Macabre – eine verrückte Metal-Odyssee über Serienmörder (2012)
Ort: Ljubljana / Metelkova / Slowenien
Datum des Interviews: 24.11.2010
Macabre sind im Grunde eine Death-Metal-Band aus Chicago. Die langjährige Band hat ihre Besetzung im Laufe der Karriere nie geändert, dafür aber einen ganz eigenen musikalischen Stil entwickelt, der eine einzigartige und auf Anhieb erkennbare Fusion aus Thrash, Black, Death Metal und Grindcore darstellt. Füg dazu noch Elemente aus Jazz, Akustik und sogar Kinderliedern hinzu, und es entsteht etwas Extravagantes. Erst recht, wenn da noch Texte über Serienmörder hineinspielen. Man erlebt eine neue musikalische Dimension des Metals, genannt »murder metal«. Macabre tourten im November 2010 durch Europa, begleitet von Napalm Death, Immolation und Waking the Cadaver, und spielten dabei auch ein Konzert in Ljubljana auf der Metelkova.
Für eine packende Geschichte über Serienmörder hat sich der Bandchef, Vokalist und Gitarrist Lance Lencioni, bekannt unter seinem Künstlernamen »Corporate Death«, Zeit für Rockline genommen.
RockLine: Euer neues Album »The Grim Scary Tales« bringt einen neuen Ansatz in eurem musikalischen Charakter. Die Geschichte der Morde rückt in den Fokus, daher wirkt es wie ein Konzeptalbum – aber mit einem anderen Ansatz als beim Album »Dahmer«. Welche verrückten Mörder-Einblicke liefern uns Macabre also mit dem neuen Album?
Lance: Die Geschichten auf dem Album sind chronologisch angeordnet. Es gibt tatsächlich ein Konzept, aber nicht wie beim Album »Dahmer«, das sich aus den Erlebnissen einer einzigen Person speiste. Unser Fokus für das neue Album war es, die mental kränksten Menschen der Menschheitsgeschichte zu finden. Schlächter, die ein Dutzend Leute erschossen haben und Ähnliches,… Das Album beginnt in der Zeit des Römischen Reiches, als ein Mädchen Neros Vater, den römischen Kaiser, vergiftet, dann geht es weiter über Nero, dann Vlad II., bekannt als Graf Dracula, und die Gräfin Bathory,… Was den Song Countess Bathory betrifft – das ist eigentlich ein Cover von Venom. Ursprünglich hatte ich meine eigene Version über die Gräfin Bathory vorbereitet, aber die Venom-Version wirkte so verlockend, dass ich mir dachte: »Warum zur Hölle versuchst du nicht, sie zu lernen, ha, ha, ha,..?« Und es hat geklappt. Unser neues Album endet chronologisch mit dem Ersten Weltkrieg. Darauf folgt auch ein zweiter Teil, also vom Zweiten Weltkrieg chronologisch aufwärts bis in die moderne Zeit. Über Serienmörder wie Ted Bundy, Albert Fish,.. Nächstes Jahr fangen wir mit der Arbeit am neuen Album an.
RockLine: Was hat dazu geführt, dass das neue Album so lange gebraucht hat? Wir haben fast acht Jahre darauf gewartet.
Lance: Ich brauchte eine Pause. Manchmal brauchst du einfach eine Auszeit, weil du keine Inspiration zum Komponieren findest. Ich bin stärker zurückgekommen. Ich habe ein paar Jahre lang nichts über Mörder gelesen. Vor etwa zwei Jahren habe ich erst angefangen, Material für das neue Album zu schreiben. Normalerweise kombiniere ich beides. Ich schreibe Musik und Texte, aber mir liegen die Texte besser, daher entstehen sie meistens zuerst, danach kommen die Ideen für die musikalischen Motive. Manchmal offenbart sich eine Melodie in meinem Kopf, während ich Texte schreibe. Dann rase ich schnell nach Hause, nehme Aufnahmegerät und Gitarre in die Hand und nehme diese Ideen sofort auf, sonst verschwinden sie noch schneller in der totalen Vergessenheit. Es gibt viele Ansätze und es ist schwer, eine allgemeine Formel fürs Kreieren zu nennen, aber jeder dieser Ansätze ist wirksam und bringt am Ende immer die gewünschten Ergebnisse.
