht. Und damit natürlich auch ihre hohe Attraktivität.  Das RockLine-Team hat sie nämlich auch heuer auf einem der berüchtigtsten europäischen Festivals erwischt, beim tschechischen Brutal Assault.

Nun, der zweite Teil der Europatournee beinhaltet auch eine Mini-Balkan-Subtournee, auf der sich Moonspell vom slowenischen Westen, wo sie in Nova Gorica aufgetreten sind, nach Süden ins kroatische Zagreb und weiter ins Herz des Balkans nach Belgrad bewegen. Angesichts der schon seit einigen Jahren anhaltenden Apathie beim Besuch von Metal-Konzerten seitens des Zielpublikums in Slowenien (20–30 Jahre) ist es für die Handvoll etwas älterer slowenischer Bürger, denen es noch Spaß macht, hunderte Kilometer quer durch Europa zu pilgern, eigentlich egal, wohin man in so einem Fall zum Konzert fährt. Nach Zagreb oder ins Mostovna in Solkan. Die Entfernung z. B. von Ljubljana ist zu beiden Locations nahezu gleich. Nun, die Vintage Industrial Bar in Zagreb bietet etwas vorbildlicher gepflegte Sanitäranlagen, die sogar warmes Wasser und Seife haben, außerdem eine ansehnlichere Bierauswahl, während man dafür quasi einen Doktortitel im Parken braucht. Trotzdem bleibt der Grenzübertritt nach wie vor äußerst lästig, und natürlich der Bedarf nach Währungstausch. Also seid ihr in diesem Fall bis auf weiteres zum ewigen Abwägen verurteilt, wie und wohin.

Vor Moonspell, die für elf Uhr angekündigt waren, spielten gleich drei Bands. Mit Ausnahme der musikalisch höchst interessanten Alternative-Rock-Veteranen des kroatischen Undergrounds Phantasmagoria waren das eigentlich noch zwei (völlig entbehrliche) Vorbands: die schwedischen Symphonic-Power-Metaller Eleine sowie die italienischen Gothic-Metaller The Foreshadowing. Schon vor acht Uhr donnerten die Gothic-Darker bzw. Post-Punker Phantasmagoria los, die seit Dekaden unerschrocken vom charismatischen Vokalisten Tomi Phantasma angeführt werden. Eine Band mit einer einstudierten Show, unwesentlichen, aber gefälligen choreografischen Einlagen, einem ausgearbeiteten Bühnen-»Outfit«, gehüllt in Nebelvorhänge, die die theatralische Dramatik gothischer Düsternis noch steigerten. Der dröhnende, markante, auf mittlere bis tiefere (und tiefste) Register ausgerichtete Gesang von Tomi nahm gemeinsam mit seiner ausgearbeiteten Bühnenpräsenz natürlich die zentrale Position ein, der Rest des Quartetts hingegen hielt düstere Zurückhaltung und kühle Distanziertheit aufrecht, wandelte dabei auf den stilistischen Spuren von Bands, die die Post-Punk-Dark-Bewegung insbesondere in der zweiten Hälfte der Achtziger populär machten (The SIsters of Mercy, The Mission). Gespenstische und eindringliche Vocals, kontrastiert durch Frauenstimme, betonte Schärfe der Basslinien an der Grenze des Klangbilds, ohne es zu durchbrechen, fetter Gitarrensound. Old school! Neben eigenem Material glänzte auch eine hervorragende Coverversion des EKV-Klassikers Ne. Kurzum: ein äußerst interessanter Auftritt einer Gruppe, die in der heutigen Zeit innerhalb der Region ein absolutes stilistisches Relikt geblieben ist.

