Live From The Hidden Courtyard
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: džeZZva
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2016
Wertung: 4/5
džeZZva ist, wie der Name schon andeutet, ein Jazz-Quartett, das dem Namen nach jung und frisch in der Szene wirkt — doch hinter diesem Namen stecken enorme Bandkilometer und reiche Erfahrung vier abgebrühter und talentierter Musiker aus dem Prekmurje.
Die Band veröffentlichte 2014 ihr gleichnamiges Studio-Debüt und setzte damit einen grundlegenden Schritt, der ihr vollständige Glaubwürdigkeit verleiht — nicht nur im eigenständigen, autorischen Schaffen, sondern auch was die Eroberung von Konzertbühnen angeht. Da džeZZva ein Quartett von vier Musikern ist, die in der Vergangenheit enorm viel gespielt haben und als Einzelpersonen — hier ziele ich vor allem auf den außergewöhnlichen Keyboarder und Hauptvisionär der Gruppe, Dejan Berden — eine Menge eigener, sprich: autorischer Musik geschaffen haben, ist bereits das Studio-Debüt ein Dokument, das als besonderes musikalisches Abenteuer in die Welt eines äußerst mutigen und geglückten Kreuzfahrens durch die Welten des freiheitsliebenden Jazz-Experimentierens, des Neoklassizismus und der Folk-Musik gilt. Prekmurjer geografischer Herkunft.
džeZZva haben in den letzten zwei Jahren eine Vielzahl von Konzertorten gesehen, an denen sie aufgetreten sind und ihre Position gefestigt haben — nicht nur zuhause, sondern auch auf internationalen Konzertbühnen, wo sie unter anderem die Balkanhalbinsel bereist haben, und auch Orte nördlich der slowenischen Grenze haben sie eingeladen. Aber am schönsten ist es, wenn du zuhause spielst, vor deinem Heimatpublikum — erst recht, wenn sich dabei ein Konzert mitschneiden und die Aufnahme für eine potenzielle Konzertalbum-Veröffentlichung aufheben lässt.
džeZZva sind eine eigenständige Institution, die nach dem Prinzip »mach es selbst« funktioniert. Sie agieren völlig unabhängig und veröffentlichen so auch ihre Alben. Ein zweites Studioalbum ist im Entstehen — davon singen schon die Spatzen von den Dächern —, doch haben die Jungs beschlossen, die Zeitlücke zwischen dem Studio-Debüt und seinem Nachfolger noch mit einem richtigen Konzertdokument zu überbrücken. So haben sie (wieder) in Eigenregie Mitte November dieses Jahres das Konzertalbum »Live From the Hidden Courtyard« veröffentlicht, aufgenommen am 20.08.2016 in Murska Sobota. Das Repertoire umfasst die Aufführung fast des gesamten Studio-Debüts, dazu haben džeZZva noch zwei weitere Stücke hinzugefügt — nämlich ihre Version von Zorns Ariel sowie als krönenden Konzertabschluss einen hervorragend arrangierten Jazzfusion-Leckerbissen in Form ihrer Version des traditionellen prekmurjer Volkslieds Ne orji, ne sejaj, mit dem sie im großen Konzertfinale einen der Aufführungshöhepunkte dieses Konzertalbums geschaffen haben.
Schon das Studio-Debüt wurde in einem Rutsch aufgenommen, nach dem Vorbild eines Studiokonzerts. Deshalb ist es einzigartig, unwiederholbar. džeZZva haben diese Stücke beim Konzert am 20.08.2016 wiederholt und sie selbstverständlich wieder einzigartig und unwiederholbar gespielt. Sprich: anders. Dazu lässt sich nur sagen, dass die Momente, in denen das Quartett den Improvisationsbrennstoff verfeuert, zeitlich zusätzlich ausgedehnt sind und in Spielfreude und Experimentiergeist besonders schelmisch und zügellos wirken. Diese Beobachtung wird vor allem jene Gourmets freuen, die bei musikalischer Expressivität auf Komplexität und Ungewöhnlichkeit — sprich: Eklektizismus — stehen.
