Metal Mania Open Air – erster Tag (2012)

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Autor: Aleš Podbrežnik, Rok Klemše
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Komen na Krasu / Slowenien
Konzertdatum: 20.07.2012
Besucherzahl: 600
Kartenpreis: 30,00€ / 55,00€

Metal Mania ist zurück – das heimeligste Metal-Festival der Welt, das mit seinem Austragungsort, dem Karstdörfchen Komen, der heimischen Metal-Szene seit Jahren eine Art Metal-Mekka darstellt. Die alljährliche Pilgerfahrt ins Land des Pršut, des Teran und der Metal Mania ist zur Tradition geworden, die wir in den Jahren, als sich die Mania eine Auszeit gönnte, schmerzlich vermisst haben. Doch die Jahre ohne Metal Mania auf dem Programm sind in dem Moment vergessen, in dem das Zelt aufgebaut und das Gelände mitsamt der legendären Tribüne zum ersten Mal besichtigt wurde. Wegen beruflicher Verpflichtungen kamen wir leider erst am späten Freitagnachmittag in Komen an, als die Metal Mania bereits auf Hochtouren lief. Ein Bier später…

Gerade als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte, betraten die italienischen Black-Metal-Recken Necromass die Bühne – eine Band, die im Underground (vor allem im italienischen) Kultstatus genießt. Necromass starteten ihre schwarze Messe in Italien Anfang der Neunziger und zogen dabei eine ganz eigene Spur, die ihre Inspiration nicht bei Venom und Bathory suchte, sondern bei Death SS und Mortuary Drape. Die in klischeehaftem Corpse Paint gekleideten Bandmitglieder servierten zum Glück alles andere als klischeehaften Black Metal, der anfangs aber nicht so recht zum Ausdruck kam. Dazu trug vor allem die Sonne bei, die für Black Metal nun mal keine rechte Kulisse ist, sowie der noch schlechtere Sound, der sich erst gegen Ende des Auftritts verbesserte. In einem dreiviertelstündigen hypnotischen Ritual führten uns Necromass den dornigen Pfad der Alben Mysteria Mystica Zofiriana (1994) und Abyss Calls Life (1996) entlang und präsentierten ihre Vision von Black Metal, die hauptsächlich aus langsameren, fast doomigen Teilen besteht – dabei sticht der Gesang von Ain Soph Aour heraus, der nicht schreiend, sondern fast schon ein Death-Metal-Growl ist. Necromass hüllten die Handvoll Versammelter vor der Bühne – von denen noch am meisten Begeisterung ein Trio Italiener zeigte – in einen dunklen Schleier aus langen, epischen Songs voller Ambient-Passagen; überraschend waren die für Black Metal völlig ungewöhnlichen, technischen und fast progressiv angelegten Instrumentalpassagen (auffallend beweglich, dynamisch und sogar gut hörbar war der Bass!), die einen stellenweise sogar an die epischen instrumentalen »Bridge«-Passagen von Death erinnerten. Schade, dass der Auftritt von Necromass unbemerkt blieb.

White Skull, die kernigen italienischen Power-Metaller mit zwei Jahrzehnten reicher Karriere im Rücken, kamen in Komen in der Besetzung an, angeführt vom Bandchef und Rhythmusgitarristen  Tony “Mad” Fontò; dazu gesellen sich Danllo Bar (Solo- und Rhythmusgitarre), Jo Raddi am Bass, Alex Montiero am Schlagzeug sowie die große Rückkehrerin und Originalsängerin Federica “Sister” De Boni. White Skull haben  Mitte Mai dieses Jahres ihr neues Studioalbum »Under This Flagg« veröffentlicht, weshalb die Bühne für ihren Auftritt  mit Stacheldraht und Barrikaden als Kulisse ausgestattet war, die an das Toben einer Militärschlacht erinnerten. Auf einem riesigen Schild neben dem Mikrofonständer war ein Schädel mit langen weißen Haaren aufgespießt – okkulte Hexerei, eben White Skull. Die Band entfachte schnell das Feuer und hauchte vor allem den älteren Fans ihrer Musik Leben ein, als sie nach dem neuen War After War mit den Klassikern Tales From The North und Cleopatra weitermachte. Die Band war  prächtig aufgelegt auf der Bühne, und diese ausgelassene Stimmung bestätigte sich auch durch das vergleichsweise flotte Öffnen einer Dose Laško-Bier seitens Sängerin Federica mitten in Cleopatra und dem ausgelassenen Zuprosten ans Publikum.