Deutlich langweiliger klang der Auftritt der eigentlichen ersten Vorband, die Moonspell auf ihrer gesamten neuen Tour begleitet. Eleine, ein Quintett, das seinen Namen kurzerhand von ihrer Sängerin übernahm – Eleine eben. Der Sound stimmte nicht so recht. Besonders der Kontrast zwischen Bass und Gitarre wirkte nicht scharf genug, auch gelang es dem Gesamtklangbild nicht, die nötige Aggressivität zu entwickeln; Eleine wirkten hohl, unausgeschöpft und dünn. Trotzdem boten sie natürlich einen professionellen, ausgearbeiteten Auftritt. Dabei übernahm der Gitarrist die Initiative in der Kommunikation mit dem Publikum und versuchte es auf jede erdenkliche Art zu interessieren, doch das Publikum gab der Band Energie nur in Form von ein paar höflichen Applausen zurück – und nicht mehr. Die Hauptrolle spielte natürlich Sängerin Eleine, die leider nicht über die vokale Charisma von Sängerinnen wie Floor Jansen, Tarja Turunen oder Simone Simons verfügt, diesen Mangel aber mit einem »Outfit« als konkret tätowierte Bauchtänzerin kompensierte. Die Band präsentierte bei diesem Auftritt ihr selbstbetiteltes Debütalbum »Eleine«, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

Auch keinen sonderlich interessanteren Eindruck hinterließen die Gothic-Metaller aus Italien The Foreshadowing. Satte sechs Mannsbilder drängten sich auf der Bühne. Der kleine Clubstage war damit komplett vollgestopft und die Jungs hatten kaum Platz, sich links und rechts zu bewegen. Also wirkten sie natürlich statisch, was irgendwie zum Düstergetue des Gothic Metals gehört. Und doch. Selbst die Erwähnung des Vokalisten Marco, dass seine Großmutter aus Kroatien stamme, konnte das dezimierte Publikum, das das Konzert beobachtete, nicht sonderlich aufheitern. Der Rest der Zuschauer schenkte zu diesem Zeitpunkt noch immer dem ausgedehnten Tresen im Foyer mehr Aufmerksamkeit als dem Treiben auf der Bühne. Wenigstens war der Sound deutlich besser als beim Auftritt von Eleine. Begleitet von einer eintönigen blau-roten Bühnenbeleuchtung, ohne Nebel. Das holprige Englisch, was ja schon ein sprichwörtliches Manko italienischer Bands ist, wenn sie sich damit befassen – aber trotzdem. Die Melodien mit ihren Riffs erweckten zumindest den Eindruck, dass es sich um eine talentierte Band handelt, die um die Entwicklung ihrer eigenen musikalischen Handschrift kämpft. Die Band ist seit zwölf Jahren auf der Szene aktiv und präsentierte beim Auftritt ihr frisch erschienenes, insgesamt viertes Studioalbum »Seven Heads Ten Thorns«. Ohne besonderen Eindruck also.

Das lange Warten auf das eigentliche Konzerterlebnis wurde natürlich in dem Moment belohnt, als pünktlich um elf Uhr abends unsere guten alten Bekannten, die gothischen Extremmetal-Füchse Moonspell die Bühne betraten und leidenschaftlich in den Mondschein zu heulen begannen. Abgesehen vom Anfangsteil baute die Band rasch eine außerordentliche Klangkulisse auf, die in vollem Einsatz bis zur letzten abgefeuerten Note bzw. zum letzten Schlag auf das Trommelfell dieser neuen und, ohne falsche Bescheidenheit gesagt, hervorragenden Moonspell-Show griff. Moonspell sind unglaublich überzeugende Bühnenkünstler. Hinter ihnen steckt eine enorme Konzertkilometerzahl, regelmäßiges Auftreten, regelmäßiges Sammeln von Erfahrungen – sowohl jene, wo sie vor mehreren tausend Menschen spielen, als auch die aktuellen, wenn sie die Clubbühnen Europas bereisen. Das Venue in der Vintage Industrial Bar füllte sich schließlich mit gut dreihundert Besuchern, die der Band auch konkrete Unterstützung beim Mitsingen der Verse boten, wobei das dunkle Phantom Fernando Ribeiro die Anwesenden schnell in seinen Bann gezogen hatte, sodass sie ihm sorglos die ganze Show lang aus beiden Händen fraßen.

