Made In Japan

0 9

Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Whitesnake
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2013
Laufzeit: 119:21
Bewertung: 3/5

Was zum Teufel? Der unermüdliche David Coverdale mit einem neuen Whitesnake-Konzertalbum? Der »Forevermore«-Tour gewidmet, aufgenommen am 15.10.2011, bei einem der Konzerte der damaligen Japantournee – und der Titel entlehnt von einem jener historisch gesehen wegweisenden Konzertdokumente der Rockära, das Deep Purple 1972 veröffentlichten (Coverdales allseits bekannte ehemalige Arbeitgeber). Den Mann bringt so leicht nichts aus der Bahn. Das ist ein Konzertdokument, das fortan als Ausgangspunkt tiefgehender Debatten über die heutige Konzertgesangsform von David Coverdale dienen kann – und über den Grad des vokalen »Verfalls«, wobei in dieser Hinsicht die „Bootleg“-Veröffentlichungen am aussagekräftigsten sind.

»Live: In the Shadow Of The Blues«, 2006 erschienen, war klanglich verdammt hart! Es war ein Dokument, das das Bild der neuen Konzert-Whitesnake definierte. Es war ein Dokument, das die Erkenntnis schenkte, dass Whitesnake ihr neues Image der metallischen Wucht unterordneten. „Made In Japan“ vertieft dieses Gefühl umso mehr, je spürbarer die schwere vokale Abnutzung und auch die gelegentliche emotionale Verarmung des einstigen »göttlichen Flüsterns« des unverbesserlichen Damenherzbrechers David Coverdale wird – von dem man einst sprichwörtlich behauptete, man könne ihn nicht mal mit seiner eigenen Oma allein in einem Zimmer lassen. In seinen heutigen Jahren würde Coverdale Omas nicht mehr im Entferntesten meiden.

Wenn sich Coverdale auf »Live: In the Shadow of the Blues« noch „erfolgreich“ hinter Soundeffekten versteckte, so ist »Made In Japan« – nach der Phase der medialen Entlarvung, als der gekränkte und getroffene Coverdale offiziell  zunächst seinen Rückzug ankündigte und es sich später anders überlegte – ein neues Konzertdokument, das sich ein kleines bisschen weniger an die Effekte vom Mischpult »klammert« (Still Of The Night bleibt natürlich auch auf »Made in Japan« in dieser Hinsicht konkret mit der Prothesen-Technik der Toningenieure belastet). Coverdale treibt auf »Made In Japan« die klangliche Spur der neuen Whitesnake in Richtung Wucht und Härte weiter voran. Die Umsetzung dieses Wunsches durch die Gitarren-Zauberer Reb Beach und Doug Aldrich gelingt mit der federleichten Mühelosigkeit einer flüchtigen Rotation des kleinen Fingers der linken Hand. Um Mitternacht, wenn ihr wollt. In den letzten Jahren baut Coverdale auch verstärkt darauf, dass alle Bandmitglieder auf der Bühne gleichwertig Backing-Vocals übernehmen können. Nicht mal dem Schlagzeug-Berserker Brian Tichy wurde dabei eine Ausnahme gegönnt. Habt ihr erraten, warum? Die Antwort wurde bereits im ersten Absatz gegeben. In diese klanglich modernisierte Struktur der Neudefinition zeitloser Whitesnake-Klassiker sowie der neuen »Forevermore«-Songs bettet sich Coverdales ausgezehrte Stimme bequem ein – und besteht dort die Konzertprüfung!

Wenn es Zeit für den Refrain-Gesang ist, taucht Coverdales Stimme in eine mittlere Lage ab, die so arrangiert ist, dass der Sänger Energie spart, während die Backing-Vokalisten in hervorragend harmonisierten Chorpassagen die gefragte Melodie der berühmten Refrains erzeugen – in die sich das fanatische japanische Publikum spontan einklinkt, dem die Anmerkungen in dieser Rezension herzlich wenig ausmachen. Dazu kommen noch zusätzlich gestohlene 15 Minuten Konzertzeit auf Kosten des Schlagzeug-Solos und der Gitarrensoli beider Gitarristen, sodass Coverdale tatsächlich nur für insgesamt knappe eine Stunde Konzertspiel stimmlich eingebunden ist. Es gibt Momente, in denen dem Zuhörer das Gesicht der goldenen Jahre großer Form einer der berühmtesten Stimmen der Rockära erfolgreich nahegebracht wird – doch verlangen diese Momente etwas mehr Aufmerksamkeit und beharrliches Suchen. Ein solcher Moment ist zum Beispiel eine immer noch würdevoll gesungene Strophe in Love Ain’t No Stranger, oder der Einleitungsteil der ansonsten ausgezeichneten neuen Nummer Forevermore, wo jene berühmte angerauchte Samtstimme des legendären Sängers gelegentlich erfolgreich aufflackert. Doch diese Momente sind eben für die neue Zeit auf ein Minimum reduziert. Die Stimme ist ein lebendiges Instrument. Wenn sie verbraucht ist, lässt sie sich nicht ersetzen. So passt Coverdale, der mit seiner Personalausweisnummer unter den Rock-Veteranen der Szene keineswegs allein dasteht, wenn es um die Schwierigkeiten geht, die Stimmform zu halten, seine Bühnenshow clever an. Bitter ist jedoch die Erkenntnis, dass die Band für die fast neunminütige Version von Still Of The Night noch ein nachträgliches Outro »dranhängen« musste (We Wish You Well) – das ist normalerweise kein Merkmal von Konzertalben.

