Lies For The Liars
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Used, The
Label: Reprise Records
Veröffentlichung: 2007
Das neue Werk ist dagegen die jüngste Studioarbeit, das Album Lies For The Liars. Nach personellen Umbrüchen – der langjährige Schlagzeuger Steinckert verließ die Band, um zur Punkband Rancid zu wechseln – kämpften sie mit der Schwierigkeit, einen passenden neuen Mann für die Band zu finden. Die Lücke hinter dem Schlagzeug füllt vorübergehend Dean Butterworth, Drummer von Good Charlotte, mit dem sie den Großteil der Songs des Albums einspielen. Zum Glück gab es auch bei New Transit Direction einen Wechsel am Schlagzeug: Dan Whitesides verlässt die Band und nimmt als festes Mitglied den Drumhocker von The Used ein.
Die Platte Lies For The Liars serviert eine weichere Version des Emocore, als wir sie bisher von ihnen vorgesetzt bekamen. Der rote Faden der Texte ist nach wie vor die Tragik vom Tod von Berts Freundin, und was die Lyrics betrifft, ist das Album in dieser Hinsicht nur die Fortsetzung des schon Bekannten. Der Schritt nach vorn ist in der Musik zu hören, denn zu den verzerrten Schichten der Gitarrenriffs kamen auch Bläser- und Streicherarrangements dazu (auf dem Album schmettern diesmal schamlos Trompeten und Violinen). Die Überraschung ist umso größer, weil ich auf dem Album manchmal das aggressive Schreien richtig vermisse, das ich von den älteren Alben gewohnt bin. Der erste Track des Albums ist ‚The Ripper‘, der uns mit einem interessanten Anfang in einen energischen, riffgeladenen Song mitnimmt. Die Gitarren verweben sich hier ausgewogen mit Elektronik, und auf die akustische Einstiegsprovokation folgt die zweite Single des Albums, für die sie auch ein, meiner Meinung nach ziemlich unüberzeugendes, Video gedreht haben. Deutlich überzeugender ist der Song ‚Pretty Handsome Awkward‘ selbst, ein zauberhaftes Gemisch aus beruhigter Musik, die ihre Emocore-Lärm-Wurzeln trotzdem nicht verleugnet. Das erste Video vom neuen Album wurde für den Song ‚The Bird And The Worm‘ gedreht, in dem ihr zum ersten Mal kaum hörbare Violinenschichten vernehmen könnt. Das Tempo des Stücks schwankt zwischen Schnelligkeit und Wucht sowie Langsamkeit und Ruhe. Mir persönlich gefällt der Song ‚Earthquake‘ am besten. Die Liebe des Sängers, die aufrichtig war, die Seite wechseln konnte und selbst über den Tod der viel zu früh verstorbenen Freundin des Sängers hinausreicht, malt Bilder von Trauer und Leid und tiefem Empfinden. Zu den Worten passt ein ganzes Arsenal an Emocore-Riffs und Violinen, hervorheben muss man aber die ziemlich gefühlvolle und einmalige Gesangsleistung. Das Ende von ‚Earthquake‘ fließt in den nächsten Song ‚Hospital‘ über, in dem sie atmosphärisch die Beklemmung, den Schmerz und die Agonie einer Krankenhausumgebung heraufbeschwören. The Used malen Bilder des Empfindens mit verischer Erschütterung, die vom sechsten Song unterbrochen wird, einem Kracher, in dem man tatsächlich Bruchstücke des so ersehnten Screamings und geschmackvoll beigemischte Trompeten findet – ‚Paralyzed‘, ‚With Me Tonight‘ ist dagegen ein ziemlich störender Faktor auf der Platte. Nicht wegen des Songs, an dem ist, hmmm, so ziemlich gar nichts auszusetzen. Mich stört der Titel, denn die Jungs singen ganz klar „With me today“ und nicht „tonight“. Ein Lapsus? Der Song ist trotzdem großartig. ‚Wake The Dead‘ klingt tatsächlich so, als wollten sie die Toten aufwecken, denn The Used sind brutal laut. Nach ein paar Takten Chaos und gewaltiger Töne beruhigt sich der Song, und in ihn tritt der Schleier einer wunderschönen Frauenstimme ein, die sich mit Berts Gesang zu einem epischen Ganzen verwebt. Beruhigung. Katharsis. Darauf folgt die endgültige Abrechnung und das Ausschütten der letzten Atome von Wut, Zorn und Leid in eine Wand aus Lärm. Einer der am wenigsten reizvollen Momente der Platte ist meiner Meinung nach der Song ‚Find A Way‘, der mit seinem Text- und Melodiegesülze à la Britney Spears jeden Emocore-Fan abschreckt. The Used enttäuschen, denn ich weiß, dass sie zu einem ehrlicheren Song fähig sind und nicht zu so einem zuckersüßen Album-Füller. Die Tonne Zucker wird vom Klang einer Polizeisirene weggespült und von einem meiner Favoriten – dem Song ‚Liar Liar (Burn In Hell)‘. The Used sind wieder in jener alten, unverdorbenen Fülle zu spüren. Das große Finale des letzten The Uased-Longplayers ist der Song ‚Smoother Me‘. Leichte Melancholie und eine vorhersehbare Ballade, bei der sich Bert ans Klavier setzt. Die Gitarren dröhnen verhalten, und die Drumsticks schlagen mit einem Viertel ihrer üblichen Kraft. Eine Verschnaufpause von den Strapazen der Platte? Nach einer halben Minute Pause, die auf das Ende der Ballade folgt, kommt noch eine versteckte Überraschung. Ein kurzer Track oder, ehrlich gesagt, eher ein Rap-Ausrutscher. Als große Anhängerin von The Used hatte ich gehofft, dass ich sie nie mit Britney oder mit Rap und Popmusik überhaupt vergleichen müssen würde und dass sie ihrer Linie und ihrer Musik treu bleiben. Ein Moment der Schwäche, hoffe ich ehrlich…
Trotz ein paar Ausrutschern ist das Album ausgezeichnet. Live haben The Used trotzdem viel mehr Energie, denn die Jungs sind bestens eingespielt, und Berts Gesangskünste sind atemberaubend. Ein Teil der Träume, die die Jungs aus Utah vor langer Zeit zu träumen begannen, ist schon erfüllt und Wirklichkeit geworden, und als Fan hoffe ich, dass die nächste Platte ihre Chemie, die sie zweifellos haben, noch stärker widerspiegeln wird. Daran, meine Lieben, gibt es keinerlei Zweifel …
Besetzung
Bert McCracken – Gesang, Keyboards
Quinn Allman – Gitarre, Backing Vocals
Jeph Howard – Bass, Backing Vocals
Dan Whitesides – Schlagzeug
Produktion
John Feldmann
Tracklist
1. The Ripper
2. Pretty Handsome Awkward
3. The Bird And The Worm
4. Earthquake
5. Hospital
6. Paralyzed
7. With Me Tonight
8. Wake The Dead
9. Find A Way
10. Liar Liar (Burn In Hell)
11. Smother Me
SPIELDAUER DES ALBUMS: 39:56