Moonspell sind eine ausgezeichnet eingespielte Band. Man spürt, dass sie so manche Clubbühne in- und auswendig kennen und sich bei der Gestaltung sowohl der Bühnen- als auch der Klangkulisse verdammt gut in den verschiedensten Situationen zurechtfinden. Als Hintergrundkulisse diente diesmal ein riesiger Vorhang mit dem Motiv des letzten Albums, was die aufgeplusterte Bühnenästhetik vom letzten Teil dieser Tour etwas mäßigte, als Moonspell auf der Bühne digitale Monitore verwendeten.  Moonspell traten damit in ihrer Karriere nach dem Auftritt Ende April 2009, als sie die Konzerte vor Cradle Of Filth eröffneten (und ihnen schon damals die Konzertabende stahlen), in Zagreb zum zweiten Mal auf. Die Setlist erfuhr im Vergleich zur vergangenen Tour einige Anpassungen. Aus ihr verschwand die erwartete Scorpion Flower, ersetzt durch das phänomenale Luna aus dem Album »Memorial«. Die Band feiert in diesem Jahr das 20. Jubiläum der Veröffentlichung des Albums »Irreligious«, deshalb erklangen bereits im Anfangsteil Opium sowie Awake, denen sich etwas später noch Ruin & Misery gesellte und am Ende des Konzerts die erwartete Obsession in Gestalt der großartigen Fool Moon Madness. Letztere spielten Moonspell ganz am Ende des obligatorischen Encores.  Erwartungsgemäß war natürlich das Album »Extinct« stark vertreten, obwohl die Band die ansteckende neue Nummer Domina aus der Setlist strich (die sie auf der letztjährigen Tour spielten). Also eine etwas kürzere Setlist im Vergleich zur letztjährigen Show in Graz.

Ansonsten aber wieder eine außerordentliche Bühnendarbietung. Die Band in ausgezeichneter Laune, das Publikum drehte richtig auf, vor allem in der zweiten Konzerthälfte, besonders bei der Aufführung des aufeinanderfolgenden »Wolfheart-Dreigestirns« (Vampiria, Ataegina und das mehr als obligatorische Alma Mater), was die Portugiesen im Gegenzug noch mehr anfeuerte, noch mehr dieses Gefühl engagierter und verbissener Hingabe an die Musik zu vermitteln, für die ihr Herz schlägt und von der sie atmen. Es ist ein Genuss, eine Band zu beobachten, die mit dämonischem Charme so hypnotisch anzieht, wenn sie mit unglaublicher Geschicklichkeit zwischen gothischen, wenn nicht gar Dark-Rock-Elementen, den eingefahrenen Impulsen der Extreme-Metal-Branches und hochgradig ansteckender melodischer Bombastik hin und her pendelt, verpackt in einen tiefen Sack gesunder Emotionen – vor allem Leidenschaft auf der einen, aber auch großer darstellerischer Sensibilität auf der anderen Seite –, die wir vor allem in den ruhigeren Passagen der Songs genießen konnten. Der einzige kleine Patzer ereignete sich der Band im ersten Pre-Chorus der neuen The Future is Dark im obligatorischen Encore, wo Fernando mit dem Gesang knapp einen halben Ton zu tief lag – aber das ist schon eine Kleinigkeit, denn klar ist: Es gibt keinen Helden in dieser Galaxie, der ein Konzert ohne unbeabsichtigten Patzer durchstehen würde. Irren ist nun mal menschlich.

Kurzum: Moonspell bleiben der Inbegriff großer Konzert-Attraktivität, und wenn schon nicht der Spektakularität, dann zumindest der überzeugende Begriff einer mitreißenden Show und der Erschaffung einer einzigartigen Welt gothischer Düsternis, die dich weit, weit jenseits der Realität entführt, direkt in die berauschenden Weiten bodenloser Abgründe  gothischer Schwärze und eines einzigartigen musikalischen Charakters. Die großen Meister des musikalischen Handwerks aus Portugal haben uns also wieder vollblütig verzaubert. 

Fotos: Boštjan Kepic

Setlist

MOONSPELL:
1. La Baphomette (Intro)
2. Breathe (Until We Are No More)
3. Extinct
4. Night Eternal
5. Opium
6. Awake!
7. The Last of Us
8. Medusalem
9. Ruin & Misery
10. Luna
11. Malignia
12. Vampiria
13. Ataegina
14. Alma Mater
—Zugabe—
15. Everything Invaded
16. The Future Is Dark
17. Full Moon Madness

THE FORESHADOWING:
1. Fall of Heroes
2. Two Horizons
3. New Babylon
4. The Forsaken Son
5. Oionos
6. 17
7. Departure
8. Havoc

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