»Made In Japan« kommt als Konzert-CD mit einer zusätzlichen Bonus-CD voller »Soundcheck«-Aufnahmen auf den Markt – zweifellos ein unterhaltsames Erlebnis – sowie einer DVD/Blue Ray-Disc. Ein veritables »Karton-Sandwich« also.  Kaufen werden es Coverdales glühendste Fans und alle anderen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Die Klugen bleiben beim Hören der Konzert-Rock-Klassiker namens »Live… In The Heart Of The City« (1980) und der Aufnahme, die vor zwei Jahren über das Label Frontiers Records erschienen ist und »Live At Donington« heißt (stammt aus der Tournee zur Promotion des Albums »Slip Pf the Tongue«).  Wie viel Wahrheit in der Bewertung dieses Albums steckt, werdet ihr bald die Gelegenheit haben, mit eigenen Ohren und Augen zu überprüfen – wenn Whitesnake im Juni dieses Jahres erneut auf den alten europäischen Kontinent aufbrechen, wo sie am 15.06.2013 auch das uns nahe gelegene Zagreb besuchen werden!

Ansonsten ist diesem Dokument nichts weiter vorzuwerfen, als dass es dem heutigen stimmlichen Radius von Coverdales vokaler Interpretation angepasst ist.  Coverdale ist mutig, dass er sich überhaupt traut, unter diesen Umständen ein Konzertalbum zu veröffentlichen – denn das Produkt ist aufgrund der Anpassungen in vielerlei Hinsicht zwangsläufig qualitativ limitiert und liefert nicht die geforderte leidenschaftliche Expansivität, mit der uns Whitesnake in den Achtzigern verwöhnt haben.

Das Material wird in der neuen Zeit auf außergewöhnlichem professionellen Niveau gespielt. In Übereinstimmung mit den Anweisungen und Anforderungen des Chefs. Coverdale hat immer die besten und teuersten musikalischen Legionäre rekrutiert, weshalb nicht eine Sekunde an der brillanten Ausführung des Materials auf »Made In Japan« zu zweifeln ist. Besonders ansprechen wird es jene unter euch, die den musikalischen Charakter des Vollgas-Spielens mögen – untergeordnet dem aufgedrehten und extrem metallisierten Sound. Vergessen wir nicht noch einmal darauf hinzuweisen, dass dieser Sound größtenteils gründlich des Blues-Sentiments der goldenen Moody-Marsden-Ära beraubt ist – womit man sich so verdammt schwer abfinden kann, wann immer die Rede auf die Aktivitäten des Whitesnake des neuen Jahrtausends kommt.

Besetzung

David Coverdale – Gesang
Doug Aldrich – Gitarre, Backing-Vocals
Reb Beach – Gitarre, Backing-Vocals
Brian Ruedy – Keyboards, Backing-Vocals
Michael Devin – Bass-Gitarre, Backing-Vocals
Brian Tichy – Schlagzeug, Backing-Vocals

Trackliste

CD1.:
1. Best Years
2. Give Me All Your Love Tonight
3. Love Ain’t No Stranger
4. Is This Love
5. Steal Your Heart Away
6. Forevermore
7. Six String Showdown
8. Love Will Set You Free
9. Drum Solo
10. Fool For Your Loving
11. Here I Go Again
12. Still Of The Night

BONUS CD – Sound Check
1. Love Will Set You Free
2. Steal Your Heart Away
3. Fare Thee Well *
4. One Of These Days *
5. Lay Down Your Love
6. Evil Ways
7. Good To Be Bad *
8. Tell Me How *

*… akustische Version

DVD / Blu-Ray:
1. Best Years
2. Give Me All Your Love Tonight
3. Love Ain’t No Stranger
4. Is This Love
5. Steal Your Heart Away
6. Forevermore
7. Six String Showdown
8. Love Will Set You Free
9. Drum Solo
10. Fool For Your Loving
11. Here I Go Again
12. Still Of The Night
Fanvideos für die Songs:
– Forevermore
– Steal Your Heart Away

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies