Love, Fear And The Time Machine

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Riverside
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 2015
Laufzeit: 60:25
Wertung: 4.5/5

Wenn es auf diesem Planeten gerade irgendwo eine Band gibt, die mit exponentieller Aktivität ihren künstlerischen Ausdruck bzw. musikalischen Charakter im Glanz absolut freier Eigenständigkeit erweitert, dann sind das mit Sicherheit die Polen Riverside. Die Band hat in ihren 14 Jahren des Bestehens eine große künstlerische Transition durchgemacht. Und die Evolution geht einfach immer weiter und weiter. Riverside kann man heute getrost zu den wichtigsten Bands zählen, die auf der Szene die volle Anziehungskraft und zeitlose Frische all dessen bewahren, was hinter dem Begriff des Progressive Rock steckt! Wenn die Briten in dieser Hinsicht Steven Wilson und Porcupine Tree haben, die Schweden Opeth, ist die dritte europäische Band mit Sicherheit Riverside.

Jedes Album der Band deutete auf einen schrittweisen stilistischen Übergang vom Progressive Metal zum Progressive Rock hin. Wenn man »Anno Domini High Definition« als das experimentellste Album in der Bandkarriere bis dato zählen kann, stellte der Nachfolger »Shrine of New Generation Slaves« (2013) eine ausgeprägte Abkehr in Richtung Progressive Rock dar. Nach zweieinhalb Jahren folgte das insgesamt sechste Studioalbum mit dem Titel »Love, Fear And Time Machine. Riverside intensivieren darauf die Aufweichung des Klangs noch weiter, und die Gitarrenphrasen erinnern an die einstige Metal-Ausrichtung nur noch in Spurenmengen, als willkommene Ambient-Würze, die die Entwicklung des Geschehens auf dem Album gelegentlich dankbar »aufwirbelt« und so die Dynamik des Albums aufrechterhält.

Sänger Mariusz Duda entwickelt und reift zu einem exzellenten Interpreten. Dieser Vokalist besitzt nämlich eine wunderschön natürliche Klangfarbe der Stimme, die er diesmal mehr zu seinem Vorteil nutzt als je zuvor. Die vokale Interpretation ist eigentlich einer der grundlegenden Brennpunkte des neuen Albums. Da Mariusz der Schöpfer der Texte des neuen Albums ist, ist das sinnliche Wiedererleben derselben durch die Vokalperformance diesmal von einer besonderen Art von Weichheit und Wärme, Gelassenheit und innerem Frieden umgeben, die im weiteren Kontext der typischen Riverside-Melancholie diesmal Gefühle der Hoffnung und den Blick in eine helle Zukunft erzeugt.  Mariusz Dudas Gesang bleibt der Brennpunkt der ausdrucksstarken Essenz dieser Band und einer der treibenden Motoren, der auch dem neuen Album das klare Vorzeichen absoluter künstlerischer Einzigartigkeit verleiht.  

Das Album hält von Kopf bis Fuß an Organik fest. Klanglich lehnt es sich an die Produktionsästhetik der Siebzigerjahre an. Die Stücke basieren auf dem Einsatz von Mellotron-Sound, Hammond-Sound und klassischem Klavier. Die Keyboard-Arrangements sind mehrfach ein wichtiger Baustein der atmosphärischen Vorhänge, auf denen das Album schwebt.  Riverside haben sich auf dem neuen Album noch zusätzlich »beruhigt«. Das Album ist ausgesprochen raffiniert und weich. Ebenso ist dies ein Album, auf dem neben dem typisch wahrnehmbaren Element der Melancholie, worin Riverside schon immer Meister sind, das Element der Psychedelik vorherrscht. Deshalb erinnern Riverside auf der neuen Platte in manchen Momenten mehr an Pink Floyd als je zuvor. Besonders im abschließenden Teil beruhigt sich das Album durch die Abfolge der Stücke Towards the Blue Horizon (das neben den Stücken  Under the Pillow und Discard Your Fear neue Assoziationen zu Steven Wilson und Porcupine Tree weckt), Time Travellers und Found (The Unexpected Flaw of Searching) vollständig, und den Nachgeschmack von Pink Floyd-Einflüssen hinterlässt vor allem das letzte  Found (The Unexpected Flaw of Searching), wo kurz nach Ablauf der dritten Minute ein Übergang wahrgenommen wird, der einem der tragenden Übergänge im Pink Floyd-Stück Have A Cigar identisch ist. Der Sound ist über das gesamte Album auf einer ausgeprägten Schichtung von Gitarrenlinien und Keyboard-Linien aufgebaut, und die Symbiose zwischen den beiden Instrumenten ist äußerst faszinierend. Das Einbetten der Motive in die Kulisse der Klanglandschaft ist vollkommen unprätentiös und dem Aufbau einer hohen Atmosphäre untergeordnet, die so stark und mitreißend ist, dass sie dich im Nu in eine Parallelwelt jenseits der Realität entführen kann (sofern du dich traust, dich von der Musik führen zu lassen).