Die Band begeisterte mit außerordentlicher Bühnenmobilität und hervorragender Eingespieltheit; vor allem aber zog die charismatische Bühnenfigur Federica mit eisernem Auftreten alle Blicke auf sich – mit ihrer dualen Stimmfärbung, die von einer scharfen, kehligen Haltung reichte, die klingt, als hätte man Grave-Digger-Sänger Chris Boltendahl in einen Frauenkörper gesteckt, bis hin zur punktgenauen Kalibrierung entsprechend der Aussage der Songs und dem Bedürfnis nach einer Stimmungsverschiebung, wo dann rein melodischer, sauber geführter Frauengesang die Führung übernahm. Singen mit voller Kraft. So wie es sich gehört.  Der Band fehlt es nicht an angeborenem Gespür für Pomp und Bombast. Italienischer Power Metal! Und das ohne ein Körnchen Zucker! Knackig abgehackt! Mit voller Kraft! Von Anfang bis Ende. Ohne zu zögern. Eine Stunde echter Power-Metal-Orgie! Und White Skull  waren mit ihrem Auftritt nicht bloß eine angenehme Auflockerung des Metal Mania Open Air, sondern haben mit ihrer überzeugenden Performance zweifellos einen der besten Konzerte des ersten Festivaltages hingelegt. Ohne auch nur den Hauch eines Gefühls, dass sie mit den Batterien sparen!  

Zwischen den beiden feuchten Träumen der Power-Metal-Fans (lies: Izzys) fanden die brasilianischen Thrasher Violator ihren Platz, die einem inzwischen schon stattlicheren Publikum aus Brasilien halsbrecherischen Thrash mitbrachten, vollgepackt mit aggressiven Riffs, ungezügelter Geschwindigkeit und Rotz von Anfang bis Ende. Und das buchstäblich – monotoneres „hast-du-einen-Song-gehört-hast-du-sie-alle-gehört“-Material hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Nicht, dass die Brasilianer ihre Stunde nicht so gespielt hätten, wie es sich gehört. Weit davon entfernt – mehr Energie auf der Bühne sollte die diesjährige Metal Mania nach Violator nicht mehr sehen – das Trio vorne wechselte ständig die Positionen, rannte die ganze Zeit über die Bühne und headbangte ohne Unterlass auf halsbrecherische Weise. Wenn die brasilianischen Kerle die Metal Mania mit echter Thrash-»Attitude« bombardierten, dann rutschten sie beim eigenen Material etwas mehr aus. Für Anspruchslose waren Violator wahrscheinlich orgasmisch, wir etwas Anspruchsvolleren verloren jedoch mit jedem gespielten Song mehr das Interesse an den Brasilianern. Jeder einzelne Song glich dem anderen wie ein Ei dem anderen, die Riffs größtenteils monoton, die Songs auf nur eine Sache ausgerichtet – Vollgas im fünften Gang. Den Eindruck rettete ein guter Frontmann, der das Publikum mit leicht klischeehaften »we are all united as one« und ähnlichen Ansagen ansprach, dabei aber richtig sympathisch rüberkam und damit wie geschaffen für die Atmosphäre der Metal Mania wirkte. Die Band war sichtlich froh und dankbar, auf der Metal Mania spielen zu können, und in ihren Ansagen ehrlich und bescheiden. Rotz auf Rotz ergibt noch keine gute Thrash-Band, und zwischen Violator und den »Großen« der neuzeitlichen Thrash-Szene (Warbringer und Ähnliche) liegen noch Welten.