Wenn man nach den Besonderheiten oder den spannendsten Momenten dieses Dokuments sucht, sticht unter den Tracks das herausragende IndinA hervor, das über sechzehn Minuten Spielzeit misst und den Hörer direkt zum Kern der gesamten musikalischen Essenz dieser Gruppe führt. Es ist nämlich ein äußerst gelungener Kumulus eigenständigen Jazz-Dialogs, den die Gruppe in ihrer Vision entwickelt und verwirklicht, und dazu fügt die Gruppe äußerst subtil (und gelegentlich kaum wahrnehmbar) Elemente der Folk-Musik auf der einen Seite, auf der anderen des Neoklassizismus hinzu — und in der ganzen Jazzimprovisationssoße fliegt das Quartett in diesem Stück sogar so weit, dass die ganze Sache in den abschließenden Phasen an Elemente von Avant-Free-Jazz-Gepflogenheiten grenzt. Doch džeZZva sind eine Gruppe, die durch ihr Spiel stets Zugänglichkeit bewahrt. Auch wenn die Soli der Klangbild-Bausteine auf ihren Höhepunkten sind, kehren diese Bausteine stets in ein wahrnehmbares Format von Musikalität zurück (auch wenn es noch so »aufgelockert« ist) — selbst wenn sie in einfallsreichen Improvisationen fast über den Rand hinausgetragen werden. Deshalb kennt ihre Musik keine Momente arrangementbedingter Fragmentiertheit.
džeZZva sind auch Meister im Heraufbeschwören von Gefühlen, mit denen sie den Hörer höchst wirkungsvoll ansprechen. Ein solches Stück ist Spring, das džeZZva durch eine Steigerung von Stimmungen entwickeln, bei der man sich das Aufbrechen von Frühlingsknospen oder das sanfte Plätschern von Bächen voller schmelzenden Winterschnees unschwer vorstellen kann, der sich langsam verabschiedet, während an seinen Ufern die ersten Frühlingsblumen hervorlugen. Hervorzuheben ist auch, dass alle Stücke mit außergewöhnlichem Feuer und Spielfreude gespielt werden, was hervorragend mit anspruchsvollen Momenten ausbalanciert ist. Obwohl die Musik instrumental ist, interpretieren džeZZva sie so, dass man darin die Leidenschaft brodelnder Gefühle herausschälen kann, gleichzeitig aber auch den echten und fesselnden Moment der Mystik. Alle Bausteine der Klanglandschaft sind intensiv spürbar und öffnen sich in den Momenten der Improvisation sinnlich den Raum füreinander. In der gesamten Geschichte sticht in der Ausführung des Materials das Klavier von Meister Dejan Berden hervor, das hervorragend durch den einfühlsamen, organischen, oft wohlklingend versunkenen Sound der Gitarre von Rodež ergänzt und unterstützt wird (die manchmal ein wenig à la Metheny klingt). Dabei sind auch die Beiträge der durchgehend aktiv bewegten Rhythmuslinie alles andere als gleichgültig, insbesondere die Schlagzeug-Eskapaden von Miran Celec.
»Live From The Hidden Courtyard« ist ein hervorragendes Konzertdokument, das außergewöhnlichen Mut beweist und die eigenständige und ursprüngliche Jazz-Art-Rhetorik einer der interessantesten Instrumentalbands Sloweniens bestätigt, die völlig autonom agiert und im Kern einer beständig wahrheitsuchenden musikalischen Expressivität auf sämtliche Trends pfeift. Angesichts all dessen, was dieses Konzertdokument bietet, sind die Erwartungen an das, was das neue Studioalbum von džeZZva bringen wird, enorm hoch.
https://www.youtube.com/watch?v=d3P3vONXu88
Besetzung
Dejan Berden – Klavier
Iztok Rodež – Gitarre
Mojmir Wolf – Kontrabass
Miran Celec – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
džeZZva
Tracklist
1. Če bi jes bijla fčelica
2. Ariel
3. A Little Game
4. East
5. Spring
6. IndinA
7. Ne orji, ne sejaj