Master Of The Sea

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Minotauro
Label: Dust On The Tracks
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 52:12
Wertung: 4/5

Erinnert sich noch jemand an die slowenische Band Heat? Es war einmal im Wilden Westen… Vielleicht an den Auftritt von Gotthard am 12.11.2.2005 in der Cvetličarna in Ljubljana, als Heat das Konzert vor den legendären Schweizer Hard-Rockern eröffneten? Oder zumindest an die Namen Roko Smajlagić und Davor Pavelić? 2010 entschieden die beiden nämlich, die Band in Minotauro umzubenennen. Die internationale Besetzung komplettieren außerdem der Kopraner Aleš Lavrič sowie italienische Musiker: Sänger Rudy Berginc, Damjan Caharija und Schlagzeuger Emanuele Petrucci.

Heat nahmen noch 2009 einige Demoaufnahmen auf, die eine grundlegende Abkehr vom ursprünglichen Heavy-Rock-Charakter in Richtung symphonischen Power Metals andeuteten, und 2010 entschieden sie sich, den Namen in Minotauro zu ändern. Minotauro haben ihr Werk groß angelegt. Für die üblichen Maßstäbe der slowenischen Metal-Szene weit zu ambitioniert. Als internationale Band gelang es Minotauro jedoch, Kontakt zu einigen Größen der deutschen Heavy-Metal-Szene herzustellen. Wenn dich deutsche Heavy-Metal-Musiker wahrnehmen und sich entschließen, dir bei der Umsetzung deiner Ideen zu helfen, ist das ein sehr gutes Zeichen. Die Konkurrenz in Deutschland ist nämlich mit der slowenischen Realität nicht zu vergleichen. Dort überleben nur die Stärksten. Und wenn du auf dem deutschen Markt in der Metal-Musik überleben willst, musst du außerordentlich stark sein. Deshalb sind alle in diesem Geschäft sehr talentiert und klar profiliert. Von Produzenten bis zu Musikern. Dass das Album »Master of the Sea« ein Werk ist, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte, bestätigt auch die Mitwirkung einiger namhafter Musiker als Gastmusiker. Das sind der schwedische Vokalist Goran Edman (Yngwie Malmsteen, John Norum, Street Talk, Karmakanic), der ausgezeichnete deutsche Gitarrist Tom Naumann (Just Priest, ex-Primal Fear, ex-Sinner) sowie – ihr lest richtig – der slowenische Gitarrenvirtuose und anerkannte Studiogitarrist Bor Zuljan (Devil Doll, ex-Šank Rock).

Die grundlegende musikalische Aussage von Minotauro ist also Power Metal. Dieser Power Metal ist jedoch von symphonischen Elementen durchdrungen, gewürzt mit echten Orchesterarrangements. Organischen. Eben. Neben dem Einsatz von Keyboards lässt sich klar erkennen, dass dem Kern der Kompositionen auch Orchesterarrangements hinzugefügt wurden, gespielt mit echten Instrumenten unter dem Dirigentenstab von Denis Modrušan.

Poesie über Helden, über den Fluch, über Trotz, Okkultismus, Tragödie. Gut und Böse! Bekannte Dinge halt. Aber verpackt im Schein einer düsteren Handlungsentwicklung! Kein Süßungsmittel also. Die Songs sind oft komplex strukturiert. Das bedeutet, dass sie sich durch mehrere verschiedene Leitmotive, mehrere Gitarrenphrasen entwickeln. Die mittleren Instrumentalpassagen sind oft ausgedehnt, und hier übernehmen die Orchesterarrangements häufig die dominante Stellung, die die Stimmung hervorragend umkehren und für eine dynamische Entwicklung des Geschehens auf dem Album sorgen. Ungeachtet der bereits gut erkennbaren Figuren, die Power Metal sowohl im Einsatz von Gitarrenphrasen als auch in der typischen Auswahl dominanter rhythmischer Texturen verwendet – doppelte Bassdrum-Pedale inklusive –, entwickeln Minotauro ihre unverwechselbare musikalische Ausrichtung. Es handelt sich um eine Band, die Fans von symphonisch aufgeladenem Power Metal ansprechen wird. Also Fans von Werken von Bands  wie unter anderem Kamelot, Blind Guardian, Rhapsody of Fire – ohne dabei einer der genannten ähnlich zu sein, was sehr gut ist. Minotauro gehen vom klassischen Heavy-Metal-/Heavy-Rock-Riff aus, was auch die Aufmerksamkeit von Fans der neueren (post Solid Ball Of Rock) Alben der legendären Saxon wecken kann.

Über die Produktion muss man keine langen Worte verlieren – sie ist ausgezeichnet. Sie klingt knackig, klingt lebendig, klingt greifbar. Keinerlei Sterilität. Der Gesang von Rudy Berginc folgt der vokalen Gravur von Sängern wie Tobias Sammet (Edguy), Michael Kiske (Unisonic, ex-Helloween) oder gar Bruce Dickinson (Iron Maiden). Der Gesang ist stark, autoritativ und beherrscht alle Lagen gleichermaßen, wenn er die vokale Kraft von einer zur anderen überträgt. Minotauro verwenden eigentlich keine Harmonisierung des Leadgesangs mit zusätzlichen Begleitvokalen. In die mittleren Passagen, gewürzt mit Orchesterarrangements, sind Gitarrensoli und Gitarrenduelle geschickt eingebettet, die die Dramatik der Songs vertiefen und der gewählten Stimmung einen Farbkontrast hinzufügen.

In den Songs spürst du die kreative Anstrengung und das ausgezeichnete Zusammenspiel aller Bandmitglieder. Minotauro haben wirklich jedes Detail dieses Albums poliert. Die Songs erreichen eine gegenseitige motivische Vielfalt, die Garant für eine vorbildliche Belebung der Dynamik ist, die überzeugend in den Stimmungswellen über dieses Album pulsiert.

Die Songs sind aus so vielen Wechseln der Leitmotive zusammengesetzt, dass das Album langsamer ins Ohr geht, als man für das Genre Power Metal erwarten würde. Obwohl das Album sehr eingängig ist und in der Entwicklung seines melodischen Spektrums auch sehr ansteckend. Angesichts der komplex angelegten Arrangements entwickeln die Refrainmelodien in den Kompositionen keine dominante Rolle, da sie durch längere Orchesterpassagen ausbalanciert werden. Trotz alledem besitzt die Band ein ausgezeichnetes Gespür für das graduelle Steigern der Packendheit des Moments des gewählten Stimmungszustands, die im Crescendo von einigen besonders gelungenen Refrainmelodien verkörpert wird, wie etwa jener in der ausgezeichneten Abschlusskomposition Devil’s Sign.

»Master of the Sea« ist als Debütalbum ein ausgezeichnetes Werk. Es enttäuscht keineswegs. Man spürt, dass die Band genau weiß, was sie will, und von Anfang an eine klare musikalische Vision mit sich trägt. Ebenso ist klar, dass die Bandmitglieder abgebrühte, erfahrene alte Hasen sind und dass Minotauro nicht ihre erste Band ist. Angesichts der Vollendung der Songs, insbesondere der üppigen Orchestrierung der Songs, sowie der ausgezeichneten Produktion, ist auch klar, dass die Band bereits bei ihrem Studioerstling ihr kreatives Maximum aus sich herauspressen wollte. Das Polieren und Ausarbeiten der Arrangements war enorm.

Hoffen wir, dass Minotauro in diese Richtung weitermachen. Vielleicht nehmen sie auch mal einen schnittigeren kurzen epischen Metal-Marsch auf und bauen ihn ins neue Studioalbum ein, in der ohnehin sehr verlockenden Ausrichtung der Kombination von Elementen der klassischen Musik mit Metal. Er würde nämlich effektiv die gelegentlich übersättigte Atmosphäre der großangelegten Handlungsentwicklung entlasten, die durch die operettenhaft geschmückte Kombination von klassischer Musik mit Metal angetrieben wird.

Das operettenhafte »Master of the Sea« ist vollgepackt mit Bombast, trägt aber gleichzeitig einen düsteren atmosphärischen Griff, bei dem das Hinzufügen von Süßungsmittel verboten ist. Minotauro haben damit den Grundstein ihrer unverwechselbaren Eigenidentität gelegt. Ein Album also, auf das sie zu Recht stolz sein können, und deshalb können sie mit großem Elan unbeschwert in ihre kreative Zukunft blicken. Da es sich um ein Projekt handelt, in das auch slowenische Musiker eingebunden sind, müssen wir Minotauro auch als heimische Band betrachten und ihr die verdiente Unterstützung erweisen. Zumindest in dem Sinne, dass wir sie und ihre Aktivitäten stets im Blick behalten. Ich glaube, dass das nächste Album von Minotauro eine definitive Weiterentwicklung des sehr soliden und vor allem künstlerisch aufrichtigen Studioerstlings sein wird. 

Besetzung

Rudy Berginc – Gesang
Roko Smailagic – Gitarre
Damjan Caharija – Gitarre
Ales Lavric – Keyboards
Davor Pavelic – Bassgitarre
Emanuele Petrucci – Schlagzeug

SONDERMITGLIED DER BAND:
Denis Modrušan – Orchestrierungen

GASTMUSIKER:
Goran Edman – Gesang
Tom Naumann – Gitarre
Bor Zuljan – Gitarre

Produktion

Achim Köhler

Trackliste

01. The Idol
02. Master Of The Sea
03. Hero
04. The Day Of Redemption
05. Another Day
06. Never Loose Your Faith
07. This Is What We Need
08. The Taste Of Freedom
09. Devil`s Sign

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