Living in the Material World (DVD)
Autor: Urban Bolta
Künstler: Harrison, George
Label: Universal Music Group
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 208 Minuten
Bewertung: 4/5
Genau ein Jahrzehnt nach dem Tod des »stillen Beatle« George Harrisons erschien der Dokumentarfilm Living in the Material World, ein Werk des Regisseurs Martin Scorsese. Die Regie-Eminenz hat in den letzten Jahren an einigen aufsehenerregenden Musikprojekten mitgewirkt; neben Harrison hat Scorsese in seinen Filmen auch die Rolling Stones und Bob Dylan ausgiebig unter die Lupe genommen. Mit Dylan hatte George Harrison tatsächlich viel gemeinsam. Nicht nur, dass sie langjährige Freunde und Kollaborateure bei zahlreichen Projekten waren (das Benefizkonzert für Bangladesch, die Mitgliedschaft in der Supergruppe The Travelling Wilburys…) – beide vermittelten ihrem Publikum auch durch fantasievolle, manchmal sogar völlig unverständliche Texte ihre für einen normalen Sterblichen eigenartige Lebensphilosophie. Die beiden Dokumentarfilme lassen sich dennoch nicht miteinander vergleichen: In Dylans »No Direction Home« konzentrierte sich der Regisseur ausschließlich auf die frühe Karriere dieses amerikanischen Singer-Songwriters, während »Living in the Material World« den gesamten Lebensweg George Harrisons abdeckt.
Der Titel des Dokumentarfilms ist Harrisons Album bzw. dessen gleichnamigem Titelsong aus dem Jahr 1973 entlehnt. George Harrison erlangte Weltruhm sehr früh. Mit Anfang zwanzig veröffentlichten die Beatles ihr Debütalbum, und schon wenige Jahre später hatte er genug Geld für die nächsten paar Generationen. Doch das bedeutete ihm nicht viel. Im Leben suchte er stets neue Herausforderungen; in den Sechzigern hatte er sich von allen vier Beatles gedanklich am stärksten verändert, da er sich vollständig dem hinduistischen Gedankengut und der Meditation hingegeben hatte. Sein neugewonnenes Wissen begann er feinsinnig in seine Texte einzuflechten und darüber Ideen zu vermitteln, zu denen er im Umgang mit großen indischen Denkern gelangt war. Der Titel des Dokumentarfilms fasst damit Harrisons Leben schon für sich genommen zusammen: Er war bestens versorgt, war sich aber dennoch bewusst und teilte seiner Umgebung über die Musik mit, dass es der innere Zustand ist, der einen Menschen langfristig glücklich macht.
In dem über dreistündigen biografischen Streifzug widmet Scorsese ganze Hälfte der Laufzeit der Beatles-Ära. Da über die wichtigste Musikgruppe aller Zeiten bereits tonnenweise Material geschrieben und gedreht worden war, musste der Regisseur eine originelle Alternative finden, um das Thema auf interessante Weise aufzubereiten – was ihm größtenteils gut gelungen ist. Die Ära der Beatlemania zeigt er daher nicht mit den üblichen Aufnahmen tobender Menschenmassen, sondern mit dem schlichten Text einer Postkarte, die Harrison um 1964 an seine Familie schrieb und die im Film sein Sohn Dhani vorliest. Das gesamte Wirken der Beatles wird durch Harrisons Augen präsentiert: wie George als junger Mann zur Band kam und John Lennon ihn zunächst wegen seines jungen Alters gar nicht aufnehmen wollte, über die Jahre seiner langsamen Entwicklung als Songwriter bis hin zur zweiten Hälfte der Sechziger, als er eine kreative Offenbarung erlebte, das Duo Lennon/McCartney aber eifersüchtig seinen Vorrang verteidigte. Zu den interessantesten Aufnahmen im Film gehört eine aus den Abbey Road Studios während der Aufnahmen zum gleichnamigen Beatles-Album, als sich George und Paul in die Haare bekamen.
Die zweite Hälfte des Films widmet sich den folgenden dreißig Jahren in Harrisons Leben: seiner Solokarriere, der Freundschaft mit Eric Clapton, seiner Filmkarriere mit dem Team der legendären britischen Komödie Monthy Python, der Supergruppe The Travelling Wilburys und all den anderen wichtigen Meilensteinen seines Lebens. Anders als bei so mancher ähnlichen Musikdokumentation hat der Regisseur auch Harrisons Privatleben schrittweise beleuchtet. So treten zu Beginn des Films auch seine beiden Brüder als Interviewpartner auf, während die Eltern bis zum Tod der Mutter nicht erwähnt werden, obwohl diese als große Unterstützerin des musikalischen Wegs ihres Sohnes (zumindest in der Anfangsphase) ein wichtiger Teil der Beatles-Geschichte war. Im Film sagte George: »Mit unserem Leben müssen wir etwas anfangen – und das ist etwas, das ich auf jeden Fall kann«. Harrison erkundete nämlich neben der Musik in seinen reifen Jahren auch andere gesellschaftliche Bereiche, weshalb es nicht verwundert, dass er überall freundschaftliche Bande knüpfte – im Film verbeugt sich sogar der ehemalige Formel-1-Star Jackie Stewart vor ihm.
Da der Film schnell von einem wichtigen chronologischen Ereignis zum nächsten springt, ohne eine zentrale Erzähllinie zu haben, kann das Verfolgen für jemanden, der mit Harrisons Leben nicht vertraut ist, ziemlich anstrengend sein. Im Dokumentarfilm hat der Regisseur einigen Ereignissen, die für das Verständnis seines Lebens von zentraler Bedeutung waren – etwa der untergeordneten Rolle innerhalb der Beatles oder der Begegnung mit der indischen transzendentalen Meditation –, enorm viel Zeit gewidmet, weshalb man die lange Gesamtlaufzeit in Kauf nehmen muss. Andererseits ist das zweihundertminütige Dokument umso süßer für alle, die die Beatles im weiteren Bedeutungskontext intensiver verfolgt haben, da Regisseur Scorsese mithilfe von Witwe Olivia Harrison aus Georges persönlichem Archiv so manche bislang unveröffentlichte Aufnahme herausgekramt und deren Vorführung mit zahlreichen Kommentaren von Gästen aus der Musik-, Film- und anderen gesellschaftlichen Sphären bereichert hat, die irgendwie mit Harrisons Leben in Verbindung standen. Schließlich war es auch Georges Wunsch, dass jeder Film zu seinem Andenken aus Dokumenten seines Archivs zusammengestellt wird: Videoaufnahmen, Fotos, Briefe, Postkarten…
Auch der Schluss des Films zeigt George Harrison als großen Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck, dem Humor selbst in den schwersten Lebensprüfungen nicht fremd war. Ringo Starr erinnert sich mit Tränen in den Augen an den Besuch im Schweizer Krankenhaus, wo George vor seinem Tod lag. Seinen Worten nach war George auch auf dem Sterbebett noch lächelnd und voller Lebenswille. Als Mensch, der stets dem positiven Geist gefolgt war, hatte er keinerlei Angst vor dem Tod. Harrisons Leben war eine bunte musikalische und philosophische Reise – genau das ist auch Scorseses Biografiefilm »Living in the Material World«. Sehr empfehlenswert für alle Musikliebhaber, und nahezu ein Muss für alle, denen beim Hören der Beatles das Herz schneller schlägt.
Produktion
Martin Scorsese