Primal Fear, als Headliner des ersten Tages des Metal Mania Open Air 2012, deutsche Power-Metaller, die mit ihrem gleichnamigen Debüt von 1998 vollblütig durchstarteten, gelten heute als eine der zuverlässigsten und unzerbrechlichsten Metalfestungen, die Deutschland je in der Geschichte der Metalmusik hervorgebracht hat. Primal Fear, angeführt von den erfahrenen Füchsen Mat Sinner am Bass und Ralf Scheppers, einem der namhaftesten Sänger des europäischen Power Metal, veröffentlichen regelmäßig Studioalben und touren regelmäßig durch die Welt. Die Band absolvierte dieses Jahr im April eine Europatournee und besuchte dabei unter anderem auch das Ljubljana nahe Zagreb, wo sie ein hervorragendes Konzerterlebnis bot. Der Sommer ist Festival-Zeit, und auch Primal Fear entschieden sich ihrem professionellen Anspruch entsprechend bewusst dafür, die Promotion ihres neuen Albums »Unbreakable« (2012) auch auf Auftritte bei Sommerfestivals auszuweiten. Das »Metal Mania Open Air« ist das dritte Festival in Slowenien, das Primal Fear bis zu diesem Tag  beherbergt hat! 2003 traten sie auf dem Rock Otočec auf, später beim Metal Camp in Tolmin, und nun kam die Ehre der diesjährigen Metal Mania zu. Interessant ist, dass Primal Fear in Slowenien im Rahmen einer eigenständigen Konzerttournee noch nie in ihrer Karriere aufgetreten sind.

Primal Fear eröffneten ihren Auftritt erwartungsgemäß!  Mit einer massiven Präsentation des neuen Albums »Unbreakable«.  Vor der Bühne hatte sich eine Handvoll, knappe 300 Leute, versammelt, die Heißblütigsten darunter tobten in den vorderen Reihen. Doch besonders ausgeprägte Reaktionen konnte die Band dem Publikum während des Konzerts kaum entlocken. Viele Metal-Köpfe erlebten bei dieser Gelegenheit sogar zum allerersten Mal einen Auftritt von Primal Fear – und das trotz der Tatsache, dass die Band auf Konzerttourneen nicht schwer zu erwischen ist, da Primal Fear dabei immer mindestens bis Wien oder München kommen, wenn nicht näher. Das bedeutet, dass sich im Publikum viele Gelegenheitsbesucher befanden, die während des Konzerts neugierig umherschauten, da der eigentliche Grund ihres Besuchs bei der diesjährigen Festivalausgabe ganz woanders lag. Power Metal ist unter allen Metal-Genres für die jüngeren Generationen der Metal-Fans heute am wenigsten interessant, da er am wenigsten Brutalität bietet, an die sich die Jugend in den letzten Jahren stark gewöhnt hat. Auch die melodische Komponente konsumieren sie in der Regel nur dann, wenn sie klar mit den extremsten Inhalten verbunden ist, die Metalmusik heute zu bieten hat.

Die Band trat in exakt derselben Besetzung wie in Zagreb am 05.04.2012 an – somit half der Band an den Gitarren erneut Mr. Constantine, der mysteriöse griechische Gitarrist, als abermaliger Ersatz für das ewig  überbeschäftigte offizielle Vollmitglied, den schwedischen musikalischen »Wunderkind«  Magnus Karlsson. Constantine zeigte bei der erneuten Interaktion mit dem hervorragenden und erfahrenen Großmeister der Gitarrenkunst Alex Beyrodt weiteren Fortschritt in der kurzen Zeit seiner Primal-Fear-Legionärschaft – die beiden Gitarristen agierten während des Auftritts harmonisch und kompakt wie kaum eine noch so gut geölte Maschine. Dennoch war beim Konzert zu spüren, dass die Band ein kleines bisschen mit der Energie sparte. Während des Konzerts stach das Gefühl strikter professioneller Routine heraus. Auch Scheppers hatte nicht seinen besten Tag, und seine unverkennbaren »Screams«, die unter den Metal-Vokalisten heute kaum jemand erreicht (einer davon ist etwa Tim »Ripper« Owens), erzielten nicht ihre volle Resonanz. Außerdem verfehlte der Mann mehrmals die ideale Melodie in den Strophen, was in den stets wachsamen Gehören aller anspruchsvolleren Zuhörer, die sich an diesem Abend auf dem Gelände des Metal Mania Open Air befanden, ordentlich zwickte.  Der Sound machte im Anfangsteil etwas Ärger, da die Gitarren im Klangbild etwas gedämpft und zu leise klangen; das wurde zwar während des Konzerts nachträglich behoben, aber man musste das Konzert im Bereich von ein paar Metern vor der Bühne bis hin zum Mischpult gehört haben.

Chainbreaker, der sehr früh auf der Setlist stand, ließ erahnen, dass das Konzert von Primal Fear kürzer ausfallen würde, als angekündigt. Nach dem schnellen Sturm durch die neuen Songs Strike und Give ‚em Hell sowie den Klassiker Nuclear Fire stiegen Primal Fear etwas von der anfänglichen Schärfe herunter und widmeten sich der exzellenten Power-Ballade Seven Seals – und da war auch schon bald Chainbreaker. Es folgten noch Metal Nation und das exzellente Fighting The Darkness, bevor Final Embrace und Metal is Forever das Ende des Auftritts ankündigten. Das Gefühl war, als ob das abschließende »Crescendo« fehlte. Zwanzig Minuten kürzer als angekündigt! Die Band kommt für eine schnelle Zugabe zurück und »schmeißt raus« Bad Guys Wore Black – einen brandneuen Song, was zusätzlich überrascht, da die Band damit keinerlei Tendenz zeigte, ihr Konzert zu einem echten Höhepunkt zu bringen.

Trotz der Anmerkungen  war es für die Mehrheit,  die Primal Fear an diesem Abend zum ersten Mal live erlebte, zweifellos ein schönes und positives Erlebnis! Primal Fear sind zu erfahren und routiniert, als dass sie Mängel in Sachen Zusammenspiel oder Entschlossenheit auf der Bühne zeigen würden. Doch diesmal wirkte ihr Auftritt wie eine geschickt inszenierte, rein routinierte Vorstellung. Die Band verschwand nach dem Konzert schnell hinter die Bühne und in die Nacht. Mit einem völlig anderen Ansatz gegenüber den heißen Köpfen in den vorderen Reihen als nach jenem Konzert 2003 auf dem Rock Otočec, als die Bandmitglieder von der Bühne gesprungen waren und mit den Fans in den vorderen Reihen Hände geschüttelt hatten. Damals hatte der Veranstalter sie sogar von der Bühne gescheucht, indem er die Hauptanlage abschaltete, da Primal Fear damals sogar die für ihr Konzert festgelegte Zeit überschritten hatten. Das Gefühl einer leichten Überheblichkeit der Band gegenüber den Fans blieb diesmal nicht aus, und der Auftritt selbst wird nicht in die Annalen eingehen als einer jener, der die Festival-Konkurrenz kompromisslos weggefegt hätte.

Dafür hat sich der Abschluss des Freitagabends mit den alten Haudegen des slowenischen Thrash, Sarcasm, trotz der späten Stunde zweifellos in die Annalen der heimischen Konzertszene eingetragen – sie spielten in den frühen Morgenstunden eines ihrer besten Konzerte. Die aufgelegten Sarcasm, nach Berichten der Bandmitglieder noch auf den Schwingen des erfolgreichen und hervorragend aufgenommenen Konzerts auf dem Novi Sader Exit, begrüßten das ebenfalls bestens aufgelegte Publikum mit zwei Songs vom aktuellen Album, Summer 91 und Something to Believe In, und bewiesen erneut, dass das neue Album ein erstklassiges Thrash-Produkt ist, das sich ohne Scham mit dem kultigen Crematory messen kann. Die bombastischen und ansteckenden Refrains aus Mucys Mund steckten auch das Publikum schnell an, das begeistert mit der Band mitsang – und zum Glück wurden wir diesmal von den manchmal albernen Ansagen verschont. Sarcasm wählten zwar verständlicherweise energische Thrash-Hymnen, aber ich hätte lieber als das fehlplatzierte Litr na mizo und Terrorist irgendetwas vom neuen Album gehört. Schade, dass die Band offenbar nicht weiß, wie stark das neue Album ist, und es seit der Promotion nur mit zwei, drei Songs antastet. Dennoch stellten Sarcasm mit ihrer hervorragenden instrumentalen Performance, vor allem dank Blazniks unvergesslicher Riffs und des inzwischen mächtig wummernden Yoldi-Basses, zusammen mit Mucys souveränem Gesang einen der Höhepunkte der diesjährigen Mania dar. Mit den ewigen Thrash-Hymnen Road Warriors, Dej Mi/Sarcasm, Thrash Tonight und dem abschließenden Crematory waren Sarcasm die fantastische Wegzehrung für die Fortsetzung des Freitagabends.

Text – White Skull, Primal Fear: Aleš Podbrežnik
Text – Einleitung, Necromass, Violator, Sarcasm: Rok Klemše

Setlist

WHITE SKULL:
1. Intro
2. War After War
3. Tales From The North
4. Cleopatra
5. High Treason
6. Bottled Mind
7. Under This Flagg
8. The Killing Queen
9. Nightmares
10. Red Devil
11. After the Battle
12. The Rooman Empire
13. Asgard

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