RockLine: Eine neuere Sache, die wir von Macabre bekommen haben, ist auch die Veröffentlichung der EP »Human Monsters«. Die ist aber nur als Vinyl erschienen. Warum habt ihr euch für diesen Schritt entschieden?
Lance: Wir waren im Studio, um mit der Arbeit am Album »The Grim Scary Tales« anzufangen. Mit Ingenieur Geoff Montgomery. Er ist nämlich ein großer Macabre-Fan und sagte daher bei der Gelegenheit: »Jungs, ich würde gerne ein Demo für euch machen!« Er bot sich völlig umsonst an, um uns sein Studio vorzustellen und uns ein Gefühl dafür zu geben, wie Geoff in seinem neuen Studio arbeitet, wie dieses Studio eigentlich funktioniert, und um sich zu vergewissern, ob uns das Studio wirklich gefällt. Das Studio gefiel uns, Geoffs Arbeitsweise gefiel uns, so wanderte die Sache zu Curby, einem der Organisatoren des Obscene Extreme Festivals, der in Tschechien eine auf 1000 Stück limitierte Veröffentlichung auf die Beine gestellt hat. Nur auf Vinyl. Wir kehrten ins Studio zurück und nahmen einige der gleichen Songs wie auf der EP neu auf, aber für eine CD-Ausgabe arrangiert, sowie auch andere. Da die CD-Aufnahmen länger dauerten, gab es auch mehr Zeit zum Feinschliff des Sounds, weshalb wir mit dem Sound der CD natürlich zufriedener sind. Aber auch der Sound der Vinyl-Ausgabe der EP »Human Monsters« ist keineswegs von schlechten Eltern. Es schien uns sehr praktisch, vor dem eigentlichen Album noch etwas Interessantes herauszubringen. Das war diese EP. Die Leute mögen sie, und das ist das Wesentliche. Ich hoffe, dass auch die Platte »The Grim Scary Tales« auf Vinyl erscheinen kann.
RockLine: Da dein neues Album schon vor der offiziellen Veröffentlichung zum »Runterladen« verfügbar ist, interessiert mich deine Meinung zum illegalen »Runterladen« von Alben – bei Macabre und allgemein?
Lance: Das schmerzt uns alle natürlich zumindest ein bisschen, aber es lohnt sich trotzdem nicht, sich damit zu befassen. Heute ist es für eine Band wichtig, dass sie spielt, dass sie auf Tour geht, weil sich Alben nicht mehr verkaufen. Was einen rettet, ist das Geld aus Touren, einschließlich des Verkaufs von offiziellem Merch. Auch größere Bands verkaufen keine Alben mehr in solchen Mengen wie früher. CD-Läden schließen und so weiter. Die Meinungen dazu sind geteilt. Ich persönlich brenne im Grunde keine CDs, das tue ich ausnahmsweise und nur dann, wenn ich ein bestimmtes Album nicht bekomme, das zum Beispiel vergriffen ist. Für mich ist das Wesentliche an einem Album, dass es, wenn ich es bekomme, in der Originalverpackung sein muss, mit den Songtexten usw…. Auch unsere Fans sind so. Die wollen originale Macabre-CDs.
RockLine: Kommen wir zurück zum Album »Dahmer«. Es ist als Geschichte über den Serienmörder Jeffrey Dahmer konzipiert. Wie kam es, dass du dieses Konzept für das Album gewählt hast? Ist er vielleicht deine liebste Mörderfigur?
Lance: Überhaupt nicht. Zur Zeit, als dieses Album entstand, waren die Medien voll von Jeffrey Dahmer. Ursprünglich wollten wir nur einen Song über Jeffrey Dahmer aufnehmen, aber dann tauchte während der Aufnahmen eine Menge an Informationen auf, die die Medien an die Öffentlichkeit brachten, und wir sagten uns: »Dann lasst uns ein ganzes Album über Jeffrey Dahmer aufnehmen«. Die ganze Geschichte von seiner Kindheit, als er Hunde sezierte, ihre Köpfe auf Pfähle steckte und noch vor der Volljährigkeit ein ernsthafter Alkoholiker wurde, bis zu dem Tag, als er in Handschellen abgeführt wurde und später selbst gewaltsam im Gefängnis ermordet wurde – die ganze Geschichte war ein sinnvoller Anlass für die Entstehung eines Konzeptalbums. Danach haben wir »Morbid Campfire Songs« aufgenommen. Das ist eine akustische EP mit fünf Songs. Sie ist als Musik für Kinder konzipiert, mit »schönen« Vocals (sauberer Gesang, Anm. d. R.), mit Musik, die ausschließlich auf Akustikgitarren basiert. Eigentlich hatte ich angefangen, ein Album über Albert Fish zu schreiben, das »Fish Tales« heißen sollte. Also ein Album über Albert Fish mit Kindermusik, darüber, wie Albert Fish Kinder aß. Das Album ist nicht fertig und ist nie erschienen. Vielleicht passiert das irgendwann in der Zukunft. Also die Idee für ein solches, rein akustisches Album über Albert Fish entstand, während wir das Konzeptalbum über Jeffrey Dahmer erarbeiteten.
RockLine: Wer ist denn eigentlich dein Favorit unter den Serienmördern?
Lance: Ich glaube, das ist Albert Fish. Er ist der interessanteste von allen. Stell dir diesen Kerl vor, der herumläuft, Kinder sucht und sie dann auffrisst. Da ist so viel »Gestörtheit« in diesen Taten, genauso wie Perversionen – ich empfehle dir, irgendwann mal ein Buch darüber zu lesen. Zum Beispiel das Buch »The Cannibal«, das über Albert Fish berichtet. Das ist ein tolles Buch.
RockLine: Wie hast du es geschafft, die Besetzung der Band über ganze 25 Jahre hinweg im Wesentlichen intakt zu halten? Ich selbst kann mir keine einzige Band einfallen lassen, der das gelungen ist.
Lance: Wir haben die Band 1981 gegründet, als wir uns in der Schule kennengelernt haben. Es war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Es war auch schwer, aber man kommt darüber hinweg. Wir sind nicht der Typ, der, wenn es mal kracht, den anderen sofort vor vollendete Tatsachen stellt: »Das war’s! Schluss mit Macabre!« Unstimmigkeiten klären wir immer durch Gespräche. Wir regeln alles unter uns. Die Besetzung unserer Truppe zu wechseln ist keine Option. Das führt nirgendwo hin. Das gefällt uns ganz und gar nicht, und das gilt auch für die Leute, die uns begleiten und unsere Musik hören.
RockLine: Macabre waren auf der Szene, als Death Metal anfing. Ihr gilt als Pionierband und eine der Mitbegründerinnen des Genres. Trotzdem seid ihr irgendwie übersehen worden und habt auf der Szene nie die richtige Anerkennung und Wertschätzung für eure Arbeit bekommen. Wie siehst du das, wie erklärst du dir das?
Lance: Weißt du, keiner von uns hat darüber je wirklich ernsthaft nachgedacht. Wir wollten immer schnell, laut und anders sein. Ich mag viele verschiedene Arten von Death Metal. Über das Pioniersein weiß ich nicht viel. Wir waren eine der frühen Bands des Genres, die damals auf der Szene auftauchten.
RockLine: Ihr habt aber auch die spätere Entwicklung von Grind und Ähnlichem beeinflusst?
Lance: Okay, wir haben sicher auch andere Bands inspiriert. Wenn du über Mörder singst, ist das kein Death Metal oder Black Metal mehr, aber es ist Murder Metal. Da können wir von Pionierarbeit reden, in dem Sinne, dass wir Geschichten über Serienmörder in den Metal eingeführt haben. Aber vor über 100 Jahren gab es Troubadoure. Die wanderten umher und sangen, indem sie aktuelle Geschichten, die sie an verschiedenen Orten hörten, in Verse fassten – darunter auch Songs über Mörder. Wir machen eigentlich dasselbe. Nur in anderen Zeiten.
RockLine: Ihr seid bekannt als Fusionisten vieler Metal-Genres. Von Thrash, Death, Black Metal über Grind Core bis hin zu Elementen aus Jazzmusik und Kinderliedern. Wie hat sich diese verrückte Idee entwickelt und damit auch solche verrückten Songs?
Lance: Ich mag Abwechslung. Wenn ich mich nur mit einem Stil befassen würde, würde mich das sehr schnell langweilen. Das gilt auch, wenn ich nur einen Gesangsstil verwenden würde. Ich habe viel klassische Musik gehört und tue es noch immer. Ich mag die Werke von J.S. Bach, ich mag auch die Musik von The Beatles,…
RockLine: Wir haben vorhin schon die EP »Morbid Campfire Songs« erwähnt, die 2002 erschien. Es ist eine rein akustische EP. Besteht irgendeine Möglichkeit, dass wir in Zukunft noch eine ähnliche akustische EP von Macabre erleben werden?
Lance: Das ist das, worüber ich vorhin gesprochen habe. Ich würde gerne, dass die Band den zweiten Teil des Albums »The Grim Story Tales« fertigstellt – das soll im nächsten Jahr passieren. Danach werde ich mich dem restlichen Material über Albert Fish widmen. Vorher nicht, weil das neue Studioalbum einfach die meiste Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nach dem neuen Studioalbum auch die Arbeit über Albert Fish abschließen werden. Ich habe schon eine Menge Material dazu geschrieben. Und glaub mir, dieses Material ist »krankhaft gestört«, einschließlich der Texte, he he he….
RockLine: Hast du vom berüchtigten slowenischen Mörder Metod Trobec gehört?
Lance: Nein.
RockLine: Er war dafür bekannt, dass er seine Opfer für gewöhnlich vergewaltigt, getötet und verbrannt hat…
Lance: Wirklich? Weißt du, es gibt so viele Mörder, dass ich kaum hinterherkomme, ha, ha, ha,…
RockLine: Was sind also die kurzfristigen Pläne für die Band?
Lance: Das neue Album erscheint im Januar 2011, dann folgt eine Frühjahrstour. Auf dieser werden wir Headliner sein und General Surgery mitbringen. Das alles passiert im April. Ich rede von einer Europatour. Die Tour dauert einen Monat, aber ich weiß noch nicht genau, welche Länder und Städte wir besuchen werden.
RockLine: Habt ihr irgendwelche besonderen Überraschungen für die Konzerte der neuen Tour geplant?
Lance: Wir werden die Bühnenshow und das Bühnentheater vertiefen und erweitern. Wir werden uns als »Bauern« verkleiden, dann gesellen sich »Mörder« auf die Bühne, wie unter anderem The Zodiac Killer, Albert Fish,… Das alles wollen wir auch mit Video-Dokumentation unterstützen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
RockLine: Wie zufrieden bist du mit dem Verlauf der aktuellen Tour zusammen mit Napalm Death und Immolation? Versteht ihr euch mit diesen Jungs?
Macabre: Wir haben einen Riesenspaß. Das Gefühl ist generell super, wenn du siehst, dass der Saal voll ist mit Leuten, die dich zum ersten Mal auf der Bühne sehen, begeistert werden und dann deine CDs und Shirts kaufen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf der aktuellen Tour. Mit Napalm Death und Immolation haben wir schon auf früheren Touren gespielt und die Jungs aus beiden Bands sind wirklich super. Das gilt auch für die Eröffnungsband dieses Pakets, Waking The Cadaver, mit denen wir zum ersten Mal gemeinsam auf Tour sind, aber auch die sind voll in Ordnung.
Den RockLine-Konzertbericht von Macabre vom 24.11.2010 in Ljubljana (Menza p.k.) könnt ihr HIER lesen.
Fragen vorbereitet von: Rok Klemše
Interview geführt von: Petar Mačinkovič
Text übersetzt und redigiert von: Aleš Podbrežnik
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