Das Album Love Fear And The Time Machine ist auch in einer anderen Hinsicht besonders. Es ist ein deutlich kompakteres Album als sein Vorgänger und damit das am leichtesten zugängliche Album, das die Band bis dato in ihrer Karriere erschaffen hat. Das bedeutet, dass es eine außerordentliche Musikalität besitzt, die Riverside bis dato noch nicht zu entwickeln vermochten. Die Motive gehen schnell ins Ohr, und doch ruft ihre ideelle Verzweigung  und Bewegtheit in keinem Moment nach dem Gefühl der Selbst-Replizierung. Die künstlerische Eigenständigkeit im musikalischen Universum zu bewahren und dabei fest auf der Grenzlinie zwischen kompositorischem Anspruch und ausgeprägter Musikalität zu bleiben, ist im 21. Jahrhundert Ausdruck echter Grandeur des künstlerischen Handwerks einzelner musikalischer Talente, zu denen Riverside zweifellos gehören!

Die Botschaften des Albums führen uns diesmal durch eine Transition des Gemütszustands, wo du der Kindheit und ihrer unberührten Naivität und Aufrichtigkeit begegnest. Das ist der Punkt, wo die Präsenz der naiven Liebe zum ersten Mal auf den Willen zur Kontrolle, Dominanz, Aneignung trifft  – das ist all das, was in unseren Herzen Angst erzeugt. Die Botschaft geht noch tiefer. Sie basiert auf der Mission des Individuums, diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Angst zu überwinden, denn Angst ist die Energie der dunklen Kraft, das, was den Planeten zerfrisst, seitdem er vom Menschen besiedelt wird und seitdem dieser sich zum einzigen »vernünftigen« Wesen erklärt hat. Das Album bietet dabei ein Gefühl der Hoffnung. Riverside lassen am Ende des Tunnels einen Sonnenstrahl. Das ist jener Strahl, der die Seele erleuchtet und reinigt, dir die Lebenskraft gibt, stark zu bleiben, auch in der Versuchung, wenn dich Angst und all jene anderen Gefühle ergreifen, die dich zu negativen Handlungen drängen. Wenn du diese Versuchungen als reifer Richter voller echter emotionaler und spiritueller Intelligenz abwehren kannst, dann kannst du so ein besserer Mensch werden, der positive Energie erzeugen und sie mit der Natur teilen kann, deren Teil er ist, bzw. angesichts des unvernünftig zerstörerischen Charakters des Menschen wollen wir die These lieber abschwächen: deren Teil er vielleicht sein sollte.

»Love, Fear And The Time Machine« ist ein neues Spitzenalbum, das bestätigt, dass Riverside weiterhin äußerst erfolgreich nach neuen Herausforderungen greifen, die sie im Schmelztiegel der Absorption großer Ideen meisterhaft in das Format  absoluter künstlerischer Eigenständigkeit einbauen. Im Einklang mit der grundlegenden Botschaft des neuen Albums, womit die Poesie atmosphärisch in voller Pracht erstrahlt und buchstäblich auflebt, sobald die Musik dich in ihre Welt aufsaugt. Das ist ein Album von ausgeprägter Unprätentiösität, innerem Frieden und Gelassenheit, das neben der typischen Melancholie ausgesprochen weich und organisch wirkt, gleichzeitig aber auch außerordentlich musikalisch ist und dabei zudem ein unverhohlenes Element der Psychedelik trägt. Ein Album einer neuen, äußerst erfolgreichen musikalischen Transition der Band, von vollblütiger, greifbarer musikalischer Substanz, die in ihrer Einzigartigkeit nicht aufhört zu begeistern.

Besetzung

Mariusz Duda – Gesang, Bassgitarre, Akustikgitarre, Ukulele
Piotr Grudzinski – Gitarre
Michal Lapaj – Keyboards, Hammond-Orgel
Piotr Kozieradzki – Schlagzeug

Produktion

Riverside

Trackliste

1. Lost (Why Should I Be Frightened By a Hat?) (5:52)
2. Under the Pillow (6:47)
3. ‪#Addicted (4:52)
4. Caterpillar and the Barbed Wire (6:56)
5. Saturate Me (7:08)
6. Afloat (3:11)
7. Discard Your Fear (6:42)
8. Towards the Blue Horizon (8:09)
9. Time Travelers (6:42)
10. Found (The Unexpected Flaw of Searching) (4:03)

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