Micah Blue Smaldone in der Celica (2007)
Ort: hostel Celica, Metelkova / Ljubljana
Konzertdatum: 19.11.2007
Besucherzahl: 30
Eintrittspreis: 0,00€
Immer wenn ich höre, dass irgendwo in der Nähe ein Musiker auftritt, der seine Alben auf dem Label Cuneiform veröffentlicht, bin ich sofort interessiert. Label-Boss Steven Feigenbaum hat auf dem inzwischen kultigen Label lauter hervorragende Bands versammelt, von legendären wie Soft Machine, Univers Zero, Present bis zu jüngeren wie Guapo, Nebelnest, Happy Family,… Zu Letzteren gehört auch Herr Alec Redfearn, der sich dieses Jahr für eine Welttournee entschieden hat. Der junge und bei uns fast unbekannte Akkordeonist hat sich auf ein echtes Wagnis eingelassen, denn für eine Welttournee braucht es ordentlich Kohle, und genau die fehlt einem eher obskuren Musiker ständig.
Deshalb ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass Herr Redfearn auf der Tour richtig interessante und manchmal auch bizarre Dinge erlebt hat – vom Fluten der Badezimmer im Haus eines gastfreundlichen Freundes bis zum Grübeln darüber, wie er das Hotelzimmer bezahlen soll, für das ihm das Geld ausgegangen war. Manche seiner Ideen sind ziemlich witzig, und er hat sie auf seinem Blog sehr bildhaft beschrieben. Noch seltsamer ist, dass er auf der Tour auch in Slowenien Halt gemacht hat, und zwar nicht nur an der inzwischen kultigen Adresse für weniger bekannte und qualitativ gute Bands, der Metelkova, sondern auch in Maribor und Murska Sobota. Den Auftritt in Maribor hat er später allerdings abgesagt.
Nach allem, was ich über ihn gehört und gelesen hatte, erhoffte ich mir zumindest einen interessanten Abend. Mich hat richtig neugierig gemacht, ob er auch ein paar witzige Geschichten mit dem Publikum teilt. Aber schon als ich bei der Celica ankam, überraschte mich die Nachricht, dass einer der beiden Auftretenden krank geworden war. Weil ich nun mal Alec Redfearn hören wollte, gönnte ich die Krankheit etwas schadenfroh dem Kerl, mit dem er zusammen tourt. Aber wie immer fällt die Schadenfreude auf dich selbst zurück, und so war es auch diesmal. Natürlich war niemand anderes krank als Alec Redfearn. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich damit abzufinden, dass es mir nicht vergönnt ist, ihn zu sehen (Murska Sobota ist für mich dann doch zu weit weg, und wer weiß, ob er bis dahin überhaupt schon wieder gesund gewesen wäre). Ich hoffte nur, dass Micah wenigstens etwas spielen würde, das der Musik seines Tourkollegen ähnelt. Schon die Ansage machte mir aber klar, dass Micah fest im Folk und Country verwurzelt ist, ein bisschen auch im Blues.
Gleich mit dem ersten Song zeigte der Musiker, dass er ein ziemlich typischer Vertreter des amerikanischen Country-Folk ist, bei dem vor allem schöne Melodien und gefühlvolle Texte zählen. Die Texte waren durchaus abwechslungsreich: Es gab einige typische Country-Abenteuer und bittere Enttäuschungen wegen der davongelaufenen Liebe, aber auch ein paar metaphorischere Texte im Stil von Bob Dylan. Über eine gute Dreiviertelstunde hinweg, nein, eineinhalb Stunden (mit Pause dazwischen), spielte er einige seiner besten Sachen und ein paar Coverversionen, unter anderem ein Stück von Richard Thompson, was anschaulich zeigt, dass Herr Micah die Gitarre sehr gut beherrscht. Später versuchte er sich auch als Improvisator und glänzte dabei mit ein paar Flamenco-Einlagen.
Seine Stimme war den ganzen Abend über, trotz Erkältung, sehr klar. Gelegentlich erinnerte er mich an Art Garfunkel oder an Cat Stevens. Er konnte sowohl hoch als auch tief singen, einmal jodelte er sogar, was bei einem Teil des Publikums für Gelächter sorgte. Kurz gesagt: Er hat jede Menge klassische Country- und Folk-Tricks eingesetzt. Sein Kontakt zum Publikum war minimal. Das ist ein Musiker, dem es nicht darum geht, gelangweilte Leute zu unterhalten. Er will denen gefallen, die gekommen sind, um Musik zu hören. Offensichtlich vertraut er auf sich und sein Können. Und das zu Recht. Ich war richtig überrascht, was für ein guter Gitarrist der Herr aus Amerika ist. Auf der zwölfsaitigen Akustikgitarre spielte er eine Menge schwieriger Akkordfolgen, und die Saiten zupfte er wie ein klassischer Gitarrist. Zwar spielte er keine typischen Rock-Soli, aber um sein Können zu beweisen, waren sie auch gar nicht nötig. Der Sound, den er seinem Instrument entlockte, sprengte gelegentlich sogar den Rahmen, sodass die Gitarre hier und da auch wie ein Banjo klang.
Den Genuss bei den letzten paar Songs verdarb mir ein bisschen ein nerviger Typ, der offenbar dachte, es käme beim Publikum wahnsinnig gut an, wenn er den Herrn an der Gitarre begleitet, indem er mit dem Finger auf sein Bierglas klopft. Bei einem lauten Konzert würde man das gar nicht hören, in der leisen, intimen Stimmung in der Celica wurde es aber ziemlich schnell störend. Na gut, das ist nicht mal so wichtig. Wichtig ist, dass Micah konkret und gut gespielt hat. Manchmal geriet er etwas zu sehr in Improvisationen, die nirgendwohin führten, manchmal waren die Improvisationen aber auch richtig gut. Mit seinen melancholischen Melodien verstand er es, das Publikum zu verzaubern (mich hat er sogar so verzaubert, dass ich fast eingeschlafen wäre), aber er konnte auch flottere Songs spielen.
Micah hat klar gezeigt: Wer gute Folk-Musik hören will, muss nicht zu einem Konzert von Bob Dylan oder Joan Baez gehen, die im Alter (vor allem Dylan) wie zwei verstimmte Krähen krächzen und damit trotzdem märchenhafte Summen verdienen. Micah hat das Konzert umsonst gespielt, aber trotzdem mit Herz und Seele. Folk und Country sind vielleicht wirklich nicht mein Ding, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie Micahs Ding sind, und schon das reicht, um auch bei einem nicht allzu begeisterten Zuhörer Eindruck zu machen. Ein schönes Konzert an einem kalten Dienstagabend.
Text: Rok Podgrajšek
Fotos: Jani Lah